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5. Juli 2012
Stillstand ist der Tod
Von Cimaja aus fuhren wir nach Yogyakarta in Zentral-Java. Eine ereignislose Fahrt, wenn man von der Fahrweise des Busfahrers absieht. Wir vertrieben uns die Zeit mit physiotherapeutischen Übungen im Sitzen und belohnten uns danach mit einem besonderen Mahl.
In Indonesien kann man kleinere Strecken sehr schnell und günstig zurücklegen. Die Angkot genannten Minibusse nehmen Fahrgäste entlang ihrer Wegstrecke überall dort mit, wo sie stehen und winken. So legten wir den Weg von Cimaja nach Pelabuhan Ratu in einer Viertelstunde für kaum fünfzig Cent zurück. Der Anfang war gemacht. Hier trennten sich unsere Wege, da Peer nach Jakarta musste, um seinen reparierten Rechner vom Kundenservice abzuholen. Susanne und ich nahmen den direkten Weg nach Yogyakarta, wo wir uns in einem bereits gebuchten Hostel wiedersehen wollten. Wobei man „direkt" hierbei nicht zu wörtlich verstehen darf, denn die Fahrt beinhaltete zweimaliges Umsteigen, sowie eine Übernachtung in Bandung.
© Jochen Müller Gut festhalten!
© Jochen Müller im Innenraum des Angkot, bzw. Bemo genannten Minibusses war es kuschelig.
Stillstand ist der Tod
Mit einem etwas wackeligen Bus ging es zuerst in etwa zweieinhalb Stunden nach Sukabumi, einer Provinzstadt in West-Java, die Reisende hauptsächlich als Umsteigeort kennenlernen dürften. Sowohl die Bahnstrecke von Jakarta nach Osten, als auch die meisten Busverbindungen führen hier hindurch. Ansonsten gibt es laut Reiseführer wenig zu sehen.
© Jochen Müller Auf geht's nach Sukabumi.
Hier hätten wir die Möglichkeit gehabt in den etwas bequemeren Zug zu wechseln. Da der Bahnhof von der Bushaltestelle jedoch nicht fußläufig zu erreichen ist, und die Züge des Öfteren ausgebucht sind, entschieden wir uns dagegen. Kaum ausgestiegen, standen wir schon vor dem ersten Bus nach Bandung, dem Ort an dem wir die Nacht verbringen wollten. Wir atmeten kurz auf, denn dieser Bus war aus der neuesten Generation und sah recht luxuriös aus. Als wir unseren Toilettengang hinter uns hatten, war er allerdings bereits abgefahren. Doch die Busse nach Bandung fuhren praktisch im Viertelstunden-Takt, so dass wir nicht lange warten mussten. Die knappen fünf Stunden, die wir dann in unserem altersschwachen, recycelten Stadtbus verbrachten, mussten wir uns anstrengen nicht so viel an den verpassten Bus zu denken. Ungepolsterte Sitze, der Rauch von unzähligen Nelken-Zigaretten und ein Busfahrer, der es ganz offensichtlich sehr eilig hatte, machten diese Fahrt zu einer Grenzerfahrung. Die Crew des Busses bestand aus drei Leuten. Neben dem Fahrer gab es zwei Männer, die in den offenen Türen standen und immer dann mit einem Steinchen an den Türrahmen klopften, wenn ein Fahrgast aussteigen wollte, oder jemand am Straßenrand durch Winkzeichen den Wunsch äußerte zusteigen zu wollen. Da dies im Schnitt alle Minute der Fall war, und der Fahrer nur Vollgas und Vollbremsungen kannte, erlebten wir einige Schweißausbrüche. Schnelle Spurwechsel im dichten Verkehr, Rollerfahrer, die einiges zu tun hatten um nicht im Graben zu landen, sowie unsere Tagesrucksäcke, die wir ständig festhalte mussten, damit sie durch die Beschleunigungen und Bremsvorgänge nicht im Bus umher- oder hinausfliegen, ließen uns kaum die Möglichkeit etwas anderes zu tun, als wachsam jede Regung der Männer in der Tür zu verfolgen. Sobald das Klopfzeichen kam, krampften wir uns irgendwo fest, der Bus schoss quer über die Fahrbahn, verlangsamte gerade genug, dass jemand hinaus- oder hinein kam, freilich ohne dabei ganz zum Stehen zu kommen, dann ging es retour vom Straßenrand in die Fahrbahnmitte. Es folgte eine kurze Verschnaufpause und das Spiel begann von vorne.
