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19. Oktober 2011

Moskau. Danke, reicht.


Was kennt man von Moskau? Kreml, Roter Platz, Basilius Kathedrale, Gorki Park, die Duma, das Bolschoj Theater, die Metro. Vielleicht noch das GUM Kaufhaus. Das war es dann aber auch. Das Traurige ist, dass das stimmt. Das war es wirklich. Moskau lässt sich an einem Tag abarbeiten. Der Rest ist Elend. Aber davon gibt es genug. 

RoterPlatz.JPG© Jochen Müller Der Rote Platz. Rechts der Kreml, links das GUM. In der MItte, das was wirklich zählt. Die Show.

Der Kreml ist da, groß und mächtig, eindrucksvoll und abweisend. Dem Besucher die ausgestreckte Hand entgegenstreckend, ein allgemeingültiges „njet" aussprechend, ohne sich gleich welche Argumente angehört zu haben.
Basilius Kathedrale.JPG© Jochen Müller Die Basilius Kathedrale
Davor der rote Platz, kleiner als erwartet, aber trotz vieler Gerüste zu bekannt, zu geschichtsträchtig um nicht Eindruck zu erwecken. Die Basilius Kathedrale. Natürlich. In jedem Fernsehbericht aus Moskau zu sehen. Als gäbe es nichts anderes, was man im Hintergrund zeigen könnte, um einen Menschen auf den Gedanken zu bringen, dass hier ein Korrespondent aus Moskau berichtet. Vielleicht ist das auch so.
GorkiPark.JPG© Jochen Müller Gorki Park. Der Lack ist ab.
Der Rest ist gleichmäßig grau und fahl. Die Bilder zu betrachten macht traurig. Die Worte, die diese Stadt beschreiben, schmecken bitter im Mund. Was gibt es noch? Den Gorki Park? Ja, asphaltierte Pfade werden von etwas grün eingerahmt. Wäre es umgekehrt, der Name Park wäre wenigstens kein Euphemismus. Die Metro? Oh ja, sie ist imposant. Effizient. Günstig. Schnell. Von 5:30 morgens bis ein Uhr nachts. Von Frühschicht bis Spätschicht. Die Metro sorgt dafür, dass jeder zur Arbeit kommt und wieder heim. Mehr nicht. Für das Vergnügen ist sie nicht zuständig. Dazu gibt es Vodka. Die prächtigen Bahnhöfe, die einen denken machen, man wäre in einer Schlosshalle, sie sind weniger zahlreich als gedacht. Doch sie sind da, zweifelsohne. Prachtvoll. Es stehen genug Wachen rum, um sie vor Schaden zu schützen. Nicht jedoch die in der Ecke liegenden Opfer. Für die sind die Wachen nicht zuständig. Man fühlt sich nicht wohl in diesen Hallen, dafür ist man zu beobachtet. Mürrisch, warnend, abschätzig beobachtet. Man eilt weiter, klappt den Kragen hoch und versucht nicht gesehen zu werden, von diesen zu vielen Augen. Die Duma? Das Stein gewordene „Njet!". Und genauso sieht sie auch aus. Das Foto schoss ich so heimlich wie möglich. Zu viele Menschen interessieren sich für einen, der mit einem Fotoapparat vor diesem Gebäude steht. Daneben das Bolschoj Theater. Prächtig, kein Zweifel, der Vorplatz bietet ein wenig Luft zum Atmen. Doch dann beginnt es zu regnen. Die Verschnaufpause ist uns nicht vergönnt.

 
Wohnblock.jpg© Jochen Müller Moskau. Zu viele Menschen auf zu wenig Raum.

