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1. November 2011
Illegal in Russland. Zweiter Teil.
Wir sind ohne gültiges Visum in Russland. Es ist abgelaufen, warum auch immer.
Da standen wir nun, in Kazan, am Bahnhof, und wollten nach Moskau, um endlich zurück in die Legalität zu kommen. Würde der Zug uns dorthin bringen?
Wir hatten Glück, kein Mensch interessierte sich für unsere Visa. Wir kamen in den Zug und waren für die nächsten zwölf Stunden untergebracht, würden vom Bahnhof in Moskau aus direkt zum Konsulat fahren und in kompetente Hände kommen. Auch für das Obdach-Problem hatte unser Mann in Moskau eine Lösung. Er hatte Kontakt zu einer konspirativen Wohnung bei einer Rentnerin, die hin und wieder Problemfälle wie uns beherbergte. Immerhin - hier waren wir also kein Präzedenzfall.
Der Silberstreif am Horizont schien sich zu verbreitern.
© Jochen Müller Vodka-Taufe im Zug zurück nach Moskau. Großer Spaß. Noch...
Vor lauter Euphorie rannten wir völlig Unbedarft einem jungen Russen in die Arme, als wir im Zug eine Zigarette rauchen gingen. Er mühte sich mit einer Alkoholleiche ab, wir halfen ihm dabei, das Häufchen Elend zu entsorgen. Und erfuhren, dass auch der junge Mann den Säufer nicht kannte. Er hatte ihn nur gefunden. Es gibt also doch Russen die Besoffenen helfen. Als wir über das Erlebte sprachen, tauchten andere Leute auf, drei junge Leute und noch eine Dame, die sogar perfektes Englisch sprach. Wir standen dort zwischen den Waggons, dicht gedrängt und auf einmal hatten wir Becher in der Hand und mussten anstoßen. Auf das Entsorgen einer Alkoholleiche muss erst mal ein Vodka getrunken werden. Natürlich. Wir kamen nicht drum herum, da halfen keine Ausreden. Und letztendlich waren wir sogar ganz froh wenigstens kurz abgelenkt zu werden. Aus dem kurz wurde lang, aus einer Zigarettenlänge wurden einige Stunden. Bis wir betrunken in die Betten fielen und neue Freunde gefunden hatten. So kann es gehen.
In Moskau angekommen fanden wir unseren Weg, obwohl wir uns sicher nicht wohl dabei fühlten. Erst als unser Mann in Moskau uns in Empfang nahm, entspannten wir etwas. Er führte uns zu unserer Unterkunft und erklärte uns das weitere Prozedere. Die Rentnerin bekam 1000 Rubel pro Person und Nacht, er bürgte für uns und wir sollten artig sein, denn keine alte Frau auf der Welt bringt gerne zwei fremde Männer bei sich unter. Erst Recht nicht, wenn sie Probleme mit dem Staat haben und schon gar nicht, wenn die Rentnerin alleine mit ihrer 19jährigen Enkelin in einer Zweiraumwohnung lebt. Doch wir versicherten ihr, dass wir harmlos, zutraulich und lieb seien. Nur halt etwas schusselig. Die drei Nächte, die wir dort verbrachten, waren letztendlich recht entspannend, denn so viel gab es für uns nicht zu tun, so dass wir ausschlafen konnten, und mehr als genug Zeit hatten uns Sorgen zu machen, wie es weiter gehen sollte.
Gleich nach der Ankunft ging Peer los, um die Agentur aufzusuchen. Mir ging es nicht so gut, da die letzte Nacht doch etwas anstrengend gewesen war. Viele Menschen erleben auf der Strecke der Transsibirischen Eisenbahn ihr unsanftes Vodka-Erwachen, und ich hatte mir ein ganz besonders günstiges Datum dafür ausgesucht.
Einige Stunden später kam Peer wieder, in der Zwischenzeit hatte ich schon wieder mit unserem Mann in Moskau telefoniert und dieselben Informationen erhalten. Heute war nichts mehr auszurichten. Nicht nur, weil der FMS heute keine Besucher empfing. Es gab da noch ein unbedeutendes Problem mit den Computern. Die gingen nämlich seit vier Tagen nicht. Alle in der gesamten Behörde. Passiert manchmal, da kann man nichts machen. Außer zu warten.
Am nächsten Tag sollten wir gleich morgens zur Agentur kommen, dann würde man die Sache in Angriff nehmen. Es war also Mittwoch früh, als wir die ersten handfesten Schritte unternehmen konnten. Unser Visum war seit vier Tagen abgelaufen.
