Hauptinhalt
31. Oktober 2011
Teil 3. Statussymbole
Natürlich gibt es sie auch in Russland. Die Statussymbole. Und wie! Im Großen und Ganzen unterscheiden sie sich nicht sonderlich von den Insignien von Macht, Einfluss und Reichtum an anderen Orten auf der Welt: Luxusautos, Markenklamotten, Schmuck, technischer Firlefanz. Doch es gibt noch weitere.
Auch in Russland fällt auf: wer etwas auf sich hält, fährt ein dickes Auto. Mercedes, BMW, Audi sind dabei die gängigen Statussymbole. Wer ein ernsthaftes Geltungsbedürfnis hat - und es sich leisten kann - fährt dann Porsche oder Bentley. Dabei lässt sich vom Fahrer gemeinhin nicht gleich auf sein Auto schließen. Ein Porschefahrer kann sich hier durchaus im Trainingsanzug auf der Straße blicken lassen. Gleiches gilt für die Wohnsituation. Selbst in den schäbigsten Plattenbausiedlungen stehen zumindest gehobene Mittelklasselimousinen aber auch viele schwere SUVs in Reih und Glied. Vielleicht reicht es hier nur für ein Statussymbol, wobei die Wahl dann zwangsläufig auf das Auto fällt. Die Mieten in den guten und zentralen Wohnvierteln übersteigen den Unterhalt selbst des größten Autos um ein Vielfaches. Und an dieser Stelle sehe ich mich gezwungen, mein vorschnelles Urteil, die Metro in Moskau nutze jedermann, zu revidieren. Zwar sieht man in den Zügen auch viele gutgekleidete Menschen, doch wer wirklich etwas auf sich hält, führt sein PS-starkes Statussymbol aus. Sinn und Zweck mögen sich hier nicht erschließen, steht man doch selbst mit dem teuersten Auto in Moskaus dichtem Verkehr an jeder Ecke im Stau. Im Auto braucht man also in jedem Fall länger, um in Moskau von A nach B zu gelangen, als mit der Metro. Vor diesem Hintergrund kann es sich nur um das zur Schau stellen des eigenen Kraftfahrzeugs handeln. Und vielleicht noch der Befriedigung des eigenen Geltungsbedürfnisses. Dafür sind sie schließlich da, die Statussymbole.
Doch es geht auch anders. Wo man geht und steht, sieht man Menschen jeden Alters mit neumodischem technischen Gesocks hantieren. Man brüllt in sein i-Phone (für die ältere Generation: eine neuartige Kombination aus Telefon, Organizer, Fernseher und Westentaschencomputer im handlichen Format), studiert Texte auf seinem i-Pad (das gleiche in groß nur ohne Telefon und daher gänzlich überflüssig) und selbst das alte Mütterchen im Trolleybus liest ein e-Book (die digitale Variante des herkömmlichen analogen Buches). Man kann sagen, Russland hat sich eingeäppelt. Und dieses Phänomen zieht sich durch alle Schichten. Egal neben wem ich in der Metro sitze, mit meinem Low-Tech-Handy ziehe ich hier bei jedem Vergleich den Kürzeren.
© Müller Smartphone vs Old School.
Was die übrigen Insignien des Wohlstands betrifft, hält man es ähnlich wie bei uns: Ein schwerer Wecker am Handgelenk lässt einen baldigen Rückenschaden des Träger erahnen, die Goldketten - insbesondere bei Männern - sind weniger dezent, dafür um einiges zahlreicher und das Label einer Klamotte wird bevorzugt außen getragen. Klar, es soll ja jeder auf den ersten Blick erkennen, dass diese Jacke von einem namhaften Schneider gefertigt wurde.
Ein weiteres Statussymbol ist ebenso augenscheinlich wie unüblich bei uns. Das satte Grün, Gelb oder Braun, welches der grauen Metropole Moskau etwa gänzlich fehlt, strahlt einen dafür in voller Pracht aus den Mündern seiner Einwohner an. Und wer etwas auf sich hält, lässt sich seine Zähne nicht etwa behandeln (und gegebenenfalls retten), sondern einfach ziehen und durch blankes Gold ersetzen. Ob vereinzelte goldene Zähne oder ganze Gebisse - mit einem breiten Lachen wird demonstrativ zur Schau gestellt: Hey, seht her, ich habe Rücklagen!
Doch findet man auch in Russland Menschen, die mit solcherlei Statussymbolen nichts anfangen können. Sie machen sich frei von repräsentativen äußerlichen Merkmalen und machen auch keinen Hehl aus ihrer Einstellung. Nicht minder stolz präsentieren sie faulige Stümpfe im Mund, wenn nicht gar ein gänzlich zahnloses Lachen. Diese Menschen haben sich von gesellschaftlichem Statusdenken komplett befreit und sind mit sich im Reinen. Irgendwie beneidenswert.
