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17. April 2012
Land Unter
Ich sah sie nicht kommen. Auf einer staubigen Straße fuhr ich durch das Hinterland von Vang Vieng, hatte mehr Augen für die Gegend als für die Dorfstraße, als die Gruppe mich angriff. Ihr Anführer, ein etwa sechsjähriger Junge mit einem Gewehr, dass größer war als er selbst, hatte sich eine strategisch günstige Position ausgesucht und koordinierte seine Truppen minutiös. Als Ablenkung fungierte ein kleines winkendes Mädchen. Hinterhältig. Ich bremste ab um zurück zu winken, doch genau darauf hatte die schnelle Angreiftruppe gewartet. Von drei Seiten griffen sie gleichzeitig an. Der erste Schuss traf meine linke Schulter, der zweite mein rechtes Bein. Als ich aufblickte, sah ich sie vor mir stehen. Die schwere Artillerie. Lässig mit einem Gartenschlauch von monströsen Ausmaßen bewaffnet, stand der kleine Kerl auf einmal mitten auf der Straße. Und lächelte. Siegessicher. Es war zu spät für coole Kommentare oder einen letzten Gruß an meinen Schöpfer. Er traf mich mitten in der Brust, trat lässig wie ein Torero einen Schritt zurück um mich wie seinen tödlich getroffenen Stier durchzulassen. Selbstverständlich schoss er mir sicherheitshalber noch einmal in den Rücken. Genau wie alle seine Freunde. Dann schrien sie mir ihre Siegesparolen hinterher: „Sabaidee Pbeemai", was mir später mit „Frohes neues Jahr" übersetzt wurde. Doch im ersten Moment meinte ich etwas anderes zu hören. Ich hielt hinter dem Dorf an und trocknete mir die Sonnenbrille, während ich immer noch mit dem Kopf schüttelte. Diese kleinen Kröten, na wartet, wenn ich hier wieder durch komme, dann aber...
Auf dem Rückweg erwischten sie mich nicht mehr mit der Wink-Taktik. Sie überfielen mich einfach ansatzlos.
© Jochen Müller Zwei koreanische Touristen bevor...
© Jochen Müller... und nachdem sie verstanden, wo der Hase langläuft.
Andere Länder andere Sitten
Was den Deutschen das Feuerwerk an Silvester, ist den Laoten die Wasserschlacht. Durchaus nachvollziehbar, bei stetigen 35°C stand mir der Sinn weit mehr nach Abkühlung als nach bum-bum-ooh-aah. Abgesehen davon will es auch besser zur friedfertigen und harmonischen Art der Laoten passen, sich gegenseitig hemmungslos drei Tage lang abzuduschen. Und ja, es macht wirklich jeder mit. Ich sah Männer in klitschnassen Anzügen lächelnd die Straße entlang gehen, sah Klein wie Groß hektisch werden, wenn sich ein Fahrzeug oder eine Person näherte und zu viele Leute gleichzeitig ihre Behältnisse auffüllen wollten. Ich sah Touristen erst erschrocken drein blicken und nach fünf Minuten (diesmal ohne Kamera und Handy) gemeinsam mit dem ehemaligen Angreifer Strategien besprechen. Ich sah Polizisten mit nassen Uniformen und Mönche, die mit Eimern vor ihrem Wat darauf warteten, dass die rote Ampel ihnen Kanonenfutter vor die Flinten führte. Es war die reine Hysterie. Es war, nachdem alles wasserdicht verpackt war, ein absolut herrliches, unvergleichliches Erlebnis.
Es gab nur eine einzige Art von Menschen, die von all dem ausgenommen waren. Denen sich kein Wasserwerfer auch nur zu nähern traute. Sozusagen die heiligen Kühe in diesem Treiben und an manchen Orten dankbare Sicherheitszonen, in denen man nicht angegriffen wurde und man durchatmen konnte. Die Straßenbräter. Da tobt um ihn herum ein feuchtfröhliches Inferno, und der Bursche schaut nicht mal auf, wendet seine gegrillten Tintenfische, als sei es das normalste von der Welt, dass er der einzig Trockene Mensch im Umkreis von zwei Straßenblocks ist. Tse. Ich verschnaufte kurz, der nicht aufhörende Autokorso schob sich weiter hupend, singend, lachend und schreiend an mir vorbei. Da sah er auf und blickte mich an. Um mir, ohne ein einziges Wort zu sagen, zu verstehen zu geben, dass es nur zwei Gründe dafür gibt, an diesem Tag in diesem Land trocken zu bleiben. Essen zubereiten oder zu sich nehmen. Alles andere gilt nicht. Also ging ich weiter und natürlich kam ich keine zwei Meter weit.