In der Agentur mussten wir natürlich erst einmal Rede und Antwort stehen, wie es zu all dem gekommen war. Wir versicherten glaubhaft, dass wir naiv, dumm, hilflos aber harmlos seien und baten unterwürfig um Hilfe. Und fanden Gehöhr. Denn unserem Schöpfer sei Dank, waren wir nicht mittellos. Sonst wäre es aus gewesen.
Wir bezahlten 8000 Rubel pro Person. 5000 als Strafe für das Amt und 3000 für die Agentur, weil „na ja, you know..." und ein Augenzwinkern. Nicht nachfragen. Es gibt auch ungutes Wissen.
Unsere Pässe gaben wir ab, die Dokumente und Registrierungen durften wie behalten. Wir bekamen Kopien unserer Pässe ausgehändigt, dann wurden wir nach den gebuchten Tickets gefragt. Unser Mann in Moskau hatte uns versichert, dass es möglich wäre, gleich vor Ort in der Agentur Fahrscheine zu buchen, die wir noch nicht bezahlen müssten. Es wäre lediglich eine Reservierung gewesen, hätte allerdings den Umtausch im Falle des Falles erleichtert. Doch das ging nicht. Wir mussten uns also auf ein Datum einigen. Sofort. Die Damen rieten uns nicht vor Samstag zu buchen, denn vorher sei mit einem Erfolg nicht zu rechnen. Da internationale Direktzüge nicht täglich verkehren, wurde aus dem Samstag ein Dienstag. Auf unsere Frage, ob es denn möglich sei, zwischendurch einen Tag Pause in Irkutsk zu machen, bekamen wir zuerst einmal als Antwort einen Blick. Nur einen Blick, aber einen von der Sorte, die keine Worte braucht, um zu verdeutlichen, dass man gerade dabei ist, den Bogen zu überspannen. Und wieso eigentlich? Warum wollen wir nach Irkutsk? Was haben wir da für ein Interesse? Wir beeilten uns zu versichern, dass es erstens nur eine Frage gewesen sei, ob es denn möglich gewesen wäre, wir zweitens vielleicht gerne mal zwischendurch geduscht hätten und wir drittens gleich begierig darauf seien alle Städte in Russland zu besuchen, denn sie seien sicherlich alle sehenswert. Jede auf ihre Art. Irgendetwas muss gewirkt haben, denn die Mine hellte sich deutlich auf und uns wurde versichert, dass man den Baikalsee vom Fenster der Bahn aus sehen würde. Wenn wir Glück hätten und tagsüber vorbeikämen. Mehr gäbe es in Irkutsk ohnehin nicht zu sehen. Thema beendet.
Wer mit Visumsproblemen ausreisen will, muss einen nonstop Zug buchen, aussteigen ist nicht vorgesehen, das erhöht nur die Gefahr, dass man wieder auf dumme Gedanken kommt. Etwa zu bleiben um sich fortan als Gastarbeiter eine goldene Nase auf Kosten der armen Landbevölkerung zu verdienen. Oder etwas Derartiges. Natürlich verstanden wir das und fügten uns. Immerhin machte man uns deutlich, dass wir keine Ansprüche mehr zu stellen hätten. Und betonte es mehrfach. Ab nun sei unser Schicksal einzig und alleine in den Händen des Amtes. Was auch immer der FMS sich für uns ausdachte, hatten wir widerstandslos zu akzeptieren. Früher hatte die Partei immer Recht. Für uns galt nun nur noch das Wort des FMS.
Wir informierten unseren Mann in Moskau über die aktuelle Lage und verbrachten den Rest des Tages mit Warten. Erst am nächsten Tag sollten wir wieder bereit sein, dann würde man uns benachrichtigen. Am Donnerstag ging eine Mitarbeiterin der Agentur zum FMS und leitete den Prozess in die Wege. Was auch immer sie tat, sie tat ihren Job gut, denn danach bekamen wir einen Anruf der Agentur, dass der nächste Schritt möglich sei. Am Freitag sollten wir uns morgens um halb zehn mit dieser Mitarbeiterin an einer Metro Station treffen, sie würde uns dann mit zur Behörde nehmen, dort müssten wir unsere Fingerabdrücke abgeben und die Strafe bezahlen. Wie hielten diese Behörde für den FMS, doch das stellte sich erst im Nachhinein als Irrtum heraus.
