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10. März 2012
Auch den Ärmsten eine Perspektive bieten
37 Jahre ist Thy Bunrith alt. Zumindest laut seinem Pass. In Wirklichkeit ist er wohl älter, doch genaue Aufzeichnungen über den Tag oder das Jahr seiner Geburt gibt es nicht. Und eigentlich kennt ihn hier auch niemand unter seinem richtigen Namen. Hier, in Don Teav nennt man ihn Racky Thy. Oder einfach nur Racky.
© Bergholter Herzlich Wilkommen bei CAD!
Racky, der diesen Namen seinem einstigen Englischlehrer zu verdanken hat, ist Gründer von CAD - Children's Action for Development, einer Nichtregierungsorganisation (NGO), die seit einigen Jahren in dem Dörfchen Don Teav, unweit von Battambang, aktiv ist. Hier arbeitet Racky mit 15 freiwilligen Helfern, um den Kindern der Gegend eine Schulbildung zu ermöglichen. Unter den Helfern ist Racky der einzige ausgebildete Lehrer, seine Fächer sind Englisch und Khmer. Lange Zeit unterrichtete er an einer öffentlichen Schule auf dem Land. Er musste mit ansehen, wie viele dieser kleinen Dorfschulen schließen mussten, da die meisten Lehrer in die Städte zogen. Dort gibt es mehr Geld zu verdienen. Doch was wird aus den Kindern, deren Schulen von einem Tag auf den anderen geschlossen werden? Und was ist mit den Kindern, deren Eltern sich die Schulen nicht leisten können? Denn selbst auf der öffentlichen Schule müssen Bücher, Hefte, Stifte und bisweilen sogar die Schuluniformen selbst bezahlt werden. Ganz zu schweigen von den Kindern, die ihren Eltern bei der Haus- oder Feldarbeit helfen müssen.
© Bergholter Freuen sich über jeden Besucher: Racky Thy (hinten links) mit freiwilligen Helfern und Schülern.
Wandel durch Bildung
© Bergholter Wichtigstes Gut: Bildung.
Um diese Kinder kümmert sich CAD. Hier lernen die Kinder nicht nur Lesen und Schreiben, Khmer und Englisch, Mathematik und Computerkenntnisse, sondern die Organisation bietet auch Freizeitprogramme wie Sport- und Kunstunterricht an. Darüber hinaus ist CAD stark in der Gemeinde aktiv. Gesundheitsaufklärung für Jung und Alt, das Vermitteln grundlegender Hygienestandards oder landwirtschaftlichen Know-hows. Und nicht zuletzt will Racky insbesondere bei den Eltern das Bewusstsein schaffen, dass Bildung das wichtigste Gut ist, denn nur Bildung könne ein Land und eine Gesellschaft verändern und voranbringen, so der CAD-Gründer. „Viele Menschen hier leben von der Hand in den Mund, sie bauen an und ernten, was sie zum Leben brauchen. Sie haben ihre Hütte und sind damit zufrieden. Niemand denkt hier an das Morgen, schon gar nicht an die Zukunft der Kinder. Dieses Bewusstsein wollen wir schaffen" erklärt Racky. Auch wenn man es ihm nicht ansieht, wie er in seinem ordentlichen blauen Hemd und feiner Hose vor einem steht, so stammt auch Racky aus einer armen Familie. Er hat viel Elend gesehen und kennt den Teufelskreis: ohne Schulbildung werden die Kinder später keine Arbeit finden, ein Leben in Armut ist damit vorgezeichnet. Viele Mädchen würden überdies in der Prostitution enden.
© Bergholter Viel öffentliche Schulen auf dem Land sehen so aus. Sofern die Türen überhaupt noch offen stehen.
„Wir freuen uns über jeden Stift"
321 Kinder im Alter von 7 bis 16 Jahren profitieren derzeit von den Bildungsangeboten der Organisation. Sie treffen sich morgens und nachmittags zum Unterricht. Mal im CAD-Hauptsitz, mal im Tempel. Mal in einer der „Smiling Child"-Bibliotheken, die CAD mit aufgebaut hat, mal auf dem Sportplatz nach dem Fußballspiel. Auch die Räume der letzten verbliebenen öffentlichen Schule werden in den Nachmittagsstunden zum Unterricht genutzt.
© Bergholter Auch dieser Pavillon des örtlichen Tempels dient als Schulsaal.
