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23. November 2011
In der Wildnis. Teil 3
Die zweite Nacht in der Ger stand der ersten in nichts nach. Es war erneut bitterkalt. Der einzige Unterschied war, dass man dieses Mal, kündigte sich ein natürliches Bedürfnis an, eine halbe verschneite Pferdekoppel überqueren musste, um zu dem Verhau zu gelangen, den man hier Toilette nennt. Da man aber ohnehin in all seinen Klamotten schlief, war es halb so wild. Das warme Süppchen des Abends hielt in etwa so lange vor, wie das Nadelholz, das wir hier verfeuerten. Trotzdem schliefen wir nach unserer Klettertour und dem Ausritt wie die Babys und erwachten am nächsten Tag voller Tatendrang. Es war der dritte Tag in der Wildnis.
© Bergholter Der Wasserfall in der Morgensonne. Auch hübsch.
Nach einem kargen Frühstück machten wir uns erneut zum Wasserfall auf, um das Naturspektakel noch einmal zu betrachten, während es über Nacht gänzlich eingefroren war und nun direkt von der Morgensonne beschienen wurde. Es war nicht minder atemberaubend als am Abend zuvor. Als wir zu unserem Camp zurückkehrten, wartete Jay bereits im Jeep. Der Motor lief und unser Fahrer schien es eilig zu haben. Er ahnte wohl, welche Widrigkeiten einen in der Wildnis erwarten konnten.
Über Stock und Stein querfeldein
Der dritte Tag sah eine Fahrt zum Rande der Wüste Gobi vor, die Route führte uns zunächst zurück zu dem Dorf, an dem wir Tags zuvor zur Mittagszeit einkehrten und die gewagte Flussquerung unternahmen. Die Landschaft kannten wir also bereits, was nichts an ihrer Schönheit änderte. Ebenso kannten wir die Pisten, denen ich nicht den Titel einer Straße verleihen möchte. In Deutschland werden solche Strecken für gutes Geld von speziellen Architekten angelegt. Wir nennen sie Motor-Cross-Strecken. Entsprechend langsam ging es voran. Oftmals nur im ersten Gang, da die von messerscharfen Steinen gesäumten Steigungen und Kurven nicht mehr als Schrittgeschwindigkeit erlaubten. Ohne ein geländetaugliches Fahrzeug wäre man hier hoffnungslos verloren gewesen. Bisweilen waren es lediglich die Sicherheitsgurte, die uns auf dem Sitz hielten. Jay hingegen verzichtete gänzlich auf überflüssigen Schinckschnack wie einen Gurt, krallte sich an seinem Lenkrad fest und zog an seiner Zigarette, während er auf dem Fahrersitz hin und her geworfen wurde.
© Bergholter Am Wegesrand...
Flussquerung für Abenteuerlustige
Als wir das Dorf passiert hatten, in dem wir am Vortag unsere Mittagspause verbrachten, standen wir erneut vor dem gefrorenen Fluss, den es zu überqueren galt. Nun ja, nach europäischen Maßstäben wäre es wohl eher ein Bach von etwa zwei Meter Breite und ungewisser Tiefe. Es wurde nicht gerade wärmer über Nacht und das Eis sollte uns ähnlich zuverlässig tragen wie auf der Hinfahrt. Und das tat es auch. Zumindest für eine kleine Weile. Doch leider nicht lange genug. Kaum hatten die Vorderräder das rettende Ufer erreicht, tat es einen gewaltigen Schlag und die Hinterachse unseres Jeeps brach durch das Eis. Die Tiefe des Baches ließ sich nur erahnen, aber der Wagen verharrte in bedrohlicher Schieflage. Das Eis knirschte angsteinflößend. Jochen und ich starrten uns entsetzt an, während Jay das Malheur lediglich mit einem beiläufigen „shit!" kommentierte. Wir kletterten aus dem Fond des Jeeps und hangelten uns über Eisschollen unsicheren Fußes ans Ufer. Und nun sahen wir das ganze Ausmaß des Problems: Die Hinterräder waren zur Hälfte im Wasser versunken und hingen an der Kante des Eises fest. Die Stoßstange hatte es beinahe abgerissen und es ging weder vor noch zurück. Sämtliche Versuche unseres Fahrers, den sprichwörtlichen Karren aus dem Dreck zu ziehen, machten die Sache nur schlimmer. Nach einigen erfolglosen Anläufen waren die Hinterräder fast zur Gänze abgesoffen, und das abgefahrene Profil der Vorderreifen fand am Ufer keinen Halt. Wir schlugen mit Schaufeln auf das Eis ein, schoben, zogen, versuchten mit unserem Körpergewicht die Vorderachse zu beschweren, indem wir uns auf die Motorhaube setzten. Wir versuchten alles, doch je mehr wir uns mühten, desto tiefer sank der Wagen im Bach ein. Es schien hoffnungslos. Es war klar, dass wir hier ohne fremde Hilfe nicht frei kommen würden.