Aufgeputscht von unserer scheinbaren Glückssträhne meinten wir uns etwas gönnen zu können und statteten dem „Deutschen Eck" einen Besuch ab. Dieses Restaurant auf dem Wohngelände der deutschen Konsulats- und Botschaftsangestellten wurde uns von unserem Mann in Moskau empfohlen. Der Besuch hat sich gelohnt. Wahrlich. An der Wand hing in einem Rahmen ein beeindruckendes Skat-Blatt, wie man es nur einmal im Leben bekommt. Ein Grand Ouvert mit drei Buben, drei Assen und Herzflöte, wir waren begeistert. Man hörte deutsche Gespräche an den Tischen, hauptsächlich drehte es sich um Stahlbau und die neue Mercedes Filiale, die gebaut worden war, trotz aller bürokratischen Widrigkeiten und Hindernisse. Wir verstanden kein Wort doch erklärten uns solidarisch. Es gab die Moskauer Deutsche Zeitung zu lesen, wir fanden unseren ersten Gastbeitrag darin und fühlten uns nicht mehr gar so sinn- und nutzlos wie zuvor. Wir aßen echten Salat, also Blattsalat mit richtigem Dressing, ganz ohne Mayonnaise, danach Schnitzel mit Bratkartoffeln bzw. warmem Kartoffelsalat und anschließend Apfelstrudel mit Vanillesoße und -eis. Wir tranken gezapftes Bier mit Schaumkrone, Rotwein und hinterher einen Espresso, hatten Freudentränen in den Augen und giggelten auf dem Heimweg wie die Kinder. Die Erfahrung macht wohl jeder, der eine Zeit im Ausland unterwegs ist. Essen aus der Heimat ist Urlaub für die Seele. Besonders, wenn man Heimweh hat oder wenn einem Unbill droht und man sich seit drei Tagen von Fischkonserven und Tütensuppen ernährt. Wir fühlten uns gut und so sicher wie in Mamas Schoß.
Anderntags auf dem Amt verging der flüchtige Eindruck natürlich wieder, doch die Erfahrung und den Geschmack konnte uns keiner mehr nehmen.
In der Bruchbude, die lustlos mit Holzimitat beklebt war, saßen wir insgesamt zwei Stunden. Rekordverdächtig wenig. Einer nach dem anderen wurden wir in die kleine Amtstube gerufen um die Formalitäten zu erfüllen. Wir hatten Glück, dass ein netter Afrikaner mit seiner Frau da war, der Russisch und Englisch sprach und sich anbot für uns zu übersetzen. Die Dame der Agentur, die mit uns dort war, sprach kein Englisch. Er übersetzte uns, dass wir das Gesetz gebrochen hätten und, wenn das ein weiteres Mal vorkäme, wir ein fünfjähriges Einreiseverbot für Russland bekämen. Wir erklärten, dass wir verstanden hätten, es uns leidtue und wir fortan für immer brav und artig sein wollten. Und wurden wieder hinausgeschickt. Wir hörten die Dame mit dem Beamten diskutieren, es wurde hin und wieder lautstark. Wir konnten nur raten worum es ging, versuchten das nicht zu tun und versagten. Geld? Zu viel? Zu wenig?
Als wir wieder hinein gebeten wurden, mussten wir Fingerabdrücke abliefern. Obwohl Fingerabdrücke ein Euphemismus ist. Alle fünf Finger, Zeigefinger und Daumen jeweils noch einmal extra, die Langfinger in Gänze und der Handballen auch noch. Sicher ist sicher.
In der Amtstube stand ein Fernseher, auf dem mit einigen Störungen ein russischer Sender abwechselnd Dauerwerbesendungen und Musikvideos brachte. Als wir die Fingerabdrücke machten, glaubten wir unseren Augen und Ohren nicht zu trauen. Bobby McFerrin sang „Don't worry, be happy". Grotesker ging es wohl kaum. Der Afrikaner übersetzte uns die Fragen des Beamten. Wo wir herkämen? Da mein momentaner erster Wohnsitz in Hamburg liegt, gab ich das an und er fing an davon zu erzählen wie er vor einigen Jahren dorthin reiste, wie schön Hamburg sei, wie gut es ihm gefallen habe und, dass er den Kiez eindrucksvoll fand. Ich sagte, dass ich mich freute, dass er meine Stadt möge. Während er mir die Abdrücke nahm. Es gibt immer noch Raum für Steigerung.
