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26. September 2011
Berlin-Warschau, ein Katzensprung
Nun denn, es ist geschafft. Es geht endlich los. Zumindest für den einen, für den anderen geht es jetzt weiter. Mit gemischten Gefühlen und einem kleinen Schlafdefizit besteigen wir den Berlin-Warszawa-Express in Richtung - genau, Warschau. Und um uns den Abschied von gewohnten deutschen Gepflogenheiten zu erleichtern, fährt der Zug auch gleich mit der landestypischen habstündigen Verspätung im Berliner Hauptbahnhof ein.
Das erste Wegstück beginnt und verläuft ohne größere Probleme. Aber was haben wir erwartet? Einen EuroCity zu besteigen und ohne umzusteigen von Bahnhof zu Bahnhof zu fahren, haben wohl auch schon andere geschafft. Allerdings stimmt uns der Zug selbst bereits auf gewisse Dinge ein, an die wir uns künftig werden gewöhnen müssen: Im restlos ausgebuchten Waggon kommt man seinen Mitreisenden unfreiwillig näher. Offenbar sind wir nicht die einzigen hier, die sich am Morgen lediglich eine Katzenwäsche gegönnt haben... Aber ich denke, das geht auch noch schlimmer. Einzig der Geruch von schmelzendem Plastik bei jeder Bremsung des Zuges, bot kurzzeitig Anlass zur Sorge. Aber auch das ließ sich mit der Zeit ignorieren.
© BergholterHat uns sicher an das erste Ziel gebracht.
Während der gut sechsstündigen Fahrt, gab es Gelegenheit, einmal die vorbeiziehende Landschaft zu betrachten. Die Wälder und Felder veränderten sich kaum, allerdings nahm sich die Zivilisation allmählich etwas spärlicher aus. Es wurde ländlicher, irgendwie polnischer. Der Eindruck könnte natürlich durch die polnische Beschilderung an Bahnhöfen und vorbeiziehenden Straßen und Ortsschildern entstanden sein. Bemerkenswert waren die Kennzeichnungen der Bahnübergänge, deren Schilder eine Dampflok auf gelbem Grund zeigten. Und als hätte sich unser Zugführer dieses Motiv zu Herzen genommen, drosselte er das Tempo auf gefühlte Schrittgeschwindigkeit. Dank dieser Taktik gelang es uns zumindest, unsere Verspätung vom deutschen auf ein internationales Maß zu steigern. Dennoch ist die Strecke der sprichwörtliche Katzensprung.
© BergholterOstwärts.
Warschau bei Nacht
Am Abend erreichten wir den Warschauer Hauptbahnhof und der erste Schritt aus dem Gebäude offenbarte uns sogleich einen ersten und tatsächlich sehr schönen Eindruck von Warschau bei Nacht. Doch von Hunger und Müdigkeit getrieben, suchten wir den Bus, der uns zu unserem Hostel bringen sollte. Wir fanden und verpassten ihn. Wunderbar, es läuft wie geschmiert.
© BergholterErster Eindruck: Warschau bei Nacht
Den nächsten Bus erwischten wir dann und machten zu allererst Bekanntschaft mit dem polnischen Dienstleistungsverständnis: Mit grimmigem aber definitiv ablehnendem Gemurmel bedeutete uns der Fahrer, dass er uns keinen Fahrschein verkaufen wolle. Oder könne. Oder dürfe. So genau wollten wir es gar nicht wissen und verzichteten auf weitere Nachfragen. Dennoch optimistisch gestimmt, stuften wir es als eine freundliche Geste gegenüber Touristen ein und fühlten uns für diese Busfahrt eingeladen. Es sollte nicht die einzige bleiben. An dieser Stelle gebührt dem Warschauer Nahverkehrsbetrieb ein herzlicher Dank.
© BergholterUnd auch am Tag vorzeigbar. Zumindest manche Ecken der Stadt.
