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22. März 2012
Pleiten, Pech und Pannen (3)
Auf nach Laos. Der zweite Versuch.
Wir passierten die Stadtgrenze und fuhren Richtung Norden, wo wir eine kleinere Straße zu finden hofften, die uns weiter nordwestlich in Richtung der Grenze bringen würde. Wir fuhren nach Karte und diese zeigte uns auch eine Straßenverbindung zum anvisierten Tagesziel. Wir bogen in einen einspurigen, sandigen Feldweg ein, den wir für den Zubringer hielten. Noch wunderten wir uns nicht, sagte doch die Karte, dass es sich hier durchaus um nichtasphaltierte Straßen handeln könne. Als wir aber nach etwa halbstündiger Fahrt am Ende des Weges ankamen und auf einen Acker blickten, begannen wir zunächst an der Karte, dann an uns und zuletzt an der Richtigkeit des gewählten Weges zu zweifeln. Umkehr. Wir fuhren zurück und bogen in den nächsten abzweigenden Weg ein, der uns tatsächlich zu einer ordentlichen Straße führte. Diese führte allerdings schnurgerade nach Norden und nicht ansatzweise nach Westen. Wir fuhren die Straße ein Weilchen entlang, bis uns ein weiterer Blick auf die Karte die Gewissheit bescherte, dass wir hier falsch waren. Nach kurzer Lagebesprechung entschieden wir uns aus Zeitgründen, doch die Schnellstraße zu nehmen. Diese führte uns zwar über einen Umweg an das gewünschte Tagesziel, doch waren die Chancen hier ungleich geringer, sich zu verfahren. Erneute Umkehr und zurück auf die Schnellstraße. Dieser Umweg bescherte uns zwar einen schönen Ritt durch die herrliche Landschaft, kostete uns aber eineinhalb Stunden.
Ein Unglück kommt selten allein
Auf der Schnellstraße ging es zügig voran. Wir waren gut 50 Kilometer hinter Siem Reap, als das passierte, wovor mir jeden einzelnen Tag auf dem Motorrad graute. Ohne Vorwarnung brach das Heck meiner Maschine bei voller Fahrt aus und ich hörte sofort das schlabbernde Geräusch eines platten Reifens, der binnen Sekunden die Luft verloren haben musste. Glücklicherweise gelang es mir, das Motorrad abzufangen und langsam am Straßenrand auszurollen. Ich betrachtete den platten Reifen und den Mantel, der sich bereits in Gänze von der Felge gelöst hatte. Ich dankte meinem Schutzengel und war mir der Tatsache bewusst, dass ich ordentlich Glück gehabt habe. Hätte der Mantel das Rad blockiert, wäre es der Vorderreifen gewesen oder wäre der Verkehr dichter gewesen... besser nicht darüber nachdenken.
Jochen, der hinter mir fuhr und schließlich neben mir zum Stehen kam, schüttelte mit weit aufgerissenen Augen den Kopf und bestätigte mich in meiner Einschätzung: Glück gehabt! Er fuhr vor und fand einige hundert Meter weiter eine Werkstatt. Also begab ich mich einmal mehr auf den Weg und schob mein Bike in inzwischen bewährter Manier die Straße entlang. In der Werkstatt erhielt ich einen neuen Schlauch und man zog mir den alten Mantel wieder auf. Doch leider nicht richtig.