© Bergholter Das sieht nicht gut aus. Ich bin ratlos.
Hilfe naht
Während wir allmählich ins Schwitzen kamen und zunehmend verzweifelten, näherte sich ein alter Mongole und beobachtete unser Treiben interessiert. Als wir seiner Gewahr wurden, stürzten wir zu ihm und Jay bat ihn, im nahegelegenen Dorf Hilfe zu holen. Die Notwendigkeit sah er sofort und machte sich auf den Weg. Während wir auf Rettung warteten, wurden wir zunehmend zu einer Attraktion. Ein Motorradfahrer hielt und schaute sich das Ganze aus sicherer Distanz an. Auf der anderen Seite des Baches versammelten sich einige Kinder, die unser Missgeschick sichtlich amüsierte. Nach einer gefühlten Ewigkeit tauchte der alte Mann wieder auf. Auf dem Beifahrersitz eines LKW. Organisatorisches wurde hin und her gerufen und der LKW verschwand wieder. Er suchte sich eine sichere Stelle zur Flussüberquerung und erreichte uns schließlich. Nun ging es schnell: das Abschleppkabel wurde angelegt und unser Jeep unter dem Jubel der Zuschauer aus dem Bach befreit. Zwar riss es bei dieser Aktion die hintere Stoßstange gänzlich ab, die auch umgehend im Bach versank, doch gelang es uns nach einiger Anstrengung, diese wieder zu bergen. Jay bedankte sich bei unseren Rettern in der Not. Mit 20.000 Tugrik, also etwa 11 Euro. Die Stoßstange wurde aufs Dach gehievt, wo unser Fahrer sie kurzerhand notdürftig mit seinen Schnürsenkeln befestigte. Geschafft!
© Bergholter Unter leichten Verlusten geborgen.
Wir schüttelten uns, sprangen in den Jeep und mit gut zweistündiger Verspätung ging es nun weiter durch die Steppe. Wir hatten auf dem Weg noch weitere Bäche zu überqueren und Jay tat dies nun mit der gebotenen Vorsicht. Dennoch hielten wir jedes Mal die Luft an, bis wir das andere Ufer erreichten. Ein weiteres Abenteuer dieser Art sollte uns aber erspart bleiben.
Kamelritt in der Wüste Gobi
Ohne weitere Probleme erreichten wir also die Wüste Gobi und unsere Jurte. Eine von insgesamt drei, mitten im Nirgendwo. Und die einzige der drei ohne Strom und Licht. Wir „checkten ein" und kaum hatten wir uns unseres Gepäcks entledigt und eine Tasse Tee eingegossen, steckte Jay schon wieder seinen Kopf durch die Tür: „Jungs, die Kamele warten!" Richtig, Kamelreiten in der Wüste stand ja noch auf dem Plan. Hatten wir in der ganzen Aufregung fast vergessen.
© Bergholter Mit der Anmut eines preußischen Husaren.
Gemeinsam mit unserer „Gastmutter" wurden wir zu den Kamelen gefahren. Diese zotteligen Gesellen besaßen ein äußerst sanftes Gemüt, ließen sich geduldig satteln und uns ohne Widerstand aufsteigen. Andernfalls wäre es ihnen schlecht ergangen, denn die Zügel, die hier eher einer Leine glichen, waren an einem Knochen befestigt, der den armen Tieren durch die Nase getrieben wurde. Fixiert mit dem Deckel einer Plastikflasche. Auch wenn ich wohl das Reittier mit dem feurigsten Temperament erwischte (denn es war das einzige, das hin und wieder eigenmächtig in den Trab übergehen wollte), im Vergleich zu dem Husarenritt auf den struppigen und halbwilden Ponys am Vortag, war es diesmal um einiges gemächlicher. Geführt von unserer Gastmutter hielt jeder die Zügel des nächsten Kamels und langsam trottete unsere kleine Karawane durch den Schnee, dem Sonnenuntergang entgegen. Von Wüste war nicht viel zu sehen, lediglich der stellenweise aufgewühlte Schnee gab den Blick auf den Sand frei und ließ uns erahnen, wo wir uns befanden: in der größten reinen Sandwüste der Erde. Gemütlich schaukelten wir also durch die Wildnis und zitterten vor Kälte, während wir die nach wie vor wunderschöne Landschaft genossen. Zwar hatten wir auf den Ponys mehr Spaß, zumindest als wir endlich die Bremse gefunden hatten, doch um ehrlich zu sein, hatten wir für diesen Tag genug Abenteuer, so dass es völlig ausreichend war, die gute Stunde zurück zu unserer Ger zu schaukeln.
