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22. Dezember 2012
Mehr als gedacht. Das Venezuela-Fazit
Zwei Wochen lang waren wir in Venezuela. Nicht genug Zeit, um mehr als einen oberflächlichen Eindruck zu bekommen. Doch diesen wollen wir in einem Fazit zusammenfassen.
Venezuela wie wir es erlebten ist...
...mehr als Chavez
© Jochen Müller
Hugo Chavez ist ein sozialistischer Präsident und Caracas ist eine gefährliche Stadt, das war alles, was wir im Vornherein von Venezuela wussten. Nun waren wir zwei Wochen im Land, was haben wir dazugelernt? Was die Politik angeht, haben wir bemerkt, dass Wahlkampf auch richtig laut sein kann. Mit Lautsprechern auf dem Pick-Up, die AC/DC neidisch machen würden, fahren die Wahlkämpfer durch die Dörfer und beschallen die ganze Gegend mit den diversen Salsa-Hymnen, die ihre Kandidaten preisen. Es gibt viele Kandidaten, viele Pick-Ups, und glauben Sie mal nicht, dass diese getrennt voneinander durch die Gegen fahren. Wenn die Autos weg sind, übernehmen Pavillons mit nur unwesentlich kleineren Boxen die Arbeit. Die Mauern und Hauswände sind nicht nur mit Plakaten behängt, sondern großflächig und professionell mit Bildern und Sprüchen bemalt. Jeder Kandidat ist das „Corazon", das Herz Venezuelas, das voller Inbrunst und im Takt der Salsarythmen schlägt.
© Jochen Müller Nur die fahrenden Boxen sind größer. Und lauter. Wahlkampf in Venezuela.
...mehr als Caracas
Um Merida ragen Fünftausender in die Höhe, die Flora spricht der Baumgrenze Hohn und wer Natursportarten frönt, wird hier aus dem Frönen nicht mehr herauskommen. Die Natur strotzt vor Kraft, die Wälder sind satt und grün, dann sind die Berge auf einmal kahl und Kakteen trotzen der Hitze, die die Felswände alltäglich neu bäckt.
© Jochen Müller
Sie beschauen all dies durch die Fenster eines fahrenden Kühlhauses: wer in einen venezolanischen Bus keine Jacke UND Decke mitnimmt, ist dem Erfrierungstod nah. Dann hinaus aus dem Bus, bumm, das war die Hitzewand, herzlich Willkommen in Caracas. Nach fünfzehn Minuten lösen sich die Krämpfe in den Fingern, man lässt sein Gepäck zwar nicht aus den Augen, aber klammert sich nicht mehr daran, die Menschen sind sehr offen, hilfsbereit und freundlich. Caracas ist nur ein Moloch wie viele andere Großstädte, die Erkenntnis erleichtert, beruhigt, und wer so in Puerto la Cruz mitten in der Nacht nach Unterkünften sucht, der wird dies trotz der späten Stunde recht entspannt tun. Am nächsten Tag reicht allerdings ein Blick aus dem Fenster und es hat sich mit der Entspannung erstmal erledigt. Denn schon ein kurzer Blick lässt ahnen, was außerhalb der Stadt auf einen wartet. Rastlosigkeit packt einen, dem Ruf dort hinaus will man folgen. Und wirklich. Wer in den Mochima Nationalpark fährt, in Santa Fe Station macht und es vielleicht sogar bis zum Playa Blanca schafft, der wird sich, egal was vorher das Ziel war, angekommen fühlen, seinen Mund höchstens kurzfristig zum Kauen frischer, butterzarter Calamari, frischen Fisches oder Scampis schließen und sich dann in den weißen Sand fallen lassen und irr vor sich hin kichern.
© Jochen Müller Playa Blanca. Kaum zu fassen.
...mehr als Amerikas Autofriedhof
Sie wollen hier nicht weg, doch es muss weiter gehen, also lassen Sie sich von einem von Rost und Spanngurten zusammengehaltenen Straßenkreuzer an der Küste entlang schaukeln, nicht wissend, ob Sie die weiche Federung, die noch weichere Polsterung oder das Blubbern der Motoren in den Schlaf wiegt. Dann kommen Sie in Güiria an, vor Ihnen liegt die Karibische See mit ihren Inseln und wenn Sie auf die Fähre steigen, dann blicken Sie zurück und reiben sich die Augen. Denn das, was Sie von Venezuela gesehen haben, war nur die Oberfläche. Wenn überhaupt.