© Jochen Müller Die gemütliche Lektüre habe ich mir schnell verkniffen.
Sitz-Yoga
Als ich Susanne sagte, dass meine Hüfte anfing weh zu tun, hatte ich ihr lediglich mein Leid mitteilen wollen, auf dass es sich so geteilt vielleicht halbieren möge. Doch sie ist Physiotherapeutin, und eine sehr motivierte noch dazu. Ich glaube sie nutzte die Gelegenheit, um sich selber etwas abzulenken. Es folgte ein kleiner Vortrag über den Aufbau der Hüfte und der ansetzenden Muskulatur, eine Diagnose meiner Hüftfehlstellung, sowie eine Anleitung zu verschiedenen Übungen, wie ich diese korrigieren konnte. Meine Idee dies vielleicht auf ein andermal zu verschieben wurde abgeschmettert. Ich musste in mich hinein spüren und Muskeln anspannen, von denen ich überhaupt nicht wusste, dass ich sie habe, geschweige denn, wie ich sie bewusst ansteuern soll. Doch genau darum ging es, wurde mir versichert. Also vertrieben wir uns die restlichen vier Stunden mit einer Art Sitz-Yoga. Das Erstaunliche war, dass es funktionierte. Nicht nur, dass ich Zugang zu mir bis dato unbekannten Muskelgruppen fand. Es half sowohl bei der Ablenkung von der Fahrweise unseres Busfahrers, als auch gegen die aufkommende völlige Versteifung meines Allerwertesten. Als wir in der Dämmerung in Bandung ankamen, fühlte ich mich beinahe entspannt, zumindest was die Hüfte anging. Das Strecken des Körpers blieb ohne das Geräusch brechender Knochen und ich hatte genug Energie um mich gegen die diversen Taxifahrer durchzusetzen, die uns für die Fahrt zu unserem Hostel Preise abknüpfen wollten, für die wir eine halbe Woche hätten leben können. Munter schulterten wir unsere Rucksäcke und fanden nach nur wenigen Minuten einen Taxifahrer, der bereit war uns mit aktiviertem Taxameter mitzunehmen.
© Jochen Müller Gleich ob innerstättisch, wie hier, oder auf der Landstraße. Das Verkehrsaufkommen war meist dich bis sehr dicht. Kein Grund seine Fahrweise anzupassen, dachte zumindest unser Fahrer.
Belohnung
Nach einer erholsamen Dusche fanden wir zufällig ein kleines indisches Restaurant, was sich als absolutes Highlight des Tages herausstellen sollte. Der Koch und Besitzer, ein Malaie, der sein Handwerk in Frankreich gelernt hat und bereits in halb Europa gelebt und gekocht hat, kam nach unserer Bestellung aus der Küche zu uns an den Tisch und riet uns von seinen Scampi ab, da er mit der letzten Lieferung nicht glücklich war. Er empfahl uns Tintenfisch, welcher uns an den Rand der Freudentränen brachte. Dann setzte er sich zu uns und fesselte uns mit seinen Geschichten. Wie er Ende der Sechziger Jahre von Malaysia nach Frankreich reiste, dort sein Handwerk erlernte und dann einen Faible für die indische Küche entdeckte. Er erzählte uns von seinen Reisen durch Indien, wie er dort zufällig John Lennon traf und mit ihm zusammen kiffte. „Ich hatte lange Haare und lauter verrückte Ideen", berichtete er uns lachend „das war eine wilde Zeit". Als wir von unserem Abenteuer erzählten, wie wir versuchen ohne zu fliegen um die Welt zu kommen, schien ihn das ganz besonders zu freuen. „Früher war die Welt größer", sagte er „eine Reise um die Welt an sich war ein riesiges Abenteuer. Heute kommt man leicht überall hin. Es ist schön, dass ihr es euch nicht so einfach macht und auf das Fliegen verzichtet. Das bringt das Abenteuer zurück." Besonders nach unserer heutigen Fahrt konnten wir ihm nur zustimmen. Zum Abschied wünschte er uns viel Glück und meinte, wir hätten gutes Karma, wir würden es bestimmt schaffen.
