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24. November 2011
Zurück aus der Wildnis
Es war der letzte Morgen, an dem wir steifgefroren aus unserem Deckenberg klettern sollten. Heute sollte es zurückgehen in die Zivilisation. Okay, zumindest zurück nach Ulan Bator. Langsam machte sich auch die Vorfreude auf eine heiße Dusche und weitere sanitäre Annehmlichkeiten breit.
Ein letztes Frühstück aus unserer Lunchbox und wir sollten uns auf die sechsstündige Heimfahrt zu unserem Hostel machen, wo wir auch den Großteil unseres Gepäcks gelassen hatten. Sagte ich „sollten"? Richtig, denn es kam einmal mehr anders als geplant. Während des Frühstücks hörten wir draußen bereits geschäftiges Treiben. Und immer wieder das verzweifelte Jaulen eines Motors, dem zum Starten der nötige Strom fehlt. Uns schwante nichts Gutes.
© Bergholter Am Rande der Wüste.
Kein Saft
Wir packten unsere Habseligkeiten und verließen unsere Jurte. Draußen stellten wir fest, dass Jay offenbar über Nacht die Stoßstange wieder am Auto befestigt hatte. Mit welchen Hilfsmitteln konnten wir nicht sagen (Die Schnürsenkel waren es jedenfalls nicht), doch es war definitiv eine Leistung, die MacGyver zur Ehre gereicht hätte. Respekt!
Doch nun sahen wir unseren Fahrer, leise Verwünschungen murmelnd sich über den Motor beugend. „Kein Saft" gab er uns zu verstehen. Die Batterie war offenbar über Nacht eingefroren. Nicht einmal die Reservebatterie, die er extra mit ins Zelt genommen hatte, brachte den Jeep zum Starten. Ob mit Kabel oder Direktüberbrückung - also Kontakt an Kontakt gehalten - nichts funktionierte. Nach einiger Zeit kam der Sohn der uns beherbergenden Familie mit seinem Auto zurück und nun sollte es doch klappen mit der Starthilfe. So dachte ich zumindest. Als die beiden aber weiterhin nur die Batterien an einander hielten und keinerlei Anstalten machten, ein Starterkabel zu benutzen, fragte ich nach und unterbreitete den Vorschlag die Batterie bei laufendem Motor zu überbrücken. Ich erntete verständnislose Blicke und Achselzucken. Offenbar kennt man in der Mongolei keine Starthilfekabel. Oder zumindest nicht in dieser Ecke der Wildnis. Stattdessen wurde nun die Batterie des anderen Autos ausgebaut, in der Hoffnung, dass diese den erforderlichen Strom liefern würde. Und nun verstand ich: zur Überbrückung wurden nicht etwa Kabel benutzt, sondern eiserne Schraubenschlüssel an die Kontakte gehalten. Interessant. Während mir der Sohn aufmunternd zunickte und versuchte zu erklären was geschah, knallte es ordentlich und Funken stoben aus der Motorhaube. Okay, falsch rum „verkabelt". Konzentration aufs Wesentliche und nochmal versucht. Nichts.
© Bergholter Unser Camp in der Wüste Gobi.
Schneeschippen in der Wüste
Also musste es anders gehen. Wir versuchten unseren Jeep mit dem Kleinwagen abzuschleppen und somit die Batterie aufzuladen. Ein Versuch, der bereits im Ansatz scheiterte. Denn die abgefahrenen Reifen des Autos waren mit der Zuglast und dem Schnee restlos überfordert. Okay, anschieben. Doch auch das funktionierte nicht, denn der Jeep war einfach zu schwer und auch wir fanden auf dem Untergrund nicht den nötigen Halt. Ein Hügel, den man den Jeep hätte herunterrollen lassen können, war weit und breit nicht in Sicht. Naja, zugegeben lagen am Horizont einige sanft geschwungene Hügel, doch diese kamen nicht infrage.
Der nächste Versuch: wir befreiten den Wüstensand vom Schnee, in der Hoffnung, dass die Reifen diesmal den nötigen Griff finden würden. Eine Schaufel und viele Schuhsohlen - inzwischen gesellte sich noch ein Motorradfahrer dazu - schufen eine Sandpiste in der Schneelandschaft. Autos gewendet und erneut angezogen. Zu zweit saßen wir auf der Motorhaube und langsam quälte sich das Zugfahrzeug vorwärts. Doch es war immer noch kein Motorengeräusch zu hören. Nichts. Die Piste war zu kurz. Also wieder alles ans Schneeschippen. Nächster Anlauf. Erste Zündgeräusche waren zu hören! Es sollte doch nicht etwa klappen? Nein. Denn der Motor beließ es bei einem kurzen Röcheln und versagte den Dienst weiter. Mehrere Fehlversuche dieser Art scheiterten kläglich.
