In Sapa kauften wir uns eine Fahrkarte für den Nachtbus nach Hanoi. Doch die garantierte uns keinen Platz im Bus. Denn der Busfahrer zog es vor, statt uns lieber einheimische Fahrgäste mitzunehmen. Wir mussten kämpfen um hinein zu kommen. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Eine Stunde vor Abfahrt waren wir an der Busstation, die genau genommen der Bürgersteig war. Dieser begann sich zusehends zu füllen, bis er kurz vor Abfahrt vor Menschen und Gepäck zu bersten drohte. Fünf Minuten vor der geplanten Abfahrt fuhr der Bus die zehn Meter vom Parkplatz zur Busstation, erst dann begannen die Angestellten mit dem Einladen des Gepäcks. Und der Pakete, denn wie sich heraus stellte, war der Reisebus zugleich der Postbus. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, dann war klar, dass der gesamte Stauraum des Busses voll war und alle Passagiere ihr Gepäck mit in den Bus nehmen mussten. Doch das war durchaus möglich, denn im Gegensatz zu den chinesischen Schlafbussen gab es hier keine Etagenbetten. Die 29 Plätze waren Liegesitze, darunter gab es genug Stauraum. Für die Sachen der 29 Fahrgästen. Allerdings zählte ich über 50 Menschen, die sich in einem wüsten Gedränge vor der Tür einen erbitterten Kampf darum lieferten, wer zu erst hineinkommt. Oder besser gesagt, wer überhaupt hinein kommt. Es herrschten tumultartige Zustände. Wir hielten uns zunächst zurück und bewahrten die Ruhe. Wir hatten ja schließlich unsere Tickets. Aber mir fiel auf, dass einige Fahrgäste beim Einsteigen den Busfahrer direkt bezahlten. Das konnte nichts Gutes bedeuten. Und wirklich, als die Reihe an uns war, kamen wir nicht weiter als bis zum Einstieg. Der Busfahrer warf uns gleich wieder hinaus. Wobei das Wort "werfen" hier wörtlich zu verstehen ist. Übellaunig, beinahe cholerisch, mit verquollenen Augen und scheinbar nicht ganz nüchtern, hielt er sich nicht mit Erklärungen auf, sah unsere Fahrkarten gar nicht an, schubste uns nur barsch fort und ließ es dabei bewenden. Dieser Hühne von einem Vietnamesen mit seinem grimmigen, vernarbten Gesicht war nicht der Typ, mit dem man aneinander geraten wollte. Also warteten wir brav, bervor wir es wenig später erneut versuchten. Mit demselben Ergebnis. Derweil sich der Bus weiter mit Einheimischen füllte. Nach dem dritten Anlauf riss mir der Geduldsfaden. Ich ging zum Kartenverkaufsschalter und sprach den Angestellten dort an: „Entschuldigung, ist das hier der sechs-Uhr-Bus nach Hanoi?" Er sah mich kaum an, als er antwortete: „Ja, das ist er". „Wir haben Karten für diesen Bus, doch der Bus ist voll. Wie sollen wir nun nach Hanoi kommen?" Nun sah er auf und freute sich eine Antwort parat zu haben, die er mir mit einem Grinsen präsentierte: „Mit dem Bus!" „Aber der ist voll!" „Ja, voll" und wieder ein Grinsen, noch breiter als das erste. „Ja, wie sollen wir denn nun nach Hanoi kommen?" Ich ahnte bereits die Antwort. „Mit dem Bus!" Klar. „Der ist VOLL!" und wieder das Grinsen „Ja!" Und so weiter und so fort. Es war zum aus der Haut fahren. Es war ihm anzusehen, dass er es belustigend fand, mir hingegen schwoll der Kamm. „Der Busfahrer lässt uns nicht hinein, es ist kein Platz mehr im Bus, was nun?" Ihm schien der Spaß an dieser Unterhaltung langsam zu vergehen, so machte er eine wegwerfende Handbewegung und sagte nur „Bus!", während er sich abwandte. Ich bat ihn, sich doch selbst davon zu überzeugen und mit dem Busfahrer zu sprechen, doch er reagierte darauf nicht.