Endlich wieder hosteln
Bisher lief doch alles ganz gut und die Stadt wusste auch noch auf den zweiten Blick (aus dem Busfenster) zu gefallen. Weniger Begeisterung hingegen löste unser Hostelzimmer aus, dafür aber das erste schallende Gelächter. Die - nun ja, wir nennen es einmal eine Kammer, war exakt so breit wie das Doppelbett und etwa zweimal so lang. Beim Anblick der weichen, durchgelegenen Matratzen würde jedem Orthopäden oder Chiropraktiker in der sicheren Erwartung neuer Stammkundschaft das Herz aufgehen. Die karge Möblierung ist keiner Rede wert, im Gegensatz zum Portal. Dieses bildete ein eigenhändig geschlagener und unverputzter Durchbruch vom Treppenhaus aus, in dessen Mitte auf wundersame Weise eine Tür tatsächlich in den Angeln hielt. Die Zimmernummer war mit einem Filzstift über dem "Rahmen" auf die Wand gemalt, was zunächst für leichte Irritationen bei der Zimmersuche sorgte.
© BergholterHier weiß man sich selbst zu helfen...
© BergholterGemütlich ist es ja...
Doch was hier vielleicht etwas ironisch klingen mag, bot in Wahrheit die bestmögliche Einstimmung, auf das was da noch kommen wird. Denn eines ist gewiss: Man wird sich an einiges gewöhnen müssen. Noch fällt uns das allerdings nicht sonderlich schwer. Im Gegenteil: Nachdem ich jahrelang in keinem Hostel mehr übernachtet habe, kamen sofort Erinnerungen an frühere Reisen auf und der Anblick unseres Domizils verdeutlichte mir, dass ich in den vergangenen Jahren offenbar etwas vermisst habe. Der rustikale Charme eines Hostels ist einfach unschlagbar, sofern man eine einigermaßen hohe Toleranzschwelle was Hygienestandards und Komfort angeht mitbringt. Und diese Toleranz haben wir uns in zahllosen, ausgiebigen Selbstversuchen an unterschiedlichsten Orten der Welt angeeignet. Also alles noch im grünen Bereich.
So zumindest der Stand der Dinge auf unserer ersten Station. Ich bin mir sicher, dass sich diese Euphorie im Laufe der Zeit noch legen wird und ich mich dann von unseren Lesern an diese Zeilen werde erinnern lassen müssen.
Zwischenfazit:
Zurückgelegte Wegstrecke (ab Berlin): 575 km
Transportmittel: Zug, ÖPNV
Highlights: bisher die Stadt selbst - bei Tag und Nacht
Ausgaben: 1000 Zlotty (inklusive Busticket nach Vilnius)
Kulturelle Aktivitäten: 0
Probleme: 0
Verluste: 0
Stimmung: heiter, optimistisch
Peer Bergholter
Das erste Wegstück beginnt und verläuft ohne größere Probleme. Aber was haben wir erwartet? Einen EuroCity zu besteigen und ohne umzusteigen von Bahnhof zu Bahnhof zu fahren, haben wohl auch schon andere geschafft. Allerdings stimmt uns der Zug selbst bereits auf gewisse Dinge ein, an die wir uns künftig werden gewöhnen müssen: Im restlos ausgebuchten Waggon kommt man seinen Mitreisenden unfreiwillig näher. Offenbar sind wir nicht die einzigen hier, die sich am Morgen lediglich eine Katzenwäsche gegönnt haben... Aber ich denke, das geht auch noch schlimmer. Einzig der Geruch von schmelzendem Plastik bei jeder Bremsung des Zuges, bot kurzzeitig Anlass zur Sorge. Aber auch das ließ sich mit der Zeit ignorieren.
Während der gut sechsstündigen Fahrt, gab es Gelegenheit, einmal die vorbeiziehende Landschaft zu betrachten. Die Wälder und Felder veränderten sich kaum, allerdings nahm sich die Zivilisation allmählich etwas spärlicher aus. Es wurde ländlicher, irgendwie polnischer. Der Eindruck könnte natürlich durch die polnische Beschilderung an Bahnhöfen und vorbeiziehenden Straßen und Ortsschildern entstanden sein. Bemerkenswert waren die Kennzeichnungen der Bahnübergänge, deren Schilder eine Dampflok auf gelbem Grund zeigten. Und als hätte sich unser Zugführer dieses Motiv zu Herzen genommen, drosselte er das Tempo auf gefühlte Schrittgeschwindigkeit. Dank dieser Taktik gelang es uns zumindest, unsere Verspätung vom deutschen auf ein internationales Maß zu steigern. Dennoch ist die Strecke der sprichwörtliche Katzensprung.
