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30. Mai 2012
Leben und leben lassen
Als wir mit der Fähre von Butterworth auf dem Festland auf Penang ankamen, fielen uns zuerst die Hochhäuser auf. In George Town steckt Geld, soviel konnte man vom Wasser aus sehen. Doch als wir vom Hafen aus in die Gassen eintauchten, wandelte sich dieses Bild. Neben und zwischen den Glas- und Stahltürmen standen kleine Häuschen, teilweise im Verfall begriffen, meistens jedoch in gutem Zustand und ansehnlich herausgeputzt. Das Bild prägten Kolonialbauten und eine Vielzahl heimeliger kleiner Gebäude, die im Gegensatz zu den Hochhäusern ein paar Blocks entfernt, eine geradezu gemütliche Atmosphäre verbreiteten. In den Straßen pulsierte das Leben, Motorräder und Autos fuhren wild durcheinander, Menschen schoben ihre Waren auf Handwagen vor sich her, dazwischen Rikschafahrer in ihren mobilen Diskotheken mit Plastikblumen und Lichterketten geschmückt. Wir fühlten uns sofort wohl.
Mal wieder Chinatown
Wir ließen Little India hinter uns und landeten im benachbarten Chinatown. Dies mag unserer Begeisterung für China geschuldet sein oder den üblicherweise günstigen Unterkünften, die man dort in der Regel finden kann. Doch wann immer eine Stadt ein chinesisches Viertel hatte, nisteten wir uns dort ein. Und wir bereuten es kein einziges Mal. Das typisch chinesische Leben auf der Straße, man findet es auch in George Town. Vor den Läden liegen die Waren aus, dazwischen stehen Menschen, die sich entweder für die Waren oder einfach nur für ein Gespräch interessieren. Egal was ein Geschäftsmann hier anbietet, ein kurzer Plausch mit Kunden oder Passanten wird immer dazu gehören. Bunte kleine Läden, das Sortiment nicht immer auf den ersten Blick einer stringenten Regel folgend, reihen sich aneinander, unterbrochen von Restaurants oder Grillständen, die zu beinahe jeder Tages- und Nachtzeit dem Hungrigen hilfreich zur Seite stehen. Nicht umsonst werden die chinesischen Viertel gerne in Reiseführern aufgeführt. Nicht nur wegen der Speisen und Übernachtungsmöglichkeiten, sondern als Sehenswürdigkeit. Das hat seine Gründe. Es ist dieses Leben auf der Straße, das Flair eines kunterbunten Flohmarktes, auf dem es immer etwas zu erleben, immer etwas ganz besonderes zu finden gibt, das den Reiz der Chinatowns ausmacht. In George Town jedoch kommt noch etwas anderes dazu.
Kunterbunte Nachbarschaft
Hier kann man im Herzen des chinesischen Viertels sitzen und den Muezzin des benachbarten muslimischen Viertels zum Gebet rufen hören. Aus der anderen Richtung ertönt der Klang christlicher Glocken, und wenn man nur um eine Straßenecke geht, dann sieht man dort die kunterbunten Tempel der hinduistischen Glaubensrichtung. Denn George Town ist mehr als nur Chinatown und Hochhäuser. Es ist ein Symbol für das, was wir in Malaysia an allen Orten erlebten, die wir bereisten. Fragten wir uns zu Beginn noch, was denn Malaysia eigentlich sei, weil es schien als sähen wir hauptsächlich Zugereiste, so wurde uns in George Town langsam bewusst, dass es genau das ist. Ein Vielvölkerstaat, ein Sammelsurium der unterschiedlichsten Ethnien, Kulturen und Religionen. Die alle friedlich miteinander leben und sich so leben lassen, wie jeder das für sich möchte.
Nach den ersten zwei Tagen, in denen wir hauptsächlich Schreibtischarbeiten verrichteten, machten wir uns daran, unsere Umgebung zu erkunden. Und waren sehr angetan von dem, was uns George Town zu bieten hatte. Die kleinen Gassen luden zum Schlendern ein, die Häuser mit ihren vielfältigen Fassaden boten immer wieder Fotomotive und die verschiedenen Viertel überzeugten uns ein ums andere Mal davon, dass ein multikulturelles Miteinander möglich ist, wenn die Voraussetzungen dafür geschaffen sind. Im Falle George Towns liegen die Gründe dafür in der Geschichte der Stadt. 1786 wurde sie von Briten gegründet, die der Stadt den Namen Georges III. gaben. Die Einheimischen bevorzugen jedoch bis heute den Namen Penang, der zugleich der Name der Insel ist. Die Stadt avancierte schnell zu einem wichtigen Handelsplatz, der Hafen nahm stetig an Größe zu. Natürlich ließen sich hier auch Händler aus anderen Ländern nieder. Allen voran Chinesen, aber auch Inder und Araber. Bis heute stellen Chinesen die größte Bevölkerungsgruppe in Penang, in ganz Malaysia machen sie 25% der Gesamtbevölkerung aus. In Gesprächen mit Einheimischen erfuhren wir, dass es der Handel war, der die Unterschiede zwischen den Gruppen zu überwinden half. Denn wer miteinander Handel treibt, der kann Konflikte nicht gebrauchen und sieht vielleicht etwas leichter über die Unterschiede hinweg. So kam es, dass George Town, wie andere Städte in Malaysia auch, zu einem Schmelztiegel unterschiedlichster ethnischer Gruppen wurde, wo man die Grenzen stellenweise kaum noch ausmachen kann.
Klan-Häuser und Tempel
Bei einem Spaziergang durch George Town führt kaum ein Weg an den diversen Tempeln vorbei.
© Jochen Müller Der Mariamman Tempel in Little India in George Town.Im chinesischen Hock Teik Cheng Sin Tempel fühlten wir uns da schon wohler. Wer wollte, konnte natürlich auch hier spenden, es war jedoch kein Muss. Und kaum im Tempel, erfreuten wir uns mit der ausreichenden Ruhe, am reich verziertem Interieur. Ob wir eine Spende in die Sammelbox warfen, sah der Mann am Eingang nicht, was freilich nichts an seiner freundlichen Begrüßung und Verabschiedung änderte. Zudem konnte man hier den Göttern gänzlich kostenlos Räucherstäbchen opfern und sich das nötige Glück wünschen.
© Jochen Müller Im Innenhof befindet sich der Tempel.Gleich gegenüber lag die große Kapitän Keling Moschee, die wir leider nicht betreten konnten, da sich dort gerade die Gläubigen zum Gebet einfanden. Doch auch von außen ließ sich das Gebäude bestaunen.
Den Tag nicht vor dem Abend loben
An diesem wie an jedem anderen Abend saßen wir am Straßenrand und labten uns an den Köstlichkeiten, die die diversen Stände in Chinatown oder Little India für uns bereithielten. Hühnchen mit Reis nach Hainan Art, Curry-Nudeln, indisches Lamm-Curry, Satay-Spieße, Nudelsuppen, gebratene Nudeln mit Meeresfrüchten oder diverse Dim Sums. Dazu ein frisch gepresster Mango-, oder, ganz besonders lecker, Maracujasaft. Als Dessert ein Stück frische Papaya und der Tag war perfekt.
Jochen Müller, Klangründer in 1. Generation
Kommentare zu "Leben und leben lassen"
Re:

Deine Sorge ehrt uns, aber keine Bange, so leicht gehen wir nicht verloren. Die letzten Tage waren erst von Hektik und dann von Internetlosigkeit geprägt. Wir bitten um Entschuldigung.
Dafür kannst Du Dich auf einen Bericht über 50 beinahe ununterbrochene Stunden Boots- und Busfahrt freuen...
Na wenn das nichts ist ;)
Klangründung
Schöne Bilder und endlich wieder so eine schöne Erzuählung, und die Bilder, ich war hin und her, und Klanmutter will ich bitteschön auch sein, wenns recht ist. Weiter so, liebe Grüße gisi
Artikel
Schoen, dass es Orte gibt wo das Miteinander richtig gelebt wird. Wenn es denn ueberall so waere, wuerde die Welt besser aussehen. Ein besonders schoener Artikel von dir. Weiter so.
Viele Gruesse, Annemarie.
Berliner Grüße
Hallo Dr. Müller und Umfeld!
Im Auftrag der Kollegen und auch persönlich hiermit Grüße und Gute Reise aus der Georgenstraße!
sagt Andreas
Re: Artikel

Ja, es nimmt einen wirklich mit, dieses Gefühl, dass es doch offensichtlich so einfach ist freundlich und friedlich miteinander zu leben. Und es macht glücklich. Wir hoffen, wir konnten ein wenig davon in die Heimat schicken.
Herzliche Multi-kulti Grüße, Jochen
Re: Berliner Grüße

Hallo Andreas und herzlich Willkommen auf unserer Reise. Schön Euch an Bord zu haben. Ich hoffe wir können Euch viele kleine Vergnügen bescheren, die ein wenig über den "Verlust" hinwegtrösten. Sozusagen elektronische Kurzurlaube ;)
Grüße sind ausgerichtet und werden hiermit zurück ausgerichtet, J&P&S
"Leben und leben lassen" kommentieren

Huch, Klangründer, hört sich seeehr cool an! Und ich hab schon gedacht, ihr wärt verschütt gegangen. Übrigens ist der letzte Absatz sehrsehr gemein. Ich hab ja schon den Geruch in der Nase und den Geschmack auf der Zunge - und dann ist am Ende doch nur Luft drin....
Ok, nun kommen Malaysia und George Town eben auch noch auf die lange Liste. SEUFZ...
Macht bloss nicht nochmal so ne lange Pause.
Ich muss mich jetzt erst mal sammeln, um nicht total neidisch zu werden.
Danke !!!!!!!!!!
Romy