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6. November 2012
Vorwärts in die Vergangenheit
Auf dem ältesten Highway Neuseelands folgt man den Spuren der ersten europäischen Siedler. Doch wo früher neue Siedler ins Land strömten, grasen heute vereinzelt Schafe zwischen halb verlassenen Dörfern. Die „Schnellstraße durch eine vergessene Welt" macht ihrem Namen alle Ehre.
Von Taumarunui nach Stratford zieht sich der Highway 43 durch das Innere der neuseeländischen Nordinsel. Etwa 150 km durch erst sanfte Hügel auf dessen sattem Grün Schafe und Kühe weiden, dann tiefer und enger werdende Schluchten mit dichter Vegetation, hohen Bäumen und Baumfarnen, engen Tunneln und Brücken über kleine Flüsse.
© Jochen Müller
Der Highway ist der älteste Neuseelands, hier fährt man über die Wege, die die ersten europäischen Siedler vor über 150 Jahren beschritten um in ihre neue Welt zu kommen. Heute ist diese Welt vergessen, die alten Dörfer entlang des Highway stehen einsam und verlassen in der weiten Gegend. Der „Forgotten World Highway", die Schnellstraße durch die vergessene Welt ist wie eine Reise zurück in die Anfänge der europäischen Besiedlung Neuseelands. Damals landeten die meisten Schiffe in New Plymouth an der Westküste, von hier aus ergoss sich der Strom an Siedlern über das Land. Die meisten davon über die Schnellstraße, die heute die Nummer 43 trägt. Hier reihten sich stolze Bergbaustädtchen and Siedlungen, die schon damals berühmt für ihre Feldfrüchte waren. Magisch sei der Boden hier, hieß es. Die mineralreiche vulkanische Erde ließ kürbisgroße Kohlköpfe wachsen, die Rüben waren schwer wie Melonen und eine Kartoffel konnte eine ganze Familie sättigen. Das Wetter war mild, die Wiesen grün und saftig, wie geschaffen für die Viehzucht. Für die Siedler aus dem hungernden Europa muss es wie ein Paradies gewesen sein. Für die Maori war es das schon lange. Natürlich kam es zu Konflikten, von drei Kriegen wird im Museum in New Plymouth berichtet, bevor man sich einigte und Frieden einkehrte. Das Land wurde aufgeteilt, aus Siedlern wurden Neuseeländer, das neue, fruchtbare Land wurde Heimat.
© Jochen Müller
© Jochen Müller
Die Dinge ändern sich, die Straße blieb
Natürlich änderten sich manche Dinge im Laufe der Zeit. New Plymouth ist längst nicht mehr Hauptanlaufpunkt für Schiffe, die ehemalige Haupteinfallsstraße ins Land wurde immer weniger befahren, aus Kutschen wurden Autos, die auf anderen Routen durchs Land fuhren. Als Teer die Straßen für die neuen Gefährte zu versiegeln begann, war der Highway 43 bereits zu unwichtig geworden, um vollständig damit bedeckt zu werden. Selbst heute noch ist das Mittelstück des „Forgotten World Highway" ungeteert.
© Jochen Müller
Er ist eine Touristenattraktion geworden, ein 150 km langes Freilichtmuseum, Zeuge einer alten Zeit, eine Reise in die Vergangenheit, als die Straßen gebaut wurden, noch während man sie plante. Manchmal auch davor. So findet man entlang des Highways auch Brücken ins Nichts, in Stein gebaute Zeugnisse enthusiastischen Pioniergeistes, fertig gestellt bevor man merkte, dass es hier gar nicht weiter ging. Die „Brücke ins Nirgendwo" und die „Brücke ins Irgendwo" liegen heute abseits der Hauptstrecke. Von hier aus breitet sich das Vergessen zu beiden Seiten aus, man muss nur wenig fahren und findet sich in einer Gegend wieder, von der man auf den ersten Blick kaum beurteilen kann, ob sie prä- oder posteuropäisch erscheint. Wenn es im Gebüsch raschelt könnte es eine Ziege genauso gut wie ein Moa sein. Doch der bis zu drei Meter hohe Vorfahr der Kiwis ist heute ausgestorben, von der Natur so vergessen wie diese Gegend vom Rest des Landes.
© Jochen Müller
Kaum einem Menschen begegnet man hier. Bei einer Pause dringt höchstens fernes Blöken der Schafe an das Ohr und wenn man dann mal einem Auto begegnet, dann wird es sicher die Fahrt verlangsamen und der Fahrer freundlich grüßen. Die wenigen Menschen die hier vorbei kommen, sind eine Attraktion und zu spannend, um daran vorbei zu eilen.
© Jochen Müller
© Jochen Müller Das "Hobbits Hole", ein alter Tunnel auf dem Highway, ist zu einer Attraktion geworden.
