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31. Oktober 2011
Teil 2. Vodka - „it's russian tradition!"
Ein weitverbreitetes Vorurteil besagt, Russen tränken gerne und viel Vodka. Das stimmt. „It's russian tradition", wurde uns erklärt, während uns mehrere 100 Gramm Vodka in Wassergläsern (hier bemisst sich der Alkohol nach Gewicht) und selbstredend unverdünnt dargereicht wurde. Abzulehnen wäre mehr als unhöflich. Und außerdem so ziemlich unmöglich.
© Bergholter Mit Vodka finder man schnell Freunde in Russland.
Versucht man sich mit einer faulen Ausrede aus der Affäre zu ziehen, wie etwa man sei unpässlich, habe eine Vodka-Allergie, Diarrhoe, sei schwanger oder ähnliches - es wird nicht funktionieren. Denn prompt stellt man fest, dass man einer, wenn nicht gar mehreren medizinischen Koryphäen gegenübersitzt, die egal bei welchem Gebrechen, alle auf dieselbe Medizin schwören. Genau. Der gute und höfliche Tourist fügt sich also in sein unabänderliches Schicksal und lässt die Schnaps-Tortur brav über sich ergehen. Und auch wenn man es am kommenden Tag unter Garantie bereut, so kann es sich lohnen. Denn nach meinen Erfahrungswerten sind die Russen ein offenherziges, freundliches und großzügiges Volk - solange sie nicht gerade in einer Uniform stecken, was aber eine andere Geschichte ist. Und es kann definitiv eine Erfahrung sein, sich den Russen auf ihre Art zu nähern - etwa beim Vodkatrinken. Hier werden Freundschaften geschlossen, die über eine durchzechte Nacht hinausgehen und wer sich als besonders resistent gegenüber dem „Wässerchen" erweist, dem ist größter Respekt sicher. So fanden auch wir einige Menschen - ob in den Hostels oder in den Zügen - deren Interesse an uns sich über den Rausch erstreckte und die uns auch am nächsten Tag noch eine Bleibe anboten oder auf ein Treffen bestanden. Wir erlebten echte russische Herzlichkeit. Die wiederum will aber erst einmal mit etwas Wässerchen zu Vorschein gespült werden.
© Bergholter So isses.
Und auch gegen den Kater des Folgetages, der so sicher ist, wie das Amen in der Kirche, hat der Russe ein Geheimrezept. Genau.
Und dieser Punkt führt zu den Schattenseiten der heiteren Zecherei: Dem Alkoholismus. Dieser ist in Russland weit verbreitet, um nicht zu sagen ein echtes Problem. Und bei dieser Einschätzung handelt es sich nicht um ein Vorurteil. Denn was der Russe gemeinhin mit „it's russian tradition" abtut, wurzelt tiefer. Tatsächlich hat das Trinken in Russland Tradition. Und tatsächlich gibt es auch von offizieller Seite kaum Bestrebungen, mit dieser Tradition zu brechen. Beziehungsweise deren Auswüchse im Zaum zu halten. Erste zarte Versuche eine Prohibition einzuführen, scheiterten im Jahr 1907 bereits nach zwei Wochen. Auch der zweite, ernsthafte Versuch wurde 1925 nach immerhin gut 10 Jahren der staatlich verordneten Abstinenz wieder ad acta gelegt. Denn wie es mit Prohibitionen so ist, sie sind zum Scheitern verurteilt. Im krassen Gegenteil dazu sind auch heute alkoholische Getränke viel billiger als die meisten Lebensmittel. Ein halber Liter Bier kostet etwa so viel wie ein Liter der günstigsten Milch, für den Gegenwert einer namhaften Tafel Schokolade bekommt man schon zwei Bier. Und wen wundert es da, dass auch Bier aus dem russischen Alltag nicht wegzudenken ist. Man trinkt gerne Bier. Zum Frühstück, zum Mittagessen, auf der Straße, in der Metro, eigentlich überall. Abends sowieso. Auch das „Wegbier" ist hier ein generationen- und geschlechterübergreifender Klassiker. Diese liberale Einstellung des Konsumenten zu seinem Gerstensaft liegt vermutlich daran, dass Bier noch vor einigen Jahren nicht einmal als alkoholisches Getränk galt. Seit mir dies erzählt wurde, bekomme ich die folgende fiktive Szenerie nicht mehr aus dem Kopf: Polizeikontrolle auf der Straße. Polizist: „Haben Sie getrunken?" Fahrer: „Nein, nur 20 Bier." „Ach so, na dann weiterhin gute Fahrt."
© Bergholter Beliebt: Bier aus aller Herren Länder.
