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7. November 2011

Sibirischer Tagtraum


Eine Birke. Noch eine Birke. Schon wieder eine Birke. Ui. Eine Fichte. Da! Nein, doch nicht, nur wieder eine Birke. Fichte, Birke, Birke, Fichte, Birke. Eine Hütte, eine Birke, noch eine Birke. Was? Moment mal, eine Hütte? Ich quetsche mein Gesicht an das Fenster meines Zugabteils. Sehe zwischen Birken hindurch einen kleinen dunklen Kasten. Ja, es könnte wirklich eine Hütte gewesen sein. Obwohl ich schon weiß, dass man das Fenster nicht öffnen kann, rüttele ich trotzdem noch einmal daran, stoße dabei gegen den Klapptisch und die Konstruktion aus tausend Kleinigkeiten, die darauf gestapelt sind, beginnt bedrohlich zu wanken. Peer knurrt verärgert, blickt aber nicht von seinem Buch auf.
Ich sehe meine Hoffnung auf Abwechslung am Horizont verschwinden, lasse mich wieder auf meine Pritsche sinken und fahre mir, Verwünschungen murmelnd, abwesend durch den Bart.
Natürlich ärgere ich mich. Seit Stunden, gefühlt seit Tagen, starre ich aus dem Fenster und verbringe die Zeit in Sehnsucht nach Abwechslung. Doch alles, was passiert sind Birken. Alles, was mein Auge wahrnimmt sind Birken. Ich hasse Birken. Und dann das! Eine Hütte! Und ich verpasse sie, bin eingelullt gewesen von diesen dämlichen russischen Birken. Was hätte da alles sein können? Was kann nicht alles in einer kleinen Hütte im Nirgendwo passieren?

Landschaft1.JPG© Jochen Müller In Sibirien kann man so einiges verstecken.

Ein Bauer sitzt davor, schmaucht seine Pfeife nach getaner Arbeit. Zwischen seinen Füßen spielt das Kleinkind, dem nichts anderes bevorsteht als die karge Landschaft und das ewig stete Spiel der Jahreszeiten und der damit einhergehenden Tagesabläufe. War die Tür offen? Fiel da ein Strahl Sonnenlicht in das Dunkel der Kemenate? Oder war sie gar sonnendurchflutet? Nein, eine kleine Öllampe erhellte spärlich das Innere, während eine von Jahren der Feldarbeit gebeugte Babuschka über einem großen gusseisernen Topf die Mahlzeit für die Familie rührt. Ich nicke und bestätige meine Bilder mit einem leisen „hm" während ich grimmige Gesichter sehe, die nicht viel für Reisende übrig haben, welche alle paar Tage an ihrem Heim vorbeiziehen. Oder war es gar kein Heim? Nur eine Hütte für das Stroh, dass sie den wenigen Äckern, die sie haben, entreißen können. Die kleine Lichtung ihr Universum und der Zug nur eine immer wiederkehrende Störung, die sie kaum mehr wahrnehmen, wie das Ticken einer alten Standuhr. Wo leben sie dann wohl? Bilder von alten, wettergegerbten Holzhütten ziehen an meinem inneren Auge vorbei, gleich nach Wellblechverschlägen und Erdhölen irgendwo weiter weg von der Bahntrasse, hinter dem nächsten Hügel. Wozu soll die Hütte gedient haben? War sie am Ende ein Unterschlupf? Eine Notunterkunft, strategisch positioniert, weil sich hier zwei alte Schmugglerrouten kreuzen, die noch heute von Wanderern und Reisenden genutzt werden? Werden hier Viehherden entlang getrieben und wird alle paar Wochen ein Wagen von Ochsen in Richtung Markt oder zurück gezogen, beladen entweder mit Hoffnung oder Enttäuschung, Schnaps oder Kartoffeln, je nachdem in welcher Richtung er zieht? Ist es ein Unterstand gewesen, der den Reisenden Schutz bietet vor den heftigen Wetterumschwüngen, die einen in dieser Gegend so überraschen können? Darin ein Lager aus knarrenden Latten, eine kleine Feuerstelle und ein Topf, in dem man sich das Wasser aus dem nahen Bach zu einem immer gleich schmeckenden Sud aus Kräutern brauen kann, den kein Trinkender jemals Tee nennen würde, gleich wie durstig er ist?
Angewidert verziehe ich meinen Mund.