Die einzige freie Republik Neuseelands
In Whangamomona machen wird Halt. Ob, und wenn ja, wie viele, Menschen hier leben, ist auf den ersten Blick schwer zu sagen. Doch kaum haben wir unseren Wagen abgestellt, kommen drei Männer aus dem größten, und dem einzig renovierten, Gebäude des Dorfes. Pub, Hotel und Versammlungssaal der „Republik Whangamomona". Wir werden erst beäugt und dann mit Handschlag freundlich begrüßt. Oh Touristen! Oha aus dem fernen Deutschland! Sie freuen sich, als wir ehrlich sagen können, dass es uns so gut hier gefällt. Ob es uns hier nicht zu abgelegen und still sei? Na, wenn wir das mögen, dann sind wir hier ja genau richtig. Eine gute Fahrt wünschen sie uns, und aufpassen sollen wir, die Straßen sind an manchen Stellen tückisch. Wohl wahr, Leitplanken fehlen die gesamte Strecke über und mancher Kurve sieht man auf den ersten Blick nicht an, dass sie sich als Spitzkehre entpuppt und hinter sich einen steilen Abhang versteckt.
© Jochen Müller Whangamomona.
© Jochen Müller Hotel, Pub und Versammlungssaal der freien Republik Whangamomona. Links im Bild ein rotes Schild zu sehen, das Gebäude steht zum Verkauf.
Um noch vor Einbruch der Dunkelheit in Stratford, dem Ende des Highways anzukommen, verlassen wir Whangamomona, werden am Ortsausgang aus der Republik verabschiedet und wieder in Neuseeland begrüßt. Langsam fahren wir über die nächsten Kilometer zurück in die Zukunft. Die Hügel werden flacher, die Täler weiter und die Straßen breiter, irgendwann trägt sie sogar wieder Mittelstreifen.
© Jochen Müller Woanders hängt die Wäsche zum Trocknen aus, hier sind es
Ziegenfelle. Wir sind zurück in der "Zivilisation".
Als wir in Stratford angekommen sind, ist es doch schon dunkel, der so symmetrische Konus des Vulkans Mount Taranaki, dem Wahrzeichen der Region, verbirgt sich bereits vor uns. Wir fahren durch die Sraße des kleinen Ortes und suchen das sonst so präsente Schnellrestaurant, um das dort übliche freie Internet auszukosten. Fehlanzeige. Hier gibt es ebenso wenig Mc Donalds wie DOC Campingplätze. Also parken wir unser Vehikel im Hinterhof einer ins Alter gekommenen Herberge, zahlen für eine heiße Dusche und die Benutzung der Küche und antworten auf die interessierten Fragen des Herbergsvaters, wo wir herkommen, dass wir vom Tongariro Nationalpark aus über den Forgotten World Highway gefahren seien. „Oh ja, das ist eine schöne Gegend", bestätigt er. „Na dann herzliche Willkommen zurück in der Zivilisation. Obwohl, so richtig zurück seid ihr hier auch noch nicht. Eher auf halbem Weg dahin". Dann lacht er in seinen langen Rauschebart, bevor er auf die den Neuseeländern üblich freundliche Art beginnt uns die Attraktionen seines Ortes zu schildern. Es dauert nicht lang.
Jochen Müller
Von Taumarunui nach Stratford zieht sich der Highway 43 durch das Innere der neuseeländischen Nordinsel. Etwa 150 km durch erst sanfte Hügel auf dessen sattem Grün Schafe und Kühe weiden, dann tiefer und enger werdende Schluchten mit dichter Vegetation, hohen Bäumen und Baumfarnen, engen Tunneln und Brücken über kleine Flüsse.
© Jochen MüllerDer Highway ist der älteste Neuseelands, hier fährt man über die Wege, die die ersten europäischen Siedler vor über 150 Jahren beschritten um in ihre neue Welt zu kommen. Heute ist diese Welt vergessen, die alten Dörfer entlang des Highway stehen einsam und verlassen in der weiten Gegend. Der „Forgotten World Highway", die Schnellstraße durch die vergessene Welt ist wie eine Reise zurück in die Anfänge der europäischen Besiedlung Neuseelands. Damals landeten die meisten Schiffe in New Plymouth an der Westküste, von hier aus ergoss sich der Strom an Siedlern über das Land. Die meisten davon über die Schnellstraße, die heute die Nummer 43 trägt. Hier reihten sich stolze Bergbaustädtchen and Siedlungen, die schon damals berühmt für ihre Feldfrüchte waren. Magisch sei der Boden hier, hieß es. Die mineralreiche vulkanische Erde ließ kürbisgroße Kohlköpfe wachsen, die Rüben waren schwer wie Melonen und eine Kartoffel konnte eine ganze Familie sättigen. Das Wetter war mild, die Wiesen grün und saftig, wie geschaffen für die Viehzucht. Für die Siedler aus dem hungernden Europa muss es wie ein Paradies gewesen sein. Für die Maori war es das schon lange. Natürlich kam es zu Konflikten, von drei Kriegen wird im Museum in New Plymouth berichtet, bevor man sich einigte und Frieden einkehrte. Das Land wurde aufgeteilt, aus Siedlern wurden Neuseeländer, das neue, fruchtbare Land wurde Heimat.