Doch Racky will mehr. Er träumt von einem eigenen Bildungscenter mit vielen Klassenräumen, einer großen Bibliothek, Arbeitsräumen, einem Labor und einer Cafeteria. Wenn er von diesem Traum spricht, schweift sein Blick in die Ferne. Er weiß um die Schwierigkeiten der Realisierung dieses Projekts. Auch wenn CAD in ein Netzwerk von NGOs eingebunden ist, so finanziert sich die Organisation ausschließlich über Spenden. Und diese sind hier, mitten im Nirgendwo, schwer zu generieren. Schaut man sich im CAD-Sitz um, entdeckt man auf jedem Telefon, jedem Plastikstuhl und jedem Computer ein Namensschild. Es trägt den Namen des Spenders. „Wir freuen uns über jeden Stift und jedes Schreibheft, das gespendet wird" sagt Racky, denn bei CAD müssen die Kinder nichts mitbringen. Hier erhalten sie alles Notwendige. Ein weiteres Problem sei die Korruption in Kambodscha. Und zwar auf allen Ebenen. Die Behörden kämen nie, um sich über die Projekte zu erkundigen, sie melden sich nur, wenn es ums Geld geht. Und auch bei Spenden werde sich gerne bedient, klagt der Gründer. Es ist ein mühsamer, ein beschwerlicher Weg. „Ich versuche jeden Tag mein Bestes zu geben, aber es gibt viele Widerstände. Manchmal denke ich daran, den Laden einfach zu schließen und heim zu meiner Familie zu gehen. Doch was wird dann aus den Kindern?"
© Bergholter In den Pausen wird gebolzt. Natürlich barfuß.
© Bergholter Die Mädchen bevorzugen hingegen Gummitwist.
Jeder kann helfen, jeder ist willkommen
© Bergholter Freiwilliger Helfer bei der Arbeit.
Es ist das Schicksal eben dieser Kinder, dass Racky Tag für Tag antreibt. Inzwischen seit neun Jahren, als er die Vorgängerorganisation von CAD gründete. Selbst als er die Türen wegen fehlender Gelder für ein Jahr schließen musste, gab Racky nicht auf. Getragen wird die Organisation von seinem unermüdlichen Einsatz und dem Engagement der freiwilligen Helfer. Viele von ihnen selbst gerade erst dem Schüleralter entwachsen, verbringen ihre Zeit damit, unentgeltlich die Kinder ihres Dorfes zu unterrichten. Die jüngeren der Helfer haben zudem kein eigenes Einkommen und leben noch bei ihren Familien. Doch finden auch Touristen gelegentlich den Weg nach Don Teav. Manche kommen, um sich über das Projekt zu informieren und hinterlassen eine Spende. Andere bleiben hier und unterrichten selbst. „Manche kommen für zwei Tage, andere bleiben zwei Monate" sagt Racky, der Jeden Willkommen heißt. Denn es sei wichtig, den Menschen einen Einblick in die Arbeit von CAD zu geben, in der Hoffnung, dass sie darüber berichten und eventuell weitere freiwillige Helfer oder Spender anlocken.
© Bergholter Dani, Aushilflehrer für eine Woche, mit "seinen" Kindern.
© Bergholter Auch die Kinder freuen sich über jeden Besucher. Insbesondere wenn diese Motorräder mitbringen.
Freude am Leben
© Bergholter Folgt sie dem Unterricht oder träumt
sie von einer besseren Zukunft?
Auch uns wurde angeboten, für einen Tag zu unterrichten. Allerdings entschlossen wir uns, lieber darüber zu schreiben, in der Hoffnung, dass dies CAD mehr hilft, als ein paar Stunden Englisch- oder Mathematikunterricht. Hätten wir mehr Zeit mitgebracht, wären wir wohl ein Weilchen geblieben und hätten ein paar Stunden gehalten. Und wir hätten es genossen. Denn schon als wir auf den Hof fuhren, empfing uns eine Schar schmutziger Kinder, die uns winkend und lachend mit den Worten „Lehrer, Lehrer!" begrüßten. Manche in dreckigen Lumpen, andere nur in Unterwäsche, enterten sie unsere Motorräder, spielten Fußball mit uns, scherzten und ließen sich auf Armen und Rücken umhertragen. Uns wurde warm ums Herz. Wir wären gern länger geblieben, hätten noch lieber einige der Kinder einfach mitgenommen. Am liebsten alle. Diese Kinder schienen um das Privileg der kostenlosen Bildung zu wissen. Und es zu schätzen. Hier gibt es keine Schulschwänzer, kein unentschuldigtes Fehlen. Selbst lange vor und noch länger nach Schulschluss sind die Kinder hier, nutzen die Bibliothek, die Computer oder spielen einfach nur. Es ist erstaunlich, wie viel (Lebens-) Freude diese Kinder ausstrahlen, auch wenn sie aus ärmsten Verhältnissen stammen. Oder vielleicht gerade deswegen.
Als wir uns schweren Herzens von den Kindern verabschiedeten, waren wir uns sicher: Wir kommen wieder. Das nächste Mal für länger.