Es reichte mir, ich nahm den Mann am Ärmel, schob ihn vor mir her in den Bus und versperrte den Ausgang. Ich gab ihm zu verstehen, dass er sich das Chaos im Bus bitte selber ansehen möge. Sein Kommentar war eindeutig: „voll!" „Eben" gab ich ihm Recht. „Wie sollen wir hier Platz finden?". Er zeigte nur in den Gang und sagte: „stehen." „Ich werde auf keinen Fall zehn Stunden lang hier im Gang stehen". Doch das interessierte ihn nicht weiter. Er wollte gehen, doch ich ließ ihn nicht. Von hinten versuchten Fahrgäste in den Bus zu drängen, ich ließ keinen rein noch raus. Ich wurde lauter und gab ihm zu verstehen, dass hier niemand den Bus betritt oder verlässt, bevor wir keinen Platz im Bus bekommen, für den wir immerhin voll bezahlt hatten. Es war völlig klar, dass, wenn der Bus ohne uns abfahren würde, wir keinen Ersatz, geschweige denn unser Geld zurück bekommen würden. Es galt jetzt oder nie. Also wurde ich deutlicher. Und noch etwas lauter: „Wir haben alle gültige Karten für diesen Bus, also erklären Sie dem Busfahrer, dass er uns mitnehmen soll und sagen sie uns, wo unsere Plätze sind!" Dazu mein Versuch ihn so grimmig anzusehen, wie ich nur konnte. Es schien zu funktionieren, denn er gab seine Fluchtversuche auf und brach in ein wütendes Geschrei mit dem Busfahrer sowie dem gesamten Innenraum des Busses aus. Ich blieb im Eingang stehen und spielte weiterhin chinesische Mauer.
Nach etwa fünf Minuten zeigte es Wirkung. Der Fahrkartenverkäufer versuchte sich an mir vorbei zu drücken, was ich zu verhindern wusste. Ich hielt ihn fest und gab ihm erst den Weg frei, als er den Busfahrer dazu brachte mir zu garantieren, dass wir mitgenommen werden würden. Was dieser gezwungenermaßen und sichtlich verärgert befolgte. Erst dann gab ich den Weg frei. Aber nur für den Fahrkartenverkäufer. Peer reichte mir die Rucksäcke einen nach dem anderen, Anna, die Spanierin die wir hier kennen gelernt hatten, schob sich an mir vorbei und brachte die Rucksäcke ans Ende des Busses. Wo wir in der letzten Reihe mit fünf Vietnamesen erneut kämpfen mussten, denn sie wollten uns nicht auf unsere Plätze lassen. Inzwischen mehr als ungehalten und ihnen unsere Fahrscheine unter die Nase haltend, setzen wir uns letztendlich durch. Immerhin zwei der fünf standen auf und der Busfahrer brüllte noch einmal cholerisch in unsere Richtung, was unserem Anliegen den letzten Nachdruck verlieh. Die restlichen Passagiere rutschten murrend zunächst von meinem Sitz auf Annas, von diesem auf Peers und dann schließlich gänzlich zu Seite. Nun lagen wir wie die sprichwörtlichen Ölsardinen zu sechst auf einer Reihe von fünf Liegesitzen, die bereits für vier Personen ungemütlich eng gewesen wäre. Dazu kamen unsere Tagesrucksäcke und zwei Tüten mit Verpflegung. Die großen Rucksäcke lagen im Gang.
© Jochen Müller Wir haben es geschafft. Doch das erfreut offensichtlich nicht alle...
Der Busfahrer schnaubte wie ein rasender Stier und uns wurde Angst und Bange. Er schien zwar nicht mehr müde, dafür immer noch angeschlagen, völlig überfordert und wütend bis zur Weißglut. Die Fahrt über die engen Serpentinenstraßen war dementsprechend beängstigend. Wir wurden von allen anderen Fahrgästen gehasst, ganz besonders von denen, die unseretwegen stehen oder sich quetschen mussten, und trauten uns keinen Mucks zu machen. Eine Stunde später kamen wir am Busbahnhof in Lao Cai an. Hier stiegen einige Leute aus und wir begannen zu verstehen. Es handelte sich offenbar um die "privaten" Fahrgäste des Busfahrers, die sich durch die direkte Bezahlung des Fahrers das Recht erkauft hatten, als erstes einzusteigen und somit einen Liegeplatz zu bekommen. Da zumindest drei von ihnen durch unsere Intervention bis nach Lao Cai doch stehen mussten, konnte man deren Verärgerung sogar verstehen. Ich nehme an, der Busfahrer hatte eine strikte keine-Rückerstattungs-Politik. Wir lagen in diesem Bus und sehnten uns zurück nach den chinesischen Nachtbussen, die zwar teilweise ebenfalls überbucht waren, aber uns nun wie der pure Luxus erschienen. Zwar hatten wir geahnt, dass diese Sehnsucht eimal aufkommen könnte, doch dass es so schnell gehen würde, kam dann doch überraschend.
Als wir um halb fünf Uhr früh in Hanoi ankamen, waren wir völlig gerädert, hatten keine Minute geschlafen und wussten nur eines sicher. Keine vietnamesischen Nachtbusse mehr!
Jochen Müller
Es scheint mit wesentlich bequemer gewesen zu sein mit der Maus hinterher zu reisen als im Bus:
http://g.co/maps/86dau
Ich bin so beeindruckt, Jochen, wie du dich da durchgesetzt hast! Was hat die Spanierin ein Glück dass sie euch gefunden hat.
Bis auf den Vorhang erinnert euer Foto doch sehr an die coolsten in der letzten Reihe auf Klassenfahrt.