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6. August 2012
Zur falschen Zeit am falschen Ort
Es ist so eine Sache mit den Fragen. Wer nicht fragt, bleibt dumm, heißt es in der Sesamstraße. An sich ist daran nichts auszusetzen. Doch wer viel fragt, bekommt viele Antworten. Leider kann das dazu führen, dass sich einige davon widersprechen. Was dann? So oft fragen, bis man sich nach der Mehrheit richten kann, die einem das sagte, was man hören wollte? Oder aus dem Bauch heraus entscheiden und auf das Beste hoffen?
Nach einer Woche der Suche in Kupang hatten wir zwei Möglichkeiten und ein Zeitproblem. Die letzten realistischen Chancen ein Schiff nach Australien zu finden, boten uns zwei Segel-Regatten. Eine führte nach Kupang, die andere nach Dili in Ost-Timor. Die erste, „Sail Indonesia", würde an dem Tag in Kupang ankommen, an dem unsere Visa ausliefen. Für die Suche nach Seglern hätten wir nicht viel Zeit gehabt. Zur anderen Regatta, dem „Darwin Dili Yacht Race", hatten wir widersprüchlichen Auskünfte erhalten. Mal hieß es, es sei bereits gestartet, mal, die Boote würden zeitgleich mit denen von „Sail Indonesia" starten. Wir mussten also schnell nach Dili fahren, wenn wir dort sicher gehen wollten, Boote zu finden. Doch einmal dort angekommen, hätten wir genug Zeit, um mit Seglern Kontakt aufzunehmen. Hinzu kamen folgende Überlegungen. Die „Sail Indonesia" führt über Kupang und Bali in Richtung Singapur. Von den etwa hundert Booten, die in Darwin starteten, fährt die Mehrheit von Kupang aus weiter. Nur einzelne Segler brechen manchmal ab und kehren von Kupang aus heim nach Darwin. Das „Darwin Dili Yacht Race", endet, wie der Name schon sagt, in Dili. Die Mehrheit der Segler fährt danach sicher nach hause. Unsere Chancen ein Schiff zu finden, das in unsere Richtung fuhr, waren also in Dili viel höher als in Kupang. Und das Zeitproblem war ein doppeltes, wegen der Visa und den unsicheren Angaben, wann die Boote in Dili seien. Wir trafen also eine Entscheidung. Wir machten einen Aushang mit unserem Gesuch in der „Pantai Laut" Bar in Kupang, für den Fall der Fälle. Dann impften wir die Angestellten alle Segler zu unserem Gesuch zu schicken, gaben ordentlich Trinkgeld und verabschiedeten uns.
Der schwärzeste Tag der Reise
Als wir in Dili ankamen war es spät am Abend. Die Fahrt war lang und anstrengend gewesen, müde sanken wir in die Betten. Am nächsten Morgen liefen wir das Ufer entlang und mein Herz sank mir, als ich nur eine handvoll Segelboote im Hafen sah. Kein gutes Zeichen. Wir fanden eine Segler-Bar, ich fragte alle Gäste, die dort saßen. Erst am letzten Tisch entdeckte ich zwei Männer, die mit dem Segelboot unterwegs waren. Ja, sie kämen von Darwin, aber nein, sie führen nicht zurück, sondern weiter nach Indonesien. Wir seien ein paar Tage zu spät, die Regatta bereits zu Ende. Da hätten wir große Chancen gehabt, die Mehrheit der vielen Boote sei zurück nach Darwin gesegelt.
Ich möchte nicht übertreiben, aber mir wurde schwindelig, ich musste mich am Tisch festhalten. Ich stammelte meinen Dank für die Auskunft, setzte mich an den Nachbartisch und war kurz davor zu heulen und zu schreien wie ein wütendes kleines Kind.
Eine ganze Woche suchten wir Kupang ab, für nichts und wieder nichts, während wir in Dili gute Chancen gehabt hätten. Zum ersten Mal überhaupt, seit wir vor drei Monaten in Malaysia anfingen Segelboote zu suchen. Nun waren wir in Dili, die Boote waren längst weg und unsere letzte, wenn auch winzige, Chance war in Kupang, was wir zu spät, und nun doch zu früh verlassen hatten, um nach Dili zu fahren. Welch Zynismus.
Vom Heimweg zurück in das Hostel weiß ich kaum noch etwas. Susanne nahm mich an die Hand, und irgendwann saß ich im Innenhof des Hostels und hatte ein Bier in der Hand.
