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7. Juli 2012
Der Klassiker
Deutschland gegen Holland - der Fußballklassiker schlechthin in unseren Gefilden stand auf dem Spielplan der Gruppe B. Entsprechend groß war die Vorfreude bei mir. Und die Nervosität. In Yogyakarta sollte ich das Spiel verfolgen. Zumindest wollte ich das tun.
Auch mal Glück haben
In Yogya war uns das Schicksal gewogen. Zumindest was unsere Unterkunft anging. Online buchten wir im Vorfeld drei Betten im Schlafsaal für einen fairen Preis. Bei Ankunft wurde uns dann aber mitgeteilt, dass der Schlafsaal ausgebucht sei. Es habe Unstimmigkeiten bei der Online-Buchung gegeben, wurde uns gesagt. An unserer erfolgten und bestätigten Reservierung gab es allerdings nichts zu rütteln. Also bot uns der Betreiber dieses Bed&Breakfasts an, uns zwei freie Einzelzimmer zur Verfügung zu stellen. Zum selben Preis wie die Dormbetten. Natürlich stehe es uns frei, mehr dafür zu bezahlen, so wir denn wollten. Wir wollten nicht und nahmen die beiden Einzelzimmer dankbar an. Jochen und Susi teilten sich das eine, ich bezog das zweite. Und wir freuten uns über dieses Glück und den damit verbundenen unerhofften Luxus. Ruhe und Abgeschiedenheit, eine leise surrende Klimaanlage, Fernseher und in dem einen Zimmer sogar ein Balkon. So feudal sind wir schon lange nicht mehr abgestiegen.
Rückschläge sind einzuplanen
So vermeintlich gut wir es mit dieser Bleibe auch getroffen hatten, so suspekt war es mir. Wo war der Haken an der Sache?
Wir wohnten in Green Gardens, einer etwas abgelegenen und offenbar sehr wohlhabenden Gegend Yogyakartas. Herausgeputzte Einfamilienhäuser gruppierten sich hier um einen Tennisclub, der allem Anschein nach das Herz der Anlage bildete. Am Tage wurde der Mercedes in der Einfahrt gewaschen, am Abend kontrollierten Sicherheitskräfte die beschrankten Zufahrten zu diesem Viertel. Nach Einbruch der Dunkelheit kam man dann auch nur noch mit einem Anwohner- oder in unserem Fall Gästeausweis durch die Absperrungen. Leider vergaß man uns beim Einchecken diesen Ausweis auszuhändigen. Nicht das einzig Organisatorische, was in unserer Bleibe schief lief.
Kommunikationsstörungen
Am Abend des Spiels verließ das Maß meiner Aufregung das angenehme Niveau und steigerte sich alsbald ins Unerträgliche. Die Tatsache, dass ich auf dem Fernseher den inzwischen wohl bekannten Sender, der hierzulande die EM-Spiele überträgt, zwar gefunden hatte, die gewohnten Vorberichte aber zugunsten einer indonesischen Castingshow nicht gesendet wurden, versetzte mich allmählich in Panik. Ich ging zur Rezeption, um Gewissheit zu erlangen. Die Nachtrezeptionistin war der englischen Sprache nur in Ansätzen mächtig, wie wir bereits herausfanden. Da mein Bahasa allerdings noch rudimentärer, um nicht zu sagen nicht existent ist, versuchte ich es dennoch auf Englisch. Grob übersetzt gestaltete sich der Dialog wie folgt:
Freundlich: „Entschuldigen Sie bitte, aber wo kann ich das Fußballspiel heute Nacht verfolgen?"
Mit großen Augen, sich hebenden Schultern und einem verlegenen Lächeln: „Häh?" (nonverbal)
Mit Nachdruck und buchstabierend: „Fußball! Die Europameisterschaft!"
Mit Verstehen im Blick und Zufriedenheit darüber, eine Antwort parat zu haben: „Ah, im Fernshehen!"
Geduldig: „Ja, aber wo? Hier?" (auf das Gerät auf der Rezeption zeigend)
Selbstsicher: „Ja!"
Immernoch geduldig und erneut auf die Mattscheibe deutend: „Nein, da läuft Indonesian Idol! Kein Fußball!"
Achselzuckend: „Hm."
Ich lege alle meine Verzweiflung in einen flehenden Blick, was die junge Dame dazu veranlasst, einmal durch die überschaubare Anzahl an Sendern zu zappen.
Ich stelle fest: „Kein Fußball."
Sie sieht es ähnlich: „Ja."
Nicht gewillt aufzugeben: „Also wo kann ich dann das Spiel sehen?"
Gleichgültig: „Im Fernsehen."
Leicht genervt: „Kann ich ausgehen, um es mir in einer Bar anzusehen?"
Rigoros: „Nein!"
„Warum nicht?"
„Die Wachen!"
