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5. März 2012
The Killing Fields
Ein düsteres Kapitel
Doch auch der Landbevölkerung erging es wenig besser. Viele Menschen litten Hunger, Kinder wurden in jungen Jahren aus ihren Familien gerissen und von den Roten Khmer rekrutiert. Das heißt zum gewissenlosen Morden abgerichtet. Denunziantentum war weit verbreitet, denn wer seinen Nächsten anschwärzt, wird als loyaler Gefolgsmann vielleicht selbst verschont. Vielleicht. Geriet man in das Visier der Roten Khmer - wozu wie gesagt nicht viel nötig war - war das Schicksal besiegelt. Gefängnis, Folter, Hinrichtung war der klassische Weg eines jeden Verdächtigen. Und seiner gesamten Familie. Denn wie der von Paranoia gezeichnete Pol Pot zu sagen pflegte: Das Gras wird mitsamt seiner Wurzel herausgerissen. Es sollte niemand übrig bleiben, der irgendwann einmal würde Rache nehmen können. So versank ganz Kambodscha in einem Meer aus Blut.
The Killing Fields
Im ganzen Land gibt es schätzungsweise 300 dieser Killing Fields. Es waren reine Vernichtungslager. Noch immer ist die Zahl dieser Lager nicht genau bekannt, da manche von ihnen tief im Dschungel oder in verminten Gebieten vermutet werden.
Hierher wurden die Menschen gebracht, nachdem sie aus den Folterkellern „entlassen" wurden. Mit dem Versprechen lediglich umgesiedelt zu werden, kamen ganze Familien auf LKW in diese Lager, wo sie meistens noch in derselben Nacht ermordet wurden. Da Munition kostbar war, wurden die Menschen hier ganz pragmatisch hingerichtet. Sie wurden an den Rand einer Grube - ihres künftigen Massengrabes - geführt und kurzerhand erschlagen. Mit allem was greifbar war. Äxte, Macheten, Hämmer oder Eisenstangen. Um die Schreie der Sterbenden zu übertönen und die Wartenden nicht in Panik zu versetzen, wurde das Areal mit Propagandamusik beschallt. Die wohl bekannteste dieser Stätten ist das Killing Field von Choeung Ek, etwa 15 Kilometer südlich von Phnom Penh.
Ein eindrückliches Erlebnis
Als wir das Killing Field von Choeung Ek mit unserem Audioguide betraten, lief mir bereits bei der Einführung der erste Schauer über den Rücken. Man solle achtgeben, wo man hintrete, so die Stimme aus dem Kopfhörer, denn noch heute, nach 35 Jahren, gibt der Boden in Choeung Ek grausige Zeugnisse der unvorstellbaren Gräuel aus dieser Zeit Preis. Nach jedem Regenguss kommen hier Fragmente von Knochen, Kleidungsfetzen oder Zähne zum Vorschein, weitere warten in den Massengräbern auf den nächsten Regen.
Es sollte nicht lange dauern, bis ich mit eigenen Augen sah, was die Stimme im Kopfhörer meinte. Was ich zunächst für einen Ast hielt, war bei genauerem Hinsehen ein Knochensplitter. Daneben einige Backenzähne. Und immer wieder Kleiderfetzen. Das Gefühl der Beklommenheit steigerte sich allmählich ins Unerträgliche. Ich musste schockiert den Blick abwenden und sah hinter mir eine Palme. Die Ränder des Blattstammes waren gezackt und messerscharf. Ideal, um einem Menschen die Kehle zu durchtrennen. Und genau dazu diente sie. Wo man auch hinsah, über dem gesamten Areal lag der Hauch des Todes.
Der Rundgang führte mich weiter zu den Massengräbern. Kleine unscheinbare Mulden im Boden sind sie heute. Doch einst waren es fünf Meter tiefe Gruben, an deren Rändern geschätzte 10.000 Menschen erschlagen wurden. Waren diese Gräber dann voll, wurden sie zunächst mit Erde bedeckt. Diese wölbte sich aufgrund der Leichengase alsbald zu meterhohen Hügeln auf. Später, als immer mehr Menschen hier ihrem unabänderlichen Schicksal entgegenblickten, reichte die Zeit nicht mehr aus, um die Gräber zu bedecken. Dann wurden die Leichenberge kurzerhand mit DDT bestäubt, um den Leichengeruch zu überdecken. Andächtig blickte ich auf diese Gräber, in deren Mitte ein großer Baum stand. Hier waren die Lautsprecher befestigt, die das Gelände mit Musik beschallten, damit die Schreie der Ermordeten nicht mehr zu hören waren. Mir wurden die Knie weich.