Große Unternehmen transportieren keine Passagiere
Dan, der Besitzer des Hostels, mit dem ich von Kupang aus Mailkontakt gehabt hatte, machte dann noch meine allerletzte Hoffnung zunichte. Die Zeit der privaten australischen Fischer sei vorbei, sagte er. Im Internet fanden wir in Foren und Blogs einige Hinweise, dass sie zwischen Darwin und Dili verkehrten und auf der Fahrt nach Darwin manchmal Reisende mitnahmen. In den letzten Jahren seien die Bestimmungen immer schärfer geworden, sagte Dan, der Verkehr zum Erliegen gekommen. Früher habe es auch einen privat betriebenen Frachter gegeben, der Güter zwischen Dili und Darwin verschifft habe. Die Familie, die das Boot besaß, habe hin und wieder eine Ausnahme für Reisende gemacht und sie als Passagiere mitgenommen. Die Firma mitsamt dem Boot wurde von „Perkins Shipping" aufgekauft, was wiederum „Toll Shipping" gehört, einem internationalen Multi-Millionen Dollar Logistik-Unternehmen mit strengen Regeln. Eine davon lautet: „Keine Passagiere". Selbst Mails an die Zentrale und ein Bettel-Telefonat konnten daran nichts ändern. Der Hafenmeister in Dili hatte auch keine andere Idee außer „Perkins", Frau Weber von „Internationale Frachtschiffreisen Pfeiffer GmbH" in Wuppertal entschuldigte sich ebenfalls, sie hätte überall angerufen, aber könne nichts weiter für uns tun.
Wir haben alles versucht
Die traurige Wahrheit ist folgende: Für diejenigen, die mit dem Schiff von Süd-Ostasien nach Australien wollen, ist Indonesien eine Sackgasse. Denn es gibt keinen offiziellen, regelmäßigen Personen-Schiffsverkehr. Wir wussten das, als wir nach Indonesien fuhren. Der einzige Ausweg sind private Segler, doch dafür ist es die falsche Jahreszeit, der Wind weht von Süd nach Nord. Das erfuhren wir erst hier, denn wir sind Landratten. Doch die Yacht Rennen zeigten, dass ein Kreuzen gegen den Wind möglich ist, wir sahen das nicht als unüberwindliches Hindernis. Die Berichte im Internet über erfolgreiche Mitnahmen auf Fischerbooten und Frachtschiffen endeten zwar um das Jahr 2009, doch wir hörten so oft, dass es von Kupang oder Dili eben doch noch möglich sei, dass wir uns völlig darauf verließen, dass wir nur Zeit, Geduld und Mühe investieren müssten, um es zu schaffen. Wir begannen mit der Suche vor elf Wochen in Malaysia, seit Ankunft auf Java vor etwa sieben Wochen wurde die Suche zum festen Bestandteil jedes einzelnen Tages. Je weiter wir nach Osten kamen, umso mehr bestimmte die Suche unseren Tagesablauf, bis es in Kupang und Dili nichts anderes mehr gab. So können wir nun sagen, dass wir alles probiert haben. Aber wenn nicht noch ein Wunder geschieht, was nicht anzunehmen ist, dann kann uns nichts mehr helfen. Wir haben nicht die Zeit zwei Monate zu warten, bis der Wind dreht und die Segler, die jetzt in Süd-Ostasien unterwegs sind, nach Süden aufbrechen. Wir werden fliegen müssen. Ich weiß nicht, wie es den Lesern geht, aber ich persönlich musste mich schwer betrinken, als ich mir das so eingestand.
Doch eines ging mir nach ein paar Bier und philippinischen Zuckerrohrschnäpsen auf. Der Flug von Dili nach Darwin in Australien dauert kaum zwei Stunden. Erstens kann man dabei keinen Jetlag entwickeln, was unser Facebook-Motto „around the world without jetlag" weiterhin seine Gültigkeit behalten lässt. Zweitens bedeutet das Motto „mittendurch statt drüberweg", dass wir auf unserem Weg um die Welt kein Land auf unserer Route auslassen. Und zwischen Ost-Timor und Australien liegt kein Land, sondern nur doofes, langweiliges Salzwasser. Also bedeutet der Flug von Dili nach Darwin nicht das Ende des Blogs. Es ist alles eine Frage der Definition, wobei uns der Alkohol half, diese zu finden. Schnaps ist zwar keine Lösung, sondern ein Destillat, aber in gewissen Situationen durchaus hilfreich.
