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16. November 2011
In der Wildnis
Tag 1.
Gegen neun Uhr verließen wir mit unserem Fahrer Jay das Hostel und ließen kurz darauf Ulan Bator und damit die Zivilisation hinter uns.
Das Verlassen der Stadt kündigte die erste vermeintlich herrenlose Kuhherde an, die sowohl neben als auch auf der Straße gemächlich ihres Weges zog. Erstaunlicherweise wird den streunenden Tieren hier von den Autofahrern ungleich mehr Respekt und Geduld entgegen gebracht als jedem Fußgänger. Kaum hatten wir die letzten Häuser hinter uns gelassen, breitete sich vor uns die unendliche Weite der mongolischen Steppe aus.
Die Geier kreisen schon
Gegen Mittag hielten wir an einem der inzwischen ab und an auftauchenden, doch nach wie vor äußerst spärlich gesäten Gebäude. Ein Restaurant, wer hätte das gedacht? Diese mongolische Variante eines Truckstops ließ von außen nicht sofort erahnen, worum es sich dabei handelte. Im Inneren tummelten sich Fernfahrer und Familien auf der Durchreise. Jay bestellte uns Essen. Die mündlich vorgetragene Speisekarte war denkbar überschaubar. Wir hatten zur Auswahl Fleisch und kein Fleisch, entschieden uns kurzerhand für ersteres. Dazu gereicht wurde ein traditionelles mongolisches Getränk, dass uns die kommenden Tage begleiten sollte: Heiße Kuhmilch (wobei ich schwören könnte, dass diese nicht immer von Kühen stammte) mit etwas Teesud und Salz. Nun ja, lecker ist was anderes. Aber es wärmt.
Stippvisite in Kharakhorum
Am späten Nachmittag erreichten wir dann unser erstes Etappenziel: Kharakhorum, die alte Hauptstadt. Dieses Nest spottet jedweder Bezeichnung als Stadt. Doch immerhin bot diese lockere Siedlung erstklassigen Handyempfang. Und ein Kloster. Ansonsten gab es hier nur mit Lattenzäunen abgetrennte Parzellen, in denen in den meisten Fällen die Bewohner in ihren Gers (so der mongolische Name des traditionellen Rundzelts, das bei uns als Jurte bekannt ist) gemeinsam mit ihren Vieherden lebten. In Ausnahmefällen sah man auch mal das eine oder andere einstöckige unverputzte Haus dazwischen. Allerdings würden diese bei uns wohl eher in die Kategorie Hütte fallen.
Nun bekamen wir einen Eindruck davon, was ein auch heute noch zu großen Teilen nomadisch lebendes Volk lange Zeit als Hauptstadt bezeichnete. Keine Befestigungsanlagen, kein Palast (-zelt), keine Infrastruktur, kein gar nichts. Aber wozu auch? Wahrscheinlich traf man sich hier in früheren Tagen ohnehin nur alle paar Jahre einmal, um bei Bedarf aus den einzelnen Clanoberhäuptern einen neuen Khan zu küren.
Sei’s drum. Nach der Ankunft bahnten wir uns den Weg durch eine der Schafherden und erstiegen einen der umliegenden Hügel. Von hier aus konnte man die ganze Pracht der ehemaligen Kapitale überblicken und auch ohne Panoramafunktion auf einem Bild festhalten. Doch als wir uns umdrehten, sahen wir den Sonnenuntergang über einem der Hügel zur linken und die endlose Steppe zur rechten. Das war es schließlich, weshalb wir hier waren.
Kammermusik
Die erste Nacht in der Jurte
Sanitäre Grenzerfahrung
Wie viel kälter, das bekam man zu spüren, wenn man es wagte, nachts den Gang zur Toilette anzutreten. Obwohl der Begriff der Toilette dieser Angelegenheit nicht im Ansatz gerecht wird: ein einfacher und natürlich unbeheizter Holzverhau mit Bretterboden, manchmal sogar mit einer Tür. Für die Touristen. Eines der Bodenbretter war zur Hälfte entfernt worden und gab den Blick auf die Sickergrube frei. Das war‘s. Für den ungeübten Hocker eine wahre Herausforderung und ein Akt größter Körperbeherrschung, der an Akrobatik grenzt. Weitere Details möchte ich an dieser Stelle aussparen. Nur so viel: keiner ging auf die Bretter, wenn es nicht unbedingt sein musste.
Spätestens nach der ersten Nacht und der ersten sanitären Grenzerfahrung war klar: Wir waren angekommen in der Wildnis.
von Peer Bergholter
Peer Bergholter
Kommentare zu "In der Wildnis"
Wildnis
Hallo Peer,
mit Spannung verfolge ich deine Reise
..ich kann es nicht glauben, was du dort erlebst
Liebe Grüße aus der Heimat
Edith Röder
Nacht in der Ger
....großartiger Bericht...wunderbare Bilder. Jetzt frierts mich doch ein bisschen. Und das obwohl ich hier mit Wärmflasche sitze. Übrigens eigentlich ein wunderbarer Wegbegleiter. Passt in jede Tasche und heißes Wasser dürfte ja bei den Schneemengen auch nicht schwer zu bekommen sein. Nur so´n Tip...
Lieber Peer, lieber Jochen,
da lobe ich mir doch mein auf 98 Grad Fahrenheit gewaermtes Yogastudio. Und zur Strafe soll mich posthaste der Hitzschlag treffen.
Wieder mal famos geschrieben, ich reise so gerne mit.
Christine
umwerfend
Servus Jungs,
ja, einmal mehr einfach eine grandiose Berichterstattung !! Ich kann nur hoffen, dass ihr weiterhin so herrliche Erlebnisse habt !
Bin in Gedanken immer bei euch ...
greetz
spannend
Ich bin eine treue Leserin der Berichterstattung.
Wunderbar, ich schaue jeden 3.Tag, freue und leide mit euch.
Bin eine alte Schulfreundin von Gisi Müller.
Alle guten Wünsche begleiten euch auf den nächsten Wegen! Tati
rudimentar
Danke fuer die unterhaltsame Berichterstattung.
Als Teilnehmer der Mongoliy Bike Challenge habe ich die Weite der Steppe, aber auch von der Freundlichkeit und Neugierde der Nomaden.
Weiterhin viele tolle Erlebnisse und gute Reise.
"In der Wildnis" kommentieren


Tolle Erzählung, man friert fast dabei, der Griff zum Heizkörper lässt einen vor Scham schier erröten, weiter tolle Zeit, Gisi 39