Warschau bei Nacht
Am Abend erreichten wir den Warschauer Hauptbahnhof und der erste Schritt aus dem Gebäude offenbarte uns sogleich einen ersten und tatsächlich sehr schönen Eindruck von Warschau bei Nacht. Doch von Hunger und Müdigkeit getrieben, suchten wir den Bus, der uns zu unserem Hostel bringen sollte. Wir fanden und verpassten ihn. Wunderbar, es läuft wie geschmiert.
Den nächsten Bus erwischten wir dann und machten zu allererst Bekanntschaft mit dem polnischen Dienstleistungsverständnis: Mit grimmigem aber definitiv ablehnendem Gemurmel bedeutete uns der Fahrer, dass er uns keinen Fahrschein verkaufen wolle. Oder könne. Oder dürfe. So genau wollten wir es gar nicht wissen und verzichteten auf weitere Nachfragen. Dennoch optimistisch gestimmt, stuften wir es als eine freundliche Geste gegenüber Touristen ein und fühlten uns für diese Busfahrt eingeladen. Es sollte nicht die einzige bleiben. An dieser Stelle gebührt dem Warschauer Nahverkehrsbetrieb ein herzlicher Dank.
Endlich wieder hosteln
Bisher lief doch alles ganz gut und die Stadt wusste auch noch auf den zweiten Blick (aus dem Busfenster) zu gefallen. Weniger Begeisterung hingegen löste unser Hostelzimmer aus, dafür aber das erste schallende Gelächter. Die - nun ja, wir nennen es einmal eine Kammer, war exakt so breit wie das Doppelbett und etwa zweimal so lang. Beim Anblick der weichen, durchgelegenen Matratzen würde jedem Orthopäden oder Chiropraktiker in der sicheren Erwartung neuer Stammkundschaft das Herz aufgehen. Die karge Möblierung ist keiner Rede wert, im Gegensatz zum Portal. Dieses bildete ein eigenhändig geschlagener und unverputzter Durchbruch vom Treppenhaus aus, in dessen Mitte auf wundersame Weise eine Tür tatsächlich in den Angeln hielt. Die Zimmernummer war mit einem Filzstift über dem "Rahmen" auf die Wand gemalt, was zunächst für leichte Irritationen bei der Zimmersuche sorgte.
Doch was hier vielleicht etwas ironisch klingen mag, bot in Wahrheit die bestmögliche Einstimmung, auf das was da noch kommen wird. Denn eines ist gewiss: Man wird sich an einiges gewöhnen müssen. Noch fällt uns das allerdings nicht sonderlich schwer. Im Gegenteil: Nachdem ich jahrelang in keinem Hostel mehr übernachtet habe, kamen sofort Erinnerungen an frühere Reisen auf und der Anblick unseres Domizils verdeutlichte mir, dass ich in den vergangenen Jahren offenbar etwas vermisst habe. Der rustikale Charme eines Hostels ist einfach unschlagbar, sofern man eine einigermaßen hohe Toleranzschwelle was Hygienestandards und Komfort angeht mitbringt. Und diese Toleranz haben wir uns in zahllosen, ausgiebigen Selbstversuchen an unterschiedlichsten Orten der Welt angeeignet. Also alles noch im grünen Bereich.
So zumindest der Stand der Dinge auf unserer ersten Station. Ich bin mir sicher, dass sich diese Euphorie im Laufe der Zeit noch legen wird und ich mich dann von unseren Lesern an diese Zeilen werde erinnern lassen müssen.
Zwischenfazit:
Zurückgelegte Wegstrecke (ab Berlin): 575 km
Transportmittel: Zug, ÖPNV
Highlights: bisher die Stadt selbst - bei Tag und Nacht
Ausgaben: 1000 Zlotty (inklusive Busticket nach Vilnius)
Kulturelle Aktivitäten: 0
Probleme: 0
Verluste: 0
Stimmung: heiter, optimistisch
Peer Bergholter
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