© Jochen Müller Ein letzter Blick auf Güiria und Venezuela. Was ist Venezuela?
Was ist Venezuela? Das weiß ich nicht. Aber eines weiß ich. Es ist mehr als Chavez und Caracas. Viel mehr.
Highlight Catatumbo
Schon Humboldt beschaute sie mit offenem Mund. Seither und bis heute haben sie viele Wissenschaftler versucht zu erklären, abschließend hat es keiner geschafft. Im Minutentakt erhellen Blitze den See von Maracaibo, vermengen sich beinah zu einem ununterbrochenen Glühen im Himmel. Dabei bleibt die Nacht still, keinerlei Donner ist zu hören, während man bei einem traditionellen Essen dieses Schauspiel auf der Veranda eines Pfahlbaus mitten im See bestaunt. In den Ausläufern des Sees tummeln sich Kaimane und Süßwasserdelphine, unzählige Vögel fliegen durch die Lüfte und aus den Baumwipfeln am Ufer hört man das tiefe Brummen der Brüllaffen. Ein Fest für alle Sinne.
© Jochen Müller Der Nachthimmel leuchtet in Cataumbo.
Highlight Sante Fe
Kennen Sie Panoramatapeten? Oder die Poster, die in Reisebüros hängen? Palmen neigen sich über blitzblanke, weiße Strände, das Wasser ist irgendwo zwischen unecht himmelblau und unmöglich türkis, im Hintergrund ist ein Dschungel zu sehen, aus dem die Papageien winken und vor dem unrealistisch bunten Sonnenuntergang zeichnet sich die Silhouette eines Delphins ab, der gerade einen zirkusreifen Sprung hinlegt. Nein, es tut mir leid, das ist nicht von einem Graphiker auf LSD gezeichnet worden, das sieht wirklich so aus.
Im Mochima Nationalpark döst das Örtchen Santa Fe vor sich hin. Es ist abgeschieden, ruhig und karibisch. Pelikane, Delphine, Palmen, kleine Fischerbötchen, alles da. Bleiben Sie hier so lange, bis Sie sich allmählich daran gewöhnt haben. Dann nehmen Sie ein Boot zum Playa Blanca. Nicht vorher, sonst haut es Sie um.
© Jochen Müller Abendstimmung am Strand Santa Fe
Highlight Autos
Gleich springt „Kojak" um die Ecke, oder die Knubbelnase aus den „Straßen von San Francisco". Wer alte, amerikanische Fernsehserien kennt, weiß, wie wir uns in den Straßen von Venezuela fühlten. Denn diese sind bevölkert von Autos, die man heute nur noch im Fernsehen sieht. Ewig große Straßenkreuzer mit so weicher Federung, dass man sich darin vorkommt wie auf hoher See. Das blubbern riesiger Achtzylinder unter der Haube, die so lang ist, wie ein deutscher Mittelklassewagen. Vorne und hinten drei vollwertige Sitze nebeneinander schaukeln sanft, während die Spritnadel im gleichen Tempo sinkt, wie die des Tachos steigt. So etwas sieht man nur in Ländern, wo der Sprit pro Liter kaum zehn Eurocent kostet. Da jedoch auch in Venezuela Ersatzteile und Reparaturen teuer sind, verwesen die Wagen langsam vor sich hin. Motorhauben und Kofferraumdeckel werden mit Schnüren verschlossen, die vordere Sitzbank mit Ketten fixiert, die Türen kann man nur öffnen, wenn man weiß, wo man anfassen kann und muss, und die Fenster sind entweder offen oder zu. Sie sind das einzige, was sich an so manchen Schüsseln nicht bewegen lässt. Ein Alptraum für jeden Freund von Sicherheit und Umwelt, doch ein imposanter Anblick und ein unvergleichliches Erlebnis darin zu fahren.
© Jochen Müller Und fährt und fährt und fährt...
