Hauptinhalt
24. März 2012
Allein unterwegs
Nach über 3500 Kilometern war Schluss. Eben war Peer noch im Rückspiegel, auf einmal war da nichts mehr. Ich drehte um und fand ihn neben seinem auf dem Boden liegenden Motorrad sitzend. Bereits von Einheimischen umringt, Blut an Händen und Armen. Mir stockte der Atem. Scheiße. Sein Gesicht verriet Schmerzen, aber er hielt sich wacker. Immerhin. Hastig stellte ich mein Bike ab und ging auf ihn zu. Soviel war sofort klar. Das war keine Kleinigkeit, über die man nach wenigen Minuten lacht. Wir hatten ein Problem. Meine bescheidenen Kenntnisse in erster Hilfe ließen mich jedoch aufatmen. Er hatte sich nichts gebrochen, das war sicher, konnte alle Gliedmaßen bewegen, hatte nur an Haut eingebüßt. Wir hatten mal wieder Glück im Unglück gehabt. Die Zeit auf dem Motorrad war für ihn jedoch eindeutig zu Ende.
Rasch fanden wir einen Arzt, die Einheimischen halfen uns, fuhren uns in den nächsten Ort und zur dortigen Werkstatt. Wir verkauften das Häufchen Elend an Ort und Stelle, da sich eine Reparatur nicht lohnte und Peer mit seinen verletzten Händen und Armen sowieso nicht mehr hätte weiterfahren können. Zwei Stunden nach dem Unfall saß er im Bus nach Phnom Penh. Und ich fuhr hinterher.
Allein auf weiter Flur
Was für geübte Biker vielleicht das Größte sein mag, stellte für mich in diesem Moment keine Verlockung dar. Alleine durch die Wildnis zu fahren. In den letzten Tagen hatten sich die Reparaturen gehäuft. Das Vertrauen in das Gefährt war erschüttert. Das Platzen von Peers Hinterreifen und der Unfall im Anschluss hatten ihr Übriges dazu getan mich ängstlich auf die Fahrt blicken zu lassen. Ich wusste, es konnte jederzeit passieren. Und was, wenn es nicht in einer Ortschaft geschähe? Was machte ich verletzt alleine in der Wildnis? Was, wenn es bei hoher Geschwindigkeit passierte? Oder in einer Kurve? Womöglich in dichtem Verkehr? Horrorszenarien spielten sich in meinem Kopf ab. Ich fuhr deutlich langsamer als vorher, bremste vor jeder Kurve ab, überholte weniger, machte mehr Pausen. Trotzdem saß mir etwas im Nacken. Ich war auf mich alleine gestellt. Nicht mal mein Handy funktionierte in Kambodscha. Das war nicht die Freiheit die ich gemeint hatte.
Augen geradeaus
Die 200 Kilometer von der Unfallstelle nach Phnom Penh waren mit Sicherheit die anstrengendsten von allen, die wir bisher auf dem Motorrad zurückgelegt hatten. Die Eindrücke waren frisch, ich war mir beinahe sicher, dass ich gleich auf der Nase liegen würde. Klapperte mein Hinterrad schon immer so? Ließ nicht meine Bremse deutlich nach? Was, wenn mir jetzt etwas passierte? Die Fragen kreisten durch meinen Kopf, als die Sonne unterging, ich noch über hundert Kilometer vor mir hatte und natürlich das frisch reparierte Licht seinen Geist aufgab. Ich fuhr an einem kleinen Gasthaus im Nirgendwo vorbei und haderte. Blieb ich hier, würde Peer nicht wissen wo ich war, es gab hier kein Internet, die Telefonnummer des Hostels in Phnom Penh, in dem Peer wieder absteigen wollte, hatte ich nicht bei mir. Nein, ich fuhr weiter, wollte ihn nicht mit Sorgen zurück lassen, was mit mir passiert sei und wollte selber meine Sorgen beruhigen, wie es ihm ging.
Im Konvoi durch die Nacht
Was folgte, war ein Risiko, soviel war klar. Denn auch, wenn der Verkehr in Kambodscha nicht mit dem in Vietnam vergleichbar ist (dort hätte ich diese Fahrt niemals unternommen), so waren es immer noch hundert Kilometer auf einer unbeleuchteten Landstraße. Mit Bodenwellen und Schlaglöchern, wechselndem Straßenbelag und unzähligen anderen möglichen Hindernissen.
In der Dämmerung ging es noch. Ich fuhr so langsam wie nötig, öffnete mein Visier um die Reflektionen der mir entgegen kommenden Scheinwerfer zu minimieren und machte Bekanntschaft mit einer Gefahr, über die ich bis dahin gar nicht nachgedacht hatte. Insekten. Auch wenn man kaum 20 Stundenkilometer schnell fährt, ist eine Fliege im Auge eine Gefahr. Es schien mir, als hätten alle flugfähigen Insekten Kambodschas nur auf mich gewartet. Mit zusammengekniffenen Augen fuhr ich durch die Nacht und ließ mein Gesicht von den Biestern bombardieren. Hin und wieder überholte mich ein Auto oder ein LKW, spendete mir kurz Licht oder nahm mir die Sicht völlig, wenn er mir entgegen kam. So konnte das nicht weiter gehen. Das war Selbstmord.
