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23. Mai 2012
Terra Incognita
Einmal mehr stürzten wir uns Hals über Kopf, ohne größere Kenntnisse darüber, in ein neues Land. Diese Herangehensweise ist zugegebenermaßen nicht immer klug. Allerdings hat sie den Vorteil, dass man einem Land und seinen Bewohnern ohne Erwartungshaltung und ohne Vorurteile begegnet und sich somit ein gänzlich eigenes Bild machen kann. Auch nicht das Schlechteste, wie wir fanden.
Also stiegen wir in Hat Yai, unweit der thailändisch-malayischen Grenze, in den Zug und wollten in Arau, dem ersten Bahnhof in Malaysia wieder aussteigen, um zu schauen, was uns dort erwartet. An der Grenze fragte dann auch der Zöllner nach unserem Zielort. „Arau? Was wollt Ihr denn da? Da gibt es nichts. Absolut gar nichts!" In gewisser Weise sollte er Recht behalten.
Verwirrspiel
Doch zuvor sorgten seine Kollegen der Passkontrolle für erste Verwirrung. Während ich meine Fingerabdrücke hinterlassen musste (wenigstens über diese Praxis hatte ich im Vorfeld gelesen) und im Ausgleich dafür zu meinem Einreisestempel noch einen schönen Aufkleber bekam, ging Jochen gänzlich leer aus. Weder wurde er erkennungsdienstlich erfasst, noch durfte er sich über ein hübsches Klebchen im Pass freuen. Wenigstens hatte er seinen Einreisestempel bekommen. Trotzdem wirkte er irgendwie neidisch. Aber vor allem waren wir etwas verwirrt, ob dieser Ungleichbehandlung, denn so viel bedrohlicher sehe ich dann auch nicht aus. Also ging Jochen mit beiden Pässen zurück und fragte den nächsten Grenzer nach dem Grund der Ungleichbehandlung. „Keine Sorge, dass ist schon okay. Nur der Stempel ist wichtig." So die grobe Übersetzung seines Beschwichtigungsversuches. Nun denn. Wenigstens bekamen wir einen ersten Eindruck von Malaysia. Die Menschen scheinen die eigene Wichtigkeit und die ihres Amtes zumindest nicht zu überhöhen. Sehr sympathisch.
Andere Länder, andere Götter
Als wir wieder in den Zug stiegen und während der Fahrt aus dem Fenster schauten, sahen wir den ersten signifikanten Unterschied zu Thailand und den anderen Ländern Südost-Asiens, die wir bisher bereisten: Wir sahen hier keine buddhistischen Tempel mehr an jeder Ecke, stattdessen prägten die Minarette der Moscheen die Szenerie. Wir waren in einem muslimischen Land angekommen. Doch was das genau bedeutete, war uns noch nicht ganz klar. Natürlich würden wir kein Schweineschnitzel und kein Bier bestellen, doch waren wir gespannt darauf, in welcher Form uns der Islam hier begegnen würde.
Andere Länder, andere Hostelkulturen
In Arau angekommen, stiegen wir aus dem Zug und begaben uns in Richtung des Stadtzentrums auf der Suche nach einer Bleibe. Es dämmerte bereits, als wir die Preise des ersten Hauses am Platze im Geiste umrechneten und ungläubig wieder von dannen zogen. Hier herrschte ein Preisniveau, das sich gewaschen hatte. Zumindest was die Übernachtungsmöglichkeiten angeht. Insbesondere, wenn man die Preise für das Essen zum Vergleich bemüht, stehen diese in einem deutlichen Missverhältnis. Über die Essenspreise erfuhren wir Näheres, als wir uns dazu entschlossen, die Hotelsuche nach einem leichten Abendessen fortzusetzen. Es war beruhigend, dass sich zumindest diese nicht deutlich von Thailand unterschieden. Als ich aber plötzlich, während wir auf unser Essen warteten, ein Schild mit der Aufschrift „Hostel - Zimmer zu vermieten" las, sprang ich auf, um mir das mal näher anzusehen. Ich betrat das Haus, stieg die Treppen hinauf, klopfte an die offene Tür und rief in den Flur hinein. Keine Reaktion. Also ging ich den Flur entlang, hörte einen laufenden Fernseher und dachte, dass die Betreiber nicht weit sein können. Als ich vor einer offenen Zimmertür stehenblieb, saß dort ein Mädchen, dass sich das offene Haar kämmte. Sichtlich erschrocken fuhr sie zusammen, als ich sie freundlich ansprach und mich nach einem Zimmer erkundigte. Verstört aber bestimmt drängte sie mich zu Tür, während sie mir erklärte, dass dieses Hostel nur für Mädchen sei. Aha. Kein Hinweisschild deutete darauf hin und auch die offenen Türen wirkten eher einladend. Ich entschuldigte mich mehrfach und betonte, dass ich ja keine Ahnung hatte.
Hier wäre etwas Vorbereitung vielleicht nützlich gewesen, stellte sich doch auch das nächste Hostel, das wir in Arau fanden, als reine Mädchenherberge heraus. Aber so lernt man eben dazu. Und die junge Frau war offenbar nicht nachtragend.