Letzte verzweifelte Versuche
Schließlich verschwand der Sohn der Familie, um nach einiger Zeit mit zwei vermeintlich neuen Batterien zurück zu kommen. Diese ein- und wieder ausgebaut, einzeln zur Überbrückung genutzt oder in Reihe geschaltet. Nichts. Eine 100 Meter lange Sandpiste in den Schnee geschaufelt, insgesamt fünf Batterien, die sich am Wegesrand türmten und ratlose Gesichter. Alles umsonst. Langsam machte sich Unmut breit. Auch unser Fahrer und seine Helfer schienen am Ende mit ihrem Latein. Seit drei Stunden mühten wir uns nun in der Kälte ab. Obwohl uns bei der ganzen Schieberei langsam warm wurde.
Wo bleibt der gelbe Engel?
Nun reichte es auch Jay. Er kramte sein Handy heraus - ein Satellitentelefon? Denn ich wundere mich noch heute, wie man in diesem Nirgendwo Handyempfang bekommt. Egal, ein kurzes Telefonat und er versicherte uns: „Alles klar, in zwei Stunden ist Hilfe da." Ich musste unweigerlich an meine ADAC-Karte denken und rechnete im Kopf durch, wie langes es wohl dauern wird, bis uns die gelben Engel ausfliegen würden. Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen und zurück zu unserem Camp gebeten, wo wir ein weiteres ungeplantes Mittagessen serviert bekamen. Doch zuvor bekamen wir Gelegenheit, unseren Gastgebern bei der Zubereitung desselben zuzusehen. Es gab Tsuivan, ein typisch mongolisches Gericht mit Nudeln, Gemüse und Fleisch. Es ist erstaunlich, mit welch routinierten Handgriffen die ausnahmslos frischen Zutaten zubereitet und die Nudeln selbstgemacht wurden. Und mit wie wenigen Gewürzen die mongolische Küche auszukommen scheint. Es wurde lediglich Salz verwendet. Zum Nachwürzen wurde dann Ketchup gerecht. Auch nicht schlecht.
Kaum hatten wir das Essen auf dem Tisch, da hörten wir draußen einen Wagen. Unsere Rettung! Jay verschwand für ein kleines Weilchen und während wir unsere Teller leerten, hörten wir draußen auch den zweiten Wagen starten. Geschafft? Ja.
Es handelte sich zwar nicht um einen gelben Engel, dafür aber um einen weiteren Jeep unseres Hostels, der hier drei uns wohlbekannte Gestalten ablieferte.
© Bergholter Mongolischer Truckstop. Unsere letzte Einkehr.
Zurück aus der Wildnis
Wir begrüßten einander, da wir uns bereits aus Ulan Bator kannten und teilten in aller Kürze die gemachten Erfahrungen. Zu unserer Überraschung erzählten uns die drei, wie es ihrem Fahrer binnen wenigen Minuten gelang, unseren Jeep zum Laufen zu bringen: Er füllte lediglich etwas Sprit ab und betankte unser Gefährt. Aha. Jay schwieg sich über diesen Umstand beharrlich aus.
Uns war es egal. Mit fünfstündiger Verspätung traten wir den Rückweg an, der sich glücklicherweise recht unspektakulär ausnahm. Spät abends erreichten wir Ulan Bator und unser Hostel. Erst in dieser Umgebung wurden wir gewahr, wie sehr wir eigentlich stanken. Der Duft unserer ungewaschenen Leiber wurde lediglich von dem penetranten Geruch nach Pferde- oder Kamelstall überlagert. Die Betreiberin unseres Hostels empfing uns mit den Worten: „Ihr freut euch bestimmt auf eine heiße Dusche." So war es. Und wir genossen sie.
von Peer Bergholter
Ein letztes Frühstück aus unserer Lunchbox und wir sollten uns auf die sechsstündige Heimfahrt zu unserem Hostel machen, wo wir auch den Großteil unseres Gepäcks gelassen hatten. Sagte ich „sollten"? Richtig, denn es kam einmal mehr anders als geplant. Während des Frühstücks hörten wir draußen bereits geschäftiges Treiben. Und immer wieder das verzweifelte Jaulen eines Motors, dem zum Starten der nötige Strom fehlt. Uns schwante nichts Gutes.