Die Waffengattungen
Es gibt grob drei größere Gruppen, in die sich die Bewaffnung einteilen lässt. Da hätten wir zum einen die auch daheim bekannte Wasserspritzpistole. Die allerdings in den letzten 20 Jahren eine gewisse Evolution durchgemacht hat. Ich kenne die noch in Kleinformat,
© Jochen Müller Spritzpistole 2.0 Man achte auf denharmlos wirkenden Munitionstank
auf dem Rücken.
Die Gartenschlauchmethode
Dann gibt es da die etwas erwachsenere Variante der Plaste-Spritze.
© Jochen Müller Bevor es ein anderer macht...
© Jochen MüllerSchlauch mit Aufsatz.
© Jochen Müller Tankstelle.
© Jochen Müller Im Zweifelsfall immer rein in das Tuktuk. Der Fahrer wartet gerne so lange.Voll im Eimer
Die dritte Gattung ist die am weitesten verbreitete und auch die am breiten gefächertste. Der Eimer. Und was nicht alles als Eimer gelten kann. Vom kleinen Schüsselchen bis zum 50 Liter Waschzuber war alles dabei, was Küche und Keller zu bieten hatten. Besonders letztere wurden gerne dazu herangezogen um auf der Ladefläche der Pickups als Vorratsbehälter zu fungieren. Mit diesen Gefährten ging es dann durch die Stadt oder von Dorf zu Dorf. Auf der Ladefläche zwischen vier und mehreren Dutzend Personen, aus den Boxen schreiend laute Musik, das ganze Auto mehr hüpfend als fahrend. Und in der Mitte der Ladefläche dieser riesige Zuber. Aus dem sich jeder bediente um jedem seine Dusche zu verpassen, der in Reichweite war. Die Krönung war, als ich in Vientiane sah, wie zwei Männer einen halb vollen solchen Zuber packten und ihn über ihren Freund schütteten, der gerade für eine Zigarette vom Heck gesprungen war. Rauchen gilt nicht.
© Jochen Müller Ob groß oder klein, ein Eimer ist fein.
© Jochen Müller Doch vorsicht. Manche Wässer sind eisgekühlt.
© Jochen Müller Ein paar wenige hatten Glück und entkamen. Doch das Glück hielt nie länger als 100 Meter.150 Kilometer
Am zweiten Tag des Spektakels, dem Höhepunkt des Festes, fuhr ich mit dem Bus von Vang Vieng nach Vientiane. 150 Kilometer durch das Land. Ich stand halb im Eingang des Gasthauses, wo ich meine Fahrt gebucht hatte und auf mein Tuktuk wartete, das mich zum Busbahnhof bringen sollte. Da keiner in die Häuser spritzt, war ich hier sicher und schoss mir den Finger an meiner Kamera fast wund. Es war noch früh am Morgen, und es schien ganz so, als hätten einige Besucher noch nichts vom laotischen Neujahrsfest mitbekommen. Das Gesicht eines erwachsenen Menschen, der sich hübsch angezogen auf einen Bummel begeben will und nach wenigen Metern von einer Gruppe Einheimischer höchst effektiv bis auf die Haut durchnässt wird, hat mich des Öfteren zu Tränen gerührt. Schadenfreude ist ja bekanntlich die schönste solche. Ein junger Amerikaner, der sich mit einem Angestellten des Gasthauses verbündet hatte und mit seinen Freunden nun gemeinsam die Kreuzung übernahm, fragte mich noch, warum ich nicht mitmache, es sei doch so heiß und es mache viel Spaß. Das glaubte ich ihm gerne. Ich entschuldigte mich damit, dass ich einiges an elektronischer Ausrüstung dabei hatte und noch vier bis fünf Stunden Busfahrt vor mir. Alles in allem besser trocken als nass zu erleben. Es funktionierte auch ganz gut. So lange ich im Eingang des Gasthauses blieb. Dann kam mein Tuktuk, ich wickelte meine Kamera in zwei Plastiktüten, überprüfte den wasserdichten Packsack meines Laptops und den Überzug für meine großen Rucksack. Trat zwei Schritte aus dem Gasthaus. Und... na