Jochen Müller
Kommentare zu "Zur falschen Zeit am falschen Ort"
DEN TRÄNEN NAH!
MANN MANN -DA FOLGE ICH EUCH SEIT DEN BALTISCHEN LÄNDERN AUF SCHRITT UND TRITT UND GENIESSE ES ONLINE BEI EUCH ZU SEIN ...DA NIMMT EIN DIESE OST SÜD PASSAGE NACH DARWIN GANZSCHÖN MIT ...SO EIN SCHEISS!!AAAAAABER-WER INNA MONGOLEI SCHAFSKÖPFE FUTTERT UND TAUSENDE KILOMETER AUFM HOBBYMOPED VERBRINGT DER DARF UND JETZT AUCH MUSS EIN FLUGTICKET KAUFEN.ALLES WIRD AM ENDE GUT. FORWARD EVER,BACKWARD NEVER.....MÜLLER THE JUDGEMENT MAN!!GOD BLESS U ALL BOBSN13 (PROUD 2 NOW U)
Das Leben ist keine Wunschreise
Mittendurch statt drüberweg. Das habt ihr nun genug getan. Seit Wochen versucht ihr mittendrin ein Boot zu finden – durch und durch, mittendurch. Drüberweg war da nicht dabei. Es wird Zeit, dass ihr weiterreist. Ich, als eurer biggest fan, wünsche euch einen tollen Flug!
Eure Leser verzeihen euch diesen Flug sofort! Vielleicht solltet ihr das auch endlich tun.
Macht euch locker und seid keine Inselhocker.
Stan.
Alternative Route über PNG?
Hi Jungs, gibt es keine Alternativroute über Irian Jaya rein nach Papua-Neuguinea bis Port Moresby und runter nach Daru? Dort gibt es kleinen Grenzverkehr mit den Thursday-Islands in Nord-Queensland. zumindest wars 2006 mal so.
Re: Alternative Route über PNG?

Hallo Bernd, danke für den Tip, davon habe ich auch schon gehört, aber das wird leider nicht funktionieren. Erstens haben wir uns sagen lassen, dass auch diese Möglichkeit heute nicht mehr in der Form existiert. Zweitens ist es zu weit, um es auf einen Versuch ankommen zu lassen. Unser Schiff von Australien nach Neuseeland ist bereits gebucht, die Zeit läuft uns davon. Wir haben zu lange in Indonesien gesucht. Abgesehen davon haben wir uns relativ früh gegen Papua Neu-Guinea entschieden, weil wir zu oft hörten, dass die Lage im Land alles andere als sicher sei. Zu viele Berichte im Internet und zu viele schlimme Geschichten von anderen Reisenden, die wir trafen.
Alles in allem schied PNG daher für uns aus. Aber wie gesagt, danke für den Tip.
Liebe Grüße, Jochen
Re: Re: Alternative Route über PNG?
Servus Jochen,
wassn da los in PNG? Einfach war es noch nie dort zu reisen; war selbst auch nur mal kurz da Ende der 90er zum traveln, damals gab es noch Fähren von Irian Jaya nach Port Moresby und 2005/6 wie besagt eben den kleinen Grenzverkehr runter nach Queensland (was aber die Aussie-Immigration nicht sonderlich glücklich gemacht hat, v.a. w/illegaler Einwanderer).
Ich hätte mich mehr gefreut, mal bisserl was über richtig Interessantes, die Ecken in PNG (u.a vlt. Masun Island, New Britain, New Ireland und dlg.) zu lesen, als jetzt über Australien oder NZ. Ich will Euch echt nicht zu nahe treten - ihr macht das super und spannend obendrein - aber AUZ/NZ sind halt schon etwas "welk", was das traveln angeht, irgendwie war jeder schon mal da.
Leider gabs vor 10 Jahren und > noch nicht viel Internet. Das hätte ich mich von West-Timor abgehalten, Kupang war ein schrecklich-dreckiges Nest, nichts wie weg da und hoch nach Komodo; in Ost-Timor war leider Krieg, weshalb ich gerade Eure Berichte mit Hießbegieren verfolge.
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Auch Destillate können zur Lösung führen - was nutzt es, wenn ihr am Strand sitzen bleibt und Nichts passiert? Also nicht den Kopf hängen lassen - die 2 Std. Flug kann der geübte Leser eures Blogs sicherlich verkraften.... Außerdem kann ja auch hier durchaus Lustiges und Erleuchtendes passieren...
Guten Flug!!!