Kein Saft
Wir packten unsere Habseligkeiten und verließen unsere Jurte. Draußen stellten wir fest, dass Jay offenbar über Nacht die Stoßstange wieder am Auto befestigt hatte. Mit welchen Hilfsmitteln konnten wir nicht sagen (Die Schnürsenkel waren es jedenfalls nicht), doch es war definitiv eine Leistung, die MacGyver zur Ehre gereicht hätte. Respekt!
Doch nun sahen wir unseren Fahrer, leise Verwünschungen murmelnd sich über den Motor beugend. „Kein Saft" gab er uns zu verstehen. Die Batterie war offenbar über Nacht eingefroren. Nicht einmal die Reservebatterie, die er extra mit ins Zelt genommen hatte, brachte den Jeep zum Starten. Ob mit Kabel oder Direktüberbrückung - also Kontakt an Kontakt gehalten - nichts funktionierte. Nach einiger Zeit kam der Sohn der uns beherbergenden Familie mit seinem Auto zurück und nun sollte es doch klappen mit der Starthilfe. So dachte ich zumindest. Als die beiden aber weiterhin nur die Batterien an einander hielten und keinerlei Anstalten machten, ein Starterkabel zu benutzen, fragte ich nach und unterbreitete den Vorschlag die Batterie bei laufendem Motor zu überbrücken. Ich erntete verständnislose Blicke und Achselzucken. Offenbar kennt man in der Mongolei keine Starthilfekabel. Oder zumindest nicht in dieser Ecke der Wildnis. Stattdessen wurde nun die Batterie des anderen Autos ausgebaut, in der Hoffnung, dass diese den erforderlichen Strom liefern würde. Und nun verstand ich: zur Überbrückung wurden nicht etwa Kabel benutzt, sondern eiserne Schraubenschlüssel an die Kontakte gehalten. Interessant. Während mir der Sohn aufmunternd zunickte und versuchte zu erklären was geschah, knallte es ordentlich und Funken stoben aus der Motorhaube. Okay, falsch rum „verkabelt". Konzentration aufs Wesentliche und nochmal versucht. Nichts.
Schneeschippen in der Wüste
Also musste es anders gehen. Wir versuchten unseren Jeep mit dem Kleinwagen abzuschleppen und somit die Batterie aufzuladen. Ein Versuch, der bereits im Ansatz scheiterte. Denn die abgefahrenen Reifen des Autos waren mit der Zuglast und dem Schnee restlos überfordert. Okay, anschieben. Doch auch das funktionierte nicht, denn der Jeep war einfach zu schwer und auch wir fanden auf dem Untergrund nicht den nötigen Halt. Ein Hügel, den man den Jeep hätte herunterrollen lassen können, war weit und breit nicht in Sicht. Naja, zugegeben lagen am Horizont einige sanft geschwungene Hügel, doch diese kamen nicht infrage.
Der nächste Versuch: wir befreiten den Wüstensand vom Schnee, in der Hoffnung, dass die Reifen diesmal den nötigen Griff finden würden. Eine Schaufel und viele Schuhsohlen - inzwischen gesellte sich noch ein Motorradfahrer dazu - schufen eine Sandpiste in der Schneelandschaft. Autos gewendet und erneut angezogen. Zu zweit saßen wir auf der Motorhaube und langsam quälte sich das Zugfahrzeug vorwärts. Doch es war immer noch kein Motorengeräusch zu hören. Nichts. Die Piste war zu kurz. Also wieder alles ans Schneeschippen. Nächster Anlauf. Erste Zündgeräusche waren zu hören! Es sollte doch nicht etwa klappen? Nein. Denn der Motor beließ es bei einem kurzen Röcheln und versagte den Dienst weiter. Mehrere Fehlversuche dieser Art scheiterten kläglich.
Letzte verzweifelte Versuche
Schließlich verschwand der Sohn der Familie, um nach einiger Zeit mit zwei vermeintlich neuen Batterien zurück zu kommen. Diese ein- und wieder ausgebaut, einzeln zur Überbrückung genutzt oder in Reihe geschaltet. Nichts. Eine 100 Meter lange Sandpiste in den Schnee geschaufelt, insgesamt fünf Batterien, die sich am Wegesrand türmten und ratlose Gesichter. Alles umsonst. Langsam machte sich Unmut breit. Auch unser Fahrer und seine Helfer schienen am Ende mit ihrem Latein. Seit drei Stunden mühten wir uns nun in der Kälte ab. Obwohl uns bei der ganzen Schieberei langsam warm wurde.
