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16. Februar 2012
Ein Tag in den Straßen Saigons
Am letzten Tag in Ho-Chi-Minh-Stadt stand Kultur auf dem Programm. Der Reiseführer empfahl einen Stadtspaziergang. Er führte vom Distrikt eins zum Markt und von dort aus durch Gassen in die bessere Gegend der Stadt. Der Tag endete mit Gänsehaut im Kriegsopfermuseum.
Wir machten diese Tagestour zu sechst, denn als wir am Abend auf der Suche nach einem günstigen Mahl waren, passierte es mal wieder. Auf einmal gab es großes Gekreische und wir hatten Bekannte getroffen. Wieder waren es Mathilda und Jacob aus Schweden, die wir zuerst in der Transsibirischen Eisenbahn und zuletzt in Hue getroffen hatten. Sie waren gerade angekommen, wir brachten sie in unser Hostel und dann aßen wir gemeinsam. Und natürlich kamen sie zum Stadtspaziergang mit. Dann schloss sich spontan ein Zimmernachbar aus Österreich an und schon war die Runde komplett. Dieses schnelle Kennenlernen von anderen Reisenden, die man dann gerne ein paar Wochen später und tausende Kilometer entfernt wieder trifft, gehört wohl zu den schönsten Erlebnisses des langen Reisens. Man freut sich unheimlich, erzählt sich, was man seither erlebt hat und hofft gemeinsam darauf, dass das nicht das letzte Mal war, dass man sich gesehen hat.
Ein Süppchen im Markt
Dieser Tag begann wieder im Ben-Thanh-Markt. Wir frühstückten eine Nudelsuppe, „Pho", wie sie in Vietnam heißt und zu jeder Tages- und Nachtzeit gegessen wird. Wir verzichteten darauf, sie bei „Pho 2000" zu essen,
So gestärkt ging es in die etwas bessere Gegend HCMCs. Hier gab es Gucci und Chanel, blanke Bürgersteige und Polizisten an jeder Ecke, die mit den Fußgängern über die Straße gehen und Hände schwenkend den Strom an Rollerfahrern teilen wie Moses das rote Meer. Wir staunten nicht schlecht, zu Beginn noch etwas erschrocken, als diese Uniformen auf uns zukamen, uns keiner Schuld bewusst. Wir waren einfach lange nicht mehr in Vierteln, wo es solche Art von Service gab. Genossen ihn allerdings, denn hin und wieder ist es im wahrsten Sinne des Wortes ein Abenteuer in Vietnam eine Straße zu überqueren, besonders in einer großen Stadt wie HCMC.
Das Kriegsopfermuseum. Starker Tobak.
An der Oper und am Rathaus gingen wir nur vorbei, erfreuten uns an den Bauten und kamen auch am Wiedervereinigungspalast vorbei, ohne ihn zu betreten, machten dann jedoch Halt an einem Muss für jeden Besucher HCMCs. Das Kriegsopfermuseum bietet nicht nur Geschichtsinteressierten Neues und Aufschlussreiches über den Krieg in Vietnam, sondern bereitet selbst Hartgesottenen eine ausgewachsene Gänsehaut, selbst wenn man hin und wieder die Staatspropaganda deutlich sieht. Ich spare mir die Einzelheiten, denn dann würde der Text um ein Vielfaches zu lang. Belassen wir es bei dem einen Foto, die meisten Exponate waren ohnehin zu grausam, um sie hier zeigen zu wollen und das Meiste der Geschichte der französischen und amerikanischen Besatzung ist hoffentlich bekannt.
Doch ein Beispiel möchte ich dennoch geben um die Perversion zu verdeutlichen, auf die man immer wieder trifft, wenn es um die Geschichte Vietnams geht. Monsanto war früher nur ein großer Chemiekonzern, heute ist er auch der größte Saatguthersteller der Welt. Mit Abstand. Monsanto war einer der Hauptproduzenten von Agent Orange, dem hochgiftigen, Dioxin-haltigen Giftmix, den die US-Streitkräfte zu Millionen Litern über Vietnam verstreut haben, um den Urwald effektiv zu entlauben und die Böden für Jahrzehnte unfruchtbar zu machen. Es ist nicht nur dazu perfekt geeignet, es schädigt auch die Menschen, führt zu grausigen Effekten bei allen, die diesem Gift ausgesetzt sind und zu unbeschreiblichen Schäden in den folgenden Generationen, denn es schädigt das Erbgut auf mehrere Generationen hinaus. Da Vietnam in Teilen nun über unfruchtbare Böden verfügt, deren Mikroflora und -fauna zerstört ist, wächst hier nichts mehr. Bis auf die neuesten Züchtungen und genetisch manipulierten Saatboliden der großen Saatgutkonzerne. Allen voran Monsanto, der Konzern, der wie kein anderer für genetisch manipuliertes Saatgut steht. Es ist nicht nur eine Ironie, es ist wie gesagt eine Perversion der Geschichte, dass dieselbe Firma erst das Gift herstellte, das das Land vergiftete, bis heute keinerlei Entschädigung dafür zahlte und nun an eben diesem Leid großes Geld verdient, indem es den Bauern hier das einzige Saatgut verkauft, das auf ihren Böden noch wächst.
Von HCMC in Richtung Kambodscha fuhren wir durch das Mekong-Delta, die Reiskammer Vietnams, die auch in Teilen unter Agent Orange gelitten hat. Bei jedem Feld, in dem ein Schild steckte, das auf den Markenreis der Saatgutfirmen hinwies, der hier angepflanzt wird, erneuerte sich die Gänsehaut, die uns der Besuch des Kriegsopfermuseums bereitet hatte.
Doch wie gesagt, die restlichen Details möchte ich dem Leser ersparen, sie sind unbeschreiblich grausam und erklären das gespaltene Verhältnis so mancher Vietnamesen zur USA bis heute mehr als genug.
Den Tag schlossen wir an der Notre Dame Kathedrale ab, einem Sakralbau den die Franzosen hier zwischen 1877 und 1883 erbauten und der bis heute die größte christliche Kirche in Vietnam ist.
Diese Tour können wir jedem Besucher der Stadt nur empfehlen. Ziehen Sie sich gute Schuhe an und machen Sie sich auf den Weg, HCMC zu Fuß zu erkunden. Es lohnt sich.
Am letzten Abend saßen wir alle zusammen im Distrikt eins, dem Bezirk der übrigens bis heute den Namen Saigon trägt, Peer und ich mit frischen Klamotten und rund laufenden Mopeds, und aßen gemeinsam unseren Reis mit Huhn und Garnelen bei einem der vielen Bräter am Straßenrand. Mal wieder war der Abschied emotional, auch wenn wir George vermutlich in Thailand bei seinem nächsten Job wieder sehen und Mathilda und Jacob hoffentlich in Indonesien. Doch man weiß ja nie was kommt und so verließen wir HCMC am nächsten Tag mit einem lachenden und einem weinenden Auge in Richtung unserer letzten Station in Vietnam. Dem Mekong-Delta.
Jochen Müller
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