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2. April 2012
Im Herzen von Laos.
Es ist so eine Sache mit dem UNESCO Weltkulturerbe. Je weiter weg von daheim es liegt, umso wichtiger wird es. Die Mehrheit der weltweit über 900 ausgezeichneten Stätten liegt in Europa. Alleine über 30 in Deutschland. Doch wer in Berlin-Siemensstadt lebt, wird sich nicht unaufhörlich weltkulturell beerbt vorkommen. Wer das erste Mal die Museumsinsel oder die Schlösser in und um Berlin besucht, schon eher. Es ist ein Unterschied, ob einzelne Bauten oder ein ganzer Ort das Gütesiegel tragen. Das touristische Flair verläuft sich gemeinsam mit den Besuchern, so es die Gelegenheit dazu hat. In der Masse an Touristen wird man sich in Sans Souci kaum vorkommen wie der alte Fritz, während man sich in den Straßen von Siemensstadt durchaus vorkommen kann wie ein Einheimischer. Ob man das will, steht dann auf einem ganz anderen Blatt. Ich will auf keinen Fall Berlin-Siemensstadt mit Luang Prabang vergleichen. Jedoch gibt es eine gewisse Parallele. Die Einwohner beider Orte scheinen sich jedenfalls gleich wenig davon aus dem Takt bringen zu lassen, auf welch veredeltem Boden sie nun leben. Die Besucherhorden fallen dann an solchen Orten auch nicht weiter störend ins Gewicht. Siehe Hoi An in Vietnam. Man hat die Gelegenheit einzutauchen, in die Stimmung eines ganzen Ortes, der in seiner Form für eine ganze kulturelle Epoche steht. Natürlich ist der Reisende bestrebt, genau solche Orte zu finden. Doch was sagen sie aus? Wer von Deutschland lediglich die 36 Weltkulturerbestätten und die 12 Naturerbestätten kennt, kennt sicherlich schöne Ecken des Landes. Doch was kennt er vom Land? Wer nur die Sahne schleckt, weiß nicht, wie der Kuchen schmeckt.
© Jochen Müller Das Nationalmuseum ist einen Besuch wert.Auf Reisen traut man sich jedoch kaum, an einem Ort vorbei zu fahren, der von offizieller Seite als bedeutend bestätigt wurde. Was sollen denn die Leute denken? Also quetscht man sich gemeinsam mit anderen, die alle die selben Reiseführer haben und eifrig lesen, in überfüllte Busse und lässt sich, geschüttelt und manchmal sogar gerührt, dort absetzen, wo es gefälligst schön zu sein hat. Oder wenn schon nicht schön, dann doch bitte wenigstens sonst irgendwie wichtig. Historisch, gesellschaftlich, weltpolitisch. Die Flip Flops wollen auf geweihtem Boden wandeln, die Linsen Motive ablichten, die man in Reisemagazinen sieht. Reisen soll ja bilden, heißt es. Der Titel „Weltkulturerbe" trieft so vor dem Versprechen von Bildung, dass man an solchen Orten denn auch die Suchenden antrifft. Zielgerichtet gehen sie die Areale ab, systematisch, jederzeit bereit, die Bildung in einer Ecke versteckt anzutreffen und hervor zu zerren.
Danach kann man einen Haken machen und sich beruhigt die Stirn abtupfen, während man auf sein einheimisches Gerstengetränk wartet, das man sich redlich verdient hat. Was schon auf kurzen Reisen wichtig ist, wird auf langen Reisen zur Religion. Die Masse an Eindrücken droht kleine Schätze am Wegesrand unter sich zu begraben. Wieder eines dieser unzähligen Wats, die x-te Stupa, der was-weiß-ich wievielte Tempel. Lohnt sich der Besuch, der Eintrittspreis? Ein kurzer Blick in den Reiseführer bringt die Entscheidung. Unter UNESCO Siegel mach ich es doch gar nicht mehr. Dann schlurft man im Pulk durch die Pfade, das Buch aufgeschlagen vor der Nase, Bestätigung suchend und meist auch findend. Dass alle Länder auch Schätze ohne Gütesiegel zu bieten haben, geht dabei allzu oft unter. Andererseits gibt es auch Orte, die dieses Siegels nicht bedürften, um eine Attraktion darzustellen. Luang Prabang fällt in diese Kategorie. In Angkor Wat oder auch der Museumsinsel in Berlin läuft man Gefahr, Bestätigung für den voraus eilenden Ruf zu suchen. Man findet sie, sicher. Doch es birgt die Gefahr der Enttäuschung. In Luang Prabang ist es anders herum. Die Eindrücke der Stadt nehmen den Besucher ein, man schwimmt in der Stimmung, während der Titel untergeht.