Zahlen und Fakten
Zurückgelegte Wegstrecke (ab Berlin): ca. 70120 km. Wir bereisten dabei in 424 Tagen 123 Städte in 20 Ländern.
Transportmittel: Bus, Zug, Auto, Moped, Campervan, Fähre, Containerschiff und (nur kurz) Flugzeug.
Highlights: Die Blitze von Catatumbo, Süß- und Salzwasserdelphine, der Mochima Nationalpark mit seinen Stränden und Sonnenuntergängen, die alten amerikanischen Straßenkreuzer in allen Graden der Verwesung.
Ausgaben seit Berlin: 33670 € (Soll: 27984€)
Kulturelle Aktivitäten: ich spare mir die Euphemismen: keine.
Probleme: Geld. Nicht so sehr es auszugeben, sondern es zu bekommen. Wer nach Venezuela reist, sollte Bargeld mitnehmen.
Verluste: siehe „kulturelle Aktivitäten".
Jochen Müller
Venezuela wie wir es erlebten ist...
...mehr als Chavez
© Jochen Müller...mehr als Caracas
Um Merida ragen Fünftausender in die Höhe, die Flora spricht der Baumgrenze Hohn und wer Natursportarten frönt, wird hier aus dem Frönen nicht mehr herauskommen. Die Natur strotzt vor Kraft, die Wälder sind satt und grün, dann sind die Berge auf einmal kahl und Kakteen trotzen der Hitze, die die Felswände alltäglich neu bäckt.
© Jochen MüllerSie beschauen all dies durch die Fenster eines fahrenden Kühlhauses: wer in einen venezolanischen Bus keine Jacke UND Decke mitnimmt, ist dem Erfrierungstod nah. Dann hinaus aus dem Bus, bumm, das war die Hitzewand, herzlich Willkommen in Caracas. Nach fünfzehn Minuten lösen sich die Krämpfe in den Fingern, man lässt sein Gepäck zwar nicht aus den Augen, aber klammert sich nicht mehr daran, die Menschen sind sehr offen, hilfsbereit und freundlich. Caracas ist nur ein Moloch wie viele andere Großstädte, die Erkenntnis erleichtert, beruhigt, und wer so in Puerto la Cruz mitten in der Nacht nach Unterkünften sucht, der wird dies trotz der späten Stunde recht entspannt tun. Am nächsten Tag reicht allerdings ein Blick aus dem Fenster und es hat sich mit der Entspannung erstmal erledigt. Denn schon ein kurzer Blick lässt ahnen, was außerhalb der Stadt auf einen wartet. Rastlosigkeit packt einen, dem Ruf dort hinaus will man folgen. Und wirklich. Wer in den Mochima Nationalpark fährt, in Santa Fe Station macht und es vielleicht sogar bis zum Playa Blanca schafft, der wird sich, egal was vorher das Ziel war, angekommen fühlen, seinen Mund höchstens kurzfristig zum Kauen frischer, butterzarter Calamari, frischen Fisches oder Scampis schließen und sich dann in den weißen Sand fallen lassen und irr vor sich hin kichern.
...mehr als Amerikas Autofriedhof
Sie wollen hier nicht weg, doch es muss weiter gehen, also lassen Sie sich von einem von Rost und Spanngurten zusammengehaltenen Straßenkreuzer an der Küste entlang schaukeln, nicht wissend, ob Sie die weiche Federung, die noch weichere Polsterung oder das Blubbern der Motoren in den Schlaf wiegt. Dann kommen Sie in Güiria an, vor Ihnen liegt die Karibische See mit ihren Inseln und wenn Sie auf die Fähre steigen, dann blicken Sie zurück und reiben sich die Augen. Denn das, was Sie von Venezuela gesehen haben, war nur die Oberfläche. Wenn überhaupt.
© Jochen Müller Ein letzter Blick auf Güiria und Venezuela. Was ist Venezuela?Was ist Venezuela? Das weiß ich nicht. Aber eines weiß ich. Es ist mehr als Chavez und Caracas. Viel mehr.