Bäuchlings im Dreck
Das hatte zur Folge, dass mein Hinterrad denkbar unrund lief. Nachdem es sich auch nach einigen Kilometern nicht eingefahren hatte, beschlossen wir, die nächste Werkstatt anzusteuern. Unsicher und ziemlich langsam zuckelte ich die leere Straße entlang. Regelmäßige prüfende Blicke zu meinem Hinterrad bestätigten, dass es nicht besser wurde. Als ich nach einem dieser Kontrollblicke wieder auf die Straße sah, musste ich entsetzt feststellen, dass ich im Begriff war, diese zu verlassen. Normalerweise hätte ich das Motorrad vielleicht noch auf der Fahrbahn halten können, doch wurde diese hier durch eine etwa 10 Zentimeter tiefe Kante und das darunter liegende Sandbett begrenzt. In der Gewissheit, nicht mehr reagieren zu können und das Ungemach auf mich zukommen sehend, stieß ich bereits einen prophylaktischen Schmerzensschrei aus. Dieser war noch nicht verhallt, da bretterte ich über die Kante in das Sandbett und auf den dahinterliegenden Wassergraben zu. Doch soweit sollte ich nicht mehr kommen. Kaum im Sand angelangt, verloren meine abgefahrenen Reifen, begünstigt durch den suboptimalen Schwerpunkt des Bikes wegen des aufgeschnallten Gepäcks, sofort den Halt und das Motorrad rutschte mir im wahrsten Wortsinn unter dem Hintern weg. Mit einem beherzten (allerdings unfreiwilligen) Satz über den Lenker landete ich der Länge nach im Dreck. Bäuchlings zog ich eine schöne Spur durch den Sand. Geistesgegenwärtig gelang es mir, mich auf den Rücken zu drehen, bevor ich an meinen ausgestreckten Händen und Armen nicht nur die Haut, sondern auch das Fleisch bis auf die Knochen verlor. Endlich zum Liegen gekommen, startete ich sofort den internen Systemcheck. Ich konnte noch alles bewegen, ich fühlte brennenden Schmerz, also konnte es so schlimm nicht sein. Ich richtete mich auf und blickte an mir runter: Die Hände offen, blutig und mit Dreck überzogen. Die Unterarme und Ellenbogen ebenfalls nur blutige, dreckstarrende Masse. Letztere sahen irgendwie nicht mehr ganz anatomisch korrekt aus. Eher so, als hätte es die Elle aus ihrem gewohnten Sitz gehebelt und als würde sie nun in ungesunder Weise aus dem Gelenk herausragen. Doch ein zweiter Blick sagte mir, dass es hier keinen offenen Bruch gab und auch ein erstes zartes Abtasten bestätigte dies. Der Ellenbogen war lediglich binnen Sekunden so heftig angeschwollen, dass es schien als wolle er platzen. Der Anblick bereitete mir zugebenermaßen etwas Sorge, doch Ich beschloss, dass dies nicht der richtige Zeitpunkt war, um in Panik auszubrechen. Ich richtete mich langsam auf und betrachtete mich von Kopf bis Fuß. Offene Wunden und Abschürfungen an Händen und Armen, mein zerfetztes T-Shirt gab den Blick auf die verschrammte Brust frei und durch das riesige Loch in meiner Hose sah ich ein stattliches Hämatom auf dem Oberschenkel, dass sich im Nu bildete. Hätte ich nicht schon sicherheitshalber vor dem Sturz einen lauten Schrei ausgestoßen, jetzt wäre der richtige Zeitpunkt gewesen.
Ich blickte mich um und sah über das Wrack meines Motorrads, dass ich inzwischen eine ansehnliche Schar Schaulustiger versammelt hatte. Die Männer hoben mein Bike auf, die Frauen blickten besorgt auf mich herab und die Kinder lachten mich an. Oder lachten sie mich aus? Egal. Inzwischen hatte auch Jochen bemerkt, dass ich ihm nicht mehr folgte und kam zurück. Seinen besorgten Blick unterlegte er mit einem erschrockenen „Ach du scheiße!" und zerstörte damit kurzzeitig meine mir auferlegte Selbstdisziplin.
So saß ich im Dreck, mitten im Nirgendwo. Glücklicherweise wohnte ein paar Häuser weiter ein Arzt, der herbeigeeilt kam und meine Wunden am Straßenrand notdürftig versorgte. Gedanken über die Sterilität seiner Utensilien und der gesamten Umgebung blendete ich erfolgreich aus. Ich konzentrierte mich darauf, die Zähne zusammenzubeißen und mir einem Mantra gleich einzureden: „Du bist ein verdammter Indianer und Indianer kennen keinen Schmerz!"