Kopfschüttelnd und den Tränen nahe gab ich auf. Ich ging zu dem Rest unserer nur semi-interessierten Gruppe und erstattete Bericht. Die Reaktionen reichten von Gelächter bis hin zu mitleidigem Schulterklopfen. Nichts davon half mir weiter.
Stehvermögen
Im Gegenteil. Nachdem ich die Hiobsbotschaft überbracht hatte, verabschiedeten sich alle Anwesenden allmählich ins Bett. Resigniert, wohl eher Verzweifelt, ging auch ich auf mein Zimmer und stellte den Fernseher an. Ohne jegliche Hoffnung. Die Anstoßzeit war schon lange vorbei und in der Glotze duellierten sich immernoch die kommenden indonesischen Superstars. Ich weinte leise in mein Kopfkissen, während ich das Ende der Show verfolgte. Ich wollte mich gerade zum Fernseher begeben, um diesen auszuschalten, da ertönte das wohlbekannte und nicht mehr erwartete Intro der Fußballübertragung. Ich konnte mein Glück kaum fassen! Ich sollte das Spiel doch noch zu sehen bekommen! Zwar mit gehöriger Verzögerung (wohl wegen der Live-Übertragung des „Indonesian Idols") zuzüglich der ohnehin fünfstündigen Zeitverschiebung, aber immerhin. Ich war plötzlich hellwach, als der kontinentale Klassiker Holland - Deutschland angepfiffen wurde. Es muss wohl halb fünf gewesen sein, als ich auf einem kleinen Schemel in meinem Zimmer saß, keinen halben Meter von meiner Glotze entfernt, die leider so winzig war, dass ich vom Bett aus orange von weiß nicht hätte unterscheiden können.
Und bekanntermaßen hat sich das Stehvermögen gelohnt. Zwar schrien zur Halbzeit die Vögel vor meinem Fenster und zum Abpfiff war es bereits hellichter Tag, aber erfüllt, gar beseelt, fiel ich völlig übermüdet und siegestrunken ins Bett. Die Sicherheit, Holland würde heimfahren und die Gewissheit, Deutschland würde es ins Viertelfinale schaffen, bescherten mir äußerst süße Träume. (Meine niederländischen Freunde mögen es mir nachsehen und vielleicht sogar verstehen.)
Am folgenden Tag war zwar so rein gar nichts mit mir anzufangen, aber was soll's?! Wir hatten Holland geschlagen und ich konnte es (fast) live mitverfolgen. Es war all die Mühen wert...
von Peer Bergholter
Auch mal Glück haben
In Yogya war uns das Schicksal gewogen. Zumindest was unsere Unterkunft anging. Online buchten wir im Vorfeld drei Betten im Schlafsaal für einen fairen Preis. Bei Ankunft wurde uns dann aber mitgeteilt, dass der Schlafsaal ausgebucht sei. Es habe Unstimmigkeiten bei der Online-Buchung gegeben, wurde uns gesagt. An unserer erfolgten und bestätigten Reservierung gab es allerdings nichts zu rütteln. Also bot uns der Betreiber dieses Bed&Breakfasts an, uns zwei freie Einzelzimmer zur Verfügung zu stellen. Zum selben Preis wie die Dormbetten. Natürlich stehe es uns frei, mehr dafür zu bezahlen, so wir denn wollten. Wir wollten nicht und nahmen die beiden Einzelzimmer dankbar an. Jochen und Susi teilten sich das eine, ich bezog das zweite. Und wir freuten uns über dieses Glück und den damit verbundenen unerhofften Luxus. Ruhe und Abgeschiedenheit, eine leise surrende Klimaanlage, Fernseher und in dem einen Zimmer sogar ein Balkon. So feudal sind wir schon lange nicht mehr abgestiegen.
Rückschläge sind einzuplanen
So vermeintlich gut wir es mit dieser Bleibe auch getroffen hatten, so suspekt war es mir. Wo war der Haken an der Sache?
Wir wohnten in Green Gardens, einer etwas abgelegenen und offenbar sehr wohlhabenden Gegend Yogyakartas. Herausgeputzte Einfamilienhäuser gruppierten sich hier um einen Tennisclub, der allem Anschein nach das Herz der Anlage bildete. Am Tage wurde der Mercedes in der Einfahrt gewaschen, am Abend kontrollierten Sicherheitskräfte die beschrankten Zufahrten zu diesem Viertel. Nach Einbruch der Dunkelheit kam man dann auch nur noch mit einem Anwohner- oder in unserem Fall Gästeausweis durch die Absperrungen. Leider vergaß man uns beim Einchecken diesen Ausweis auszuhändigen. Nicht das einzig Organisatorische, was in unserer Bleibe schief lief.