klar... was habe ich mir eigentlich gedacht? Dass sie eine Gasse für mich bilden? Mir den Schirm halten? Oh mann, Jochen. Es tat einen Donner und einen Schlag, mein Rucksack war noch nicht mal ganz im Tuktuk und ich war nass. Und ich meine richtig nass. Ein anderer Fahrgast hörte nur mein verzweifeltes „Electronics", das in einem gurgeln unterging, nahm meinen kleinen Rucksack und stülpte ihm eine große Plastikplane über. Ich gurgelte ihm ein Danke entgegen und tauchte ins Innere ein. Tuktus mit Urlaubern waren natürlich ein bevorzugtes Ziel. Man wähnte sich beizeiten in einem Computerspiel. Für jeden geduschten Fußgänger gab es einen Punkt, für den Rollerfahrer zehn und für ein Tuktuk voller Touris volle hundert. Natürlich für jeden Schützen, man möchte ja nichts unterbinden. Also sammelten sich die Angreifer an Kreuzungen und warteten auf ihre Opfer. Komischerweise hielten an diesem Tage sogar die Tuktuks an den übersichtlichen Kreuzungen für einen ausgiebigen Schulterblick. Derweil auf der Ladefläche das Gemetzel seinen Lauf ging. Drei Schläuche, mindestens zwei Wasserpistolen und unzählige Eimer ergossen sich gleichzeitig auf uns. An der ersten Ampel von dreien. Erst als wir ausstiegen, hatte ich Luft genug mich für die Plastikplane zu bedanken.
© Jochen Müller Wer zwischen diese Fronten gerät, hat verloren.Dann kam die Fahrt. Die ich konstant mit platt gedrückter Nase an der Scheibe verbrachte. Es war ein ununterbrochenes, 150 Kilometer langes Schauspiel. Es war großartig. Während wir im Inneren langsam aber unsicher vor uns hintrockneten, blieb der Bus von außen so nass wie frisch aus der Waschanlage. Die marodierenden Horden zogen mit Pickup Trucks von Ort zu Ort und erwischten jeden, der meinte, es sich auf der Landstraße gut gehen zu lassen. In den Orten übernahmen die dort Ansässigen das Geschäft.
Ein ganzes Land aus dem Häuschen
Alles tanzte, alles sang, es dudelte aus jedem Haus, in den Flüssen fanden ganze Volksfeste statt, man sah jeden Menschen klitschnass von Ohr zu Ohr grinsen und sich „Sabaidee Pbeemai" zurufen, während das Wasser in einer nicht aufhören wollenden Stetigkeit über das Land ergoss.
Dann kamen wir in Vientiane an.
© Jochen Müller Vientiane ist noch mal nasser als der Rest des Landes.Als wir in die Gegend um das Zentrum einbogen, klappte mir das Kinn herunter. Es ging nicht weiter. Alles dicht, keine Chance. In der Mitte der Autokorso bis zum Horizont, darum und dazwischen eine tanzende, singende und schreiende, sich gegenseitig duschende Menge. An einer Kreuzung versuchte ein halbes Dutzend Polizisten den Verkehr zu regeln. Guter Witz. Aber sie hatten Humor. Zwar waren die Polizisten nicht ansatzweise so nass wie die Zivilisten, aber die Hosenbeine durchaus, was natürlich für die kleinen Kinder der größte Spaß von allen war, einmal einen Polizisten mit Wasser zu bespritzen. Ansonsten sahen sie es gelassen, lächelten wie alle anderen, wiegten sich wie alle anderen zur Musik und standen mitten in den verkeilten Autos und winkten jeden auf die Kreuzung, der meinte das Winken würde ihm gelten.
© Jochen Müller Auch gefärbte Wässer werden gerne verwendet.Im Zentrum, wo die Hostels und Gasthäuser, die Bars und Restaurants sich drängen, war natürlich die Hölle los. Das Wasser stand knöcheltief in den Straßen, ich staunte nicht schlecht als ich die Mönche sah, die in ihren safranfarbenen Gewändern vor ihrem Wat standen und die Eimer bereit hielten.
