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3. März 2012
Das Herz Kambodschas
Hier ticken die Uhren anders
Idyllisch am Tonle Sap, einem Zufluss des Mekong gelegen, versprüht Phnom Penh ein gänzlich anderes Flair als die Metropolen der Nachbarländer, wie etwa Ho-Chi-Minh-Stadt oder Bangkok. Hier geht es noch gemächlicher zu, die Hektik einer Großstadt manifestiert sich weder im Verkehr noch bei den Menschen. Hier ticken die Uhren noch anders, hier betten sich Marktfrauen nachmittags in ihre Auslage für ein Nickerchen und des Nachts schlafen die Tuk-Tuk-Fahrer in ihren Gefährten auf der Straße. Lebhafte Kinder begrüßen einen überschwänglich und freundliche Menschen scherzen mit einem oder wollen ein unverbindliches Schwätzchen halten, auch wenn sie nichts zu verkaufen haben. Es ist entspannt. Es ist einfach angenehm.
Doch offenbar war es hier nicht immer so, denn die Stadt blickt auf eine lange und bewegte Geschichte zurück. Viele Gebäude oder Plätze legen noch heute Zeugnis von einigen dieser Epochen ab.
Die Ursprünge
Phnom Penh heißt so viel wie „Hügel Penh", was auf den ersten Blick verwundert, gibt es hier doch weit und breit keine Erhebung in der Landschaft. Bei genauerem Hinsehen wird man aber im Zentrum der Stadt die Erklärung für den Namen finden: Hier steht Phnom Wat, der Hügeltempel, auf einer 27 Meter hohen Anhöhe, der der Tempel sowie die Stadt ihren Namen verdanken. Der hier gelegene Tempel aus dem Jahr 1372 wurde bewusst auf diesem künstlichen Hügel errichtet, um fünf Buddha-Statuen aufzunehmen und sie dort, an exponierter Stelle, vor den Wassern des Flusses zu schützen.
Zwar ist nach zahlreichen Um- und Neubauten sowie Renovierungen vom einstigen Tempel lediglich der Hügel noch in seiner ursprünglichen Form belassen, ein Besuch lohnt sich dennoch. Hier wird die Geschichte der Stadt erlebbar, etwa in dem Stupa, wo die Asche Königs Ponhea Yat (1405-67) aufbewahrt wird oder anhand der chinesischen Gemälde von Konfuzius. Diese zeigen den langjährigen Einfluss Chinas auf Kambodscha. Bis zur politischen Unabhängigkeit Kambodschas im Jahre 1953 stellten Chinesen, Vietnamesen und Khmer je ein Drittel der Bevölkerung Phnom Penhs. Erst danach verschob sich das demographische Verhältnis zugunsten der Khmer, der größten Volksgruppe Kambodschas. Auch heute noch sind Chinesen (und natürlich Vietnamesen) eine zahlenmäßig zwar kleine, jedoch wirtschaftlich umso einflussreichere Minderheit der Stadtbevölkerung.
Unter fremder Flagge
Zudem erinnern noch heute einige Bauten im französischen Kolonialstil an diese Zeit. Neben einigen Wohnhäusern oder dem Hotel Le Royal, ist der Zentralmarkt das wohl bekannteste dieser Bauwerke. Dieses Art-Déco-Gebäude ist ein Magnet für Konsumwillige (Touristen). Hier findet sich alles von der Nudelsuppe über die Sonnenbrille von Ray Ban oder den „original" Rolex-Wecker bis hin zur maßgeschneiderten Garderobe. Auch wir verloren uns in diesem Markttreiben, staunten allerdings mehr über die Architektur des Gebäudes, als über die Waren in den Auslagen.
Des Königs neue Hallen
Ganz so neu sind diese Hallen zwar nicht, doch präsentiert sich der königliche Palast im Herzen von Phnom Penh als ein recht imposantes Konglomerat unterschiedlicher Bauten in einem weitläufigen, von einer hohen Mauer umgebenen Areal. Erbaut 1813 und seither immer wieder erweitert, ist der Palast seit 1939 wieder königliche Residenz.
Die einzelnen Bauwerke sind im klassischen Khmer-Stil gehalten und reich verziert. Sie sind durchzogen von schönen parkgleichen Grünflächen. Ob sich der Eintritt von über sechs Dollar allerdings lohnt, muss jeder Besucher selbst entscheiden. Denn neben einer strengen Kleiderordnung (keine schulterfreien Tops, keine Miniröcke, keine Sandalen, nicht mal Waffen und Sprengstoffe sind erlaubt!), sind große Teile des Palastgeländes und der Bauten nicht zugänglich. So kann man außer einem Spaziergang über einen kleinen Teil des Areals (bei dem man aber auch an jeder zweiten Ecke von einem Wachmann zurückgepfiffen wird) lediglich einen Blick durch das Fenster in den Thronsaal erhaschen (schon ganz nett!) oder die Silberpagode besuchen.
Diese verdankt ihren Namen den 5000 massiven Silberkacheln, mit denen der gesamte Boden bedeckt ist. Jede einzelne mit einem Gewicht von einem Kilogramm. Im Inneren der Pagode blickt ein 90 Kilogramm schwerer goldener Buddha in Lebensgröße milde auf die Besucher herab. Diese Figur ist geschmückt mit 9584 Diamanten, der größte von 25 Karat. Um diese Statue herum gibt es noch einige Vitrinen mit Silberarbeiten zu sehen, sofern man über die Schultern der anderen Besucher einen Blick auf diese erhaschen kann.