Als er fertig war, klopfte mir der Doc aufmunternd auf die Schulter und sagte, in drei Tagen sei alles wieder gut. Sein Wort in Gottes Ohr...
Ein schmerzhafter Abschied
In der Zwischenzeit hatte Jochen einen der Umstehenden überredet, mein Moped und das Gepäck auf seinem Holzkarren ins nächste Dorf zu bringen. Dies war das gut 20 Kilometer entfernte Stoung. Ich stieg bei Jochen auf den Sozius und wir fuhren gemächlich in den Ort und dort zur nächsten Werkstatt. Wir entlohnten den Arzt und den Fahrer und wendeten uns der Frage zu, wie es nun weitergehen sollte. Für die Reparatur meines Bikes wurden 50 Dollar und aufgrund fehlender Ersatzteile drei Tage veranschlagt. Beides war zu viel. Also entschloss ich mich kurzerhand dazu, den Haufen Schrott für 100 Dollar an Ort und Stelle zu verkaufen. Es folgte ein kurzer aber schmerzhafter Abschied von meinem Bike.
Zurück nach Phnom Penh
Während Jochen das Geschäftliche regelte, sprang ich in den nächsten Kleinbus nach Phnom Penh, der einzige angebotene Zielort hier. Die etwas über 200 Kilometer lange Fahrt verlief relativ ereignislos, wenn man mal davon absieht, dass es der Fahrer offenbar besonders eilig hatte und seinen klapprigen Ford Transit mit durchgetretenem Gaspedal in jedes Schlagloch navigierte. Normalerweise ist es kein Problem, bei den regelmäßigen Schlägen einen halben Meter aus dem Sitz katapultiert zu werden. Mit frisch bandagierten Armen wurden die knapp fünf Stunden allerdings zur Tortur.
Von Peer Bergholter
Kommentare zu "Pleiten, Pech und Pannen (3)"
Ach du Scheisse...
... diese drei Worte von Jochen bringen es auf den Punkt! Hoffentlich hast du dich mittlerweile etwas erhohlt und bist auf dem Weg der Besserung!
Viele Gruesse von eurem naechsten Ziel ;-)
Julian und Jessica
Pleiten Pech und Pannen
Hallo Peer , ich hoffe ,daß es Dir inzwischen wieder gut´geht und alle Wunden verheilt sind.Eure und speziell Deine Erlebnisse auf einem, für meine Begriffe von Anfang an schrottreifen,Motorrad-ähnlichem Gerät,sind mir teilweise unverständlich.Was waren das nur für Werkstätten. Noch mal gut gegangen.In zukunft wünsche ich Dir weniger schmerzhafte Erfahrungen.
Pleiten.......!!!!
Heile Heile Segen, lieber Peer, alles Gute und für die weitere Reise toi toi toi. G39
:-)
John McClane
Sehr gute Beschreibung eines Ereignisses! Alles andere wird schon wieder.
Giggi
Peeri, Du mußt definitiv besser auf Dich aufpassen- und jetzt nicht so ein Spruch von wegen was uns nicht umbringt macht uns nur noch härter und so,
ich wünsche Dir auch erstmal gute Besserung und vielleicht hättet ihr doch lieber bei den Vierbeinern bleiben sollen, ok ein Sturz kann da auch schmerzhaft sein, aber das Schieben-bzw. Führen würde sich bestimmt einfacher gestalten,
liege Grüße Britt
Oh Mann..
..du Armer! Ich hinke immer noch etwas hinterher beim Lesen und nun fährt mir der Schreck lächerlich spät in die Glieder...Ich bin froh, dass du den Sturz gut überstanden hast. Passt auf euch auf, wir wollen euch in einem Stück zurück!!
"Pleiten, Pech und Pannen (3)" kommentieren


Lieber Peer, wir verfolgen Euren Reisebeschreibungen mit großer Begeisterung - jetzt wünschen wir Dir aber erstmal gute Besserung und dass Du Dich von den Blessuren schnell erholst!!
Leonci und Georg