Highlight Catatumbo
Schon Humboldt beschaute sie mit offenem Mund. Seither und bis heute haben sie viele Wissenschaftler versucht zu erklären, abschließend hat es keiner geschafft. Im Minutentakt erhellen Blitze den See von Maracaibo, vermengen sich beinah zu einem ununterbrochenen Glühen im Himmel. Dabei bleibt die Nacht still, keinerlei Donner ist zu hören, während man bei einem traditionellen Essen dieses Schauspiel auf der Veranda eines Pfahlbaus mitten im See bestaunt. In den Ausläufern des Sees tummeln sich Kaimane und Süßwasserdelphine, unzählige Vögel fliegen durch die Lüfte und aus den Baumwipfeln am Ufer hört man das tiefe Brummen der Brüllaffen. Ein Fest für alle Sinne.
Highlight Sante Fe
Kennen Sie Panoramatapeten? Oder die Poster, die in Reisebüros hängen? Palmen neigen sich über blitzblanke, weiße Strände, das Wasser ist irgendwo zwischen unecht himmelblau und unmöglich türkis, im Hintergrund ist ein Dschungel zu sehen, aus dem die Papageien winken und vor dem unrealistisch bunten Sonnenuntergang zeichnet sich die Silhouette eines Delphins ab, der gerade einen zirkusreifen Sprung hinlegt. Nein, es tut mir leid, das ist nicht von einem Graphiker auf LSD gezeichnet worden, das sieht wirklich so aus.
Im Mochima Nationalpark döst das Örtchen Santa Fe vor sich hin. Es ist abgeschieden, ruhig und karibisch. Pelikane, Delphine, Palmen, kleine Fischerbötchen, alles da. Bleiben Sie hier so lange, bis Sie sich allmählich daran gewöhnt haben. Dann nehmen Sie ein Boot zum Playa Blanca. Nicht vorher, sonst haut es Sie um.
Highlight Autos
Gleich springt „Kojak" um die Ecke, oder die Knubbelnase aus den „Straßen von San Francisco". Wer alte, amerikanische Fernsehserien kennt, weiß, wie wir uns in den Straßen von Venezuela fühlten. Denn diese sind bevölkert von Autos, die man heute nur noch im Fernsehen sieht. Ewig große Straßenkreuzer mit so weicher Federung, dass man sich darin vorkommt wie auf hoher See. Das blubbern riesiger Achtzylinder unter der Haube, die so lang ist, wie ein deutscher Mittelklassewagen. Vorne und hinten drei vollwertige Sitze nebeneinander schaukeln sanft, während die Spritnadel im gleichen Tempo sinkt, wie die des Tachos steigt. So etwas sieht man nur in Ländern, wo der Sprit pro Liter kaum zehn Eurocent kostet. Da jedoch auch in Venezuela Ersatzteile und Reparaturen teuer sind, verwesen die Wagen langsam vor sich hin. Motorhauben und Kofferraumdeckel werden mit Schnüren verschlossen, die vordere Sitzbank mit Ketten fixiert, die Türen kann man nur öffnen, wenn man weiß, wo man anfassen kann und muss, und die Fenster sind entweder offen oder zu. Sie sind das einzige, was sich an so manchen Schüsseln nicht bewegen lässt. Ein Alptraum für jeden Freund von Sicherheit und Umwelt, doch ein imposanter Anblick und ein unvergleichliches Erlebnis darin zu fahren.
Zahlen und Fakten
Zurückgelegte Wegstrecke (ab Berlin): ca. 70120 km. Wir bereisten dabei in 424 Tagen 123 Städte in 20 Ländern.
Transportmittel: Bus, Zug, Auto, Moped, Campervan, Fähre, Containerschiff und (nur kurz) Flugzeug.
Highlights: Die Blitze von Catatumbo, Süß- und Salzwasserdelphine, der Mochima Nationalpark mit seinen Stränden und Sonnenuntergängen, die alten amerikanischen Straßenkreuzer in allen Graden der Verwesung.
Ausgaben seit Berlin: 33670 € (Soll: 27984€)
Kulturelle Aktivitäten: ich spare mir die Euphemismen: keine.
Probleme: Geld. Nicht so sehr es auszugeben, sondern es zu bekommen. Wer nach Venezuela reist, sollte Bargeld mitnehmen.
Verluste: siehe „kulturelle Aktivitäten".
Jochen Müller
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