Nach tausenden Kilometern, die wir bereits in Bussen und Zügen zurückgelegt haben, sowie der abschreckenden Erfahrung unserer nächtlichen Busfahrt von Sapa nach Hanoi beschlossen wir, dass sich ab sofort einiges ändern musste. Wir wollten neue Wege des Reisens beschreiten und fanden unsere Inspiration auf den Straßen Hanois.
Nach vier Monaten waren wir es leid, uns in überfüllte Busse zu quetschen, nach mehrstündigen nächtlichen Fahrten völlig gerädert und übernächtigt anzukommen und somit den ersten Tag nach Ankunft an unserem jeweiligen Zielort damit zu verbringen, sich von den Strapazen der Reise zu erholen und zu regenerieren. Die Zeit, die wir durch eine Nachtfahrt gewonnen zu haben glaubten, verloren wir umgehend wieder am Folgetag, da wir in der Regel zu nichts zu gebrauchen waren. Also beschlossen wir, künftig etwas individueller zu reisen. Und landestypischer.
Neue Freiheit Und was bedeutet landestypisches Reisen in Vietnam? Da scheinbar das ganze Land auf motorisierten Zweirädern unterwegs ist, wollten wir uns dieser Gepflogenheit anpassen und mit der Masse der Roller- und Motorradfahrer verschmelzen. Wir wollten das Land diesmal nicht durch die schmutzigen Scheiben eines Busses sehen, sondern mit eigenen Augen. Vom Sattel unseres eigenen Motorrads aus. Wir wollten anhalten, wo es uns gefällt und Station machen, wo es uns am Ende eines Tages hin verschlägt. Wir wollten eine neue Unabhängigkeit erlangen, eine neue Freiheit.
© Bergholter Sich landestypisch fortbewegen.
Das Bike unserer Wahl Diese Idee reifte bereits bei unserem ersten denkwürdigen Trip mit dem Roller durch die Berge rund um Sapa. In Hanoi sollte diese Idee nun in die Tat umgesetzt werden. Unser Plan veranlasste uns dazu, in Hanoi die Aushänge an den schwarzen Brettern der Hostels und die aufgerufenen Preise der Motorrad-Händler, die man hier an jeder Ecke findet, zu sichten und die Angebote zu vergleichen. Wir wussten, was wir wollten: ein möglichst zuverlässiges Bike für kleines Geld. Je mehr wir uns mit dem Markt für gebrauchte Zweiräder befassten, desto konkreter wurde unsere Vorstellung des gewünschten Gefährts: die Honda Win 100 sollte es sein. Zwar nicht wirklich leistungsstärker als die meisten Roller, dafür mit einem größeren Tank ausgestattet und unseres Empfindens nach sicherer als diese. Ein weiterer Pluspunkt: Es heißt, diese Maschinen seien leicht zu reparieren, man könne sie quasi an jeder Straßenecke flott machen lassen. Ein nicht zu unterschätzendes Kriterium.
© Bergholter Das Modell unserer Wahl: Honda Win 100.
Motorradkauf in Hanoi So stand auch unsere Zeit in Hanoi in erster Linie im Zeichen des Motorradkaufs, was uns leider dazu zwang, der Stadt nicht die ihr gebührende Aufmerksamkeit zu schenken.
© Bergholter Große Auswahl bei Vietnam Motorbikes in Hanoi.
Nach mehr oder weniger eingehender Suche, kristallisierte sich ein Händler heraus, der uns bereits mehrfach empfohlen wurde: Vietnam Motorbikes. Dieses Geschäft wird von einem Engländer und Australier betrieben und hat sich einen guten Ruf unter Travellern erworben, da sie mit einem ordentlichen Service aufwarten. Die Maschinen werden vor dem Verkauf in ihre Einzelteile zerlegt und neu zusammengebaut. Zumindest behaupten dies die Betreiber der Werkstatt. Saubere Papiere, Kartenmaterial, Reise- und Routentipps, Empfehlungen für seriöse Werkstätten auf der Strecke und eine Rückkaufgarantie für die Motorräder gibt es inklusive. Wir entschlossen uns, ein paar Dollar mehr in die Hand zunehmen und dafür auf der sicheren Seite zu sein, insbesondere was die Registrierungspapiere angeht. Passen diese nicht zur Maschine, können sie einem schon mal Probleme bereiten. Insbesondere beim Grenzübertritt. Denn wir planen, nicht nur Vietnam von Nord nach Süd mit dem Motorrad zu durchfahren, sondern auch Kambodscha und Laos in umgekehrter Richtung zu bereisen.
Alles dreht sich um Qualität Nach kurzem Gefeilsche waren wir nun für 380 Dollar (pro Stück) die Besitzer zweier eigener Motorräder. Helme, Schlösser, Fahrstunde und kurze Unterweisung in die simpelsten Reparaturen gab es frei Haus dazu. Sowie die Versicherung der Verkäufer, bei ihnen drehe sich alles nur um Qualität. Na dann. Ein erster Blick auf die Gefährte ließ uns bereits an dieser Aussage zweifeln: Tacho defekt, Kilometerzähler genullt (was vielleicht auch besser war) und die Tankanzeige fehlt bei diesem Modell serienmäßig bereits ab Werk. E-Starter braucht kein Mensch und alle anderen Mängel schienen sich mit etwas Phantasie, Klebeband oder Spucke beheben zu lassen.
© Bergholter Qualitätsbikes: Jochens Hobel "Feeling"...
© Bergholter ... und meine "Lisohaka". Zwei Schönheiten.
