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22. Oktober 2011
Moskau in anderem Lichte
Zugegeben, kommt man vom wunderschönen St. Petersburg nach Moskau, ereilt einen gelinde gesagt ein Kulturschock. Hier Glanz und Gloria der Zarenzeit mit viel Zuckerguss filigran in Marmor graviert, dort der globale Herrschaftsanspruch kommunistischer Ideologie mit Hammer und Sichel in monolithischen Fels gehauen. Trotzdem ist Moskau eine der, wenn nicht gar die größte Metropole Europas, die auf alle Fälle einen zweiten Blick verdient hat.
Metropole Moskau
Sicherlich ist die Diskrepanz zwischen den „Neuen Russen" (also den Neureichen) und denen, die beim Systemwechsel auf der Strecke geblieben sind, nirgends so sichtbar wie in Moskau. Hier geht die Schere am weitesten auseinander. Hier gibt es nur die Extreme. Doch so ist es eben in einer Metropole. Arm und Reich sind hier am dichtesten bei einander. Wer etwa das Paris der Szenegänger und Touristen verlässt, wird in den Banlieus ähnliche Bilder sehen. Gleiches gilt für die Vororte Roms oder Madrids sowie das New York außerhalb der glitzernden Insel Manhattan. Es sind stets die gleichen Phänomene: Hier die Scheinwelt für den einheimischen Geldadel und Touristen, dort der graue Alltag der Normalbevölkerung. Im Gegensatz zu anderen Großstädten empfand ich die öffentlich zur Schau gestellte Armut und das Elend noch als vergleichsweise harmlos (ganz im Gegensatz zum zur Schau gestellten Reichtum!). Man wird nicht von aggressiven Bettlern behelligt, die Betrunkenen liegen hier nicht in viel größerer Stückzahl herum als in anderen Weltstädten, wir sahen keine marodierenden Jugendbanden, fanden auch nicht die örtliche Junkie-Szene und die gesamte Atmosphäre auf den Straßen und in den Metros ist weniger hektisch als andernorts. Was allerdings auffällt, ist, dass man aus dem Moskauer Zentrum nicht erst in die Randbezirke herausfahren muss, um einen ersten Eindruck vom Elend zu gewinnen. Dennoch ist Moskau recht sauber. Alle paar Meter findet man einen Mülleimer. Und dazwischen sieht man immer wieder Straßenkehrer. Das allein ist noch kein Alleinstellungsmerkmal, doch die Besonderheit ist, dass die Mülleimer auch genutzt werden. Zum Teil allerdings auch als Aschenbecher, weshalb man es hier und da aus den steinernen Behältern ordentlich qualmen sieht.
Die Sicherheitskräfte, die zumindest im Zentrum ungemein präsent sind, sehen zwar martialisch aus, tragen aber außer einem Knüppel keine sichtbaren Waffen. So etwas kennt man höchstens noch aus London. Und auch wenn die muskelbewehrten Stiernacken in ihrem Drillich einschüchternd wirken mögen, so fühle ich mich doch wohler beim Blick in ein grimmiges, kantiges Gesicht, als bei dem in die Mündung einer Maschinenpistole.
Vom Mittelalter über Sowjetnostalgie bis ins neue Jahrtausend
Hinzu kommt die Vielzahl goldener Zwiebeltürme, die wie auch der Kreml, Zeugen einer noch älteren Historie sind. Hier sind die Spuren des Mittelalters erkennbar, als Moskau sich zur Hauptstadt des russischen Reiches erhob. Eine weitere Facette stellt das Arbat-Viertel unweit des Kremls dar. Das Quartier besteht seit dem 15. Jahrhundert und ist einer der ältesten Stadteile Moskaus. Die vielen historischen Gebäude des späteren Künstler- und Intellektuellenviertels machen Arbat zu einem der Szene- und Touristenviertel Moskaus. Einen bemerkenswerten Kontrast dazu bilden die Kolosse aus Stahl und Glas, die wie die mächtigen Boten eines neuen Zeitalters am Horizont das heterogene Stadtbild abrunden.
Moskau ist vielschichtig, Moskau ist bunt, Moskau ist vielfältig. Und diese Vielfalt findet ihren Ausdruck sowohl in der Bevölkerung, als auch in der Architektur.
Kulturelle Exkursion. Leider entfallen.
© Bergholter Kulturtempel: Das Bolschoj-Theater.Unser größtes Kunstprojekt in Moskau bestand in der Besichtigung der Metrostationen. Aber die „Unterwelt" Moskaus ist einen eigenen Beitrag wert.
Alles in allem lässt sich festhalten, dass Moskau definitiv einiges zu bieten hat. Die Stadt besticht nicht durch Schönheit, sondern überwältigt einen durch ungeheure Größe, Imposanz und einen gewissen spröden Charme.
Peer Bergholter
Kommentare zu "Moskau in anderem Lichte"
Re: 'Moskau
von Peer Bergholter
am 23.10.2011 um 12:53 Uhr

Hallo B.B.!
Die Ergänzung über Moskau erschien angebracht, denn so eintönig grau ist die Stadt tatsächlich nicht. Persönliche Kontakte ergaben sich leider kaum, da wir in unserem Hostel zumeist auf Russen trafen, die in Moskau arbeiteten und im Hostel wohnten, da sich inzwischen tatsächlich niemand mehr die Mieten in zentraler Lage leisten kann. Doch von einem Deutschen, der hier studierte, erfuhren wir einiges über Stadt, Leute und Lebensart, was unser dargestelltes, heterogenes Bild von Moskau manifestierte. Dennoch waren wir nach knapp einer Woche nicht böse, weiterreisen zu können.
Gruß Peer
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Danke für die behutsame Korrektur des ersten - abstoßenden Eindrucks vor einigen Tagen- Moskau ist spröde- keine Frage - aber inzwischen eine Weltstadt von internationalem - insbesondere deutschem - Interesse.
Persönliche Begegnungen von euch wären in diesem Zusammenhang von hohem Interessenswert