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18. Februar 2012
Straßensplitter (1)
Wie bereits angedeutet, hat es der vietnamesische Straßenverkehr in sich. Hier sind starke Nerven und Reaktionsvermögen gefragt. Und eine Hupe... Einige Erlebnisse, von unserer Tour durch Vietnam auf der Straße oder abseits dieser.
Survival of the fittest
Wir erlebten den Verkehrsdarwinismus bereits in China, doch im Vergleich zu Vietnam, gleicht das chinesische Fahrverhalten dem auf einem Verkehrsübungsplatz. Ob in den Städten oder außerhalb, Rücksichtslosigkeit geht vor.
© Bergholter Mal rechts ranfahren und sich vom dichten vietnamesichen erholen.
Rückspiegel an einem Gefährt dienen offenbar lediglich der Zierde und Schulterblicke scheinen hier gänzlich unbekannt zu sein. So stürzt man sich in den Verkehr, ohne sich umzusehen, die anderen werden schon achtgeben. Und meistens tun sie das auch. Wenn man, wie die meisten Vietnamesen, auf dem Roller groß geworden ist, liegt einem ein solches Fahrverhalten offenbar im Blut. Wurde man nach der deutschen Straßenverkehrsordnung erzogen, so ist es zunächst gewöhnungsbedürftig. Hier fährt man auf Kontakt, das heißt, beim Überholmanöver schlagen die Motorroller schon mal aneinander. Gefahr? Aufregung? Mitnichten. Man strahlt sich freundlich an und scherzt. Ist ja noch mal alles gut gegangen. Um ehrlich zu sein, scheinen wir hier als Touristen aber einen Sonderstatus zu genießen. Ich durfte feststellen, dass wir auf unseren Motorrädern doch zumeist mit ehrfürchtigem Sicherheitsabstand von zumindest einigen Zentimetern umfahren wurden. Ein Rollerfahrer etwa, dem offenbar bewusst wurde, dass er in die falsche Richtung unterwegs war, entschied sich zu einer spontanen Umkehr. Natürlich ohne zu gucken wendete er sein Gefährt und wurde im letzten Moment unserer Gewahr. Doch anstatt uns über den Haufen zu fahren, wie wir es eigentlich erwartet hatten, legte er sich mitsamt seinem Moped auf die Seite, so dass lediglich sein Roller gegen Jochens Hinterrad schlug. Brav. Was seine Aufmerksamkeit erregte, war letztlich Jochens Hupe. Ohnehin das mit Abstand wichtigste Instrument an jedem Verkehrsmittel. Licht, Blinker, Bremsen - alles überflüssiger Schnickschnack. Was wirklich funktionieren muss, ist die Hupe. Dient etwa das Licht theoretisch in der Dunkelheit dazu, von anderen Verkehrsteilnehmern gesehen zu werden, so ist dies in der Praxis gänzlich nutzlos, weil ohnehin niemand schaut. Bremsen braucht man auch nicht unbedingt, wenn man sich doch mithilfe lautstarken Hupens seinen Platz auf der Straße erzwingen kann. Wie wichtig die Hupe tatsächlich ist, sollte ich erfahren, als einmal mehr die gesamte Elektronik an meinem Motorrad ausgefallen war. Gemütlich am rechten Straßenrand unterwegs, zuckelte ein altes Mütterchen auf ihrem Roller links vor mir die regennasse Straße entlang. Langsam, ganz langsam zog sie nach rechts und kam mir bedrohlich nahe. Verzweifelt betätigte ich meine Hupe, bis ich mich daran erinnerte, dass diese defekt war. Also fing ich an zu schreien, um auf mich aufmerksam zu machen. Vergebens. Gegen Regen und Wind schien sie mich unter ihrem Helm nicht zu hören. Die fällige Vollbremsung erschien mir auf der nassen Straße zu gefährlich, also entschied ich mich für ein leichtes Abbremsen und die Fahrt in einen schlammigen Feldweg, der glücklicherweise in diesem Moment zu meiner Rechten auftauchte. Zwar sehr langsam unterwegs, verlor ich dennoch im knöcheltiefen Schlamm die Kontrolle über das Bike. Mit dem Gesicht voran fand ich mich in einer Pfütze wieder. Ich konnte nur entgeistert den Kopf schütteln. Aber ich hatte meine Lektion gelernt und ließ bei nächster Gelegenheit meine Hupe reparieren.