Wir durften uns die Finger waschen und mussten wieder warten. Danach ging es daran Unterschriften zu leisten. Leider war der Afrikaner nicht mehr da, so dass wir bis heute nicht wissen, was wir da unterschrieben haben. Insgesamt müssen es ein Dutzend Unterschriften gewesen sein. Was hatten wir damit bestätigt? Die Erbsünde? Allgemeinschuld an sämtlichen 2011 begangenen Visumsvergehen? Hatten wir uns freiwillig für einen Gulag gemeldet? Oder gar für die Armee? Wir werden es wohl nie erfahren. Irgendwann war auch das erledigt und wir durften gehen. Die Dame der Agentur sagte nichts, draußen vor der Tür hielten wir es nicht mehr aus und fragten sie, wo denn die Visa seien. Sie bat um einen Moment Geduld, rief die Agentur an, sprach eine Minute lang mit der Dame dort und reichte uns den Hörer. Erst dann erfuhren wir auf Englisch, dass wir nicht beim FMS gewesen waren. Dies war nur die Bußgeldstelle. Mit der Quittung für Geld und Abdrücke würde unsere Begleiterin nun zum FMS gehen und das Visum beantragen. Das würde bis Montag wahrscheinlich geschafft sein und aller Voraussicht nach dürften wir den Zug Dienstagabend erreichen. Wahrscheinlich ist ein Wort, das man in gewissen Situationen nur ungerne hört. Wie „uuups" beim Zahnarzt oder „hoppala" beim Friseur. Aber es ließ sich nichts daran ändern.
Wir fuhren heim und stellten uns darauf ein, dasselbe wie seit Tagen zu tun. Zu warten.
Es gab allerdings ein kleines Problem. Wir hatten bei der Rentnerin für nur drei Tage bezahlt, die waren nun um und so mussten wir nun eine Entscheidung treffen. Should I stay or should I go?
Doch am Abend bei Schnitzel und Bier waren unsere Hirne zu Höchstleistung aufgelaufen und hatten den einzigen uns bekannten Menschen in Moskau aus den Tiefen des Gedächtnisses hervorgekramt. Unsere Ansprechpartnerin bei der Moskauer Deutschen Zeitung. Noch in der Nacht hatten wir ihr eine Mail geschrieben. Und tatsächlich. Zurück bei der Rentnerin erfuhren wir, dass sie uns aufnehmen konnte, da ihre Mitbewohnerin gerade im Urlaub war. Wir sollten ihr und ihrer zweiten Mitbewohnerin einmal den Kühlschrank auffüllen und durften dafür bis Dienstag bei ihnen bleiben. Journalisten sind leidgeprüfte Existenzen. So was macht empfänglich für das Leid anderer.
Also packten wir unsere Sachen, kauften unserer Rentnerin Pralinen und Sekt als Dank, ernteten sogar ein Küsschen auf die Wange dafür und zogen von Dannen. Natürlich nicht ohne unseren Mann in Moskau über den Fortgang zu informieren.
Am anderen Ende der Stadt empfingen uns die zwei jungen Frauen herzlich. Wir erzählten unsere Geschichte ein ums andere Mal, machten den versprochenen Einkauf und freuten uns über eine heiße Dusche. Da es Freitagabend war, zeigten sie uns das Moskauer Nachtleben, und sogar ich musste zugeben, dass Moskau auch seine schönen Seiten hat. Die Christi Erlöser Kathedrale ist bei Nacht eine Pracht. Und ihr Alter sieht man ihr gar nicht an. Keine zehn Jahre ist sie alt, steht da wie seit Jahrhunderten, frisch renoviert, und selbst nun, da wir wissen, dass sie auf einem alten Schwimmbad steht, das es immer noch gibt, in das aber niemand hinein darf, finden wir sie immer noch eindrucksvoll.
Wer in Moskau abends weg will, kein Millionär ist und auf echtes russisches underground Flair steht, dem sei das „Projekt O.G.I." empfohlen. Zwar kamen wir zu spät für die Live Musik, angeblich verpassten wir eine russische Ska-Kapelle, aber die Musik vom Plattenteller war auch spitze. Danach gingen wir ins „Krizis Zhanra", und auch das erntete von uns zwei erhobene Daumen. Alternative und Indie, Rock und anderes. Wir waren begeistert.
Wir schienen auf die Straße des Glücks eingebogen zu sein. Uns konnte nichts mehr passieren. Oder?
Jochen Müller
Da standen wir nun, in Kazan, am Bahnhof, und wollten nach Moskau, um endlich zurück in die Legalität zu kommen. Würde der Zug uns dorthin bringen?