Zentrum des kambodschanischen Buddhismus
Auch das Zentrum des kambodschanischen Buddhismus befindet sich in Phnom Penh. Im 1443 gegründeten Wat Ounalom, in unmittelbarer Nähe des Königspalastes, lebt heute wieder das buddhistische Oberhaupt Kambodschas mit einer Vielzahl von Mönchen.
Die riesige Tempelanlage umfasst mehrere große spirituelle Gebäude sowie viele kleinere Pagoden und von Obstbäumen umstandene Wohnhäuser, so dass sich das ganze Areal als ein kleines eigenständiges Dörfchen präsentiert. Wenn man Glück hat, findet man hier einen freundlichen, Englisch sprechenden Mönch, der einem eine Führung durch die heiligen Hallen anbietet.
Augenbraue liegen.
Wir hatten dieses Glück bei unserem Besuch der Tempelanlage und erfuhren so einiges über die Geschichte des Buddhismus sowie über das Leben Buddhas selbst. Auch soll dieses Wat über eine ganz besondere Reliquie verfügen: ein Augenbrauenhaar von Buddha höchst persönlich! Auf Nachfrage wurden wir zwar zu der kleinen Pagode, die die Reliquie beherbergen soll, geführt, doch muss ich gestehen, dass ich das Haar nicht erblicken konnte. Vielleicht lag es an der spärlichen Beleuchtung oder an dem Nebel, den die Räucherstäbchen hier verbreiteten...
Einführung in dunklere Kapitel
So interessant die Einführung des Mönches in den Buddhismus auch war, noch interessanter war seine eigene Lebensgeschichte, die er uns erzählte. Mit zehn Jahren von den Roten Khmer rekrutiert - also aus seinem Dorf und seiner Familie gerissen - verbrachte er die nächsten Jahre ausschließlich im Wald bei täglichen Schießübungen, die einzige Ausbildung, die er genoss. Nach dem Ende der Ära der Roten Khmer, bat er seine Eltern darum, Lesen und Schreiben lernen zu dürfen. Da sich diese aber (wie viele Kambodschaner damals und auch heute noch) keine Schule leisten konnten, wurde er in den Tempel geschickt, wo er neben den Lehren des Buddhas auch eine vernünftige Allgemeinbildung (inklusive der englischen Sprache) erfuhr. Über Umwege landete er dann in Phnom Penh, wo er zwar nicht mehr die Ruhe zur Meditation findet, es dafür aber genießt, interessierten Besuchern etwas von seinem Wissen zu vermitteln.
Wie unser Mönch, so hatte auch Wat Ounalom unter den Roten Khmer zu leiden. Die Tempelanlage wurde geplündert und verwüstet, Statuen zerschlagen oder im Fluss versenkt.
Was die grausame Herrschaft Pol Pots und seiner Roten Khmer aber wirklich für Kambodscha und seine Bewohner bedeutete, wird an anderer Stelle mehr als deutlich. Ein Besuch der Killing Fields von Choeung Ek, etwa 15 Kilometer südlich Phnom Penhs, gibt einen eindrucksvollen Einblick in das wohl düsterste Kapitel des Landes. Doch dies ist eine andere Geschichte.
Von Peer Bergholter
Kommentare zu "Das Herz Kambodschas"
Tonle Sap
Ich war vor knapp drei Wochen in Phnom Penh und leider existiert der Tonle Sap nicht mehr. Der See wurde zu Gunsten von Wohnbloecken fuer die reichen Bevoelkerungsschichten und Hotels zugeschuettet. Dennoch schoener Artikel.
Re: Tonle Sap
Hallo Daniel, an dieser Stelle eine berechtigte Frage: Wie bitte soll der Tonle Sap See zugeschüttet worden sein? Der See ist bekanntermaßen der größte See Südost- Asiens.
Durch Phnom Penh fließt dann der Tonle Sap Fluß, der eben durch diesen See gespeist wird.
Re: Re: Tonle Sap

Hallo Daniel!
Ich muss Benjamin recht geben: Den Tonle Sap See gibt es definitiv noch. Wir haben den größten und fischreichsten See Südost-Asiens inzwischen um- und befahren. Auch der gleichnamige Fluß durch Phnom Penh führt noch reichlich Wasser. Doch kann ich es nicht ausschließen, dass ein weiterer, kleinerer See oder ein Frischwasserreservoir in oder um Phnom Penh, das inzwischen trockengelegt wurde, denselben Namen trägt.
Dennoch vielen Dank für Deinen Kommentar und Dein Interesse an unserem Blog.
Beste Grüsse aus Kambodscha,
Peer
Re: Re: Re: Tonle Sap
Hallo zusammen,
ich glaube Daniel könnte den Boeng Kak See, der im Herzen von Phnom Penh zugeschüttet wurde, gemeint haben.
MfG Benjamin
"Das Herz Kambodschas" kommentieren


Lieber Herr Bergholter,
vielen Dank für die Weiterbildung!
Mit euch wird man schlauer. Und obendrein macht es richtig viel Spaß.
Ich freue mich jetzt schon auf deinen nächsten und angekündigten Artikel!
Your biggest fan. Stan.
PS: In der Heimat ist der Frühling erwacht! Juhu!