© Bergholter Sonnenuntergang über der Wüste Gobi. Fotografiert vom Rücken eines Kamels.
Dort angekommen servierte man uns das Abendbrot und wir ließen bei Kerzenschein und Holzfeuer den Tag Revue passieren, bevor wir erneut frierend unter unsere Decken krochen.
von Peer Bergholter
Über Stock und Stein querfeldein
Der dritte Tag sah eine Fahrt zum Rande der Wüste Gobi vor, die Route führte uns zunächst zurück zu dem Dorf, an dem wir Tags zuvor zur Mittagszeit einkehrten und die gewagte Flussquerung unternahmen. Die Landschaft kannten wir also bereits, was nichts an ihrer Schönheit änderte. Ebenso kannten wir die Pisten, denen ich nicht den Titel einer Straße verleihen möchte. In Deutschland werden solche Strecken für gutes Geld von speziellen Architekten angelegt. Wir nennen sie Motor-Cross-Strecken. Entsprechend langsam ging es voran. Oftmals nur im ersten Gang, da die von messerscharfen Steinen gesäumten Steigungen und Kurven nicht mehr als Schrittgeschwindigkeit erlaubten. Ohne ein geländetaugliches Fahrzeug wäre man hier hoffnungslos verloren gewesen. Bisweilen waren es lediglich die Sicherheitsgurte, die uns auf dem Sitz hielten. Jay hingegen verzichtete gänzlich auf überflüssigen Schinckschnack wie einen Gurt, krallte sich an seinem Lenkrad fest und zog an seiner Zigarette, während er auf dem Fahrersitz hin und her geworfen wurde.
Flussquerung für Abenteuerlustige
Als wir das Dorf passiert hatten, in dem wir am Vortag unsere Mittagspause verbrachten, standen wir erneut vor dem gefrorenen Fluss, den es zu überqueren galt. Nun ja, nach europäischen Maßstäben wäre es wohl eher ein Bach von etwa zwei Meter Breite und ungewisser Tiefe. Es wurde nicht gerade wärmer über Nacht und das Eis sollte uns ähnlich zuverlässig tragen wie auf der Hinfahrt. Und das tat es auch. Zumindest für eine kleine Weile. Doch leider nicht lange genug. Kaum hatten die Vorderräder das rettende Ufer erreicht, tat es einen gewaltigen Schlag und die Hinterachse unseres Jeeps brach durch das Eis. Die Tiefe des Baches ließ sich nur erahnen, aber der Wagen verharrte in bedrohlicher Schieflage. Das Eis knirschte angsteinflößend. Jochen und ich starrten uns entsetzt an, während Jay das Malheur lediglich mit einem beiläufigen „shit!" kommentierte. Wir kletterten aus dem Fond des Jeeps und hangelten uns über Eisschollen unsicheren Fußes ans Ufer. Und nun sahen wir das ganze Ausmaß des Problems: Die Hinterräder waren zur Hälfte im Wasser versunken und hingen an der Kante des Eises fest. Die Stoßstange hatte es beinahe abgerissen und es ging weder vor noch zurück. Sämtliche Versuche unseres Fahrers, den sprichwörtlichen Karren aus dem Dreck zu ziehen, machten die Sache nur schlimmer. Nach einigen erfolglosen Anläufen waren die Hinterräder fast zur Gänze abgesoffen, und das abgefahrene Profil der Vorderreifen fand am Ufer keinen Halt. Wir schlugen mit Schaufeln auf das Eis ein, schoben, zogen, versuchten mit unserem Körpergewicht die Vorderachse zu beschweren, indem wir uns auf die Motorhaube setzten. Wir versuchten alles, doch je mehr wir uns mühten, desto tiefer sank der Wagen im Bach ein. Es schien hoffnungslos. Es war klar, dass wir hier ohne fremde Hilfe nicht frei kommen würden.