Wir hatten Glück, kein Mensch interessierte sich für unsere Visa. Wir kamen in den Zug und waren für die nächsten zwölf Stunden untergebracht, würden vom Bahnhof in Moskau aus direkt zum Konsulat fahren und in kompetente Hände kommen. Auch für das Obdach-Problem hatte unser Mann in Moskau eine Lösung. Er hatte Kontakt zu einer konspirativen Wohnung bei einer Rentnerin, die hin und wieder Problemfälle wie uns beherbergte. Immerhin - hier waren wir also kein Präzedenzfall.
Der Silberstreif am Horizont schien sich zu verbreitern.
Vor lauter Euphorie rannten wir völlig Unbedarft einem jungen Russen in die Arme, als wir im Zug eine Zigarette rauchen gingen. Er mühte sich mit einer Alkoholleiche ab, wir halfen ihm dabei, das Häufchen Elend zu entsorgen. Und erfuhren, dass auch der junge Mann den Säufer nicht kannte. Er hatte ihn nur gefunden. Es gibt also doch Russen die Besoffenen helfen. Als wir über das Erlebte sprachen, tauchten andere Leute auf, drei junge Leute und noch eine Dame, die sogar perfektes Englisch sprach. Wir standen dort zwischen den Waggons, dicht gedrängt und auf einmal hatten wir Becher in der Hand und mussten anstoßen. Auf das Entsorgen einer Alkoholleiche muss erst mal ein Vodka getrunken werden. Natürlich. Wir kamen nicht drum herum, da halfen keine Ausreden. Und letztendlich waren wir sogar ganz froh wenigstens kurz abgelenkt zu werden. Aus dem kurz wurde lang, aus einer Zigarettenlänge wurden einige Stunden. Bis wir betrunken in die Betten fielen und neue Freunde gefunden hatten. So kann es gehen.
In Moskau angekommen fanden wir unseren Weg, obwohl wir uns sicher nicht wohl dabei fühlten. Erst als unser Mann in Moskau uns in Empfang nahm, entspannten wir etwas. Er führte uns zu unserer Unterkunft und erklärte uns das weitere Prozedere. Die Rentnerin bekam 1000 Rubel pro Person und Nacht, er bürgte für uns und wir sollten artig sein, denn keine alte Frau auf der Welt bringt gerne zwei fremde Männer bei sich unter. Erst Recht nicht, wenn sie Probleme mit dem Staat haben und schon gar nicht, wenn die Rentnerin alleine mit ihrer 19jährigen Enkelin in einer Zweiraumwohnung lebt. Doch wir versicherten ihr, dass wir harmlos, zutraulich und lieb seien. Nur halt etwas schusselig. Die drei Nächte, die wir dort verbrachten, waren letztendlich recht entspannend, denn so viel gab es für uns nicht zu tun, so dass wir ausschlafen konnten, und mehr als genug Zeit hatten uns Sorgen zu machen, wie es weiter gehen sollte.
Gleich nach der Ankunft ging Peer los, um die Agentur aufzusuchen. Mir ging es nicht so gut, da die letzte Nacht doch etwas anstrengend gewesen war. Viele Menschen erleben auf der Strecke der Transsibirischen Eisenbahn ihr unsanftes Vodka-Erwachen, und ich hatte mir ein ganz besonders günstiges Datum dafür ausgesucht.
Einige Stunden später kam Peer wieder, in der Zwischenzeit hatte ich schon wieder mit unserem Mann in Moskau telefoniert und dieselben Informationen erhalten. Heute war nichts mehr auszurichten. Nicht nur, weil der FMS heute keine Besucher empfing. Es gab da noch ein unbedeutendes Problem mit den Computern. Die gingen nämlich seit vier Tagen nicht. Alle in der gesamten Behörde. Passiert manchmal, da kann man nichts machen. Außer zu warten.
Am nächsten Tag sollten wir gleich morgens zur Agentur kommen, dann würde man die Sache in Angriff nehmen. Es war also Mittwoch früh, als wir die ersten handfesten Schritte unternehmen konnten. Unser Visum war seit vier Tagen abgelaufen.
In der Agentur mussten wir natürlich erst einmal Rede und Antwort stehen, wie es zu all dem gekommen war. Wir versicherten glaubhaft, dass wir naiv, dumm, hilflos aber harmlos seien und baten unterwürfig um Hilfe. Und fanden Gehöhr. Denn unserem Schöpfer sei Dank, waren wir nicht mittellos. Sonst wäre es aus gewesen.