Weitere Infos unter: www.cadcambodia.org
Hier einige Impressionen aus dem CAD-Schulalltag.
© Bergholter ABC-Schützen. Englischunterricht für die Jüngsten im Tempel.
© Bergholter Englischstunde im CAD Hauptgebäude. Wichtigstes Lehr- und Autoritätsmittel, der Zeigestock.
© Bergholter Nachmittagsunterricht im Tempel. Es kann auch mal gähnend langweilig sein...
© Bergholter G wie Gorilla - wir lernen das englische Alphabet.
© Bergholter Man kann sich ja auch nicht den ganzen Tag lang konzentrieren.
© Bergholter Nicht jeder findet einen Platz auf der Schulbank. Aber das macht nichts.
© Bergholter Puh, schwierige Aufgabe...
© Bergholter Auch die Zaungäste haben Spass.
© Bergholter Auch nach der Schule wird die Bibliothek gern genutzt.
© Bergholter Ebenso wie die Computer, die allesamt spendenfinanziert sind.
Von Peer Bergholter
Wandel durch Bildung
„Wir freuen uns über jeden Stift"
321 Kinder im Alter von 7 bis 16 Jahren profitieren derzeit von den Bildungsangeboten der Organisation. Sie treffen sich morgens und nachmittags zum Unterricht. Mal im CAD-Hauptsitz, mal im Tempel. Mal in einer der „Smiling Child"-Bibliotheken, die CAD mit aufgebaut hat, mal auf dem Sportplatz nach dem Fußballspiel. Auch die Räume der letzten verbliebenen öffentlichen Schule werden in den Nachmittagsstunden zum Unterricht genutzt.
Doch Racky will mehr. Er träumt von einem eigenen Bildungscenter mit vielen Klassenräumen, einer großen Bibliothek, Arbeitsräumen, einem Labor und einer Cafeteria. Wenn er von diesem Traum spricht, schweift sein Blick in die Ferne. Er weiß um die Schwierigkeiten der Realisierung dieses Projekts. Auch wenn CAD in ein Netzwerk von NGOs eingebunden ist, so finanziert sich die Organisation ausschließlich über Spenden. Und diese sind hier, mitten im Nirgendwo, schwer zu generieren. Schaut man sich im CAD-Sitz um, entdeckt man auf jedem Telefon, jedem Plastikstuhl und jedem Computer ein Namensschild. Es trägt den Namen des Spenders. „Wir freuen uns über jeden Stift und jedes Schreibheft, das gespendet wird" sagt Racky, denn bei CAD müssen die Kinder nichts mitbringen. Hier erhalten sie alles Notwendige. Ein weiteres Problem sei die Korruption in Kambodscha. Und zwar auf allen Ebenen. Die Behörden kämen nie, um sich über die Projekte zu erkundigen, sie melden sich nur, wenn es ums Geld geht. Und auch bei Spenden werde sich gerne bedient, klagt der Gründer. Es ist ein mühsamer, ein beschwerlicher Weg. „Ich versuche jeden Tag mein Bestes zu geben, aber es gibt viele Widerstände. Manchmal denke ich daran, den Laden einfach zu schließen und heim zu meiner Familie zu gehen. Doch was wird dann aus den Kindern?"
Jeder kann helfen, jeder ist willkommen
Freude am Leben
sie von einer besseren Zukunft?
Als wir uns schweren Herzens von den Kindern verabschiedeten, waren wir uns sicher: Wir kommen wieder. Das nächste Mal für länger.
Weitere Infos unter: www.cadcambodia.org
Hier einige Impressionen aus dem CAD-Schulalltag.
Von Peer Bergholter
Kommentare zu "Auch den Ärmsten eine Perspektive bieten"
relativieren und multiplizieren
von Brigitte
am 12.03.2012 um 19:28 Uhr
Angesichts dieses beeindruckenden Portraits lassen sich wieder einmal viele unserer Bildungs-und Erziehungsprobleme reduzieren auf das Wichtigste: die Freude am Lernen und die Neugier auf die Welt zu wecken und zu fördern.
Ich wünsche , dass das Engagement von CAD (vielleicht auch ein wenig durch diesen Blog) bekannter und anerkannter wird.
Übrigens hinreißende Bilder!
Ein interessanter Bericht
von Sandra
am 13.03.2012 um 16:03 Uhr
Ich plane Mitte des Jahres nach Kambodscha zu fliegen und möchte mich für den interessanten Bericht bedanken.
"Auch den Ärmsten eine Perspektive bieten" kommentieren


Sehr schöner Bericht, man wünschte es gäbe mehr solch engagierte Lehrer und hofft, dass diese Projekte weiter an Bekanntkeit gewinnen damit nicht nur diesen Kindern eine Zukunft ermöglich werden kann...