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4. Juli 2012
Alte Schule
Die indonesische Fußballbegeisterung erschöpfte sich sehr schnell. Zumindest die unseres Gastgebers für das Auftaktspiel. Am Tag, an dem die Deutsche Elf in das Turniergeschehen eingreifen sollte, suchte ich erneut Eki's Restaurant auf, in der Hoffnung auch für diesen - für uns ungleich wichtigeren - Spieltag auf seine Gastfreundschaft zählen zu können. Doch es war lediglich ein Kollege von Eki anwesend, der nur rudimentäres Englisch beherrschte. Es reichte allerings aus, um mir zu verstehen zu geben, dass der Chef den ganzen Tag noch nicht gesehen wurde und sich wohl auch nicht mehr blicken lassen würde. Er hatte es wohl am Abend zuvor etwas übertrieben. Und sein Kollege war ganz offenbar nicht gewillt, bis tief in die Nacht auszuharren, um uns einen weiteren Fußballabend zu ermöglichen. Verdammt. Was nun?
Panik
Langsam aber sicher wurde ich panisch. Ich fragte erneut überall herum und spielte sogar kurzzeitig mit dem Gedanken, mir in einem der Luxushotels in der Nähe eine Suite zu nehmen. Ich hätte fast alles für einen Fernseher gegeben. Ich entschied mich allerdings dafür, Vernunft walten zu lassen und verwarf den Gedanken an eine Luxus-Suite wieder. Jochen stellte einmal mehr seine Haltung dem Fußball gegenüber zur Schau und blieb gleich im Hostel. So waren es lediglich Susi und ich in Begleitung des Niederländers Sven, die ratlos auf der Straße standen und nicht wussten wohin. Schließlich fasste ich einen Entschluss. Aus Mangel an Alternativen wollten wir es im Hostel mit einem Live-Stream im Internet versuchen. Wohlwissend, dass wir damit der Internetverbindung alles abverlangen würden.
Verzweiflung
Gesagt, getan. Wir suchten und fanden dann auch diverse Streams im Netz. Mal englisch, mal russisch, mal chinesisch, mal spanisch. Die Sprache der Kommentare wäre uns egal gewesen, allerdings erwies sich keine der Optionen die wir fanden als wirklich schaubar. Ewig lange Verzögerungen, noch längere Ladezeiten und ohnehin die meiste Zeit nur Standbild unterlegt mit fremdländischen Kommentaren. Das war nichts. Zumindest hatten wir das Hollandspiel als Testphase, das Deutschlandspiel stand noch aus. Doch ich war der Verzweiflung nah, denn ich war mir sicher, so würde ich das Spiel nicht verfolgen, geschweige denn genießen können.
Besinnen auf das Wesentliche
Meine beiden Mitstreiter zeigten nun auch nachlassende Begeisterung und ließen jeglichen Einsatzwillen vermissen. Sie gingen einfach ins Bett. Ich brachte es nicht übers Herz. Also saß ich alleine auf er offenen Galerie unseres Gästehauses und suchte verzweifelt nach einer Lösung im Netz. Bis kurz vor Anpfiff. Dann besann ich mich auf das Wesentliche. Fußball wurde schließlich auch schon vor dem Einzug des Fernsehgerätes in die Wohnzimmer gespielt. Und auch außerhalb der Stadien verfolgt. Also suchte und fand ich einen Radiostream, dem die hiesige Internetverbindung dann doch gewachsen war. Die Radioübertragung eines Fußballspiels ist immer eine spannende Sache. Und an diesem Tag ganz besonders. Ich hatte den Blick fest auf das Display des Laptops gerichtet, auf dem allerdings nichts zu sehen war, und fieberte mit. Ich hörte, wie sich der Kommentator um Kopf und Kragen redete - ein Job, um den ich ihn in diesem Moment nicht beneidete - und wie sich seine Stimme beim 1:0 durch Gomez überschlug. Und ich ließ mich mitreißen und stieß beim Tor einen markerschüternden Brüll aus, gänzlich vergessend, dass um mich herum alles schlief. Nun hatte ich eine ungefähre Vorstellung davon, wie sich unsere Großväter anno 1954 gefühlt haben müssen.
So kam ich dann doch noch in den Genuss des ersten Spiels der DFB-Auswahl, auch wenn es sich letztlich anders gestaltete, als erwartet. Es war ein Fußballerlebnis der besonderen Art. Alte Schule eben.
von Peer Bergholter
Kommentare zu "Alte Schule"
Fuba
Habe kaum getraut, mich zu erkundigen, ob - und wenn - ihr überhaupt die EM verfolgt, aber das ist ja wirklich "hardcore"-Fan-Engagement mit minimalem sportlichem "Lustgewinn"- however- über das Abschneiden der deutschen Elf wird noch nach eurer Rückkehr in fußballfreundlichere Gefilde noch trefflich zu streiten sein...
die enttäuschte Fußball-Mutter
Das gute alte Radio
Na endlich wird meine Frage beantwortet, wie es bei dir/euch mit der EM gelaufen ist. Jetzt, da alles vorbei ist;-) Aber auch ich möchte gern eine Geschichte beitragen, wie sehr man plötzlich das gute alte Radio schätzen lernen kann. Es war der 11. September 2001 und ich befand mich auf einem Dreimaster irgendwo auf der Ostsee. Es hatte etwas unwirkliches, an diesem Ort mit 25 Leuten um einen Weltempfänger an Bord eines Segelschiffes zu sitzen und ungläubig den Berichten aus NY zu lauschen. Erst drei Tage später konnte ich dann in einem Internetcafé die ersten bewegten Bilder dessen sehen, was an diesem 11.9. passiert war...
Lässt es euch weiterhin gut gehen!
Glück auf
D.
1954
Ja, da kannste mal sehen, wie es uns damals ging, mit geschlossenen Augen, das Ohr an den sog. alten Volksempfänger gedrückt, kaum die Schreie des Kommentators verstehend vor lauter Rauschen, jaaa, ich erinnere mich gut, ich war Kind und habs noch immer im Ohr...... Schön wars und Deine Panik kann ich voll nachvollziehen. Weiter gute Nerven und viel Glück G aus KG
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Hallo,
toll, dass es noch geklappt hat. Aber es geht übrigens auch analog. "Weltempfänger" hieß und heisst das Zauberwort.
Damit habe ich mal beim Trekking in Nepal in einer Sherpa-Hütte auf 4000m nachts (auch dort schliefen alle) das abstiegsvorentscheidende Bundesliga-Highlight Bayer Leverkusen- Arminia Bielefeld auf der deutschen Welle in der Bundelsigakonferenz gehört. Es war es eigentlich nicht wert: 0:0 und Bielefeld stieg dann bald ab.
Trotzdem eine Erinnerung für's Leben: ich saß mit dem Weltempfänger direkt vor'm Ofen und musste alle 10 min einen getrockneten Yak-Fladen nachlegen, es war -2 Grad in der Hütte.