Wir bezahlten 8000 Rubel pro Person. 5000 als Strafe für das Amt und 3000 für die Agentur, weil „na ja, you know..." und ein Augenzwinkern. Nicht nachfragen. Es gibt auch ungutes Wissen.
Unsere Pässe gaben wir ab, die Dokumente und Registrierungen durften wie behalten. Wir bekamen Kopien unserer Pässe ausgehändigt, dann wurden wir nach den gebuchten Tickets gefragt. Unser Mann in Moskau hatte uns versichert, dass es möglich wäre, gleich vor Ort in der Agentur Fahrscheine zu buchen, die wir noch nicht bezahlen müssten. Es wäre lediglich eine Reservierung gewesen, hätte allerdings den Umtausch im Falle des Falles erleichtert. Doch das ging nicht. Wir mussten uns also auf ein Datum einigen. Sofort. Die Damen rieten uns nicht vor Samstag zu buchen, denn vorher sei mit einem Erfolg nicht zu rechnen. Da internationale Direktzüge nicht täglich verkehren, wurde aus dem Samstag ein Dienstag. Auf unsere Frage, ob es denn möglich sei, zwischendurch einen Tag Pause in Irkutsk zu machen, bekamen wir zuerst einmal als Antwort einen Blick. Nur einen Blick, aber einen von der Sorte, die keine Worte braucht, um zu verdeutlichen, dass man gerade dabei ist, den Bogen zu überspannen. Und wieso eigentlich? Warum wollen wir nach Irkutsk? Was haben wir da für ein Interesse? Wir beeilten uns zu versichern, dass es erstens nur eine Frage gewesen sei, ob es denn möglich gewesen wäre, wir zweitens vielleicht gerne mal zwischendurch geduscht hätten und wir drittens gleich begierig darauf seien alle Städte in Russland zu besuchen, denn sie seien sicherlich alle sehenswert. Jede auf ihre Art. Irgendetwas muss gewirkt haben, denn die Mine hellte sich deutlich auf und uns wurde versichert, dass man den Baikalsee vom Fenster der Bahn aus sehen würde. Wenn wir Glück hätten und tagsüber vorbeikämen. Mehr gäbe es in Irkutsk ohnehin nicht zu sehen. Thema beendet.
Wer mit Visumsproblemen ausreisen will, muss einen nonstop Zug buchen, aussteigen ist nicht vorgesehen, das erhöht nur die Gefahr, dass man wieder auf dumme Gedanken kommt. Etwa zu bleiben um sich fortan als Gastarbeiter eine goldene Nase auf Kosten der armen Landbevölkerung zu verdienen. Oder etwas Derartiges. Natürlich verstanden wir das und fügten uns. Immerhin machte man uns deutlich, dass wir keine Ansprüche mehr zu stellen hätten. Und betonte es mehrfach. Ab nun sei unser Schicksal einzig und alleine in den Händen des Amtes. Was auch immer der FMS sich für uns ausdachte, hatten wir widerstandslos zu akzeptieren. Früher hatte die Partei immer Recht. Für uns galt nun nur noch das Wort des FMS.
Wir informierten unseren Mann in Moskau über die aktuelle Lage und verbrachten den Rest des Tages mit Warten. Erst am nächsten Tag sollten wir wieder bereit sein, dann würde man uns benachrichtigen. Am Donnerstag ging eine Mitarbeiterin der Agentur zum FMS und leitete den Prozess in die Wege. Was auch immer sie tat, sie tat ihren Job gut, denn danach bekamen wir einen Anruf der Agentur, dass der nächste Schritt möglich sei. Am Freitag sollten wir uns morgens um halb zehn mit dieser Mitarbeiterin an einer Metro Station treffen, sie würde uns dann mit zur Behörde nehmen, dort müssten wir unsere Fingerabdrücke abgeben und die Strafe bezahlen. Wie hielten diese Behörde für den FMS, doch das stellte sich erst im Nachhinein als Irrtum heraus.
