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26. Oktober 2011
Stipvisite in Vladimir und Suzdal.
„Warum sind wir noch gleich nach Vladimir gefahren?", fragte ich Peer, als wir einen ersten Spaziergang in Richtung Innenstadt machten. Er sah mich verwundert an. „Du meintest doch, dass wir hierher sollen." „Ich?" Auweh, was hatte ich da wieder angestellt. Doch dann rettete mich Peer selber aus dieser Misere. „Wir wollten nur hierher, um von hier als Ausgangsstation nach Suzdal zu kommen" Glück gehabt, denn ich wollte nicht verantwortlich dafür gemacht werden, zwei Tage lang in Vladimir gestrandet zu sein. Was gibt es in Vladimir zu sehen? Nicht viel. Was gibt es über Vladimir zu sagen? Nicht viel. Von hier aus ist man in einer Stunde in Suzdal. Das ist doch schon mal was.
Vladimir hat knapp über 300.000 Einwohner, und die Betonung liegt auf dem ersten i. Es gibt eine Haupteinkaufsstraße mit ein paar Geschäften, die auf der einen Seite vom goldene Tor begrenzt wird und von der andere Seite von der Uspenski Kathedrale. Vom goldenen Tor ist nur die Spitze golden, es beherbergt das Militärmuseum, und man kann zwar hindurch gehen aber nur drum herum fahren. Von der Uspenski Kathedrale aus hat man einen recht guten Blick über das Tal und das Flüsschen Kljasdal. Im Restaurant Traktir kann man Schaschlik essen, nach dessen Genuss einem noch eine Stunde lang die Zunge von den Zwiebeln brennt und welches man nur mit einem Bier herunterspülen kann, denn ein zweites bekommt man nicht. Warum auch immer.
Vladimir ist nicht richtig schön und nicht richtig hässlich. Es ist nicht richtig groß und nicht richtig klein. Es liegt in der Mitte vom Nirgendwo und hat Glück, dass die Bahnstrecke hin und wieder Besucher her bringt. In gewisser Weise erinnert es mich an Kassel.
Zurück in unserer Unterkunft, dem einzigen Hostel in ganz Vladimir (immerhin gibt es eines), werden wir von weiteren Neuigkeiten überrascht. Keine Heizung! So lange die Bauarbeiten andauern, um von Zentral- auf Gasheizung umzustellen, lässt sich daran leider nichts ändern. Russischer Oktober hin oder ehr. Die altersschwachen Radiatoren, die sie aufgestellt haben, kommen zwar nicht wirklich gegen die Kälte an, aber wir haben auch Glück. Das Hostel ist nur halb ausgebucht, so dass wir die dünnen Wolldecken doppelt nehmen können. Alles wird gut.
Vielleicht ist es unter diesen Umständen gar nicht so schlecht, dass das Piligrim Hostel im Gebäude eines christlichen Zentrums ist und dort weder Tabak noch Alkohol erlaubt sind. Alkoholisiert bemerkt man eine Unterkühlung nicht so schnell und kann nur schwer Gegenmaßnahmen einläuten. Trotzdem. Nachdem ich schon beinahe so etwas wie Heilung habe erahnen können, werde ich am nächsten Morgen von einem herrlichen Hustenanfall geweckt, der mich noch einmal in Vladimir willkommen heißt und mir zu verstehen gibt, dass sich ein einmal festgesetzter Husten im russischen Hinterland nicht so einfach wieder loswerden lässt. Hosianna.
Doch das hält uns nicht von unseren Tagesausflug nach Suzdal ab. Immerhin sind wir deshalb hier. Suzdal sei ein würdiger Ersatz für Jaroslawl, so heißt es. Wir wollten dieses Prachtstück des Goldenen Rings besuchen, mussten davon jedoch aus Zeitgründen absehen, da es von Jaroslawl aus keine direkte Verbindung nach Vladimir und Nizhny Novgorod gegeben hätte. Um von Jaroslawl zurück auf die Route nach Vladimir zu kommen, hätten wir wieder zurück nach Moskau gemusst, insgesamt eineinhalb Tage verloren, und uns somit dagegen entschieden. Muss die Partnerstadt Kassels leider ohne Kasselaner auskommen (um den Unterschied zwischen Kasselern, Kasselanern und Kasselänern zu erklären, fehlt uns hier leider der Platz). Aber dafür haben wir ja Suzdal. Dieses Kleinod ist laut Reiseführer eine Reise wert, verspricht märchenhaften Charme und unberührtes russisches Ambiente, alte Architektur, einen wunderschönen Kreml und ein herrliches Kloster. Nur leider keine Hostels, weshalb wir auf Vladimir auswichen.