Seit einiger Zeit ist Bier hier zumindest als „low-alcoholic drink" eingestuft und besitzt damit seine eigene Sparte auf der Speisekarte. An der Einstellung der Russen gegenüber dem Bierkonsum hat sich dadurch freilich nichts geändert. Man trinkt es einfach gegen den Durst. Würde in Deutschland ein typisches geselliges Beisammensein in vertrauter Runde mit Genuss diverser Biere und dem einen oder anderen Kurzen zwischendurch einhergehen, so ist es in Russland genau umgekehrt: Man trinkt Vodka, bevorzugt pur und ab und an gibt es ein Bier zum Runterspülen. Bei beiden Getränken legt man im Übrigen keinen übertriebenen Wert auf einen gekühlten Genuss. Irgendwo hat es was herrlich Zwangloses. Und irgendwann auch etwas erschreckend Zügelloses.
Und was darf zu Bier und Vodka natürlich nicht fehlen? Richtig, die Zigarette. Der Russe ist ein leidenschaftlicher Raucher. Frauen rauchen bevorzugt Slimline, Männer gerne auch mal ein Zigarillo. Und das ganze ständig und überall. Auf der Straße, na klar. In Bars, sowieso. Aber auch in Restaurants, in denen es zwar meist einen Raucher- und einen Nichtraucherraum gibt, doch sind diese oft nur durch eine hüfthohe Brüstung voneinander separiert. Es erspart einem also höchstens die Asche des Nachbarn auf dem Teller. Der Nebel ist hüben wie drüben ähnlich dicht. Natürlich kennt man in Russland auch keine rauchfreien Bahnhöfe. Ha, das wäre ja noch schöner! Auch rauchfreie Züge haben wir bisher nicht gefunden. Allerdings beschränkt man sich hier aber auf die eigens dafür vorgesehenen Zwischenräume zwischen zwei Waggons. Hier herrscht dann auch nicht selten ein dichtes Gedränge. Und es ist wie überall: beim Rauchen kommt man sich näher.
Und warum wird in Russland so viel geraucht? Man kann auch hier nur Vermutungen anstellen. Ich glaube nicht, dass die Gesundheitszuträglichkeit die treibende Motivation ist. Auch den Geschmack kann man ausschließen. Jeder, der einmal die russischen Kippen probiert hat, weiß wovon ich spreche. Ich denke es ist auch hier das unschlagbare Preisleistungsverhältnis. Bleiben wir bei dem Rechenbeispiel mit der nahmhaften Schokolade: Eine Tafel dieser mit einer lila Kuh versehenen Süßigkeit entspricht in etwa dem Gegenwert von zwei Schachteln Zigaretten. Vielleicht ist das der richtige Weg zu sagen: Kinder, Finger weg von Süßigkeiten! Mich würde es also nicht wundern, wenn die Großeltern beim Besuch ihrer Enkelkinder, diesen statt Schokolade lieber gleich eine Packung Kippen mitbringen. Prost Mahlzeit.
Peer Bergholter
Versucht man sich mit einer faulen Ausrede aus der Affäre zu ziehen, wie etwa man sei unpässlich, habe eine Vodka-Allergie, Diarrhoe, sei schwanger oder ähnliches - es wird nicht funktionieren. Denn prompt stellt man fest, dass man einer, wenn nicht gar mehreren medizinischen Koryphäen gegenübersitzt, die egal bei welchem Gebrechen, alle auf dieselbe Medizin schwören. Genau. Der gute und höfliche Tourist fügt sich also in sein unabänderliches Schicksal und lässt die Schnaps-Tortur brav über sich ergehen. Und auch wenn man es am kommenden Tag unter Garantie bereut, so kann es sich lohnen. Denn nach meinen Erfahrungswerten sind die Russen ein offenherziges, freundliches und großzügiges Volk - solange sie nicht gerade in einer Uniform stecken, was aber eine andere Geschichte ist. Und es kann definitiv eine Erfahrung sein, sich den Russen auf ihre Art zu nähern - etwa beim Vodkatrinken. Hier werden Freundschaften geschlossen, die über eine durchzechte Nacht hinausgehen und wer sich als besonders resistent gegenüber dem „Wässerchen" erweist, dem ist größter Respekt sicher. So fanden auch wir einige Menschen - ob in den Hostels oder in den Zügen - deren Interesse an uns sich über den Rausch erstreckte und die uns auch am nächsten Tag noch eine Bleibe anboten oder auf ein Treffen bestanden. Wir erlebten echte russische Herzlichkeit. Die wiederum will aber erst einmal mit etwas Wässerchen zu Vorschein gespült werden.
© Bergholter So isses.Und auch gegen den Kater des Folgetages, der so sicher ist, wie das Amen in der Kirche, hat der Russe ein Geheimrezept. Genau.