Peer Bergholter
Auch in Russland fällt auf: wer etwas auf sich hält, fährt ein dickes Auto. Mercedes, BMW, Audi sind dabei die gängigen Statussymbole. Wer ein ernsthaftes Geltungsbedürfnis hat - und es sich leisten kann - fährt dann Porsche oder Bentley. Dabei lässt sich vom Fahrer gemeinhin nicht gleich auf sein Auto schließen. Ein Porschefahrer kann sich hier durchaus im Trainingsanzug auf der Straße blicken lassen. Gleiches gilt für die Wohnsituation. Selbst in den schäbigsten Plattenbausiedlungen stehen zumindest gehobene Mittelklasselimousinen aber auch viele schwere SUVs in Reih und Glied. Vielleicht reicht es hier nur für ein Statussymbol, wobei die Wahl dann zwangsläufig auf das Auto fällt. Die Mieten in den guten und zentralen Wohnvierteln übersteigen den Unterhalt selbst des größten Autos um ein Vielfaches. Und an dieser Stelle sehe ich mich gezwungen, mein vorschnelles Urteil, die Metro in Moskau nutze jedermann, zu revidieren. Zwar sieht man in den Zügen auch viele gutgekleidete Menschen, doch wer wirklich etwas auf sich hält, führt sein PS-starkes Statussymbol aus. Sinn und Zweck mögen sich hier nicht erschließen, steht man doch selbst mit dem teuersten Auto in Moskaus dichtem Verkehr an jeder Ecke im Stau. Im Auto braucht man also in jedem Fall länger, um in Moskau von A nach B zu gelangen, als mit der Metro. Vor diesem Hintergrund kann es sich nur um das zur Schau stellen des eigenen Kraftfahrzeugs handeln. Und vielleicht noch der Befriedigung des eigenen Geltungsbedürfnisses. Dafür sind sie schließlich da, die Statussymbole.
Doch es geht auch anders. Wo man geht und steht, sieht man Menschen jeden Alters mit neumodischem technischen Gesocks hantieren. Man brüllt in sein i-Phone (für die ältere Generation: eine neuartige Kombination aus Telefon, Organizer, Fernseher und Westentaschencomputer im handlichen Format), studiert Texte auf seinem i-Pad (das gleiche in groß nur ohne Telefon und daher gänzlich überflüssig) und selbst das alte Mütterchen im Trolleybus liest ein e-Book (die digitale Variante des herkömmlichen analogen Buches). Man kann sagen, Russland hat sich eingeäppelt. Und dieses Phänomen zieht sich durch alle Schichten. Egal neben wem ich in der Metro sitze, mit meinem Low-Tech-Handy ziehe ich hier bei jedem Vergleich den Kürzeren.
Was die übrigen Insignien des Wohlstands betrifft, hält man es ähnlich wie bei uns: Ein schwerer Wecker am Handgelenk lässt einen baldigen Rückenschaden des Träger erahnen, die Goldketten - insbesondere bei Männern - sind weniger dezent, dafür um einiges zahlreicher und das Label einer Klamotte wird bevorzugt außen getragen. Klar, es soll ja jeder auf den ersten Blick erkennen, dass diese Jacke von einem namhaften Schneider gefertigt wurde.
Ein weiteres Statussymbol ist ebenso augenscheinlich wie unüblich bei uns. Das satte Grün, Gelb oder Braun, welches der grauen Metropole Moskau etwa gänzlich fehlt, strahlt einen dafür in voller Pracht aus den Mündern seiner Einwohner an. Und wer etwas auf sich hält, lässt sich seine Zähne nicht etwa behandeln (und gegebenenfalls retten), sondern einfach ziehen und durch blankes Gold ersetzen. Ob vereinzelte goldene Zähne oder ganze Gebisse - mit einem breiten Lachen wird demonstrativ zur Schau gestellt: Hey, seht her, ich habe Rücklagen!
Doch findet man auch in Russland Menschen, die mit solcherlei Statussymbolen nichts anfangen können. Sie machen sich frei von repräsentativen äußerlichen Merkmalen und machen auch keinen Hehl aus ihrer Einstellung. Nicht minder stolz präsentieren sie faulige Stümpfe im Mund, wenn nicht gar ein gänzlich zahnloses Lachen. Diese Menschen haben sich von gesellschaftlichem Statusdenken komplett befreit und sind mit sich im Reinen. Irgendwie beneidenswert.
Peer Bergholter
"Teil 3. Statussymbole" kommentieren