Kommunikationsstörungen
Am Abend des Spiels verließ das Maß meiner Aufregung das angenehme Niveau und steigerte sich alsbald ins Unerträgliche. Die Tatsache, dass ich auf dem Fernseher den inzwischen wohl bekannten Sender, der hierzulande die EM-Spiele überträgt, zwar gefunden hatte, die gewohnten Vorberichte aber zugunsten einer indonesischen Castingshow nicht gesendet wurden, versetzte mich allmählich in Panik. Ich ging zur Rezeption, um Gewissheit zu erlangen. Die Nachtrezeptionistin war der englischen Sprache nur in Ansätzen mächtig, wie wir bereits herausfanden. Da mein Bahasa allerdings noch rudimentärer, um nicht zu sagen nicht existent ist, versuchte ich es dennoch auf Englisch. Grob übersetzt gestaltete sich der Dialog wie folgt:
Freundlich: „Entschuldigen Sie bitte, aber wo kann ich das Fußballspiel heute Nacht verfolgen?"
Mit großen Augen, sich hebenden Schultern und einem verlegenen Lächeln: „Häh?" (nonverbal)
Mit Nachdruck und buchstabierend: „Fußball! Die Europameisterschaft!"
Mit Verstehen im Blick und Zufriedenheit darüber, eine Antwort parat zu haben: „Ah, im Fernshehen!"
Geduldig: „Ja, aber wo? Hier?" (auf das Gerät auf der Rezeption zeigend)
Selbstsicher: „Ja!"
Immernoch geduldig und erneut auf die Mattscheibe deutend: „Nein, da läuft Indonesian Idol! Kein Fußball!"
Achselzuckend: „Hm."
Ich lege alle meine Verzweiflung in einen flehenden Blick, was die junge Dame dazu veranlasst, einmal durch die überschaubare Anzahl an Sendern zu zappen.
Ich stelle fest: „Kein Fußball."
Sie sieht es ähnlich: „Ja."
Nicht gewillt aufzugeben: „Also wo kann ich dann das Spiel sehen?"
Gleichgültig: „Im Fernsehen."
Leicht genervt: „Kann ich ausgehen, um es mir in einer Bar anzusehen?"
Rigoros: „Nein!"
„Warum nicht?"
„Die Wachen!"
Kopfschüttelnd und den Tränen nahe gab ich auf. Ich ging zu dem Rest unserer nur semi-interessierten Gruppe und erstattete Bericht. Die Reaktionen reichten von Gelächter bis hin zu mitleidigem Schulterklopfen. Nichts davon half mir weiter.
Stehvermögen
Im Gegenteil. Nachdem ich die Hiobsbotschaft überbracht hatte, verabschiedeten sich alle Anwesenden allmählich ins Bett. Resigniert, wohl eher Verzweifelt, ging auch ich auf mein Zimmer und stellte den Fernseher an. Ohne jegliche Hoffnung. Die Anstoßzeit war schon lange vorbei und in der Glotze duellierten sich immernoch die kommenden indonesischen Superstars. Ich weinte leise in mein Kopfkissen, während ich das Ende der Show verfolgte. Ich wollte mich gerade zum Fernseher begeben, um diesen auszuschalten, da ertönte das wohlbekannte und nicht mehr erwartete Intro der Fußballübertragung. Ich konnte mein Glück kaum fassen! Ich sollte das Spiel doch noch zu sehen bekommen! Zwar mit gehöriger Verzögerung (wohl wegen der Live-Übertragung des „Indonesian Idols") zuzüglich der ohnehin fünfstündigen Zeitverschiebung, aber immerhin. Ich war plötzlich hellwach, als der kontinentale Klassiker Holland - Deutschland angepfiffen wurde. Es muss wohl halb fünf gewesen sein, als ich auf einem kleinen Schemel in meinem Zimmer saß, keinen halben Meter von meiner Glotze entfernt, die leider so winzig war, dass ich vom Bett aus orange von weiß nicht hätte unterscheiden können.
Und bekanntermaßen hat sich das Stehvermögen gelohnt. Zwar schrien zur Halbzeit die Vögel vor meinem Fenster und zum Abpfiff war es bereits hellichter Tag, aber erfüllt, gar beseelt, fiel ich völlig übermüdet und siegestrunken ins Bett. Die Sicherheit, Holland würde heimfahren und die Gewissheit, Deutschland würde es ins Viertelfinale schaffen, bescherten mir äußerst süße Träume. (Meine niederländischen Freunde mögen es mir nachsehen und vielleicht sogar verstehen.)
Am folgenden Tag war zwar so rein gar nichts mit mir anzufangen, aber was soll's?! Wir hatten Holland geschlagen und ich konnte es (fast) live mitverfolgen. Es war all die Mühen wert...
von Peer Bergholter
Kommentare zu "Der Klassiker"
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Ganz großes Fußballkino!
Ich hätte es nicht anders gemacht.
Ole, ole, ole,
Stan. The biggest fan.