Und dieser Punkt führt zu den Schattenseiten der heiteren Zecherei: Dem Alkoholismus. Dieser ist in Russland weit verbreitet, um nicht zu sagen ein echtes Problem. Und bei dieser Einschätzung handelt es sich nicht um ein Vorurteil. Denn was der Russe gemeinhin mit „it's russian tradition" abtut, wurzelt tiefer. Tatsächlich hat das Trinken in Russland Tradition. Und tatsächlich gibt es auch von offizieller Seite kaum Bestrebungen, mit dieser Tradition zu brechen. Beziehungsweise deren Auswüchse im Zaum zu halten. Erste zarte Versuche eine Prohibition einzuführen, scheiterten im Jahr 1907 bereits nach zwei Wochen. Auch der zweite, ernsthafte Versuch wurde 1925 nach immerhin gut 10 Jahren der staatlich verordneten Abstinenz wieder ad acta gelegt. Denn wie es mit Prohibitionen so ist, sie sind zum Scheitern verurteilt. Im krassen Gegenteil dazu sind auch heute alkoholische Getränke viel billiger als die meisten Lebensmittel. Ein halber Liter Bier kostet etwa so viel wie ein Liter der günstigsten Milch, für den Gegenwert einer namhaften Tafel Schokolade bekommt man schon zwei Bier. Und wen wundert es da, dass auch Bier aus dem russischen Alltag nicht wegzudenken ist. Man trinkt gerne Bier. Zum Frühstück, zum Mittagessen, auf der Straße, in der Metro, eigentlich überall. Abends sowieso. Auch das „Wegbier" ist hier ein generationen- und geschlechterübergreifender Klassiker. Diese liberale Einstellung des Konsumenten zu seinem Gerstensaft liegt vermutlich daran, dass Bier noch vor einigen Jahren nicht einmal als alkoholisches Getränk galt. Seit mir dies erzählt wurde, bekomme ich die folgende fiktive Szenerie nicht mehr aus dem Kopf: Polizeikontrolle auf der Straße. Polizist: „Haben Sie getrunken?" Fahrer: „Nein, nur 20 Bier." „Ach so, na dann weiterhin gute Fahrt."
Seit einiger Zeit ist Bier hier zumindest als „low-alcoholic drink" eingestuft und besitzt damit seine eigene Sparte auf der Speisekarte. An der Einstellung der Russen gegenüber dem Bierkonsum hat sich dadurch freilich nichts geändert. Man trinkt es einfach gegen den Durst. Würde in Deutschland ein typisches geselliges Beisammensein in vertrauter Runde mit Genuss diverser Biere und dem einen oder anderen Kurzen zwischendurch einhergehen, so ist es in Russland genau umgekehrt: Man trinkt Vodka, bevorzugt pur und ab und an gibt es ein Bier zum Runterspülen. Bei beiden Getränken legt man im Übrigen keinen übertriebenen Wert auf einen gekühlten Genuss. Irgendwo hat es was herrlich Zwangloses. Und irgendwann auch etwas erschreckend Zügelloses.
Und was darf zu Bier und Vodka natürlich nicht fehlen? Richtig, die Zigarette. Der Russe ist ein leidenschaftlicher Raucher. Frauen rauchen bevorzugt Slimline, Männer gerne auch mal ein Zigarillo. Und das ganze ständig und überall. Auf der Straße, na klar. In Bars, sowieso. Aber auch in Restaurants, in denen es zwar meist einen Raucher- und einen Nichtraucherraum gibt, doch sind diese oft nur durch eine hüfthohe Brüstung voneinander separiert. Es erspart einem also höchstens die Asche des Nachbarn auf dem Teller. Der Nebel ist hüben wie drüben ähnlich dicht. Natürlich kennt man in Russland auch keine rauchfreien Bahnhöfe. Ha, das wäre ja noch schöner! Auch rauchfreie Züge haben wir bisher nicht gefunden. Allerdings beschränkt man sich hier aber auf die eigens dafür vorgesehenen Zwischenräume zwischen zwei Waggons. Hier herrscht dann auch nicht selten ein dichtes Gedränge. Und es ist wie überall: beim Rauchen kommt man sich näher.
Und warum wird in Russland so viel geraucht? Man kann auch hier nur Vermutungen anstellen. Ich glaube nicht, dass die Gesundheitszuträglichkeit die treibende Motivation ist. Auch den Geschmack kann man ausschließen. Jeder, der einmal die russischen Kippen probiert hat, weiß wovon ich spreche. Ich denke es ist auch hier das unschlagbare Preisleistungsverhältnis. Bleiben wir bei dem Rechenbeispiel mit der nahmhaften Schokolade: Eine Tafel dieser mit einer lila Kuh versehenen Süßigkeit entspricht in etwa dem Gegenwert von zwei Schachteln Zigaretten. Vielleicht ist das der richtige Weg zu sagen: Kinder, Finger weg von Süßigkeiten! Mich würde es also nicht wundern, wenn die Großeltern beim Besuch ihrer Enkelkinder, diesen statt Schokolade lieber gleich eine Packung Kippen mitbringen. Prost Mahlzeit.
Peer Bergholter
Kommentare zu "Teil 2. Vodka - „it's russian tradition!""
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Mann o Mann, da meldet sich doch gleich mein Keuchhusten zu Wort ;-)
Wird Zeit, dass ihr nach Asien kommt. Da gibts wenigstens fettarmes Hundefleisch und einen Mundschutz dürft ihr sicher auch tragen...