Die alte Königsstadt liegt im Nordwesten des Landes, dort wo der Nam Khan um einen kleinen Hügel mäandert, bevor er in den Mekong fließt. Der Hügel heißt Mount Phou Si, von dort aus hat man einen guten Blick über die Stadt und die Umgebung. Die Flüsse und die Hügel, viel Wald, einige Wats, kleine Gassen und niedrige Häuser. Sitzt man dort oben, fällt es einem auf. Es ist auf spektakuläre Weise unspektakulär. Wunderschön, frei von Protz, fast schüchtern. Entspannt. Selbst unverbesserliche Kultur-Hooligans lassen hier den Reiseführer sinken, hören auf zu suchen und genießen einfach die Stimmung.
Wer von der Altstadt genug hat, kann einige der unzähligen Ausflüge machen. Wir entschieden uns für eine Fahrt zu den Kuang Xi Wasserfällen. Nach einer knappen Stunde Fahrt mit dem Tuk Tuk standen wir dann baff im Wald. Stufenartig arbeitet sich das Wasser über diverse kleinere und größere Fälle hinab ins Tal. Man kann dem türkisfarbenen Wasser dabei zusehen, wie es den Wald in Postkartenstimmung hüllt, oder man zieht sich die Badehose an und schwingt sich an einer Leine hinein ins kühle Nass. Wer dann noch nicht genug hat, kann nach einer kurzen Wanderung weiter hinauf und in einer kleinen natürlichen Stufe zwischen zwei Wasserfällen auf etwa 20 Meter Höhe eine Dusche unter einem Wasserfall nehmen. Und dabei Freudenschreie ausstoßen. Es ist absolut herrlich.
Ist Luang Prabang schon schön, die Umgebung ist traumhaft und bietet mehr Freizeitmöglichkeiten als die meisten Besucher an Zeit mitbringen dürften.
Am Abend sitzt man dann in einem der Restaurants in den Gassen oder am Ufer des Mekong, den Blick gedankenverloren in die Ferne gerichtet, in den Eindrücken des Tages schwelgend, die alle anderen Gedanken erfolgreich verdrängten. Hin und wieder ist ein stummes Nicken zu sehen. Wenn die Erinnerung an den Titel wieder ins Bewusstsein dringt. Stimmt. Da war ja was. Dann ein Lächeln. Wenn man der UNO Recht gegeben hat.
Wenn ich zurück in Berlin bin, werde ich mich einmal in Siemensstadt umsehen müssen, ob ich in den dortigen Wirtshäusern ähnliche Reaktionen in den Gesichtern der Besucher sehe.
Jochen Müller
Kommentare zu "Im Herzen von Laos."
Romantik pur
gisis Bemerkung schließe ich mich an.
Bad Kissingen bemüht sich jetzt auch Kulturerbe zu werden. Möchte wissen womit?
Begleite Dich weiter Hans Joachim 75
Sehnsucht
Hmmm...jaaaa...da kommt bei mir sogleich die Sehnsucht auf. Ihr ruft meine Erinnerungen auf Knopfdruck ab.Ich kann es förmlich fühlen. Danke.
Habe dort im Tum Tum Cheng Guesthouse mit nur 4 Zimmern gewohnt ! LP lässt die Seele baumeln.
Liebe Grüsse
Romy
Ich möchte dich gerne in die Siemensstadt begleiten, um dir zu zeigen, warum sie Weltkulturerbe ist.
Noch lieber wäre es mir, wenn du mir Luang Prabang zeigen könntest.
Man kann nicht alles haben. Doch sich am Blog laben.
Your biggest fan. Stan.
Kassel auch
Wer wie ihr von einem Weltkulturerbe zum anderen stolpert, kann gar nicht ermessen, wie lange und mühsam und zäh der Weg dorthin ist. Aber nächstes Jahr um diese Zeit ist es so weit: Die einzigartigen Wasserkünste und der größte Bergpark Europas werden die Weihen der Unesco erhalten!!!
mit lokalpratiotischen Grüßen,
Brigitte
"Im Herzen von Laos." kommentieren


Sehnsucht kommt auf, wenn Du so schön das Land beschreibst, ach jaaaa! Romantische Ecken und dann ein Bier. Kann das Leben schöner sein? Tolle Beschreibung, war mal wieder dabiiiie!!
Gisi39