Die versprochene Qualität wurde dann aber am nächsten Tag komplett ad absurdum geführt. Nachdem Jochen nach der ersten Testfahrt durch die Stadt feststellen musste, dass sein Hinterrad unrund lief, steuerten wir erneut die Werkstatt an. Auf dem Weg dorthin fiel bei meinem Bike die gesamte Elektronik aus. So viel zum Thema Qualität. Wenigstens wurden die Reparaturen umgehend erledigt (was am Vorabend des Tet-Festes keine Selbstverständlichkeit ist) und uns nicht in Rechnung gestellt.
Bereit für den ersten Ritt
© Bergholter Neues Hobby: Fachsimpeln mit dem Mechaniker.
Mit den frisch reparierten Motorrädern wähnten wir uns nun bereit für die erste Etappe. Diese sollte uns von Hanoi zur Halong Bay führen, knappe 180 Kilometer. Doch natürlich sollte es anders kommen. Beim Beladen der Gefährte warf Jochen sein Bike auf die Seite, wobei der Kupplungshebel abbrach. Also wieder in die Werkstatt und wieder warten. Diese Verzögerung führte dazu, dass wir erst am späten Nachmittag Hanoi verlassen konnten. Und wie um das Qualitätsversprechen gänzlich der Lächerlichkeit Preis zu geben, fiel meine Elektronik kurz hinter Hanoi erneut aus. Was grundsätzlich kein großes Problem ist, kann bei Einbruch der Dunkelheit aber ziemlich unangenehm werden, denn dann ist zumindest das Licht sehr hilfreich. Also kurzerhand das nächste winzige Nest angesteuert, eine Bleibe gesucht und die Nacht dort verbracht. Unsere erste Etappe fiel damit wesentlich kürzer aus als geplant. Aber da hatten wir sie, unsere neue Flexibilität und unsere neue Freiheit.
© Bergholter Unsere neue Freiheit: Auf die Straße und in den Regen. Easy Rider 20.12.
Unser treuer Wegbegleiter Diese erste Etappe gab uns dann auch die Gelegenheit, unseren treuen Wegbegleiter der nächsten Tage näher kennen zu lernen: ein nicht enden wollender Regen. Zumeist als leichter Nieselregen daher kommend, bisweilen auch als ordentlicher Guss, doch stets zermürbend, raubte er uns schon bald unsere Illusionen und wenig später auch den letzten Nerv.
Spaß hatten wir aber zwischenzeitlich dennoch. Zumindest sobald wir uns an die Zustände auf vietnamesischen Straßen gewöhnt hatten. Die konsequente Missachtung aller Verkehrs- und Sicherheitsregeln, der Verzicht auf Licht auch in der Dunkelheit und das Benutzen der Hupe als wichtigstes Instrument, um sich seinen Platz auf der Straße zu erzwingen, waren für uns, die wir nach der deutschen Straßenverkehrsordnung erzogen wurden, gelinde gesagt gewöhnungsbedürftig. Doch irgendwann gewöhnt man sich daran für andere mitzudenken, vorausschauend und defensiv zu fahren und sogar auf den Seitenstreifen ausweichen zu müssen, wenn einem wild hupend ein Bus auf der eigenen Spur entgegenkommt, der im Begriff ist, einen LKW zu überholen, der seinerseits gerade einen Schwarm von Motorrollern überholt. Es ist nichts für schwache Nerven, aber definitiv eine Erfahrung und auch ein Riesenspaß. Zumindest ab dem Zeitpunkt, an dem man seine Beine vor Kälte endlich nicht mehr spürt, die Hose durch eine zentimeterdicke Schlammkruste in eine bequeme Form gegossen wurde und man sich mit der Nässe am ganzen Körper angefreundet hat.
Anders reisen
© Bergholter Sightseeingspot 1: Werkstatt.
Öfter als uns lieb ist.
Nach den ersten Etappen wurde schnell klar, dass unser Plan nicht vollends aufging. Anders reisen taten wir nun definitiv. Individueller auch. Und mit Sicherheit abenteuerlicher. Aber ist es auch besser? Bislang machten wir die Erfahrung, dass wir zwar die Möglichkeit haben, überall zu stoppen, wo es uns gefällt, jedoch taten wir es selten. Das mag zu großen Teilen dem Wetter geschuldet sein, denn wenn man nach ein paar Stunden auf dem Bock komplett durchnässt ist und den gesamten Schlamm der Straße auf der Kleidung oder seinem Visier wiederfindet, dann will man nur noch eins: ankommen.
Auch hat sich unser Sightseeing-Programm seither grundlegend verändert: statt Tempel und Pagoden, besuchen wir nun viele kleine Werkstätten. Nicht das gleiche, aber auch schön. Dort sitzen wir dann auf winzigen Plastikhockern, trinken Tee und schauen den Schraubern bei der Arbeit zu. Zwar halten sich die größeren Reparaturen bisher in Grenzen, aber alle paar Hundert Kilometer, lassen wir unsere Maschinen dann doch durchchecken. Denn Sicherheit geht vor.
© Bergholter Sightseeingspot 2: Vietnamesische Tanstellen. Wir sahen einige.
© Bergholter Sightseeingspot 3: Parkhaus für Zweiräder. Wir parken draußen.
Von Peer Bergholter
Tja, Jungs, habt es ja nicht anders gewollt, wenngleich ich euch easy-rider-mäßiges Wetter gewünscht hätte....was die Sicherheitsstandards anbetrifft, so bin ich relativ beruhigt.
apropos wetter. ist es trotz des Regens warm?
Nur mal so zu eurer Kenntnis: z.Zt. haben wir hier Temperaturen, wie ihr sie in der Mongolei erlebt habt (-12°und mehr)
Eisige Grüße aus der Heimat