Aufgeputscht von unserer scheinbaren Glückssträhne meinten wir uns etwas gönnen zu können und statteten dem „Deutschen Eck" einen Besuch ab. Dieses Restaurant auf dem Wohngelände der deutschen Konsulats- und Botschaftsangestellten wurde uns von unserem Mann in Moskau empfohlen. Der Besuch hat sich gelohnt. Wahrlich. An der Wand hing in einem Rahmen ein beeindruckendes Skat-Blatt, wie man es nur einmal im Leben bekommt. Ein Grand Ouvert mit drei Buben, drei Assen und Herzflöte, wir waren begeistert. Man hörte deutsche Gespräche an den Tischen, hauptsächlich drehte es sich um Stahlbau und die neue Mercedes Filiale, die gebaut worden war, trotz aller bürokratischen Widrigkeiten und Hindernisse. Wir verstanden kein Wort doch erklärten uns solidarisch. Es gab die Moskauer Deutsche Zeitung zu lesen, wir fanden unseren ersten Gastbeitrag darin und fühlten uns nicht mehr gar so sinn- und nutzlos wie zuvor. Wir aßen echten Salat, also Blattsalat mit richtigem Dressing, ganz ohne Mayonnaise, danach Schnitzel mit Bratkartoffeln bzw. warmem Kartoffelsalat und anschließend Apfelstrudel mit Vanillesoße und -eis. Wir tranken gezapftes Bier mit Schaumkrone, Rotwein und hinterher einen Espresso, hatten Freudentränen in den Augen und giggelten auf dem Heimweg wie die Kinder. Die Erfahrung macht wohl jeder, der eine Zeit im Ausland unterwegs ist. Essen aus der Heimat ist Urlaub für die Seele. Besonders, wenn man Heimweh hat oder wenn einem Unbill droht und man sich seit drei Tagen von Fischkonserven und Tütensuppen ernährt. Wir fühlten uns gut und so sicher wie in Mamas Schoß.
Anderntags auf dem Amt verging der flüchtige Eindruck natürlich wieder, doch die Erfahrung und den Geschmack konnte uns keiner mehr nehmen.
In der Bruchbude, die lustlos mit Holzimitat beklebt war, saßen wir insgesamt zwei Stunden. Rekordverdächtig wenig. Einer nach dem anderen wurden wir in die kleine Amtstube gerufen um die Formalitäten zu erfüllen. Wir hatten Glück, dass ein netter Afrikaner mit seiner Frau da war, der Russisch und Englisch sprach und sich anbot für uns zu übersetzen. Die Dame der Agentur, die mit uns dort war, sprach kein Englisch. Er übersetzte uns, dass wir das Gesetz gebrochen hätten und, wenn das ein weiteres Mal vorkäme, wir ein fünfjähriges Einreiseverbot für Russland bekämen. Wir erklärten, dass wir verstanden hätten, es uns leidtue und wir fortan für immer brav und artig sein wollten. Und wurden wieder hinausgeschickt. Wir hörten die Dame mit dem Beamten diskutieren, es wurde hin und wieder lautstark. Wir konnten nur raten worum es ging, versuchten das nicht zu tun und versagten. Geld? Zu viel? Zu wenig?
Als wir wieder hinein gebeten wurden, mussten wir Fingerabdrücke abliefern. Obwohl Fingerabdrücke ein Euphemismus ist. Alle fünf Finger, Zeigefinger und Daumen jeweils noch einmal extra, die Langfinger in Gänze und der Handballen auch noch. Sicher ist sicher.
In der Amtstube stand ein Fernseher, auf dem mit einigen Störungen ein russischer Sender abwechselnd Dauerwerbesendungen und Musikvideos brachte. Als wir die Fingerabdrücke machten, glaubten wir unseren Augen und Ohren nicht zu trauen. Bobby McFerrin sang „Don't worry, be happy". Grotesker ging es wohl kaum. Der Afrikaner übersetzte uns die Fragen des Beamten. Wo wir herkämen? Da mein momentaner erster Wohnsitz in Hamburg liegt, gab ich das an und er fing an davon zu erzählen wie er vor einigen Jahren dorthin reiste, wie schön Hamburg sei, wie gut es ihm gefallen habe und, dass er den Kiez eindrucksvoll fand. Ich sagte, dass ich mich freute, dass er meine Stadt möge. Während er mir die Abdrücke nahm. Es gibt immer noch Raum für Steigerung.
