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3. November 2011
Illegal in Russland. Dritter Teil.
Sonntag besuchten wir mit einer unserer Gastgeberinnen den Izmailovo Markt, gleich neben dem ehemaligen Olympia-Quartier. Ein wunderschöner Souvenir-, Krimskrams- und Flohmarkt im Osten Moskaus. Absolut ein Tipp für Moskautouristen. Die Sonne schien, wir hatten eine kompetente und sympathische Begleitung, Passkopien in der Tasche und gute Laune. Wir ließen uns durch das Gewühl treiben, durch kleine Gässchen an wuchtigen Ständen aus dunklem Holz mit schönen Schnitzereien. Vorbei an Matrijoschka-Puppen und Pelzmützen, Unmengen an Sowjet-Devotionalien und den typischen Flohmarktständen mit ihren tausend Kleinigkeiten. Darunter wäre genug gewesen, was wir gerne sofort mitgenommen hätten. Doch wenn man weiß, dass man alles, was man kauft ein Jahr lang mit sich herum schleppen muss, dann verleidet einem das den ungehemmten Kaufrausch etwas. Als Augleich gönnten wir uns ein hervorragendes Schaschlik und tranken den ersten Glühwein des Jahres dazu.
Montag früh riefen wir bei der Agentur an und wurden dort lediglich gebeten zu warten. Nachmittags, so hieß es, würden wir bescheid bekommen. Die Stunden schlichen dahin wie an Heilig Abend. Nur, dass wir keine Kinder waren und nicht auf Geschenke warteten. Obwohl, irgendwie doch. Wir waren hilflos ausgeliefert, hatten nichts zu tun, draußen war es kalt und warteten einzig und alleine auf den Nachmittag, um dann von den Ehrfurcht einflößenden Großen zu erfahren, ob es entweder etwas Wunderschönes oder ganz Schreckliches, nämlich nichts geben würde. Definitiv Weihnachten.
Das Glöckchen wollte und wollte nicht läuten. Um halb fünf hielten wir es nicht mehr aus und riefen erneut an. Zwar hatten wir der Agentur unsere Handynummern hinterlassen, aber wer weiß, was alles passieren kann. Manchmal geschehen ja die dollsten Sachen. Es war sinnlos. Wir wurden gebeten zu warten. Aber es könne nicht mehr lange dauern, immerhin schließe der FMS um fünf, bis dahin müsse ja irgendwas passieren. Außerdem würde es sowieso bestimmt gut gehen. Wir sollten nur noch etwas warten, spätestens bis morgen, dann würde es sicher klappen, die Computer würden spätestens dann schon wieder gehen. Und nein, wir brauchten uns keine Sorgen um die Tickets zu machen. Zwar würden wir sie morgen nicht mehr umtauschen können, aber das wäre sicher sowieso nicht nötig. Denn es würde ja höchstwahrscheinlich alles gut klappen. Wir wollten zwar, doch konnten wir die Zuversicht nicht teilen.
Es wurde fünf, es wurde viertel sechs, es wurde halb sechs. Schweißperlen, Rastlosigkeit, Kurzatmigkeit, innere Unruhe. Würden wir überhaupt heute noch angerufen? Wie hatte sie sich wörtlich ausgedrückt? Spätestens morgen würde es klappen. Dann würden sie sich wieder bei uns melden. Hieß das, sie würden sich auch heute bei uns melden, um uns bescheid zu geben, dass sie es morgen wieder versuchten, oder hieß das, sie melden sich erst, wenn es geklappt hat? Mitten in der Diskussion um die genaue Bedeutung der Wortwahl einer auf englischen geführten Debatte von Nicht-Muttersprachlern klingelte das Telefon. Ich kam mir vor wie der nervöse Mann einer schwangeren Frau im neunten Monat. Ich brauchte wirklich ein paar Sekunden bis ich das Handy aus der Tasche gefummelt hatte und bis ich es richtig herum halten konnte, dann noch ein paar weitere Sekunden bis ich es schaffte, mit zittrigen Fingern die richtige Taste zu drücken. Nach ein paar quälend langen Begrüßungsfloskeln kam endlich die ersehnte Nachricht. Wir hatten unsere Visa! Sie galten bis einschließlich dem siebten November, wir würden sogar den Zug nehmen können, konnten sie uns morgen abholen, wann immer wir wollten und brauchten außer Danke zu sagen, nichts weiter dafür zu tun.
Danke, Danke, Danke. Bis morgen. Auflegen, high five geben, umdrehen, zum Kühlschrank gehen, Bier aufmachen, anstoßen, Prost!
Heute früh holten wir uns also unsere Tickets und unsere Pässe ab, kontrollierten peinlich genau alle Zahlen und Schriften darauf und befanden sie für gut. Wir sagten noch einige Male danke und sahen zu, dass wir weg kamen.
