Hauptinhalt
26. Oktober 2011
Ein kurzer Flirt
Ungastlich? Richtig. Denn in der gesamten Stadt gibt es nicht ein einziges Hostel oder erschwingliches Hotel, das uns erlaubt hätte, ein unseren monetären Vorstellungen entsprechendes Quartier zu beziehen. Zwar gingen wir mehreren Empfehlungen nach, doch entweder hieß es „Tut uns leid, keine Betten für Touristen, nur für Russen" oder schlicht „sorry, nix frei." Richtig günstig wäre es ohnehin nicht geworden. So kam es, dass wir nach dem letzten Strohhalm griffen und uns - obwohl dem Studentenalter längst entwachsen - in den Räumlichkeiten der linguistischen Fakultät der hiesigen Uni einquartierten. Uni - klingt gut. Ein Bett im Schlafsaal? Fehlanzeige, ausgebucht. Was gibt's hier sonst noch? Special VIP-Apartments! Oha, klingt auch nicht schlecht. Doch mehr aus Mangel an Alternativen wurden die VIP-Quartiere im Handumdrehen gebucht und nichts wie hin da. Das Auffinden der Fakultät und des angegliederten - ja, was war es eigentlich? Studentenwohnheim? Hostel? Apartmenthaus? Wir haben es nicht wirklich in Erfahrung bringen können. Wohl etwas von allem, da wir offensichtlich nicht die einzigen Nicht-Studenten im Hause waren. Eine Andeutung der Rezeptionistin, manche Gäste würden auch nur einige Stunden bleiben, legte eine weitere Vermutung nah. Wir haben aber auch das nicht verifizieren können. Oder wollen.
Jedenfalls gestaltete sich das Auffinden unserer Herberge etwas schwierig, da wir - von Gebäude zu Gebäude geschickt - wohl den halben Campus absuchten. Endlich angekommen, erwartete uns in der Tat ein VIP-Apartment. Zumindest für studentische Verhältnisse. Dieser innenarchitektonische Alptraum aus Eiche rustikal geschnitzt, bot uns immerhin zwei Räume - ein Schlaf- und ein Wohnzimmer samt Fernseher (siehe dazu den Exkurs) und Schlafsofa, eigenes Bad und eine schöne Aussicht aus dem neunten Stock eines ansonsten ziemlich gesichtslosen Wohnblocks. Nach ungezählten Nächten in überfüllten Dorms entschieden wir uns für getrennte Schlafzimmer. Welch ungewohnter aber willkommener Luxus! Allerdings ließ sich die Fakultät diesen Luxus vergolden: Bei der Vorkasse wurde der zuvor aufgerufene Preis doch um einige hundert Rubel überboten, so dass wir letztlich in der Kategorie eines ordentlichen Mittelklassehotels lagen. Sei's drum. So kommt das Geld wenigstens der Uni zu Gute und wird nicht von nichtsnutzigen, publicity-geilen Hotelerben verprasst...
Aufgrund der aufgerufenen Preise und in Ermangelung anderer Optionen, beschlossen wir, unseren Aufenthalt in Nizhny Novgorod auf lediglich zwei Tage zu beschränken. Schweren Herzens wohlgemerkt, denn was wir in der knapp bemessenen Zeit von der Stadt sahen, hat uns von den Socken gehauen: Ein einladendes Altstadtquartier mit einer prächtigen Fußgängerzone, die von wunderschönen Jugendstilfassaden eingefasst ist.
Und auch die sonntägliche Stadtbegehung bestätigte uns in unserer ersten Einschätzung: Hier lässt es sich aushalten! Obwohl es im Sommer wahrscheinlich noch etwas schöner ist. Denn wir erwischten klassisches russisches Schmuddelwetter: Kälte, Wind und ununterbrochener Nieselregen. Das zermürbt irgendwann selbst den euphorischsten Touristen. So konnten wir leider auch nur erahnen, welches Panorama sich vom Kreml und der umliegenden Promenade aus, auf den Zusammenfluss von Oka und Wolga sonst bietet. Uns war die Sicht durch Regen- und Nebelschleier getrübt. Und doch war es ein erhabenes Gefühl, an exponierter Stelle über den beiden gewaltigen Strömen zu stehen und den Blick schweifen zu lassen. Spätestens hier bereuten wir, nicht einen Monat früher losgekommen zu sein und das Ganze in ordentliches Sonnenlicht getaucht erleben zu dürfen. Einfach nur Schade. Was eine schöne Romanze hätte werde können, blieb lediglich ein kurzer Flirt.
Was bleibt von Nizhny Novgorod? Ein vernebelter Eindruck, eine vage Vorstellung von dem was uns da entging und die Gewissheit, dass die jeweiligen Gegebenheiten vor Ort den weiteren Verlauf dieser Reise bestimmen, dem wir uns unterordnen. Und dieser weitere Verlauf sieht nun die nächste nächtliche Zugfahrt nach Kasan vor. Dort, in der tatarischen Hauptstadt, nähern wir uns dann dem Rande Europas. Den Ural und Asien fest im Blick...
Peer Bergholter
Kommentare zu "Ein kurzer Flirt"
"Ein kurzer Flirt" kommentieren


..bleibt ein kurzer Flirt nachhaltiger im Gedächtnis als eine lange, zähe Beziehung. So tragt ihr, abgesehen vom Wetter, nur die schönen Erinnerungen mit Euch herum.
Frohe Weiterreise.