© Bergholter Biker-Posing.
Von Peer Bergholter
Survival of the fittest
Wir erlebten den Verkehrsdarwinismus bereits in China, doch im Vergleich zu Vietnam, gleicht das chinesische Fahrverhalten dem auf einem Verkehrsübungsplatz. Ob in den Städten oder außerhalb, Rücksichtslosigkeit geht vor.
Rückspiegel an einem Gefährt dienen offenbar lediglich der Zierde und Schulterblicke scheinen hier gänzlich unbekannt zu sein. So stürzt man sich in den Verkehr, ohne sich umzusehen, die anderen werden schon achtgeben. Und meistens tun sie das auch. Wenn man, wie die meisten Vietnamesen, auf dem Roller groß geworden ist, liegt einem ein solches Fahrverhalten offenbar im Blut. Wurde man nach der deutschen Straßenverkehrsordnung erzogen, so ist es zunächst gewöhnungsbedürftig. Hier fährt man auf Kontakt, das heißt, beim Überholmanöver schlagen die Motorroller schon mal aneinander. Gefahr? Aufregung? Mitnichten. Man strahlt sich freundlich an und scherzt. Ist ja noch mal alles gut gegangen. Um ehrlich zu sein, scheinen wir hier als Touristen aber einen Sonderstatus zu genießen. Ich durfte feststellen, dass wir auf unseren Motorrädern doch zumeist mit ehrfürchtigem Sicherheitsabstand von zumindest einigen Zentimetern umfahren wurden. Ein Rollerfahrer etwa, dem offenbar bewusst wurde, dass er in die falsche Richtung unterwegs war, entschied sich zu einer spontanen Umkehr. Natürlich ohne zu gucken wendete er sein Gefährt und wurde im letzten Moment unserer Gewahr. Doch anstatt uns über den Haufen zu fahren, wie wir es eigentlich erwartet hatten, legte er sich mitsamt seinem Moped auf die Seite, so dass lediglich sein Roller gegen Jochens Hinterrad schlug. Brav. Was seine Aufmerksamkeit erregte, war letztlich Jochens Hupe. Ohnehin das mit Abstand wichtigste Instrument an jedem Verkehrsmittel. Licht, Blinker, Bremsen - alles überflüssiger Schnickschnack. Was wirklich funktionieren muss, ist die Hupe. Dient etwa das Licht theoretisch in der Dunkelheit dazu, von anderen Verkehrsteilnehmern gesehen zu werden, so ist dies in der Praxis gänzlich nutzlos, weil ohnehin niemand schaut. Bremsen braucht man auch nicht unbedingt, wenn man sich doch mithilfe lautstarken Hupens seinen Platz auf der Straße erzwingen kann. Wie wichtig die Hupe tatsächlich ist, sollte ich erfahren, als einmal mehr die gesamte Elektronik an meinem Motorrad ausgefallen war. Gemütlich am rechten Straßenrand unterwegs, zuckelte ein altes Mütterchen auf ihrem Roller links vor mir die regennasse Straße entlang. Langsam, ganz langsam zog sie nach rechts und kam mir bedrohlich nahe. Verzweifelt betätigte ich meine Hupe, bis ich mich daran erinnerte, dass diese defekt war. Also fing ich an zu schreien, um auf mich aufmerksam zu machen. Vergebens. Gegen Regen und Wind schien sie mich unter ihrem Helm nicht zu hören. Die fällige Vollbremsung erschien mir auf der nassen Straße zu gefährlich, also entschied ich mich für ein leichtes Abbremsen und die Fahrt in einen schlammigen Feldweg, der glücklicherweise in diesem Moment zu meiner Rechten auftauchte. Zwar sehr langsam unterwegs, verlor ich dennoch im knöcheltiefen Schlamm die Kontrolle über das Bike. Mit dem Gesicht voran fand ich mich in einer Pfütze wieder. Ich konnte nur entgeistert den Kopf schütteln. Aber ich hatte meine Lektion gelernt und ließ bei nächster Gelegenheit meine Hupe reparieren.
Von Peer Bergholter
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Rückspiegel an einem Gefährt dienen offenbar lediglich der Zierde und Schulterblicke scheinen hier gänzlich unbekannt zu sein