Wo bleibt der gelbe Engel?
Nun reichte es auch Jay. Er kramte sein Handy heraus - ein Satellitentelefon? Denn ich wundere mich noch heute, wie man in diesem Nirgendwo Handyempfang bekommt. Egal, ein kurzes Telefonat und er versicherte uns: „Alles klar, in zwei Stunden ist Hilfe da." Ich musste unweigerlich an meine ADAC-Karte denken und rechnete im Kopf durch, wie langes es wohl dauern wird, bis uns die gelben Engel ausfliegen würden. Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen und zurück zu unserem Camp gebeten, wo wir ein weiteres ungeplantes Mittagessen serviert bekamen. Doch zuvor bekamen wir Gelegenheit, unseren Gastgebern bei der Zubereitung desselben zuzusehen. Es gab Tsuivan, ein typisch mongolisches Gericht mit Nudeln, Gemüse und Fleisch. Es ist erstaunlich, mit welch routinierten Handgriffen die ausnahmslos frischen Zutaten zubereitet und die Nudeln selbstgemacht wurden. Und mit wie wenigen Gewürzen die mongolische Küche auszukommen scheint. Es wurde lediglich Salz verwendet. Zum Nachwürzen wurde dann Ketchup gerecht. Auch nicht schlecht.
Kaum hatten wir das Essen auf dem Tisch, da hörten wir draußen einen Wagen. Unsere Rettung! Jay verschwand für ein kleines Weilchen und während wir unsere Teller leerten, hörten wir draußen auch den zweiten Wagen starten. Geschafft? Ja.
Es handelte sich zwar nicht um einen gelben Engel, dafür aber um einen weiteren Jeep unseres Hostels, der hier drei uns wohlbekannte Gestalten ablieferte.
Zurück aus der Wildnis
Wir begrüßten einander, da wir uns bereits aus Ulan Bator kannten und teilten in aller Kürze die gemachten Erfahrungen. Zu unserer Überraschung erzählten uns die drei, wie es ihrem Fahrer binnen wenigen Minuten gelang, unseren Jeep zum Laufen zu bringen: Er füllte lediglich etwas Sprit ab und betankte unser Gefährt. Aha. Jay schwieg sich über diesen Umstand beharrlich aus.
Uns war es egal. Mit fünfstündiger Verspätung traten wir den Rückweg an, der sich glücklicherweise recht unspektakulär ausnahm. Spät abends erreichten wir Ulan Bator und unser Hostel. Erst in dieser Umgebung wurden wir gewahr, wie sehr wir eigentlich stanken. Der Duft unserer ungewaschenen Leiber wurde lediglich von dem penetranten Geruch nach Pferde- oder Kamelstall überlagert. Die Betreiberin unseres Hostels empfing uns mit den Worten: „Ihr freut euch bestimmt auf eine heiße Dusche." So war es. Und wir genossen sie.
von Peer Bergholter
Kommentare zu "Zurück aus der Wildnis"
leerer Tank
von Barbara O aus KG
am 24.11.2011 um 17:14 Uhr
Haha, das erinnert mich an ein Erlebnis aus meiner Jugend! Vor gut 20 Jahren bin ich mal mit meinem Auto an einer T-Kreuzung in der Nähe einer Kfz-Werkstatt liegengeblieben. Ich laufe also die ca. 30 m zu besagter Werkstatt, sage: "mein Auto steht da vorne und macht keinen Zucker mehr"
Erste Gegenfrage: "Haben sie mal auf die Tankanzeige geschaut?"
Das hatte ich tatsächlich, der Tank war halbvoll und ich sagte ganz empört: "diese Frage stellen sie aber nur Frauen, oder?"
Liebe Grüße aus der Heimat!
Barbara
Im Falle einer Evakuation . . .
von Christine
am 26.11.2011 um 01:31 Uhr
. . . soll man doch den Tank immer halb voll haben, mindestens, hab ich in den US of A gelernt ;) Is ja lustig, leerer Tank is mir beim lesen nicht eingefallen.
"Zurück aus der Wildnis" kommentieren


Hahaha, an Ende also doch wieder der Klassiker ! Immer wieder interessant, dass keine Menschenseele auf die Idee kommt, mal etwas anderes zu prüfen als die Batterie. Ich hoffe, Ihr merkt Euch das gut für weitere motorisierte Ausflüge in die Wildnis, in welchem Land sie dann auch stattfinden mögen.
Auf jeden Fall habt Ihr erneut was erlebt und hoffentlich auch dazugelernt. Super Unterhalteung !