© Bergholter Leichengase steigen im Teich auf.Ich umrundete einen Teich, unter dem ebenfalls Massengräber liegen. Ich setzte mich auf eine Bank, lauschte meinem Audioguide, der die Geschichte eines Einzelschicksals erzählte und blickte aufs Wasser. Dort sah ich Blasen aufsteigen. Leichengas. Ich ließ den Blick über das Areal schweifen. Er war von Tränen getrübt. Ich konnte nicht an mich halten.
Als ich mich etwas gesammelt hatte, setzte ich meinen Rundgang fort. Er führte mich an weiteren Mahnmalen vorbei zu einem großen Baum. Dem Killing Tree. Hier wurden Babys an den Füßen gepackt und solange mit dem Kopf vor den Stamm geschlagen, bis ihr Schreien verstummte. Danach wurden sie zu ihren Müttern in das Massengrab geworfen. Als man das Lager fand, war der gesamte Stamm dieses Baumes mit Schädelsplittern, Gehirnmasse und Haaren bedeckt. Mir hob sich der Magen. Selbst beim Schreiben dieser Zeilen beginnt meine Unterlippe zu beben und ich muss mit den Tränen ringen.
Abschließend besuchte ich den Gedenk-Stupa, in dem sich bis unter die Decke Knochen und Schädel stapeln, die allesamt die Geschichte dieses Killing Fields erzählen. Hier ein zertrümmerter Hinterkopf. Eisenstange. Dort eine tiefe Kerbe in der Schädeldecke. Machete. Oder ein einfaches Loch in der Stirn. Hammer.
Wie benommen taumelte ich zum Parkplatz, wo ich Jochen wieder traf. Sein aschfahles Gesicht und das pure Entsetzen in seinem Blick verrieten mir, dass es ihn ähnlich mitgenommen haben muss. Wortlos fuhren wir nach Phnom Penh zurück. Es dauerte eine Weile, bis wir in der Lage waren, das Erlebte und unsere Eindrücke in Worte zu fassen. Tage später habe ich versucht, diese Eindrücke einem Amerikaner in unserem Hostel zu vermitteln. Es sollte mir nicht gelingen, dieses Grauen in angemessene Worte zu kleiden. Und so wird es mir auch hier nicht gelingen. Man muss es wohl mit eigenen Augen sehen, am eigenen Leibe erfahren. Man muss mit den eigenen Füßen über die Knochen und Zähne steigen und diesen Ort auf sich wirken lassen. Es bleibt nur festzuhalten, dass der Besuch des Killing Fields von Choeung Ek eines der eindrücklichsten und schockierendsten Erlebnisse meines Lebens war. Eines, das mich nicht so schnell loslassen wird.
Von Peer Bergholter
Kommentare zu "The Killing Fields"
Gänsehaut
Ein beklemmender Bericht.
Wie gut wir es doch haben, die wir zur richtigen Zeit am richtigen Ort leben dürfen.
B
Das pure Grauen
Mann, Peer, mir ist mulmig vor Entsetzen, was für schreckliche Eindrücke, der Bericht geht richtig unter die Haut. Was Menschen Menschen antun , es gibt immer noch Steigerungen. G aus BK
Ich weine.
Es wirklich grauenhaft was dort geschehen ist...
Fassungslosigkeit, Benommenheit und Entsetzen steigen in mir auf und gern glaube ich Dir, dass Dich bzw. Euch diese Eindrücken noch lange beschäftigen werden.
Liebe Grüße aus D.
Das gibt genau mein Empfinden wieder, als ich vor 5 Jahren dort war. Stummes Grauen, umgeben von Sonnenschein und Schmetterlingen. Und von kleinen Jungs, die ausgegrabene Reste verkaufen wollen.
Ich sauge euren Bericht auf. Weiter so.
Romy
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Es ist dir gelungen! Du hast die richtigen Worte für deine Betroffenheit ob des Grauens gefunden!