Moskau. Was ist das? Wer wohnt hier? Zehn Millionen Menschen. Wie sie das fertig bringen, bleibt mir ein Rätsel. Früher wohnte hier „der Russe". Dieser eine. Der gleichzeitig bei uns vor der Tür stand. Heute wohnt hier das Elend. Gleich nebenan das Geld. Models, in Pelz gehüllt, an der Hand garstig aussehender Zuchtbullen mit teilweise tätowierten Glatzen.
Besoffener.JPG© Jochen Müller Nicht weiter wichtig.
 Überall Luxuslimousinen mit Blaulicht, samt und sonders mit abgedunkelten Scheiben. Stretchlimousinen, Polizisten in Kampfmontur und einiges an Militär. In den Ecken sieht man den Rest. Die 99%, die sich nicht gut genug verstecken können und leider doch gesehen werden. Zahnlose Männer, die etliche Jahre älter aussehen, als sie sind, doch sicher noch keine 50 Jahre alt, mit geflickten Kleidern und zerfallenen Schuhen. In einer Unterführung liegt ein Betrunkener mitten im Weg und versucht gar nicht erst aufzustehen. Keiner nimmt von ihm Notiz.
MetroBullen.JPG© Jochen Müller Sie sorgen für Ruhe. Nicht für Ordnung.
Die Leute steigen über ihn hinweg, als wäre er eine Bananenschale auf der keiner ausrutschen will. Vor dem Ausgang eine graue Mamuschka, die Hand unter dem gekrümmten Leib hervorgestreckt, sich selber wiegend und dabei eine Litanei rezitierend, die keiner außer ihr und ihrem Schöpfer interessiert. Die Models und Stiernacken sowieso nicht. Sie scheinen einen Filter vor den Augen zu haben, der Störendes beseitigt. Was sie nicht sehen, das gibt es nicht. Moskau kann so schön sein. Im GUM sind sie unter sich, hier wird der Pelz geöffnet und die Pracht und die Herrlichkeit gezeigt. Für Ewigkeit interessiert sich hier keiner. Das Amen gibt es gegenüber. Im Kreml wird immer noch Weltpolitik gemacht, so heißt es zumindest. Dass die wirkliche Macht in Händen der Männer im Fond der Luxuslimousinen liegt, weiß jeder, der noch ein funktionierendes Auge hat, mit dem er sehen kann. Die Blaulichter kann man sich für 10.000 Euro kaufen, die Vorfahrt, die sich daraus ergibt, erstreckt sich nicht nur auf den Straßenverkehr. Sie ist so absolut wie der Herrschaftsanspruch.

Lenin.JPG© Jochen Müller Hier liegt Lenin begraben. Seine Idee. Nicht sein Leichnam.


Die ausgemergelten Gesichter der Normalbürger in der Metro und auf den Straßen wirken gehetzt vom Bestreben mitzuhalten. In New York haben die Leute zwei Jobs um zu überleben. Hier eher drei bis vier. Der deutsche Student, den wir trafen, hat eineinhalb Stunden Anfahrtsweg. Nicht zur Uni, sondern zur ersten Metrostation. Die Uni ist eine weitere Stunde entfernt. Aber er kann sich selbst diese weit entfernte Unterkunft kaum leisten und empfiehlt uns Fischkonserven als bezahlbares und nahrhaftes Lebensmittel. Und Pommes Frittes bei Mc Donalds, weil sie frisch und warm seien.
Vodka.jpg© Jochen Müller Kein Kommentar
Das Öl würde wirklich gewechselt, Mc Donalds sei sauber. Man kann sich da ein wenig aufwärmen, und es ist halbwegs bezahlbar. Bloß keine Wurst im Supermarkt kaufen! Vier Scheiben Schinken, nett auf mehr Styropor angerichtet als der Inhalt wiegt, kosten immerhin vier Euro. Doch die Farbe von Wurst und Schinken lädt ohnehin nicht zum Kauf ein. Nie zuvor sah ich graue Wurst. Hier gibt es kaum etwas anderes. Die Preise sind Wahnwitz. Um einiges höher als bei uns. Die Mieten der reine Irrsinn. Und das bei einem monatlichen Durchschnittslohn von knapp 500 Euro. Für ganz Moskau. Wirklich günstig sind lediglich Zigaretten und Vodka. Beides findet rasenden Absatz. Das Röcheln der Leute in den Straßen ist herzerweichend, der Blick meist glasig. Die überwiegende Mehrheit der Menschen wirkt resigniert, hoffnungslos oder abgestumpft. Oder sturzbetrunken. Meistens alles gleichzeitig.


