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10. Dezember 2012
Cool bleiben in Caracas
Tatort: Merida. Wir sitzen vor Reiseführern und Rechnern und planen die Route. Irgendwie müssen wir nach Güiria im Nordosten des Landes kommen, denn von dort aus geht die wöchentliche Fähre nach Trinidad. Schnell fällt ein Wort: Mochima. Ein Nationalpark an der Nordküste, mit kleinen Buchten und karibischem Flair. Genau das Richtige, um ein paar Tage die Seele baumeln zu lassen. Als wir dann bemerken, dass es keine andere Möglichkeit gibt dort hin zu kommen, als durch Caracas zu fahren, ändert das freilich nichts am Gesamtplan. Außer, dass wir, wenn wir einmal in Mochima angekommen sind, auch einen Grund haben, die Seele baumeln zu lassen.
Fahrende Kühlschränke
Dabei ist die Fahrt von Merida nach Caracas noch der einfachste Teil. Wir erkundigen uns, wann Busse fahren, finden eine Fülle an Angeboten und buchen ein Ticket. Wir kommen anderntags wieder, haben noch Zeit etwas zu essen und uns warm anzuziehen, dann steigen wir in diesen fahrbaren Kühlschrank und los geht die wilde Fahrt. Im Gegensatz zu manch asiatischen Bussen gibt es Beinfreiheit und sehr gemütliche Sitze. Es gibt amerikanische Filme statt Karaoke und hin und wieder sogar englische Untertitel. Es gibt ab und an Pausen, und wer genug Wollpullover und Decken dabei hatte, der erfriert auch nicht. Man muss sich halt daran gewöhnen, dass man in diesen Bussen seinen eigenen Atem sehen kann, während draußen die Welt in Shorts und T-Shirt am Straßenrand steht. Aber alles ist möglich.
Wir fahren durch die Landschaft, die Sonne geht unter, wir halten für ein Abendessen bei dem ich mir die Adjektive spare, und kommen am späten Vormittag in Caracas an. So weit, so gut.
© Jochen Müller Merida. Von hier...
© Jochen Müller ... nach hier, in den Mochima Nationalpark will...
© Jochen Müller ... der muss hier durch!
Endstation Caracas?
Schnell wird klar, von hier aus geht es nicht weiter. Wer von Caracas in Richtung Osten will, muss zu einem anderen Busterminal. Wir nehmen uns ein Taxi und bekommen auch das hin. Doch dann ist endgültig Schluss. Als die Schalterdame meine Frage nach einem Busticket nach Puerto la Cruz als unmöglich abtut, werde ich zuerst stutzig. Wie unmöglich? Wieso unmöglich? Alles sei ausverkauft. Und morgen? Auch. Und Übermorgen? Ebenso wie die gesamte restliche Woche, ja. Uns rutscht das Herz in die Hose. Was nun? Mit meinen paar Brocken Spanisch schaffe ich es zu verstehen, dass ich doch an den Informationsschalter gehen soll. Dort nutze ich dieselben paar Brocken, um zu erfahren, dass wir uns auf die Warteliste setzen lassen können und dann Plätze im Bus bekommen, wenn Passagiere ihre reservierten Tickets nicht abholen. Gesagt, getan. Es folgen vier Stunden Wartezeit, die wir stehend vor dem Kassenhäuschen verbringen, in der Hoffnung, dass niemand kommt. Der Gedanke huscht durch meinen Kopf, ob es nicht vernünftig wäre Peer strategisch im Treppenhaus zu postieren, damit er alle Leute die Treppe herunter schubst, die so aussehen, als wollten sie nach Puerto la Cruz. Denn soviel ist klar. Weiter als bis dahin schaffen wir es von Caracas aus auf keinen Fall. Doch wir geben den Gedanken als zu martialisch auf und fügen uns in unser Schicksal. Plötzlich gesellt sich ein Herr zu uns, der uns auf Englisch anspricht, ob wir auch auf einen Platz nach Puerto la Cruz hoffen. Schnell entsteht ein Gespräch, er ist Ingenieur und arbeitet für eine Firma, die Pipelines baut. Er hilft uns enorm das Prozedere zu verstehen und als im vorletzten Bus des Tages zwei Plätze frei werden, verteidigt er diese mit und für uns vor der heranstürmenden Masse. Ein schneller Abschied, die diversen Angestellten der Busfirma, die unsere Geschichte mitbekamen, winken uns gratulierend hinterher und erneut besteigen wir ein rollendes Kühlhaus. Vor lauter Aufregung haben wir vergessen, unsere Jacken wieder auszupacken. Unglaublich wie kalt es in so einem Bus werden kann. Wir fahren durch das nächtliche Caracas, uns überholen Mopeds, die Fahrer scheinen auch im Fahrtwind nicht zu frieren. Ich sammele mein Chi, konzentriere mich auf die innere Wärme, doch mein Zähneklappern, lenkt mich ab. Die Schnupfennase, gerade erst etwas besser geworden, nimmt ihren Dienst wieder auf, so dass es auch nicht langweilig wird.
