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9. Oktober 2011
St Petersburg. Ein erster Eindruck.
Nach Warschau und den baltischen Staaten merke ich, dass wir ein wenig voreilig waren mit dem Verteilen von Superlativen. Wir hätten uns etwas für St Petersburg aufheben sollen. Lassen Sie es mich so ausdrücken. Wenn Sie hierher kommen, ist es um einiges einfacher die hässlichen Häuser zu fotografieren, als die schönen. Sie sparen sich eine Menge Zeit und Mühe.
Wir liefen den ganzen Tag durch die Stadt. Von unserem Hostel am Ligovsky Prospect (das einen eigenen Beitrag wert ist) zum großen Prachtboulevard, dem Nevsky Prospect, bis zum Fluss, der Neva. Die dort gelegene Winterresidenz der alten Zaren sahen wir zum Glück nur von außen. Die darin befindliche Eremitage, die die zweitgrößte Kunstausstellung der Welt, nach dem Louvre in Paris, beherbergt, ließen wir glücklicherweise aus. Man muss sparsam mit den Sinneseindrücken sein, sonst kommt der Neokortex mit dem Filtern nicht mehr nach. Und glauben Sie mir, in St Petersburg ist das nicht unwichtig.
Wir liefen über die Troitskaya Brücke in Richtung Petrograd, schauten uns die Peter und Paul Festung an und gingen von da aus über die sich in zwei Arme aufspaltende Neva wieder zurück, den Nevsky und Ligovsky Prospect entlang zum Hostel. In der ganzen Zeit, auf der gesamten Strecke, sah ich nur ein Haus, das keinen offenen Mund wert war. Nur eines. Natürlich gleich gegenüber unseres Hostels. Alle anderen, völlig gleichgültig ob auf den Straßen die wir beschritten oder in den Seitenstraßen, die wir hineinblicken konnten. Ein Prunkbau neben dem anderen.
Mir fehlen die Worte um das zu beschreiben. Im englischen spricht man von „overdecorated", also überdekoriert, das will mir am besten passen. Kitsch, Prunk, Protz, das passt nicht richtig. Es ist klassisch, es ist barock, sicher ist es bisweilen ein wenig arg. Aber es ist nie zu viel, es erdrückt einen nicht. Was auch daran liegen mag, dass die Straßen, die wir entlang schritten, alle ungefähr doppelt so breit waren die der Kurfürstendamm oder Unter den Linden in Berlin.
Wir gingen durch diese Stadt, während in meinem Kopf eine Frage auftauchte, für die wir bisher noch keine Antwort finden konnten. Was passiert in diesen Häusern? Nein, ich korrigiere, das sind keine Häuser, das sind Paläste. Allesamt. Sie sind schlicht und einfach zu groß, als dass darin Menschen wohnen könnten. So viel Reichtum kann es auch in St Petersburg nicht geben. Es kann aber nicht alles Museum oder Bank oder Versicherung sein. Wer sonst allerdings sollte sich das leisten können? Es ist irrwitzig.
Vor dreihundert Jahren wurde die Stadt auf des Zaren Geheiß aus dem sumpfigen Boden gestampft. Kurz darauf legte Peter sie als Hauptstadt seines Reiches fest, und wiederum kurz darauf passierten 90% aller Handelsgüter die Tore von St Petersburg. Wo der zur Schau gestellte Reichtum herkommt, mag einleuchten. Hier verewigte sich alles, was architektonischen Rang und Namen hatte. Wo auch immer man in die Fenster blicken kann, erspäht das Auge des Betrachters schlossgleiches Interieur. Die Stuckdecken Berliner Altbauten erscheinen dagegen wie Omas Spritzgebäck gegen eine Schwarzwälder Kirschtorte. Wohl eher eine Konditorei voller Torten, denn wir gingen alles in allem knappe 20-25 Kilometer durch St Petersburg, gingen kaum eine Straße doppelt und sahen kaum etwas anderes als Paläste. Und haben doch nur einen Bruchteil der Stadt gesehen.
Danach war es eine Art inneres Auflehnen gegen den visuellen Overkill, in einem etwas heruntergekommenen Imbiss Kebab und Dosenbier zu uns zu nehmen. Wir sind Nordhessen, wir sind den Überfluss nicht gewohnt.
Gut, dass wir uns für diese Stadt eine Woche Zeit nehmen. Alles andere wäre völlig verrückt.
Jochen Müller
Kommentare zu "St Petersburg. Ein erster Eindruck."
St Petersburg
Habe mir im Internet Schloß Peterhof angeschaut und konnte nur staunen mit offenem Mund.Eine unglaubliche Pracht.
Kullerkeks
Freue mich riesig und wie genanntes Süssgebäck aus der Betreffzeile über diesen blog. Meine "cities you have to see before you die"-Liste wird immer länger. Bin schon gespannt auf das extra-Kapitel zum hostel ;-)
ich freu mich....
...immer mehr auf meine eigene Abreise im April. Erste Station: St.Petersburg, danach: ein Jahr rund um die Welt. Werde hier hoffentlich einiges an Inspiration und Ideen finden.
Eremitage
Bei mir ist es 20 Jahre her, dass wir in Petersburg waren, und ich denke, es liegt nicht an meinem schlechten Gedächtnis, dass ich mich fast nur noch an die Eremitage und einzelne Eindrücke erinnere. Einzelne Bilder. Einzelne Räume. Anekdoten des Reiseführes. Nur nicht verpassen....
St Pete
Diese Stadt ist wirklich eine Perle im Norden! Ich arbeite seit April 2011 dort während der Woche und habe schon viel von der Stadt gesehen.
Man darf aber nicht nur die touristischen Pfade gehen. Einfach mal vom Nevsky abbiegen und sich etwas in die Nebenstraßen begeben. Dort sieht man wie man in dieser Stadt wohnt und es gibt viele Ecken, dort kommt kein Tourist hin (die sind eben deswegen auch sicherer), da erlebt man Russland "normal". Überhaupt wohnt der größte Teil der 4,5 Millionen Bürger in riesigen Wohntürmen in den Vororten. Deren Autos (soweit sich das der Einzelne leisten kann) stehen in kleinen Blechboxen zu Hunderten auf kleiner Fläche entlang der Bahnlinien oder Stadtautobahnen.
Diese Stadt scheint überwiegend von jungen Leuten bevölkert. Die Gehwege sind jedenfalls vollgepackt mit Menschen, die zur nächsten Bushaltestelle oder Metro eilen. Die Straßen leider auch oft völlig mit Autos verstopft.
Winterpalast und Peter und Paul Insel sind natürlich bei Sonnenschein eine Augenweide, Issac Kathedrale und Blutskirche ein Muss. Wenn man es etwas ruhiger haben will, die Friedhöfe (Zarenfamilie, etc.), das Kloster mit dazugehöriger Kirche mit kleinem Park am Platz Aleksandra Nevskogo (beim Hotel Moskau).
Essen kann man in vielen guten Restaurants (nicht gerade billig), aber auch die westlichen Fast Food Ketten sind nun überall vorhanden. Zum Glück gibt es aber auch viele kleine russische Imbisse. Und im Halbparterre vieler Häuser entdeckt man alle 50 - 100 m einen kleinen Lebensmittelladen.
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Hat mich vor fast 50 Jahren genauso umgehauen, kann alles bestätigen, diese Stadt ist einfach nur ein Traum. Bleibt recht lange, denn nur so kann man sie richtig lieben lernen. Bin weiter gespannt wie ein Flitzebogen. Super, schöne Zeit!