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29. September 2011
Vilnius - ein europäisches Trauerspiel
Vorwort
Um niemandem zu nahe zu treten - insbesondere all jenen Menschen nicht, die mir Vilnius wärmstens empfohlen haben, möchte ich betonen, dass die folgende Darstellung eventuell durch Übermüdung begünstigt oder einer überhöhten Erwartungshaltung geschuldet sein könnte. Ferner spiegelt sie lediglich den ersten subjektiven Eindruck von Vilnius wider, der sicherlich nicht repräsentativ ist, sich mir aber ebenso geboten hat.
Litauisches Lebensgefühl
Trümmer und Ruinen
Wir wollten die Zeit totschlagen und unseren „Kiez" ein wenig erkunden. Bereits nach wenigen Metern begannen wir Verständnis für unsere Weggefährten des Morgens aufzubringen. Der wirtschaftliche Boom, zählte Litauen doch noch vor einigen Jahren zu den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften Europas, scheint an dieser Ecke der Stadt und ihren Bewohnern gänzlich vorbei gegangen zu sein. Wir schlenderten die Pylimo gatvé, immerhin eine der größten Straßen der Stadt, entlang und der Anblick der sich uns bot, erschütterte uns: Links und rechts der Straße, die sich selbst in einem erbärmlichen Zustand präsentierte, stehen Häuser aufgereiht, die gemeinsam ein Straßenbild ergeben, das zwangsläufig an die Bilder erinnert, die in den 90er Jahren vom Balkan um die Welt gingen.
Soziale Kälte
Schnorren nach allen Regeln der Kunst
Und dieser Anblick sollte nicht der letzte seiner Art sein. Bereits am ersten Abend wurden wir beim Rauchen vor einer Kneipe angesprochen. Er wollte Geld. Hatten wir nicht dabei. Dann halt eine Zigarette. Auch am Tisch gelassen. Dann wenigsten 50 Gramm Bier (ja, wenn die Währung schon klingt wie ein Hohlmaß, muss man den Alkohol eben nach russischem Vorbild in Gewichtseinheiten bemessen), flehte er und streckte uns seine schwarzen Hände entgegen, in die wir ihm allen Ernstes einen Schluck Bier schütten sollten. Konnte es nicht mehr ertragen und drückte ihm mein halbes Bier in die Hand (Dieses wurde in einem Plastikbecher ausgeschenkt, daher kein Problem). Auf einmal wich der weinerliche, flehende Ausdruck seines Gesichts einem herzlichen Strahlen. Jubelnd tanzte er auf der Straße umher, hätte uns geherzt, hätten wir es zugelassen und stimmte Lobpreisungen in akkuratem Englisch auf uns an. Jeden Tag eine gute Tat. Na denn. Es fühlte sich aber alles andere als gut an. Es stimmte einen traurig.
Apropos Schnorren. Auffällig war, dass viele der Stadtstreicher mehr Wunden, Narben oder Schorf im Gesicht trugen, als Zähne im Mund. Dennoch gab es einige, die ihr Handwerk verstanden. Natürlich kann man sich denken, was einer will, wenn eine solche Person zielgerichtet auf einen zukommt, auch wenn er (oder sie) in fremden Zungen spricht. Doch dumm stellen klappte hier nicht. Auf ein „Sorry, I don't understand", wurde die Frage nach ein paar Lita (oder einer Zigarette oder ein paar Gramm Bier oder was auch immer) auf zumindest adäquatem Englisch wiederholt. Wir waren erstaunt. Versuchten es das nächste Mal auf Deutsch. Keine Chance. Auch des Deutschen sind sie offenbar mächtig. Respekt. Da liegt einiges an Potenzial brach.
Dennoch: der erste Eindruck, den Vilnius und seine Bewohner hinterließen, war gelinde gesagt nicht der positivste. Aber so schnell lassen wir uns nicht abschrecken und beschließen, der Stadt eine zweite Chance zu geben, sich in einem anderen Lichte zu präsentieren. Denn irgendwo müssen sich ja auch die schönen Ecken verbergen...
Peer Bergholter
Kommentare zu "Vilnius - ein europäisches Trauerspiel"
Re: schade - dieser Blick auf eine tolle Stadt

Der zweite Blick lohnt sich!
Wie Jochen beschreibt, haben wir selbstverständlich auch den zweiten Blick auf die Stadt gewagt und sie von ihrer anderen Seite, nämlich einer wirklich schönen, kennengelernt. Allerdings ist der hier beschriebene Eindruck offenbar ein Blick hinter die schmucke Altstadtfassade, der wohl (und gewollt) etwas einseitig daher kommt, aber keinesfalls übertrieben ist. Wir haben das alles so vorgefunden und wahrgenommen, ohne genau hinschauen zu müssen. Und wie wohl deutlich wurde, hat es mich persönlich erschüttert, da ich ansonsten auch nur positives über Vilnius gehört habe.
????
Sicher, dass es Vilnius war? Morgens um zehn besoffen, eigenartiges lallen, beschissene Hinterhöfe.....hört sich alles nach DDR an ?!?!?
...
Habe auch gehört, dass der schnelle Aufstieg Vilnius leider nicht nur Gewinner hat.
Die Kluft von "erfolgreich" und "auf der Strecke geblieben" scheint sehr groß zu sein...
Leider kann man die Welt nicht verbessern....
"Vilnius - ein europäisches Trauerspiel" kommentieren


schade das ihr das schöne vilnius so erlebt
ich war schon so oft da und habe neben der
oft maroden bausubstanz immer eine tolle stadt
und weltoffene europäer erlebt.