Hauptinhalt
12. Oktober 2011
St.Petersburg auf den zweiten Blick
Zunächst einmal fanden wir nach den beschaulichen mittelalterlichen (Klein-)Städten im Baltikum, hier eine wahre Metropole vor. Endlich eine Millionenstadt (knapp fünf), endlich vierspurige Straßen (in jede Richtung versteht sich), ein Verkehrsaufkommen, das einer Weltstadt würdig ist und eine entsprechende Geräuschkulisse: Hupen an jeder Ecke. Einen erstaunlichen Kontrast zum geschäftigen Treiben auf der Straße und dem Trottoir bildeten pittoreske Fassaden soweit das Auge reicht. Und nicht nur auf den Hauptstraßen. Auch beim Erkunden der „kleineren" Nebenstraßen (was der Russe halt „klein" nennt) war das Bild das gleiche: Prunkbauten zwischen Barock, Klassizismus und Jugendstil, die den unermesslichen Reichtum (und auch den Herrschaftsanspruch) der russischen Zaren in jeder Freske widerspiegelt.
Das Besondere am St. Petersburger Stadtbild ist, dass es zumindest in der Altstadt keine Häuser gibt, die mehr als fünf Stockwerke aufweisen. Denn gemäß einem Erlass von Peter dem Großen, durfte kein Bauwerk höher sein als der Winterpalast. Von einigen Kirchen einmal abgesehen.
Russische Längenmaße
Doch genug der Geschichtsstunde. Richten wir den Blick auf die Gegenwart. Wie bereits angedeutet, herrschen hier in St .Petersburg (und in Moskau wird es noch schlimmer) mal gänzlich andere Distanzen vor, als wir sie bisher gewohnt waren. „Die zwei Finger breit auf der Landkarte sind doch schnell gelaufen" - sprachs und wunderte sich über schmerzende Füße und brennende Schenkel am Abend. Eigentlich hätte man das ja spätestens seit Napoleon wissen müssen...
Während wir etwa die Altstadt von Tallinn in gut drei Stunden zur Gänze abgelaufen sind, haben uns die ersten Tage in St. Petersburg gelehrt, doch ruhig einmal die Metro zu nehmen. Diese fährt übrigens - einer Weltstadt nicht unbedingt würdig - gerade mal von 5.30h bis 0.30h. Laufen müssen wir also doch wieder. Ob zu Fuß oder mit der Metro (definitiv zu empfehlen!!!), es lohnt sich auf alle Fälle einmal den Stadtkern zu verlassen und etwa einen Ausflug zum Meer zu unternehmen. Durch den Primorskiy Park, eine Mischung aus klassischem Naherholungsgebiet und Disneyland für Arme (Die Schriftzüge an den Eingängen und den Fahrgeschäften sind sowas von geklaut und die Fahrgeschäfte nehmen sich auch etwas dezenter aus), gelangt man über die Baustelle eines neuen Stadions und einer Basketballarena an eine Landzunge, die einen herrlichen Blick auf den Finnischen Meerbusen eröffnet. Hier kann man den Großstadtlärm einmal hinter sich lassen. Wenn man denn den Baulärm erträgt...
Wo der St. Petersburger wohnt
Es ist kaum vorstellbar, dass in den beschriebenen, märchenhaften Straßenzügen tatsächlich Menschen wohnen. Zu prachtvoll und zu teuer muten diese - also die Straßenzüge, nicht die Menschen - an. Und doch: in den Nebenstraßen erspäht man tatsächlich Wohnraum hinter den verzierten Fassaden. Wir vermuten, dass hier die oberen 10.000 residieren. Zumindest wenn sie sich nicht gerade um ihren eigenen englischen Fußball-Club kümmern...
Überhaupt: Fragt man sich, wo der russische Geldadel sitzt, wenn er nicht gerade in Moskau weilt. In St. Petersburg findet man die Antwort. Luxuslimousinen vom Lexus über Benz, BMW und Audi bis hin zum Porsche (sehr beliebt hier) prägen das Straßenbild. Der eine oder andere klapprige Lada wirkt dazwischen wie ein (sympathisches) Relikt aus längst vergangenen Tagen.