Endstation Puerto la Cruz. Diesmal wirklich.
Es ist Mitternacht, als wir in Puerto la Cruz ankommen. Wieder nehmen wir uns ein Taxi in die Stadt. Und bekommen auf eindrückliche Art und Weise das bestätigt, was uns am Ticketschalter als Erklärung geliefert wurde, warum alle Busse ausverkauft seien. Es ist Urlaubssaison in Venezuela. Will heißen, wir stehen mitten in der Nacht, es ist mittlerweile ein Uhr, im Zentrum und klappern die Unterkünfte ab. Alles ist voll. In den Rinnsteinen liegen Betrunkene, bis auf ein paar Taxis und Polizeiautos fährt nichts auf den Straßen. Was tun? Die Antwort und Lösung unseres Problems ist einfach. Wir erhöhen unser Budget für die Nacht und checken in der nächsten Pension ein, die ein Zimmer frei hat. Zum dreifachen des im Budget geplanten Preises, aber nach dreißig Stunden unterwegs nivellieren sich solche Details. Als wir in unseren Betten liegen, spricht Peer etwas aus, was mir bis dato noch gar nicht aufgefallen war. „Das war unsere letzte lange Busfahrt, ab jetzt wird's easy". Dann niest er kräftig und prustet in sein letztes Taschentuch. Ich kann es mir nicht verkneifen und sage: „wenn alles glatt geht". Manchmal hasse ich es, wenn ich Recht behalte...
Jochen Müller
Fahrende Kühlschränke
Dabei ist die Fahrt von Merida nach Caracas noch der einfachste Teil. Wir erkundigen uns, wann Busse fahren, finden eine Fülle an Angeboten und buchen ein Ticket. Wir kommen anderntags wieder, haben noch Zeit etwas zu essen und uns warm anzuziehen, dann steigen wir in diesen fahrbaren Kühlschrank und los geht die wilde Fahrt. Im Gegensatz zu manch asiatischen Bussen gibt es Beinfreiheit und sehr gemütliche Sitze. Es gibt amerikanische Filme statt Karaoke und hin und wieder sogar englische Untertitel. Es gibt ab und an Pausen, und wer genug Wollpullover und Decken dabei hatte, der erfriert auch nicht. Man muss sich halt daran gewöhnen, dass man in diesen Bussen seinen eigenen Atem sehen kann, während draußen die Welt in Shorts und T-Shirt am Straßenrand steht. Aber alles ist möglich.
Wir fahren durch die Landschaft, die Sonne geht unter, wir halten für ein Abendessen bei dem ich mir die Adjektive spare, und kommen am späten Vormittag in Caracas an. So weit, so gut.
Endstation Caracas?