Diese Stadt wirkt selbst bei Sonnenschein grau, nicht einmal die prächtigen Kuppeln der Basilius Kathedrale können ihre Farbe zur Geltung bringen. Der rote Platz ist anthrazitfarben. Und in Gänze in Gerüst gehüllt. Für eine Lichtshow. Nicht mal in Lenins Mausoleum kommt man, um sich die Puppe Lenins anzusehen, die noch immer manche für seinen Leichnam halten. Wenn man genug Geld hat, kann man freilich im Restaurant direkt unter dem Mausoleum einen Happen Essen. Der Zugang dazu ist immer offen, für die, die es sich leisten können und wissen wo er ist.

GUMinnen.JPG© Jochen MüllerDas GUM Kaufhaus. Edel neben Elend.

GUMaussen.JPG© Jochen MüllerDas GUM von außen. Incl Porsche Roadshow.
 



 















Ab fünf wird der Platz großräumig abgesperrt. Durch in Kampfmontur gehüllte Polizisten. Und Militär. Wer im Weg ist, und nicht gleich als Tourist erkennbar, wird grob entfernt, vor sich hergetrieben wie Vieh. Durch die Zäune fahren ein paar Mercedes, BMWs und Bentleys, davor steht die Flotte der Porsche Roadshow. Ein Junge will sich von seiner Mutter vor den aufgereihten Prachtkarossen fotografieren lassen, unter den wachsamen Blicken einer halben Tonne Muskeln mit Knopf im Ohr. Die Mutter will ihm den Gefallen tun. Sie scheint in Eile zu sein, sie fotografiert hastig, dann zieht sie ihren Sohn am Ärmel weg von den Absperrungen.
Die Menschen beschleunigen ihre Schritte, wann immer diese Muskeln in der Nähe sind, der Blick zum Boden gewandt, die Schultern hochgezogen. Ein Hauch von Furcht liegt über der Stadt. Erst wenn die Flasche halb leer ist, kann sie abgelegt werden, dann hebt sich der Kopf. Wenn der Blick trübe genug ist, um deutlich zu machen, dass nichts, was mit diesen Augen gesehen wird, hängen bleiben wird. Anders kann man nicht erhobenen Hauptes durch Moskaus Straßen gehen.

Duma.JPG© Jochen MüllerDie Duma sagt: NJET!
Blaulicht.JPG© Jochen Müller Reich hat Vorfahrt.
 

Nachts, wenn in St Petersburg die Pracht der Stadt zur vollen Geltung kommt, ändert sich in Moskau nicht viel. Es wird dunkler, es wird kälter, die Menschen weniger und noch betrunkener. Die Pracht bleibt weiter unter sich und eingezäunt, das Elend leidet still zu dessen Füßen.
Eine Bar, die uns als günstig empfohlen wurde, hat Preise, die mich an New York erinnern, als ich mir etwas gönnen wollte. Im Taxi können wir den Preis herunterhandeln, dafür setzt uns der Fahrer nach der Hälfte der Strecke ab und weigert sich weiter zu fahren. Wir sind ihm nicht mal böse, beinahe hätten wir ihm noch Trinkgeld dazu gegeben, er kann es sicher brauchen.
Der folgende Nachtspaziergang an der Moskwa entlang, er hätte schön sein können. Direkt an der Ufermauer, den Kreml langsam hinter sich lassend, vor einer Reihe theoretisch eindrucksvoller Gebäude entlang. Doch da waren sie wieder. Die rasend teuren und rasend schnellen Karren mit Blaulicht, daneben die an den Rand gedrängten baufälligen und röchelnden Ladas. Im Schatten eines Baums auf einer kleinen Grünfläche sieht man etwas Menschliches liegen. Natürlich kümmert sich niemand darum. Nirgendwo in Moskau ist es hell genug, um das Elend zu sehen. Tag wie Nacht.

 

Jochen Müller
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Kommentare zu "Moskau. Danke, reicht."

Moskau [antworten]

von Hans-Joachim am 20.10.2011 um 10:59 Uhr

Moskau ist also keine Reise wert,aber hoffentlich das weitere unendliche Land was allerdings im Sommer sicher noch interessanter wäre.
Weiter viel Spaß und paßt auf Euch auf.Woka sollten passionierte Biertrinker meiden.