Als ich in meinem Gasthaus ankam, erkannte mich der Mitarbeiter wieder, wünschte mir ein frohes neues Jahr und gab mir mein altes Zimmer. Vom Balkon aus sah ich auf die Promenade, gönnte mir eine kurze Verschnaufpause und stürzte mich dann wieder hinein. Die Kamera sicher in der Hand, eine dicke Plastiktüte darüber gestülpt, machte ich mich auf den Weg. Und hatte Glück. Die Kinder hier waren weit weniger angriffslustig als in Vang Vieng. Die Erwachsenen hatten ohnehin nicht so einen Spaß daran gezielt die Taschen der Fremden zu bespritzen wie die Kinder. Ich drehte eine Runde um den Block, schoss Fotos und brachte dann meine Kamera ins Trockene, um mich ausgiebig selber in die Fluten zu stürzen. Am Mekong gab es die „BeerLao Music Zone", mit Live Musik und zwei großen Tankwagen, aus denen ununterbrochen die Menge beduscht wurde. Wenn sie sich nicht gerade mit Bier selber duschte. Jeder umarmte jeden, die Biere wurden einfach weiter gereicht, es wurde gemeinsam getanzt und gelacht.
Das war mit Sicherheit das lustigste, friedfertigste, exzessivste, lauteste, herzlichste und natürlich nasseste Neujahrsfest, das ich je erlebt habe. Na denn, Prost Neujahr. Sabaidee Pbeemaiii!
© Jochen Müller ...egal wieviele Leute sich auf der Ladefläche befinden...Jochen Müller
Kommentare zu "Land Unter"
Jawollo!
Sabaidee Bimaiii !
Herrlich! Großartig! Glitschig!
Laos gefällt mir sehr.
Und das dir das gut gefallen hat, kann ich mir richtig gut vorstellen...
Happy new year nochmals und bleibt gelassen,
Stan. The biggest fan.
Re: Land unter

Dankeschön, ich habe nur vor lauter Begeisterung die Fakten völlig vergessen. Das laotische Neujahr heißt Pbeemai oder Songkan und wird jedes Jahr vom 13.-15. April gefeiert, gemeinsam mit Kambodscha, Thailand, Burma und Teilen Chinas. Der 13. ist der letzte Tag des alten Jahres, dort wird traditionell das Haus und der Ort gereinigt um sie für die Feierlichkeiten vorzubereiten. Der 14. ist ein Brückentag, der weder zum alten, noch zum neuen Jahr gehört und den Höhepunkt der Feierlichkeiten darstellt. Der 15. ist der erste Tag des neuen Jahres.
Zu den Feierlichkeiten gehört auch, dass man Buddha Statuen gründlich reinigt, denn das soll einem Glück im neuen Jahr bringen. Es wurde zu einer Tradition sich hernach mit dem Wasser, was dazu genutzt worden war, gegenseitig zu segnen. Daraus entstand über die Jahre die heutige Wasserschlacht.
Also. Ich bitte meine kopflose Begeisterung zu entschuldigen...
Sabaidee Pbeemai ;)
nasses Neujahr
andere Laender, andere Sitten, aber so lange es Spass macht, sei es allen gegoennt, die daran Spass haben.
Grüße aus Berlin
Hey Jochen, wie ich sehe geht`s euch saugut.
Rita und ich hatten grad ein bisschen Sehnsucht nach dir, weil wir ein Treffen organisieren wollen. Aber wie`s aussieht, bist du wohl noch einige Zeit unterwegs.
Wunderschöne Zeit euch noch und weiterhin so (feucht-)fröhliche Tage ;-)
Andrea
Re: Grüße aus Berlin

Hallo Andrea, Hallo Rita,
schön von Euch zu hören, aber ja, das wird noch einige Zeit dauern, bis ich wieder daheim bin. Aber dann freu ich mich natürlich auf ein Treffen. Und auf neue Proben! Bis dahin viele liebe Grüße, Jochen
"Land Unter" kommentieren

Ich hab mich halb tot gelacht über Deine herrliche Geschichte, Himmel nochmal, diese Leute sind mir ja sowas von sympathisch........... Gisi