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25. Januar 2012
China, mein Fazit (Peer)
Zunächst einmal bleiben viele, fast ausnahmslos positive Erinnerungen und überwältigende Eindrücke. Wir haben 15 Städte bereist, auch wenn es bisweilen nur kurze Stippvisiten waren. Jede dieser Städte hat ihr eigenes Flair, hat schöne und weniger schöne Ecken. Wie wohl jede Stadt in jedem Land, weshalb ich mich nicht auf einen Favoriten festlegen möchte. Wir haben die Kulturschätze und Naturwunder des Reiches der Mitte - zumindest die, die wir auf unserem Weg sahen - hinlänglich beschrieben, so dass ich mich auch hier nicht wiederholen möchte. Natürlich gehören die Große Mauer, die Verbotene Stadt oder die Terrakotta-Armee zu den Dingen, die man gesehen haben muss. Diese Orte waren zweifellos beeindruckend, was mein Bild von China aber wirklich prägte, waren andere Dinge.
Nette Leute
Vor allen Dingen waren es die Chinesen selbst. Neugierig aber nie aufdringlich, freundlich, herzlich und hilfsbereit. Und sie schienen ehrlich an einem interessiert zu sein, auch wenn sich das Interesse darauf beschränkte, gemeinsam mit uns für ein Foto zu posieren. Trotz aller Sprachbarrieren gelang es uns doch immer wieder, uns irgendwie zu verständigen. Und wenn dies einmal nicht klappte, so luden wir die Chinesen kurzerhand zum Kartenspiel ein, was allen Beteiligten großen Spaß bereitete. Ferner versuchte man uns stets zu helfen, wenn wir nicht weiter wussten. Das ging bisweilen soweit, dass eine Frau mit uns einem Bus nachrannte, nur um dem Fahrer klar zu machen, wo er uns absetzen sollte. Zwar hatten wir dies nach halbstündiger, mehr gesten- als wortreicher Debatte bereits selbst herausgefunden, doch erscheint mir diese Szene einfach typisch. Typisch war auch, dass uns Dinge (Wertsachen!), die wir zum Beispiel im Restaurant liegen ließen, wie selbstverständlich hinterher getragen wurden. Überhaupt empfand ich die Chinesen als äußerst ehrlich und aufrichtig. Spätestens nach zwei Wochen verzichtete ich darauf, das Wechselgeld zu zählen. Es stimmte einfach immer. Ein schönes und bis dahin völlig unbekanntes Gefühl in einem fremden Land, seinem Gegenüber einfach vertrauen zu können.
Chinesischer Lifestyle
Und wie die Chinesen, so ihr Lifestyle. Das Leben findet öffentlich statt. Auf der Straße, in kleinen Restaurants oder in Parks. Es waren die offenen Türen, die jedermann den Blick in die Wohnräume freigaben und es war ebenso die Lebensfreude, die zumeist in der Lautstärke ihren Ausdruck fand. Sei es beim Tischgespräch oder beim Karten- oder Mahjong-Spiel im Park. Wenn es nicht laut zugeht, scheint es Chinesen keinen Spaß zu machen. Zunächst etwas befremdlich, doch zunehmend sympathischer erschien mir diese Form der Geselligkeit.
Gaumenfreuden
Ja, ich weiß. Wir erwähnten es bereits. Daher fasse ich mich kurz. Oft für Überraschungen gut (in wenigen Einzelfällen auch negativ), war die chinesische Küche ein Erlebnis. Auch wenn man in China um nahezu alles feilscht, beim Essen haben wir es nie getan. Einfach weil es uns unangemessen erschien. Die chinesische Küche in all ihren regionalen Ausprägungen war fast ausnahmslos hervorragend und günstig. Daher zahlten wir gerne allerorts den vollen Preis für ein Gericht.
Nenn mir deinen Preis
Feilschen ist nicht jedermanns Sache. Und auch ich halte mich nicht für einen geborenen Händler. Doch hier gehört es einfach dazu. Feilschen ist chinesischer Volkssport. Und einem kann der größte Respekt entgegengebracht werden, wenn man sich als Ausländer in dieser Disziplin versucht.