Doch selbstverständlich wohnt der gemeine St. Petersburger nicht in der City, da sich hier die Mieten inzwischen längst auf einem aberwitzigen Niveau befinden. Bei der Fahrt mit einem der Vorstadtzüge entdeckten wir dann den Wohnraum der restlichen gut 4,99 Millionen Einwohner: Rings um St. Petersburg findet man Trabantenstädte, die einem architektonischen Alptraum entsprungen sind. Sozialistische Einheitsplatten bis zum Horizont, nur hier und da durchbrochen von einem überdimensionierten Supermarkt oder einem riesigen Hüttendorf, dass sich als Garagenanlage erwies. Nicht schön anzusehen, aber funktional. Hier kriegt man eine Menge Leute unter. Auch wenn diese Wohnanlagen nichts als Tristesse ausstrahlten, so war es doch irgendwie beeindruckend, da jede von ihnen größer war, als so manche deutsche Kleinstadt. Und bemerkenswert ist auch, dass man inmitten der Plattenbunker noch Kräne sieht - es wird also immer weiter in diesem Stile gebaut. Fragt sich nur wohin? Naja, vielleicht hat man ja irgendwo vergessen einen Spielplatz zuzubetonieren...
© Bergholter Und hier wohnt der Rest.Die russische Küche
Kehrt man dann nach einem Gewaltmarsch durch die Stadt oder die Außenbezirke abends erschöpft in das Hostel zurück, kann es schon einmal passieren, dass einem der Magen zwischen den Knöcheln hängt. Also auf in das nächste Restaurant. Dort angekommen fanden wir heraus, warum die russische Küche es bislang nicht schaffte, sich einen (guten) Ruf über die eigenen Landesgrenzen hinaus zu erarbeiten. Einzig das Preisniveau rangiert hier auf westeuropäischem Level. Die Portionen, die man für ein stattliches Bündel Rubel vorgesetzt bekommt, würden keinen Kosaken lange im Sattel halten.
Obwohl der Russe natürlich was am Suppentopf kann: Einen Napf Borschtsch und Soljanka sollte man hier schon probiert haben. Und ob Pelmeni oder Manty - auch die gefüllten Maultaschen russischer Prägung sind nicht schlecht. Trotzdem haben wir schon früh beschlossen, unsere Geldbörse (und unseren Magen) zu schonen und uns vermehrt selbst zu versorgen. Doch die Suche nach einem Supermarkt gestaltete sich - zumindest im Stadtzentrum - schwierig. Dafür fanden wir an quasi jeder Ecke mindestens einen winzigen 24-Stunden-Laden, in dem es von der Instantnudelsuppe über Kekse und Küchlein, Brot und eine ordentliche Auswahl an Aufschnitt bis hin zu Obst, Gemüse und selbstredend Getränken eigentlich alles gab. Besonders beliebt waren diese Shops in den Abendstunden, da hier die Passanten einen kurzen Einkehrschwung einlegten, um sich das obligatorische Wegbier oder eine Schachtel Zigaretten zu erstehen. Beides gehört dann auch zum Ausdruck russischer Lebensart. Doch diese ist einen eigenen Beitrag wert...
Peer Bergholter
Kommentare zu "St.Petersburg auf den zweiten Blick"
Re: Die neue Karte
von Jochen Müller
am 19.10.2011 um 21:26 Uhr

Danke für die Karte. Wie kriegst Du es denn hin, dass die Route auch für Russland angezeigt wird? Ich scheitere kläglich...
Liebe Grüße
"St.Petersburg auf den zweiten Blick" kommentieren

Schneller als ich mit dem lesen mitkomme reist ihr. Hier die neue Karte, mit dem Finger hinterher bevor ich alle Bilder gesehen habe.
http://g.co/maps/wwj4y
Grüssli