Moskau [antworten]

von Gisi Müller am 20.10.2011 um 11:46 Uhr

Hat sich nichts geändert, war vor fast 50 Jahren genau das gleiche Gefühl. Auf gehts! Viel Glück!


Moskau [antworten]

von Andreas Meier am 20.10.2011 um 21:16 Uhr

Klingt doch gar nicht so schlecht. Ich kann über Moskau eigentlich nichts negatives sagen … Aber alles kann sich ändern


Moskau. Danke, reicht. [antworten]

von moncler jacken am 24.10.2011 um 05:09 Uhr

Es lohnt sich, diesen Artikel, thanks for sharing diese Informationen zu lesen. Mit diesem Artikel, den Sie bot mir bekam eine Chance, das wissen sowieso i Große Artikel sagen! und wartet bis zum nächsten Artikel über dieses interessante Thema.


Moskau. Danke, reicht. [antworten]

von ugg boots am 24.10.2011 um 05:12 Uhr

WellThanks für den Austausch, habe ich diesen Artikel mögen, werde ich sehen, beim nächsten Mal, auf der Suche nach Ihrem nächsten Artikel.


[antworten]

von Juergen am 25.10.2011 um 09:11 Uhr

Also, ich bin gerade auf diesen block gestossen und muss dann doch mal sagen/schreiben, dass hier ein völlig falsches Bild der Stadt gezeichnet wird.
Sicher, die Schönheit Moskaus erschließt sich nicht immer auf den ersten Blick und manchmal auch nicht auf den zweiten. Allerdings braucht es auch mehr als eine Woche, um sich dem Leben und Treiben, also dem wahren Moskau zu öffnen.
Ich habe zwei Jahre dort gewohnt und muss sagen, dass es hier nicht mehr Schein und Schau gibt, als in anderen Metropolen und gerade die Gegensätze zwischen drei Epochen, Zarismus, Sozialismus und Moderne, machen Moskau für mich zu einer besonderen Stadt.


Re: [antworten]

von Jochen Müller am 26.10.2011 um 16:22 Uhr

jmueller

Natürlich hat jede Stadt ihre hübschen wie hässlichen Seiten. Und wenn man erst eine Weile in einer Stadt verbringt, lange genug um ihre Geheimnisse und Besonderheiten zu entdecken, dann kann man sich sicher überall auf der Welt wohl fühlen. Meistens passiert das mit netten Menschen ganz von allein. Und davon gibt es in Russland einige. Soviel ist sicher.


[antworten]

von monster beats am 29.12.2011 um 06:45 Uhr

Also, ich bin gerade auf diesen block gestossen und muss dann doch mal sagen/schreiben, dass hier ein völlig falsches Bild der Stadt gezeichnet wird.
Sicher, die Schönheit Moskaus erschließt sich nicht immer auf den ersten Blick und manchmal auch nicht auf den zweiten. Allerdings braucht es auch mehr als eine Woche, um sich dem Leben und Treiben, also dem wahren Moskau zu öffnen.
Ich habe zwei Jahre dort gewohnt und muss sagen, dass es hier nicht mehr Schein und Schau gibt, als in anderen Metropolen und gerade die Gegensätze zwischen drei Epochen, Zarismus, Sozialismus und Moderne, machen Moskau für mich zu einer besonderen Stadt.


[antworten]

von Burberry schal am 29.12.2011 um 06:46 Uhr

WellThanks für den Austausch, habe ich diesen Artikel mögen, werde ich sehen, beim nächsten Mal, auf der Suche nach Ihrem nächsten Artikel.


[antworten]

von UGG BOOTS SCHWEIZ am 29.12.2011 um 06:47 Uhr

Natürlich hat jede Stadt ihre hübschen wie hässlichen Seiten. Und wenn man erst eine Weile in einer Stadt verbringt, lange genug um ihre Geheimnisse und Besonderheiten zu entdecken, dann kann man sich sicher überall auf der Welt wohl fühlen. Meistens passiert das mit netten Menschen ganz von allein. Und davon gibt es in Russland einige. Soviel ist sicher.



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