Ich hielt am Wegesrand an und dachte nach, was zu tun war. Als mir Fortuna zeigte, dass sie mich liebt, indem sie einen Kleinwagen vorbeifahren ließ, der schläfrig über die Landstraße zuckelte. Ich schickte ein „Danke" zum Himmel und fuhr hinterher. Es passte perfekt. Wer auch immer an diesem Steuer saß, ich danke ihm oder ihr für die Geschwindigkeit und die Kilometer, die er oder sie mir Licht spendete. So fuhr ich im Minikonvoi hinterher bis der Wagen abbog, hängte mich dann an ein anderes Moped und die letzten Kilometer an einen LKW. Immer einen konstanten Abstand haltend, leicht rechts versetzt, um den Lichtstrahl der Scheinwerfer ausnutzen zu können, nah genug, um die Straße zu sehen, weit genug weg, um reagieren zu können. Es klappte. Und auch wenn ich das nicht zur Nachahmung empfehlen kann, für mich stellte dies in dem Moment die Rettung dar. Ich kam gegen neun Uhr abends in Phnom Penh an, völlig fertig, müde, mit Insektenleichen in den Augenwinkeln und betonartig verspannten Nackenmuskeln. Es war klar, dass ich so nicht bis nach Laos fahren konnte.
450 Kilometer
In Phnom Penh wollte ich mein Bike verkaufen, doch das erwies sich als unmöglich. Es sei denn ich hätte einen Kaufpreis von 50 Dollar akzeptiert. Nicht wirklich. Also ließ ich mein Gefährt noch mal gründlich durchchecken, das Licht reparieren, den Gepäckträger und so ziemlich jedes bewegliche und unbewegliche Teil an meinem Stahlross überprüfen und nachziehen. Dann ging es los. Peer wollte ich auf Don Det in Laos wiedersehen, einer der sogenannten 4000 Inseln im Mekong, für die die Grenzregion von Laos und Kambodscha berühmt ist. Bis dahin waren es 450 Kilometer. Deutlich zu viel für einen Tag. Also fuhr ich am Morgen gemütlich los und kam immerhin beinahe 300 Kilometer weit, bis ich kurz vor Sonnenuntergang, knappe hundert Kilometer von der Grenze entfernt, in einem Dörfchen namens Korieng ankam. Mein Hunger trieb mich von Bräter zu Bräter, keiner hatte mehr etwas zu essen übrig. Ich wurde weiter geschickt, dort sollte es ein Restaurant geben. Ein Junge fuhr extra mit seinem Moped vor mir her, um mir den Weg zu zeigen, obwohl das Dorf sowieso nur aus einer Straße bestand. Ich bedankte mich herzlich und war hoch erfreut, als ich erfuhr, dass der Besitzer nicht nur Essen übrig, sondern auch genau ein Zimmer zu vermieten hatte, das glücklicherweise sogar frei war. Seine Entschuldigungen für den Standard des Zimmers waren unnötig. Ich hätte auch auf dem Boden geschlafen, um nicht noch einmal durch die Nacht fahren zu müssen.
Ankunft in Laos
Die Ankunft in Laos entlohnte mich für die Mühen der vorangegangenen Tage. Der Grenzübergang war problemlos, mein Gefährt wurde keines Blickes gewürdigt und nach fünf Minuten war ich in Laos.
Bevor ich nach Don Det fuhr, machte ich noch einmal Halt. Denn kurz nach der Grenze warteten die Khone Phapheng-Wasserfälle auf meinen Besuch. Über eine Breite von einem Kilometer stürzt hier der Mekong 15 Meter in die Tiefe und bildet so die größten Wasserfälle Asiens.
Ich genoss den Anblick, ruhte mich kurz aus, fuhr weiter, fand das Dörfchen Nakasang, von dem aus die Boote nach Don Det ablegen, stellte den Hobel an einer Tankstelle ab und setzte über. Soweit, so gut. Nun galt es Peer zu finden...
Jochen Müller
Kommentare zu "Allein unterwegs"
Horrortrip
und ich habe nasse Hände bei der Vorstellung wie Tarzan durch den Dchungel zu gleiten, denn ohne Licht durch die Nacht,na das hast Du in Kassel oft geübt!!
Heiliges Blechle!
Halleluja, ihr müsst unbedingt ruhiger werden! Denkt an die Nerven eurer Eltern!
Ich bin sehr gespannt, wie das Abenteuer weitergeht! Lasst uns bitte nicht zu lange auf den nächsten Artikel warten...
Gute Besserung, Peer!
Hals- und Beinbruch!
Your biggest fan. Stan.
Schutzengel
Ich bin froh, dass dich dein Schutzengel auch in Asien nicht verlassen hat, Jochen. Ich hoffe, du fährst immer nur so schnell wie er fliegen kann. Puuuh! Weiterhin viel Glück!
Auweia
Lieber Jochen, mutig bist du! Die Beschreibung deiner Nachtfahrt ist sehr eindringlich! Manch einer hätte sich da bestimmt in die Hose gemacht..ich zum Beispiel. Weiterhin alles, alles Gute. Ich lese eure Berichte sehr gerne und die Fotos illustrieren eure Erlebnisse ganz toll.
"Allein unterwegs" kommentieren


Puuh, ich habe nasse Hände beim Lesen, ich hoffe und wünsche Dir weiter Glück und hoffe, dass das Thema Bikerabenteuer jetzt gestorben ist. Gisi39