Wir durften uns die Finger waschen und mussten wieder warten. Danach ging es daran Unterschriften zu leisten. Leider war der Afrikaner nicht mehr da, so dass wir bis heute nicht wissen, was wir da unterschrieben haben. Insgesamt müssen es ein Dutzend Unterschriften gewesen sein. Was hatten wir damit bestätigt? Die Erbsünde? Allgemeinschuld an sämtlichen 2011 begangenen Visumsvergehen? Hatten wir uns freiwillig für einen Gulag gemeldet? Oder gar für die Armee? Wir werden es wohl nie erfahren. Irgendwann war auch das erledigt und wir durften gehen. Die Dame der Agentur sagte nichts, draußen vor der Tür hielten wir es nicht mehr aus und fragten sie, wo denn die Visa seien. Sie bat um einen Moment Geduld, rief die Agentur an, sprach eine Minute lang mit der Dame dort und reichte uns den Hörer. Erst dann erfuhren wir auf Englisch, dass wir nicht beim FMS gewesen waren. Dies war nur die Bußgeldstelle. Mit der Quittung für Geld und Abdrücke würde unsere Begleiterin nun zum FMS gehen und das Visum beantragen. Das würde bis Montag wahrscheinlich geschafft sein und aller Voraussicht nach dürften wir den Zug Dienstagabend erreichen. Wahrscheinlich ist ein Wort, das man in gewissen Situationen nur ungerne hört. Wie „uuups" beim Zahnarzt oder „hoppala" beim Friseur. Aber es ließ sich nichts daran ändern.
Wir fuhren heim und stellten uns darauf ein, dasselbe wie seit Tagen zu tun. Zu warten.
Es gab allerdings ein kleines Problem. Wir hatten bei der Rentnerin für nur drei Tage bezahlt, die waren nun um und so mussten wir nun eine Entscheidung treffen. Should I stay or should I go?
Doch am Abend bei Schnitzel und Bier waren unsere Hirne zu Höchstleistung aufgelaufen und hatten den einzigen uns bekannten Menschen in Moskau aus den Tiefen des Gedächtnisses hervorgekramt. Unsere Ansprechpartnerin bei der Moskauer Deutschen Zeitung. Noch in der Nacht hatten wir ihr eine Mail geschrieben. Und tatsächlich. Zurück bei der Rentnerin erfuhren wir, dass sie uns aufnehmen konnte, da ihre Mitbewohnerin gerade im Urlaub war. Wir sollten ihr und ihrer zweiten Mitbewohnerin einmal den Kühlschrank auffüllen und durften dafür bis Dienstag bei ihnen bleiben. Journalisten sind leidgeprüfte Existenzen. So was macht empfänglich für das Leid anderer.
Also packten wir unsere Sachen, kauften unserer Rentnerin Pralinen und Sekt als Dank, ernteten sogar ein Küsschen auf die Wange dafür und zogen von Dannen. Natürlich nicht ohne unseren Mann in Moskau über den Fortgang zu informieren.
Am anderen Ende der Stadt empfingen uns die zwei jungen Frauen herzlich. Wir erzählten unsere Geschichte ein ums andere Mal, machten den versprochenen Einkauf und freuten uns über eine heiße Dusche. Da es Freitagabend war, zeigten sie uns das Moskauer Nachtleben, und sogar ich musste zugeben, dass Moskau auch seine schönen Seiten hat. Die Christi Erlöser Kathedrale ist bei Nacht eine Pracht. Und ihr Alter sieht man ihr gar nicht an. Keine zehn Jahre ist sie alt, steht da wie seit Jahrhunderten, frisch renoviert, und selbst nun, da wir wissen, dass sie auf einem alten Schwimmbad steht, das es immer noch gibt, in das aber niemand hinein darf, finden wir sie immer noch eindrucksvoll.
Wer in Moskau abends weg will, kein Millionär ist und auf echtes russisches underground Flair steht, dem sei das „Projekt O.G.I." empfohlen. Zwar kamen wir zu spät für die Live Musik, angeblich verpassten wir eine russische Ska-Kapelle, aber die Musik vom Plattenteller war auch spitze. Danach gingen wir ins „Krizis Zhanra", und auch das erntete von uns zwei erhobene Daumen. Alternative und Indie, Rock und anderes. Wir waren begeistert.
Wir schienen auf die Straße des Glücks eingebogen zu sein. Uns konnte nichts mehr passieren. Oder?
Jochen Müller
Kommentare zu "Illegal in Russland. Zweiter Teil."
"Illegal in Russland. Zweiter Teil." kommentieren


Hallo Ihr Beiden,ich finde Eure Berichte einmalig,sehr bildhaft,informativ und lehrreich und für Euch auch wichtig denn mit dieser Erfahrung habt Ihr viel gelernt für Euer Verhalten in fremden Ländern. DEnkt an die 3 Affen !! Der arme Christian muß für Gunda Euren ganzen blog ausdrucken und wenn das so weiter geht wird es so dick wie ein großer Brockhaus.
Weiter alles Gute.