Suzdal ist klein. Suzdal ist abgelegen. Suzdal ist dezentral strukturiert. Suzdal leidet unter maroder Bausubstanz, hat aber auch einige Perlen in seinen Straßen und Gassen. Suzdal hat wenig sichtbare Einwohner. Die, die man sieht, warten sehnsüchtig auf Besuch, denn die Restaurants und Bars sind alle betrieben, die Geschäfte geöffnet und in einigen Straßen sind Marktstände aufgebaut. Die Betreiber lassen sich weder von ausbleibender Kundschaft, noch von Kälte und Regen vertreiben, sondern stehen schüchtern da und blicken einem höchstens sehnsuchtsvoll hinterher. Es gibt allerdings auch Überfluss in Suzdal. Zwar haben wir keine exakte Statistik erstellen können, doch unsere Schätzungen belaufen sich auf ein Verhältnis eins zu eins. Bewohner zu Kirche. Es ist verrückt. Aber es ist wahr. Sie sind einfach überall. Klein und groß, von Kapelle bis zum ummauerten Kloster, es ist alles dabei, von orthodox zu römisch katholisch. Jedem das Seine. Viele Häuser verfallen, sind teilweise kaum mehr als Ruinen, nur die Kirchen stehen alle aufrecht.
Zwischen Ruinen und Kirchen stehen kleine Holzhäuser.
Die Kirchen sind zwar hin und wieder reparaturbedürftig, stehen aber insgesamt deutlich besser im Futter als die sonstigen Bauten. Wir scheinen in einer Art religiösem Epizentrum Russlands zu sein. Keinerlei Industrie, kaum Gäste, kaum Viehwirtschaft. Nur Wald, ein wenig Landwirtschaft und Kirchen, Kirchen, Kirchen. Wieso diese unbeschreibliche Dichte an Sakralbauten? Die Landwirte, die ich von daheim kenne, haben überhaupt nicht die Zeit so oft in die Kirche zu rennen, dass sich diese Masse lohnen würde. Treffen hier ein halbes Dutzend Ley-Linien aufeinander? Gibt es hier Magnetfelder, unterirdische Wasseradern, Manaströmungen oder einfach nur nicht viel mehr zu tun als zu beten, dass sich bald mal etwas tut? Das würde die wartende Haltung der Einwohner erklären. Kurz habe ich darüber nachgedacht, ob die Menschen hier ihre Kirchen jeweils nur für ein Jahr nutzen, um dann eine neue zu bauen, verwarf diese Idee jedoch wieder. Dafür waren sie zu klein und zu viele eindeutig in Betrieb.
Wir mussten wieder abreisen, bevor wie das Rätsel um Suzdal lösen konnten.
Wir wanderten durch dieses Suzdal, drehten eine Runde, sahen uns alles an,
Am Morgen hatte uns die Hostelmutter gefragt, wie uns Vladimir gefallen würde. Mehr aus Höflichkeit habe ich geantwortet, es sei eine ganz nette Stadt. Sie zog nur ungläubig eine Augenbraue hoch und sagte nichts weiter dazu. Nun fragte sie uns, was wir den Tag über gemacht hätten und wir berichteten ihr, dass wir in Suzdal gewesen wären. „Oh Suzdal! Eine süße Stadt, nicht wahr?" Wir nickten beide eifrig und unterhielten uns mit ihr einige Zeit lang über Suzdal. Ihr letzter Satz fasste es zusammen. „Es reicht ein Tagestrip, aber es ist definitiv die Reise wert!"
Jochen Müller
Kommentare zu "Stipvisite in Vladimir und Suzdal."
Re: Ignorant

Auch nur ein Tagestrip. Aber definitiv die Reise wert...
Ich kann gar nich jedesmal ausdrücken wie schön es ist von der Couch aus, und dem gemütlichen heimischen Bett mit endlos Wolldecken, mit Euch um die Welt zu reisen. Danke fürs nach Suzdal fahren. Ich war gerne dort.
Und fasse schon mal den Lebensabend in so 'nem urigen Hüttsche ins Auge.
Hier die spitzen Karte [danke, Stan] bis Suzdal [darf ja nicht fehlen!]:
http://g.co/maps/vm49a
Re: Re: Ignorant
Was ist die Reise wert ? Kassel oder Baunatal ??? ;-)))
Suzdal sieht definitiv nach einem herrlich verträumten Städtchen aus; Danke für den Abstecher ! Durch das Örtchen würde ich trotz aller dann auftretenden Widrigkeiten liebend gerne mal im tiefen Winter schwadronieren ... *träum*
"Stipvisite in Vladimir und Suzdal." kommentieren

...ich finde, du unterschätzt Kassel. Schon immer. Außerdem kommst du nicht aus Kassel. Sondern aus Baunatal. Du solltest froh sein, dass das nicht weit von Kassel entfernt ist.