Hilfe naht
Während wir allmählich ins Schwitzen kamen und zunehmend verzweifelten, näherte sich ein alter Mongole und beobachtete unser Treiben interessiert. Als wir seiner Gewahr wurden, stürzten wir zu ihm und Jay bat ihn, im nahegelegenen Dorf Hilfe zu holen. Die Notwendigkeit sah er sofort und machte sich auf den Weg. Während wir auf Rettung warteten, wurden wir zunehmend zu einer Attraktion. Ein Motorradfahrer hielt und schaute sich das Ganze aus sicherer Distanz an. Auf der anderen Seite des Baches versammelten sich einige Kinder, die unser Missgeschick sichtlich amüsierte. Nach einer gefühlten Ewigkeit tauchte der alte Mann wieder auf. Auf dem Beifahrersitz eines LKW. Organisatorisches wurde hin und her gerufen und der LKW verschwand wieder. Er suchte sich eine sichere Stelle zur Flussüberquerung und erreichte uns schließlich. Nun ging es schnell: das Abschleppkabel wurde angelegt und unser Jeep unter dem Jubel der Zuschauer aus dem Bach befreit. Zwar riss es bei dieser Aktion die hintere Stoßstange gänzlich ab, die auch umgehend im Bach versank, doch gelang es uns nach einiger Anstrengung, diese wieder zu bergen. Jay bedankte sich bei unseren Rettern in der Not. Mit 20.000 Tugrik, also etwa 11 Euro. Die Stoßstange wurde aufs Dach gehievt, wo unser Fahrer sie kurzerhand notdürftig mit seinen Schnürsenkeln befestigte. Geschafft!
Wir schüttelten uns, sprangen in den Jeep und mit gut zweistündiger Verspätung ging es nun weiter durch die Steppe. Wir hatten auf dem Weg noch weitere Bäche zu überqueren und Jay tat dies nun mit der gebotenen Vorsicht. Dennoch hielten wir jedes Mal die Luft an, bis wir das andere Ufer erreichten. Ein weiteres Abenteuer dieser Art sollte uns aber erspart bleiben.
Kamelritt in der Wüste Gobi
Ohne weitere Probleme erreichten wir also die Wüste Gobi und unsere Jurte. Eine von insgesamt drei, mitten im Nirgendwo. Und die einzige der drei ohne Strom und Licht. Wir „checkten ein" und kaum hatten wir uns unseres Gepäcks entledigt und eine Tasse Tee eingegossen, steckte Jay schon wieder seinen Kopf durch die Tür: „Jungs, die Kamele warten!" Richtig, Kamelreiten in der Wüste stand ja noch auf dem Plan. Hatten wir in der ganzen Aufregung fast vergessen.
Gemeinsam mit unserer „Gastmutter" wurden wir zu den Kamelen gefahren. Diese zotteligen Gesellen besaßen ein äußerst sanftes Gemüt, ließen sich geduldig satteln und uns ohne Widerstand aufsteigen. Andernfalls wäre es ihnen schlecht ergangen, denn die Zügel, die hier eher einer Leine glichen, waren an einem Knochen befestigt, der den armen Tieren durch die Nase getrieben wurde. Fixiert mit dem Deckel einer Plastikflasche. Auch wenn ich wohl das Reittier mit dem feurigsten Temperament erwischte (denn es war das einzige, das hin und wieder eigenmächtig in den Trab übergehen wollte), im Vergleich zu dem Husarenritt auf den struppigen und halbwilden Ponys am Vortag, war es diesmal um einiges gemächlicher. Geführt von unserer Gastmutter hielt jeder die Zügel des nächsten Kamels und langsam trottete unsere kleine Karawane durch den Schnee, dem Sonnenuntergang entgegen. Von Wüste war nicht viel zu sehen, lediglich der stellenweise aufgewühlte Schnee gab den Blick auf den Sand frei und ließ uns erahnen, wo wir uns befanden: in der größten reinen Sandwüste der Erde. Gemütlich schaukelten wir also durch die Wildnis und zitterten vor Kälte, während wir die nach wie vor wunderschöne Landschaft genossen. Zwar hatten wir auf den Ponys mehr Spaß, zumindest als wir endlich die Bremse gefunden hatten, doch um ehrlich zu sein, hatten wir für diesen Tag genug Abenteuer, so dass es völlig ausreichend war, die gute Stunde zurück zu unserer Ger zu schaukeln.
Dort angekommen servierte man uns das Abendbrot und wir ließen bei Kerzenschein und Holzfeuer den Tag Revue passieren, bevor wir erneut frierend unter unsere Decken krochen.
von Peer Bergholter
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