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1. Oktober 2011
Vilnius bei Tag. Nüchtern.
Laut unseres Reiseführers kann jeder ein Bürger von Uzupis werden, denn das sei man nicht aufgrund von Stempel oder Urkunde, sondern aufgrund einer „subversiven Geisteshaltung". Ha! Und so geschah es. Peer und ich waren fortan Uzupiser. Und weil das unvorteilhaft klingt lieber Uzupeken. Wir gelobten ewige Subversivität und genossen unseren Streifzug durch die neue Heimat. Schön ist es hier, das Viertel geht in den Stadtpark über, und wenn man sich die Mühe macht auf den Hügel zu steigen, dann hat man einen netten Blick über die Stadt. Zu hause ist es doch am Schönsten.
Ein Tip für Jogger
Da soviel Subversivität müde macht, wollte Peer sich etwas ausruhen. Mich trieb die subversive Aufregung in die Laufschuhe und an die Neris. Denn auch wenn das kleine Flüsschen Vilnia zuckersüß ist und der Stadt den Namen gibt, die Neris hat eher den Namen Fluss verdient. Hier traf ich auch meinen alte Bekannte, die Gentrifikation wieder, die mir aus Berlin so gut bekannt ist. Weg mit den Altbauten, her mit Glas und Stahl. Höher schneller weiter, dicke Autos vor der Tür und stets da, wo die schönsten Ausblicke sind. Ich kann mir nicht helfen, aber es will nicht passen. Doch das kann auch an meiner subversiven Geisteshaltung liegen.
Ein Hinweis für Jogger in Vilnius. Wundert Euch nicht, wenn Ihr komisch angesehen werdet. Ihr habt keinen Schnodder im Gesicht hängen, es liegt auch nicht an der Frisur und ich glaube auch nicht, dass der Hosenstall offen ist. Es liegt an der Fortbewegungsart. Joggen ist hier unbekannt. Ich kam mir vor wie ein nackter Schuhplattler mitten im Prenzlauer Berg. So viel Unglaube habe ich noch nie in meinem ganzen Leben ausgelöst. Eine Mutter zog sogar ihr Kind zu sich heran, hielt es mit beiden Händen fest, als wolle ich es ihr wegnehmen, und gemeinsam schauten die beiden mir mit offenem Mund nach. Von der anderen Straßenseite aus. Ich sah zu, dass ich zurück ins Hostel kam.
Ein Toast auf den Stadtvater
Als wir an diesem Abend loszogen um uns die Bäuche zu füllen, hatten wir dazu gelernt und bestellten Vorspeisen. Hering, Schwein und Kartoffeln, das ganze Programm. Das alles genossen wir in einer Gasthausbrauerei in der Gedimino Prospektas, so etwas wie dem Prachtboulevard von Vilnius. Das Bier, wir probierten alle drei Sorten, blond, rot und dunkel, ist, nun, in Ordnung. Mir fehlte der Hopfen, aber so schlimm war es nicht. Die Gedimino Prospektas hatten wir am Nachmittag gefunden. Er entspringt an der Kathedrale (alles in Vilnius beginnt oder endet an einer Kirche, insofern erübrigen sich auch Wegbeschreibungen wie: „nach der Kirche gleich links" oder ähnliches. Das führt zu nichts) und zieht weiter nach Westen, als wir laufen konnten, bzw. wollten. Den Namen hat der Boulevard vom großen Fürsten Gediminas, der Vilnius Anfang des 14. Jahrhunderts bauen ließ, als er in der Gegend nach erfolgreicher Jagd von einem eisernen Wolf geträumt hatte, der heulte wie ein ganzes Rudel. Sein Druide deutete den Traum als Zeichen der Götter auf diesem Hügel eine Stadt bauen zu sollen, die stark sei wie eine eiserne Rüstung und deren Ruf in die Welt hinaus getragen werden solle wie das Geheul eines mächtigen Wolfes. Was dann ja auch geschah. So ungefähr. Am Kathedralenplatz ist jedenfalls eine große Gediminas-Statue zu bewundern, und an dem Ort, an dem ihm im Traum der Wolf erschienen war, steht heute der Gediminas-Turm. Man ist verständlicherweise stolz auf seinen Stadtvater.
Zu Füßen von Fürst Gediminas war in dieser Nacht ein großes Bühnenzelt aufgebaut und junge Damen mit Herz-Luftballons und Bayer Konzern T-Shirts versuchten uns von irgendwas zu überzeugen, was mit Herzen zu tun hatte. Ich überlegte, was das mit dem großen Fürsten zu tun haben könne. Besonders der deutsche Pharmakonzern erklärte sich mir nicht von selbst. Erst im nachhinein ging mir auf, dass wir mit brennenden Zigaretten da gestanden hatten. Na ja, was soll's. Als wir nach unserem Abendessen dort wieder hin gingen, kamen wir genau rechtzeitig, um das letzte Lied der Live-Band zu hören. Besser spät als nie, und, wenn ich mir diesen Kommentar erlauben darf, ich glaube das eine Lied hat auch gereicht. Es beinhaltete vier große Gongs, so etwas wie ein Alphorn, etwas tanzendes und jaulendes, ein Schlagzeug und einen Bass. Es war... eigentümlich. Aber irgendwer schmiss Feuer durch die Luft und insofern war es eine Show. Die sich im übrigen später fortsetzte, denn durch einen dummen Zufall standen wir kurz darauf vor unserer Bar des Institut francais, beschlossen sie erneut zu besuchen, genossen die warme Abendluft und setzten uns draußen hin. Als auf einmal ein junger Kerl anfing eine Feuerspuck und -jonglage einzulegen, die sich gewaschen hatte. Einmal verhedderte er sich kurz in seinem Gerät und ich sog scharf die Luft ein, aber alles ging gut. Wir gaben ihm etwas Geld und genossen die Show. Man kann sagen was man will, aber Vilnius hat einiges zu bieten. Man muss nur genau hinsehen, und manchmal zur rechten Zeit am rechten Ort sein.
Kommentare zu "Vilnius bei Tag. Nüchtern."
Und noch mehr Familie! Diesmal die Grosskusine aus den USA. Als absoluter Kartenmensch habe ich beschlossen Eure Route per google maps [bitte verzeiht Google die zu erwartenden Abweichungen der tatsächlichen Strecke] zu verfolgen.
View Mittendurch Statt Drüberweg in a larger map
Ich lese so gerne mit, freue mich wie der Onkel Hans auf jeden neuen Bericht und alles, was es zu lernen gibt.
Und nu aber wirklich die Karte.
http://g.co/maps/5tkdm
rund um den globus
sowas von gedankenübertragung!!! heute erst dachte ich an die globetrotter und wann wir denn endlich was hören und schon....!wir freuen uns über jede meldung und mit euch dass es wohl schon optimal begonnen hat.
lieben gruß aus der im augenblick von gerstensafttrinkenden globaltouristen weltstadt mit herz- elke und gerhard samt großfamilie
All over the world
Hallo Familie! Hallo Hans! Und ihr anderen: Schön, euch mal kennenlernen zu können.
Ich freue mich darauf, mit euch allen eine Weltreise zu machen. Mit unseren Jungs.
Ich wünsche euch allen einen schönen Feiertag. Er wird sonnig. Was wollen wir mehr!
Den Globetrottern wünsche ich eine geruhsame Fahrt nach Riga. Grüßt mir meine Adelsfamilie. Gruß von Prinz Karsten.
PS: Wo bleiben die Innenaufnahmen vom letzten Hotel?
Vilnius bei Tag
Hallo Ihr abenteuerlichen Uzupeken,
Ich freue mich riesig an Eurer Reise teilnehmen zu dürfen. Jochens gute Schreibe ist mir schon am Sinai aufgefallen und es bringt Freude die Berichte zu lesen, während ich in Stuagart sitze und gegen S21 kämpfe.
Viel Glück, Sabine Brües
Re:

Hallo Christine, Danke für die Karte, das ist eine süße Idee. Das wird spätestens in ein paar Wochen sicherlich cool aussehen...
Viele Grüße aus Riga, Jochen
An Alle

Wow, das entwickelt sich hier ja zu einer Familienkommunikationsplattform. An alle Anderen da draußen, die uns nicht von früher kennen, weder verwandt, verschwägert, befreundet oder sonstwie bekannt sind: lasst Euch von der Mischpoke nicht abschrecken, Ihr dürft auch kommentieren... ;)
Und ebenso an Alle: ganz liebe Grüße aus dem wunderschönen Riga
Eine Lanze für Peer
Mist. Ich bin auch Familie. Aber ich muss hier auch mal ne Lanze für Peers Schreibe brechen. Die amüsanten Anekdoten meines Brüderchens kenne ich ja, aber deine Beiträge, Peer, lese ich mindestens genauso gerne. Da fühle ich mich, als wäre ich mit euch unterwegs und lerne gleich noch etwas über diese mir bislang unbekannten Städte. Ihr seid super!
Re: Eine Lanze für Peer

Hey Edda, vielen Dank für die Blumen. We keep on writing, you keep on reading!
"Vilnius bei Tag. Nüchtern." kommentieren

Kaum ist die erste Woche noch nicht einmal vorbei,da bin ich schon schon beeindruckt wieviel ich lernen konnte.Ich kenne meinen Sohn ja schon seit 35 Jahren,aber daß er so gut schreiben kann,so gut und plastisch schildern kann, das habe ich zwar gehofft aber jetzt auch bestätigt gefunden.Ich freue mich auf jeden neuen Bericht und bin in Gedanken immer dabei.Toi,Toi.