Schnell wird klar, von hier aus geht es nicht weiter. Wer von Caracas in Richtung Osten will, muss zu einem anderen Busterminal. Wir nehmen uns ein Taxi und bekommen auch das hin. Doch dann ist endgültig Schluss. Als die Schalterdame meine Frage nach einem Busticket nach Puerto la Cruz als unmöglich abtut, werde ich zuerst stutzig. Wie unmöglich? Wieso unmöglich? Alles sei ausverkauft. Und morgen? Auch. Und Übermorgen? Ebenso wie die gesamte restliche Woche, ja. Uns rutscht das Herz in die Hose. Was nun? Mit meinen paar Brocken Spanisch schaffe ich es zu verstehen, dass ich doch an den Informationsschalter gehen soll. Dort nutze ich dieselben paar Brocken, um zu erfahren, dass wir uns auf die Warteliste setzen lassen können und dann Plätze im Bus bekommen, wenn Passagiere ihre reservierten Tickets nicht abholen. Gesagt, getan. Es folgen vier Stunden Wartezeit, die wir stehend vor dem Kassenhäuschen verbringen, in der Hoffnung, dass niemand kommt. Der Gedanke huscht durch meinen Kopf, ob es nicht vernünftig wäre Peer strategisch im Treppenhaus zu postieren, damit er alle Leute die Treppe herunter schubst, die so aussehen, als wollten sie nach Puerto la Cruz. Denn soviel ist klar. Weiter als bis dahin schaffen wir es von Caracas aus auf keinen Fall. Doch wir geben den Gedanken als zu martialisch auf und fügen uns in unser Schicksal. Plötzlich gesellt sich ein Herr zu uns, der uns auf Englisch anspricht, ob wir auch auf einen Platz nach Puerto la Cruz hoffen. Schnell entsteht ein Gespräch, er ist Ingenieur und arbeitet für eine Firma, die Pipelines baut. Er hilft uns enorm das Prozedere zu verstehen und als im vorletzten Bus des Tages zwei Plätze frei werden, verteidigt er diese mit und für uns vor der heranstürmenden Masse. Ein schneller Abschied, die diversen Angestellten der Busfirma, die unsere Geschichte mitbekamen, winken uns gratulierend hinterher und erneut besteigen wir ein rollendes Kühlhaus. Vor lauter Aufregung haben wir vergessen, unsere Jacken wieder auszupacken. Unglaublich wie kalt es in so einem Bus werden kann. Wir fahren durch das nächtliche Caracas, uns überholen Mopeds, die Fahrer scheinen auch im Fahrtwind nicht zu frieren. Ich sammele mein Chi, konzentriere mich auf die innere Wärme, doch mein Zähneklappern, lenkt mich ab. Die Schnupfennase, gerade erst etwas besser geworden, nimmt ihren Dienst wieder auf, so dass es auch nicht langweilig wird.
Endstation Puerto la Cruz. Diesmal wirklich.
Es ist Mitternacht, als wir in Puerto la Cruz ankommen. Wieder nehmen wir uns ein Taxi in die Stadt. Und bekommen auf eindrückliche Art und Weise das bestätigt, was uns am Ticketschalter als Erklärung geliefert wurde, warum alle Busse ausverkauft seien. Es ist Urlaubssaison in Venezuela. Will heißen, wir stehen mitten in der Nacht, es ist mittlerweile ein Uhr, im Zentrum und klappern die Unterkünfte ab. Alles ist voll. In den Rinnsteinen liegen Betrunkene, bis auf ein paar Taxis und Polizeiautos fährt nichts auf den Straßen. Was tun? Die Antwort und Lösung unseres Problems ist einfach. Wir erhöhen unser Budget für die Nacht und checken in der nächsten Pension ein, die ein Zimmer frei hat. Zum dreifachen des im Budget geplanten Preises, aber nach dreißig Stunden unterwegs nivellieren sich solche Details. Als wir in unseren Betten liegen, spricht Peer etwas aus, was mir bis dato noch gar nicht aufgefallen war. „Das war unsere letzte lange Busfahrt, ab jetzt wird's easy". Dann niest er kräftig und prustet in sein letztes Taschentuch. Ich kann es mir nicht verkneifen und sage: „wenn alles glatt geht". Manchmal hasse ich es, wenn ich Recht behalte...
Jochen Müller
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