Oder, mir stockt der Atem, sind die Schmugglerrouten gar nicht so alt, sondern im Gegenteil noch sehr aktiv, und hier wird umgeschlagen, nicht nur was die Leute zum Leben brauchen, sondern auch womit sie sich ihr karges Dasein zumindest ein wenig aufbessern können? Waffen aus alten Armeebeständen, Alkohol in rauen Mengen, Flüchtlinge aus Krisenregionen, Opium aus Afghanistan, dazu Raubgut und Dissidenten? Ich sehe düstere Gestalten vor mir, wie sie sich dort in die Enge der Hütte pferchen, die schon so viel Zuversicht, so viel Mut aber auch so viel Hoffnungslosigkeit und Leid mit angesehen hat. Jeder sucht das hinterste Eck zu besetzen, jeder scheut das Licht, und wenn es nur trister Nebel ist, der kaum in der Lage ist, bis weiter als den Türsturz zu erhellen. Schmutzige Gesichter sitzen dort, wartend, die Haut gegerbt von Wetter und zu viel Erlebtem, hin und wieder an einer selbstgedrehten Zigarette ziehend, stumm vor sich drein blickend, bar jeden Ausdrucks und doch genau dadurch so viel ausdrückend. Jedes Mal, wenn dieser vermaledeite Zug vorbeikommt, schaffen sie es, sich noch weiter in die Schatten zu drängen, nie erreicht sie ein Blick eines Vorbeifahrenden, sie sind geübt darin sich neugierigen Blicken zu entziehen, von denen keiner wissen kann, ob sie wohlwollend sind oder nicht. Und was heißt das schon in einer Region wie dieser? Hier ist nichts wohlwollend, hier ist es einsam, hart und karg, manchmal sogar majestätisch schön in seiner gleichmäßigen Einfachheit, doch niemals wohlwollend, nicht zugänglich und sicher nicht einfach. Hier bekommt niemand etwas geschenkt, nicht einmal der Wolf, der des nächtens um die Hütte zieht und darauf hofft, dass sich einer der Flüchtlinge im Rausch des billigen Fusels, den sie hier Vodka schimpfen, beim Wasser lassen hat zu Boden sinken lassen und nun eine leichte Mahlzeit abgibt. Doch wieder findet er nichts, kein Trunkenbold, kein Lamm, und seine Rippen schauen hervor, obwohl er noch der am besten genährte aus seinem Rudel ist. Es ist härter geworden mit jedem Jahr.

Landschaft2.JPG© Jochen Müller Tolle Sonnenuntergänge, langweilige Fichten und Birken.

Es gab Zeiten da war die Hütte voller Leben, da entstand in ihr Leben, mal heimlich, mal ganz offen. Sie war Geburtsstätte, nun ist sie Totenhaus. Ganze Familien lebten hier, sie wurde erbaut, erlebt, geliebt. Sie war umkämpft, sie wurde verlassen, neu gefunden und für so viele Dinge genutzt, dass sie selbst schon nicht mehr alles aufzählen kann. Doch dass sie mal ein Heim war, daran erinnert sie sich noch, und das ist es, was die Leute immer wieder zu ihr zieht, diese Reste an familiärer Wärme, dieser Schutz und Trutz auch in den kältesten Nächten, wenn der Wind über die Steppe weht und mit den Wölfen um die Wette heult. In ihr ist noch kein Feuer ausgegangen, wenn man es nicht wollte. Es ist eine gute Hütte, umgeben von Birken auf drei Seiten, in einer kleinen Lichtung gelegen, nicht weit vom Bahndamm der transsibirischen Eisenbahn, irgendwo im russischen Nirgendwo zwischen hier und dort.
Ich bin vorbei geeilt, bin eingelullt gewesen von all diesen Birken, die einem die Sinne effektiver vernebeln als der hiesige Vodka. Und genau das ist es, was sie seit so vielen Jahren so gut verbirgt.  Ja, sie ist gut versteckt. Gut verborgen. „Was starrst Du da eigentlich so geheimnisvoll murmelnd aus dem Fenster?" reißt mich Peer auf einmal aus meinen Gedanken. „Da gibt es doch nix zu sehen außer Birken!". Ich lächle wissend, nicke etwas geheimnisvoll und flüstere nur „ja, nur Birken, sonst ist hier nichts zu sehen". Er würde es nicht verstehen. Die Hütte und ich, wir teilen nun dieses Geheimnis. Und das ist bei mir gut verborgen.