© Jochen MüllerDie Dinge ändern sich, die Straße blieb
Natürlich änderten sich manche Dinge im Laufe der Zeit. New Plymouth ist längst nicht mehr Hauptanlaufpunkt für Schiffe, die ehemalige Haupteinfallsstraße ins Land wurde immer weniger befahren, aus Kutschen wurden Autos, die auf anderen Routen durchs Land fuhren. Als Teer die Straßen für die neuen Gefährte zu versiegeln begann, war der Highway 43 bereits zu unwichtig geworden, um vollständig damit bedeckt zu werden. Selbst heute noch ist das Mittelstück des „Forgotten World Highway" ungeteert.
Er ist eine Touristenattraktion geworden, ein 150 km langes Freilichtmuseum, Zeuge einer alten Zeit, eine Reise in die Vergangenheit, als die Straßen gebaut wurden, noch während man sie plante. Manchmal auch davor. So findet man entlang des Highways auch Brücken ins Nichts, in Stein gebaute Zeugnisse enthusiastischen Pioniergeistes, fertig gestellt bevor man merkte, dass es hier gar nicht weiter ging. Die „Brücke ins Nirgendwo" und die „Brücke ins Irgendwo" liegen heute abseits der Hauptstrecke. Von hier aus breitet sich das Vergessen zu beiden Seiten aus, man muss nur wenig fahren und findet sich in einer Gegend wieder, von der man auf den ersten Blick kaum beurteilen kann, ob sie prä- oder posteuropäisch erscheint. Wenn es im Gebüsch raschelt könnte es eine Ziege genauso gut wie ein Moa sein. Doch der bis zu drei Meter hohe Vorfahr der Kiwis ist heute ausgestorben, von der Natur so vergessen wie diese Gegend vom Rest des Landes.
Kaum einem Menschen begegnet man hier. Bei einer Pause dringt höchstens fernes Blöken der Schafe an das Ohr und wenn man dann mal einem Auto begegnet, dann wird es sicher die Fahrt verlangsamen und der Fahrer freundlich grüßen. Die wenigen Menschen die hier vorbei kommen, sind eine Attraktion und zu spannend, um daran vorbei zu eilen.
© Jochen Müller Das "Hobbits Hole", ein alter Tunnel auf dem Highway, ist zu einer Attraktion geworden.Die einzige freie Republik Neuseelands
In Whangamomona machen wird Halt. Ob, und wenn ja, wie viele, Menschen hier leben, ist auf den ersten Blick schwer zu sagen. Doch kaum haben wir unseren Wagen abgestellt, kommen drei Männer aus dem größten, und dem einzig renovierten, Gebäude des Dorfes. Pub, Hotel und Versammlungssaal der „Republik Whangamomona". Wir werden erst beäugt und dann mit Handschlag freundlich begrüßt. Oh Touristen! Oha aus dem fernen Deutschland! Sie freuen sich, als wir ehrlich sagen können, dass es uns so gut hier gefällt. Ob es uns hier nicht zu abgelegen und still sei? Na, wenn wir das mögen, dann sind wir hier ja genau richtig. Eine gute Fahrt wünschen sie uns, und aufpassen sollen wir, die Straßen sind an manchen Stellen tückisch. Wohl wahr, Leitplanken fehlen die gesamte Strecke über und mancher Kurve sieht man auf den ersten Blick nicht an, dass sie sich als Spitzkehre entpuppt und hinter sich einen steilen Abhang versteckt.
© Jochen Müller Whangamomona.Um noch vor Einbruch der Dunkelheit in Stratford, dem Ende des Highways anzukommen, verlassen wir Whangamomona, werden am Ortsausgang aus der Republik verabschiedet und wieder in Neuseeland begrüßt. Langsam fahren wir über die nächsten Kilometer zurück in die Zukunft. Die Hügel werden flacher, die Täler weiter und die Straßen breiter, irgendwann trägt sie sogar wieder Mittelstreifen.
Ziegenfelle. Wir sind zurück in der "Zivilisation".
Jochen Müller
Kommentare zu "Vorwärts in die Vergangenheit"
Vorwärts in die Vergangenheit
von Hannes Konradi
am 07.11.2012 um 21:37 Uhr
Gegenwart voran!
Als Familien-Knecht kommt man ja hier nicht so einfach weg. Aber eins ist klar: w e n n ich es mal packe und eine weite Reise antreten kann, dann nicht Goa, sondern unbedingt Neuseeland. Nicht nur Hobbits Hole wegen der Filme, nein einfach ein Auto beladen und los! Ist auch genau was für meine Knechterin, die steht ja gar nicht auf Vollpension am Strand.
Ich danke sehr für die Impressionen und bitte um mehr davon, es wirkt erbauend.
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Die Bilder sind sehr beeindruckend, von ihnen strahlt eine angenehme Ruhe aus.