Moderate Töne
Wenig später, ich saß bei unserem Gepäck, während Jochen die Gegend nach einer Bleibe absuchte, kam die selbe junge Muslima, diesmal mit Kopftuch, auf mich zu, empfahl mir ein Hotel und bot mir an, dort ein Zimmer zu reservieren. Ich war überrascht, hatte ich doch befürchtet sie ernsthaft verschreckt zu haben. Doch das Gegenteil schien der Fall zu sein. Als mich die junge Dame dann sogar auf ihrem Motorroller zu dem empfohlenen Hotel brachte und dort wartete, um mich wieder zurück zu fahren, waren zwei Dinge klar: In Malaysia handelt es sich ganz offenbar um eine sehr moderate Form des Islam und die Menschen schienen äußerst freundlich und hilfsbereit zu sein. Was kann man mehr erwarten an Erkenntnissen für den ersten Tag?
Bestätigung
Die Bestätigung dieser ersten Eindrücke folgte tags darauf. Wir sahen Frauen arbeiten, Mopeds steuern und hörten sie in flüssigem Englisch mit uns sprechen. Darüber hinaus schien der Zöllner aber ganz offenbar Recht zu haben: Arau bot keinerlei Sehenswürdigkeiten. So sahen wir auch keinen anderen Touristen in dem Ort, was uns den Status der Exoten verlieh. Entsprechend neugierig wurden wir beäugt, zumeist aber einfach freundlich angesprochen und in einen Smalltalk verwickelt. So war es offenbar auch für den Betreiber des hiesigen Supermarktes eine Ehre, uns einen Eiskaffee verkauft zu haben. Nach Abschluss der geschäftlichen Transaktionen geleitete er uns zur Tür und verabschiedete sich per Handschlag, als er uns zugleich in Malaysia Willkommen hieß und uns eine schöne Zeit wünschte. Wir waren gelinde gesagt schwer beeindruckt von dieser ehrlich gemeinten Freundlichkeit der Menschen, die uns hier umfing.
Fingerfood
Eine weitere Erkenntnis über Sitten und Gebräuche sollten wir bekommen, als wir uns zum Essen in einer - naja, offenen Gaststätte mit Kantinencharme einfanden. Wir wurden aufgefordert, uns am üppigen Buffet zu bedienen, was wir uns nicht zweimal sagen ließen. Wir hatten Hähnchen, Fisch und Lamm zum Frühstück und staunten nicht schlecht, als wir uns umschauten und die Essgewohnheiten der Einheimischen beobachteten. Fast jeder aß hier mit den Fingern. Also versuchten wir es auch. Ich kann nur sagen, dass es schwerer als gedacht ist, sich den in Soße getränkten Reis mit den Fingern einzuverleiben. Da ist durch unsere Erziehung offenbar etwas Elementares unserer Kindheit auf der Strecke geblieben.
Weil das Essen mit den Händen in Malaysia keine Seltenheit ist, wie wir herausfinden sollten, hält man sich in den Restaurants auch nicht mit irgendwelchen Papiertüchern oder Servietten auf, sondern stellt den Gästen einfach ein oder gleich mehrere Waschbecken zu Verfügung.
Das ganze Fingerfood war für uns ein zugegebenermaßen gewöhnungsbedürftiger, doch äußerst sympathischer Brauch.
Auch wenn wir in Arau tatsächlich keinerlei Sehenswürdigkeiten fanden, so müssen wir dem Zöllner im Nachhinein doch widersprechen: Es gab etwas in Arau. Zumindest für uns bot der Ort die Gelegenheit, einen ersten Eindruck von Land und Leuten zu gewinnen. Und diese positive Erfahrung war den Stopp allemal wert.
von Peer Bergholter
Kommentare zu "Terra Incognita"
Erziehungskritik
Mein Lieber,
sollte ich in meiner mit Sicherheit nicht fehlerfreien Erziehung etwas zu schulden haben kommen lassen, so halte ich es zwar aus, dich nicht das geräuscharme und tropffreie Fingern von Reiskörnern aus irgendeiner dubiosen Sauce mit den kleinen Wurstefingern gelehrt zu haben, lege aber großen Wert darauf, an dieser Stelle festzuhalten, dass du bereits im frühen Knabenalter von 3 Jahren Spaghetti Bolognese bis zur letzten Nudel vom Teller räumtest (mit Löffel und Gabel, die italienische Art, nur mit der Gabel erreichtest du erst etwa mit 11 Jahren)
Tatort: Da Bruno; Kassel, Königsplatz
Re: Erziehungskritik
Haha, das gute alte "Da Bruno" ...
Ich kann es mir lebhaft vorstellen ;-)
LG
Terra incognita
Lieber Peer,
was man sich als "reifer Mann" so alles vorhalten lassen muß.
Du machst das schon richtig !!
Mädchenherberge
Ja, Ja Peeri, die haben schon genau gewußt warum sie von Dir die Fingerabdrücke genommen haben, wer als Mann in einer Mädchenherberge unterkommen möchte... wer weiß was da noch alles kommen mag? :-)
Ich bin gespannt
liebe Grüße aus Dresden
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Wunderbare Schlussworte!
Ich werde Aura im Gedächnis behalten. Und das liegt einzig und allein an deinen Worten.
Applaus und liebe Grüße, altes Verbrechergesicht.
Your biggest fan. Stan.