Nahezu jeder Händler, Restaurantbetreiber oder (inoffizielle) Taxifahrer hat einen Taschenrechner oder ein Mobiltelefon zur Hand, in das munter Summen eingetippt werden, wenn es ans Bezahlen geht. Es liegt in der Natur der Sache, dass diese Summen anfangs so weit auseinander liegen wie Himmel und Erde. Wenn dann aber bereits der zweite vom Verkäufer aufgerufene Preis nur noch die Hälfte des erstgenannten beträgt, weiß man, dass man auf dem richtigen Weg ist. Einigt man sich nicht im ersten Anlauf, bedankt man sich höflich und dreht sich um. Spätestens nach drei Schritten kann man sich sicher sein, dass einem ein neues Angebot hinterhergerufen wird. Also weiter im Spiel. Hat man dann den Verkäufer soweit, dass er mit gespielter Entrüstung seinen Taschenrechner in die Ecke wirft, kommt man einer Einigung nahe. Ist diese schließlich erzielt, verabschieden sich beide Parteien dankend und mit breitem Lächeln voneinander. Und man weiß, man wurde dennoch übers Ohr gehauen. Doch von dieser Einstellung sollte man sich schnellstmöglich befreien, denn jede Ware hat nicht nur ihren Preis, sondern auch einen Wert. Man muss lediglich für sich entscheiden, was man selbst bereit ist, dafür zu bezahlen. Dass auch der Händler leben muss, versteht sich von selbst. Und erzielt man den nach eigenem Ermessen fairen Preis, können alle zufrieden auseinander gehen. Ein schönes Erlebnis, dass ich jedem Chinareisenden nur wärmstens empfehlen kann.
Home sweet home
Apropos Chinareisende: In keinem Land, das ich bisher bereiste, lässt sich für kleines Geld so ausgezeichnet nächtigen. Zwar beschränken sich meine Erfahrungen mit Hotels hier auf wenige Ausnahmen, doch nehme ich an, dass auch die meisten chinesischen Hotels, den gewohnten (westlichen) Standard bieten. Was hingegen wirklich ein Erlebnis ist, sind die Hostels in diesem Land. Ausnahmslos jedes Hostel in dem wir Quartier bezogen, versprühte seinen eigenen Charme und hatte eine extrem hohe Aufenthaltsqualität. Hier eine Sonnenterrasse auf dem Dach, dort ein eingewachsener Innenhof oder ein lichtdurchflutetes Atrium. Überall einladende und gemütliche (wenn auch unbeheizte) Aufenthaltsräume mit Bars und eigener Küche, in denen man mit anderen Reisenden ins Gespräch kommt und sich einfach nur wohlfühlt. Zur Geselligkeit tragen auch die regelmäßigen Themenabende bei, an denen man zum Beispiel gemeinsam Dumplings macht oder das Mahjong-Spiel erlernen kann. Braucht man es mal etwas ruhiger, so warten viele Hostels mit gutsortierten DVD-Sammlungen und zum Teil eigenen Heimkinos auf. Bibliotheken, in denen man Bücher und Reiseführer leihen oder eintauschen kann, gehören ebenfalls zum Standard. An die hier üblichen harten Matratzen gewöhnt man sich schnell und auch die Sanitäranlagen sind zumeist in mindestens ordentlichem Zustand, erreichen bisweilen sogar Hotel-Niveau. Kurzum: die Hostels in China sind für Individualreisende einfach ein Traum.
Was bleibt von China?
Neben einem ausnahmslos positiven Eindruck bleibt die Gewissheit, längst nicht alles gesehen zu haben, was China zu bieten hat. Sei es aus Zeit-, Kosten- oder logistischen Gründen, wir mussten einige Abstriche machen und Kompromisse eingehen. Was wir zunächst bedauerten sehe ich heute anders: Es gibt mir einen Grund zurückzukehren in dieses wundervolle und so facettenreiche Land. Und ich werde es mit Sicherheit tun. Eines nicht allzu fernen Tages. Dann aber wohl im Sommer.
von Peer Bergholter
Kommentare zu "China, mein Fazit (Peer)"
Unterm Strich
Dear Peer,
ein tolles Fazit! Wunderbar zusammengefasst. Ich persönlich wollte nie nach China reisen, doch euer Tripp hat meine absolute Meinung ganz und gar verändert. Danke! Eure Reise macht nicht nur glücklich, sondern auch toleranter.
Ich bin stolz auf dich.
Your biggest fan. Stan.
I second Stand
Ich schliesse mich Stan an, hatte nie den Drang China zu bereisen, aber ihr macht mir Lust. Vielen Dank dafür.
Ich freu mich schon riesig drauf wo's weiter geht [ganz in geschmeidiger Grammatik] und bin gespannt.
Gute Reise!
Es grüsst Euch aus der Ferne
Eure alte Blechlaterne
Re: I second Stand
Sollte natürlich "I second Stan" sein.
Und hier nochmal die Karte, zwar zu gleichem Stand aber zum Abschied von China trotzdem.
http://g.co/maps/5tkdm
"China, mein Fazit (Peer)" kommentieren


Das war mal bitter nötig, daß mal einer eine Lan ze für dieses offenbar herrliche Land bricht, , Peer, das hast Du toll wie immer beschrieben, somit hast Du einige Klischees beseitigt. Ich freu mich für Euch, dass Ihr Eure Liebe für diese Menschen entdeckt habt. Das ist ja eigentlich der Sinn Eurer Reise, oder? Super, tolle Beschreibung, machts weiter gut Gisi39