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28. September 2011
Warschau, ein Nachtrag
Eine Reise durch die Epochen
Einen interessanten Kontrast zur Altstadt, die nicht grundlos in das Weltkulturerbe der UNESCO aufgenommen wurde, bilden einerseits die Relikte sozialistischer Baukunst und andererseits die neu errichteten (oder immer noch im Bau befindlichen) Wolkenkratzer im Zentrum. Hier bietet sich dem geneigten Fußgänger eine Zeitreise durch die Epochen von der Gotik des Mittelalters bis zur Moderne. Auch in kürzester Zeit präsentiert sich Warschau dem Besucher als eine Metropole, die eine lange Geschichte hat aber zugleich eine junge Stadt ist, zu großen Teilen zerstört wurde, aber durch die stets präsente Vergangenheit ihr hohes Alter verrät. So zumindest unser Eindruck nachdem wir die Stadt zu Fuß erkundet haben.
Kulinarische Exkursion: Polnische Schlachteplatte
Und hat man das Gefühl, sich nach einer solch ausgiebigen Stadtbegehung etwas stärken zu müssen, so kann ich guten Gewissens die polnische Schlachteplatte empfehlen. Aber Vorsicht ist angeraten, denn das was uns in einer urigen Spelunke in einer klitzekleinen Seitengasse inmitten der Altstadt aufgetischt wurde, ist nichts für Unentschlossene! Und entschlossen waren wir. Ausgehungert mit dem festen Vorsatz uns landestypisch (Fleisch mit Fleisch und das Ganze in rauen Mengen - so kennt man es zumindest von den Familienfeiern befreundeter Exilpolen bei uns zulande) zu ernähren. Also kurzer Blick in die Karte und das Ziel sofort ins Visier genommen: Grillteller! Ok, machen wir zwei draus. Etwas besorgt fragte Jochen, ob denn eventuell noch ein Salat dazu gereicht werde. Die freundliche Bedienung bejahte und verschwand, um wenig später mit dem unflätigsten Fleischberg wiederzukehren, den ich je vorgesetzt bekam. Ich musste an Heinz Strunk denken und rezitierte halblaut: Fleisch ist mein Gemüse! Auf den ersten Blick zählte ich vier Filets, die unterschiedlichsten Gattungen entnommen waren. Liebevoll zugedeckt waren diese mit zwei Bauchlappen, die ihren Namen - also Lappen - redlich verdienten. Beilage? Aber selbstverständlich: Als Sättigungsbeilage gab es noch drei Würstchen, wobei es sich dabei doch eher um ausgewachsene Fleischpeitschen handelte. Krakauer, gegrillte Blutwurst und eine nicht näher definierbare Brühwurst waren also unser Gemüse. Apropos Brühwurst: Jochen ließ sich nicht davon abbringen, dass es sich hierbei um eine Wurst auf Gehirnbasis handeln müsse. Konsistenz, Beschaffenheit und Geschmack ließen da wenig Raum für Zweifel. Nun denn, der Herr Neurobiologe muss es wohl wissen. Mahlzeit. Probiert habe ich sie und würde, was die drei genannten Merkmale angeht, dem Fachmann in seiner Einschätzung folgen. Habe sie dann auch nicht mehr angerührt. Zwar wollen wir auch unseren kulinarischen Horizont erweitern, aber selbst ausgehungerte Reisende stoßen irgendwann an die Grenzen ihres Fassungsvermögens.
Doch selbstverständlich war das nicht alles: Falls es denn tatsächlich nicht reichen sollte, so gab es noch den Notfall-Brotkorb. Es soll ja keiner verhungern hier! Bleibt die Frage nach dem angekündigten Salat offen. Nachdem es uns unter Aufbringung größtmöglicher Willensstärke gelungen ist, den Berg an erlegtem Getier etwas abzuarbeiten, entdeckten wir darunter einen Klacks phosphathaltigen und vitaminbefreiten Krautsalat, garniert mit einer Handvoll Dosenchampignons und Gewürzgurken. Na bitte, es geht doch.
Kultureller Totalausfall
Doch waren wir weit davon entfernt, die Flinte ins Korn zu werfen, sondern schlenderten einen Eingang weiter, hinter dem sich das Militärmuseum befand. Nun ja, ich möchte nicht so weit gehen, das Bestaunen alter Haubitzen, Panzer und allerlei Rüstzeugs als kulturellen Programmpunkt zu werten, aber immerhin ein Museum. Da hier zwei ausgemachte Pazifisten auf altes Kriegsgerät trafen, kann man sich die Begeisterung vorstellen, mit der wir die Waffenschau zur Kenntnis nahmen. Ok, ich gebe zu, der eine von uns hat zumindest gedient und der andere ist ein Militärromantiker (was an unserer Geisteshaltung selbstredend nichts ändert), dennoch hielt sich der Enthusiasmus in Grenzen.
Da es am selben Abend noch nach Vilnius weiter gehen sollte, drängte die Zeit und wir hatten noch wenigstens einen Punkt auf dem Programm, der uns beiden wichtig war: Das Denkmal des Aufstandes im Warschauer Ghetto. Den Ort, wo einst Willy Brandt mit seinem Kniefall ein Musterbeispiel gelungener symbolischer Politik setzte, wollten wir noch sehen. Und wenigstens das ist uns gelungen.
Aber wie eingangs bereits gesagt, wird Warschau ein zweitägiger Aufenthalt nicht ansatzweise gerecht und bei unserer straffen Routenplanung muss man Abstriche machen. Leider. Dennoch ist Polens Hauptstadt unserer Ansicht nach definitiv eine Reise wert.
Peer Bergholter
Kommentare zu "Warschau, ein Nachtrag"
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Hallo, ihr beiden Reisenden!
Ja, wenn ihr den letzten Punkt aufgrund der (durchaus delikaten) polnischen Hopfenkaltschale nicht mehr geschafft hättet, wäre mir das Enthalten eines Kommentares schwer gefallen...
So bleibt mir nur zu sagen: schöne Stadt - wenn nur damals im letzten Winter nachts um 5 Uhr bei -20 Grad in unserer Hauptstadt nicht das Problem mit dem so treffend beschriebenen "Express" gewesen wäre - dann könnte ich mitreden ;-)
Viel Spass!
LG, Roe