Jochen Müller
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Kommentare zu "Sibirischer Tagtraum"

Sibirischer Tagtraum [antworten]

von Hans -Joachim am 08.11.2011 um 18:04 Uhr

"Ich brauch Tapetenwechsel srach die Birke " Lied von Hildegard Knef. Jetzt weiß ich endlich nach vielen Jahrzehnten wie sie evtl auf diesen Text kam.
Spätestens in CHina werdet Ihr genug Abwechslung haben.
Ich genieße ímmer Eure vorzüglichen Nachrichten.Weiter so.


[antworten]

von Lena am 08.11.2011 um 20:46 Uhr

Dabei sind Birken so so wunderschön! Ihr Banausen! Und nur jemand, der auch mal die Ruhe geniessen kann und die Einsamkeit Sibiriens, wird diese Strecke als so positiv sehen können, wie ich. Nur so viel Ruhe und Einheitlichkeit können einen erst zu den tiefsten Gedanken in seinem Unterbewusstsein führen! Abwechslung lenkt doch nur davon ab!

Dein tiefstes Unterbewusstesein sehnt sich wohl nach einer einsamen Hütte im Wald! :-)


Re: [antworten]

von Jochen Müller am 09.11.2011 um 03:54 Uhr

jmueller

Wenn zwischendurch mal eine kleine Buche aufgetaucht wäre, hätte mich das jedenfalls nicht gestört ;) Aber ich wollte das nicht als Kritik verstanden wissen. Eher als kleine Geschichte aus meinem Unterbewusstsein... Hast schon recht, wenn man da eine Weile sitzt und hinausschaut, dann gerät man unweigerlich ins träumen. Es war definitiv die Erfahrung wert.
Liebe Grüße ins verschneite Moskau, Jochen


Jitorri! [antworten]

von Olgi am 09.11.2011 um 23:01 Uhr

Meine lieben Freunde,

ich danke euch für die letzte Stunde in meinem gehetzten Leben! Ich muss zugeben, dass ich euch bzw. euren Blog die letzten Tage ein wenig vernachlässigt habe. Doch nun ist alles nachgeholt. Wobei ich ja dank familiärer mails wusste, wie es um euch steht...
Jochen, deine Berichte sind traumhaft schön. Du kleiner talentierter Scheisser. Endlich hast du Raum und Zeit, dieses Talent auszuleben. Und wir alle können es geniessen, teilen. Lauschen.
Ich danke dir für deine Mühe. Du tust es für uns.
Und du, Kasselener mit Brille? Wo bleibt dein nächster Bericht? Ich vermisse deine Zeilen. Deine Art zu berichten. Mach Meter!

Wo seid ihr jetzt? Schon auf Kamelen unterwegs? War ja euer Plan... Ich stelle mir das unglaublich kalt vor. Deckt euch ein. Nicht bloß mit Decken, sondern auch mit Dingen, die von innen wärmen.

Ich ziehe in 1,5 Wochen um. In ein kleines Kaff, dass kein DSL bietet, aber hoffentlich LTE. Ich lasse, bevor mich das digitale Zeitalter im Stich lässt, nochmal von mir hören.

Passt auf euch auf. Ich drücke euch ganz fest.

Your biggest fan. Stan.


Bücherwurm [antworten]

von Charlestone am 11.11.2011 um 10:14 Uhr

Servus Jungs,

ihr macht das klasse, nur weiter so !
In was für ein Buch war Peer denn vertieft ?

greetz


Re: Bücherwurm [antworten]

von Jochen Müller am 14.11.2011 um 17:23 Uhr

jmueller

"Gebrauchsanweisung für China". Ich bin sehr gespannt was das bringt. Hoffe diese Gebrauchsanweisung ist besser als die, die aus China kommen und dann über drei Zwischenstationen ins Deutsche übersetzt werden.
Seinem Gekicher nach zu urteilen wird es in China auf jeden Fall lustig.



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