Alles, was wir noch zu tun hatten, war den Roten Platz einmal ohne Gerüst zu fotografieren und der Puppe von Lenin in ihrem Mausoleum einen Besuch abzustatten, dann konnten wir ruhigen Gewissens fahren. Aber Moskau mag uns nicht. Der Rote Platz war heute mal wieder eingezäunt. Erklärungen gab es keine nur ein „no!" und ein „close!", die uns so gut bekannte, ausgestreckte Hand und der Blick ins Leere an uns vorbei. Wir probierten es von drei Seiten und gaben auf. Wir wissen wirklich nicht, was diese Stadt gegen uns hat, aber irgendetwas muss es sein. Wenigstens mag uns die Metro, wir fanden noch eine neue Station, die wir noch nicht fotografiert hatten und freuten uns über das, was wir hatten. Pässe, Zugtickets non-stop nach Ulan Bator, Unmengen Fotos von Metrostationen und neue Freunde. Was will man mehr?
Vielleicht Jekaterienburg, Omsk, Novosibirsk und Irkutsk sehen. Aber irgend etwas ist ja immer. Wir waren noch nicht fertig mit Russland, aber Russland anscheinend mit uns.
Danke Kathrin, danke Lena, ihr habt uns Moskau so gut versüßt, wie es nur ging, habt Euch alle Mühe und uns Obdach gegeben, habt uns Moskau bei Nacht von seiner schönsten Seite gezeigt und sogar noch buntes Flohmarkttreiben im Sonnenschein. Das war ganz groß. Danke.
Nun sitzen wir bereits ein paar Tage im Zug nach Ulan Bator, denn um es spannend zu machen und den Lesern wenigstens kurz das Gefühl zu geben, wie es ist, auf Ausreisevisa aus Russland zu warten, haben wir diesen Post zeitverzögert hochgeladen. Wir hoffen Sie werden es uns verzeihen.
Good bye Russia. Und bis bald in der Mongolei.
Jochen Müller
Kommentare zu "Illegal in Russland. Dritter Teil."
Puh! Aufatmen! Tiefes Durchatmen!
Seit den letzten Einträgen ist mein Fernweh deutlich gesunken, für soviel Nervenkitzel bin ich einfach zu alt. Da lob' ich mir mein Sofa und den Finger auf der Landkarte...
Ich bin immer wieder begeistert von Eurem Blog, ihr schreibt so eindrucksvoll, lasst uns -auch dank der vielen tollen Fotos- quasi mitreisen, ich bin schwer beeindruckt und hoffe auf eine handsignierte Erstausgabe der gesammelten Reiseerlebnisse zu Weihnachten 2012!
Gute Weiterreise und dass Ihr im Fall der Fälle immer auf die richtigen Leute trefft
wünscht Euch Barbara aus KG
Odysee (die Dritte)
danke Kathrin, danke Lena auch von mir, und wenn diese Reise nur diesen Zweck hatte, daß Ihr Jungs solche netten Leute getroffen habt, dann hat sie sich g.elohnt. Vielleicht liegts halt doch an Eurem Charme, aber puh, nochmal gutgegangen. Super, weiter Glück für Euch!!
Es fährt ein Zug nach Nirgendwo.
Da habt Ihr es ja echt spannend gemacht. Ich hab Euch zwar schon im Zug gesehen aber eher nach Sibirien um dort die nächsten 3 Jahre unter Tage Eure Visa-Schulden abzuarbeiten.
Beim mongolischen und chinesischen Visum habt Ihr das Kleingedruckte hoffentlich genau gelesen.
Jedenfalls viel Spaß in Ulan Bator
Karte aktualisiert
Um, ganz wie die Frau Mama, von der heimischen chaise aus vicariously Eure Visumsreise zu verarbeiten habe ich mich mal auf der Karte ausgetobt und 'n bisschen gefreestylt.
Wohlgemerkt nur möglich weil ich Euch jetzt sicher weiss.
Da ja lieber noch illegal in Amerika als in Russland.
http://g.co/maps/kdwaj
Non-stop von Moskau nach Ulan-Bator
Herzlichen Glückwunsch, dass ihr das Visa bekommen habt, es ist wirklich nicht einfach in Russland mit den Behörden. Schade, dass ich lese, Ihr wollt non-stop bis Ulan-Bator durchfahren. Euch entgeht ein wunderschönes Land abseits der vielbefahrenen und vielbeschriebenen Transib. Die Großstädte, vor allem die Hauptstadt Moskau und die Bahnhöfe sind eine Welt, das ist nicht alles an Russland. Ich wünsche euch gute Fahrt, auf Russisch, Tshastlivovo Putij, glückliche Wege!
"Illegal in Russland. Dritter Teil." kommentieren


Tach Jungs!
Man konnte sich sowas ja denken, dass die Geschichte irgendwie zeitversetzt erzählt wird. Und das zeigt auch wieder einmal, wie gut ihr es doch habt. Eigentlich passiert ja alles im Leben in Echtzeit. In Griechenland wird eine Notregierung gebildet, in dieser Minute beginnen die Knappen ihr Europacup-Spiel und die Rente ist auch sicher, irgendwie, in welcher Höhe auch immer. Und ihr? Könnt den Lauf der Dinge verzögern, eure treue Gefolgschaft im Unklaren lassen und erstmal alles verarbeiten, was ihr so erlebt. Irgendwie losgelöst von Raum und Zeit. Und dabei fängt eigentlich alles erst an. Denn vieles liegt ja erst noch vor euch. Macht das beste draus, ich bleibe gespannt am Ball. Bleibt nur noch eines: Glück auf!
Bierseelig: Dirk