Sein Wort in Brahma, Vishnu und Shivas Ohren.
Jochen Müller
In Indonesien kann man kleinere Strecken sehr schnell und günstig zurücklegen. Die Angkot genannten Minibusse nehmen Fahrgäste entlang ihrer Wegstrecke überall dort mit, wo sie stehen und winken. So legten wir den Weg von Cimaja nach Pelabuhan Ratu in einer Viertelstunde für kaum fünfzig Cent zurück. Der Anfang war gemacht. Hier trennten sich unsere Wege, da Peer nach Jakarta musste, um seinen reparierten Rechner vom Kundenservice abzuholen. Susanne und ich nahmen den direkten Weg nach Yogyakarta, wo wir uns in einem bereits gebuchten Hostel wiedersehen wollten. Wobei man „direkt" hierbei nicht zu wörtlich verstehen darf, denn die Fahrt beinhaltete zweimaliges Umsteigen, sowie eine Übernachtung in Bandung.
Stillstand ist der Tod
Mit einem etwas wackeligen Bus ging es zuerst in etwa zweieinhalb Stunden nach Sukabumi, einer Provinzstadt in West-Java, die Reisende hauptsächlich als Umsteigeort kennenlernen dürften. Sowohl die Bahnstrecke von Jakarta nach Osten, als auch die meisten Busverbindungen führen hier hindurch. Ansonsten gibt es laut Reiseführer wenig zu sehen.
Hier hätten wir die Möglichkeit gehabt in den etwas bequemeren Zug zu wechseln. Da der Bahnhof von der Bushaltestelle jedoch nicht fußläufig zu erreichen ist, und die Züge des Öfteren ausgebucht sind, entschieden wir uns dagegen. Kaum ausgestiegen, standen wir schon vor dem ersten Bus nach Bandung, dem Ort an dem wir die Nacht verbringen wollten. Wir atmeten kurz auf, denn dieser Bus war aus der neuesten Generation und sah recht luxuriös aus. Als wir unseren Toilettengang hinter uns hatten, war er allerdings bereits abgefahren. Doch die Busse nach Bandung fuhren praktisch im Viertelstunden-Takt, so dass wir nicht lange warten mussten. Die knappen fünf Stunden, die wir dann in unserem altersschwachen, recycelten Stadtbus verbrachten, mussten wir uns anstrengen nicht so viel an den verpassten Bus zu denken. Ungepolsterte Sitze, der Rauch von unzähligen Nelken-Zigaretten und ein Busfahrer, der es ganz offensichtlich sehr eilig hatte, machten diese Fahrt zu einer Grenzerfahrung. Die Crew des Busses bestand aus drei Leuten. Neben dem Fahrer gab es zwei Männer, die in den offenen Türen standen und immer dann mit einem Steinchen an den Türrahmen klopften, wenn ein Fahrgast aussteigen wollte, oder jemand am Straßenrand durch Winkzeichen den Wunsch äußerte zusteigen zu wollen. Da dies im Schnitt alle Minute der Fall war, und der Fahrer nur Vollgas und Vollbremsungen kannte, erlebten wir einige Schweißausbrüche. Schnelle Spurwechsel im dichten Verkehr, Rollerfahrer, die einiges zu tun hatten um nicht im Graben zu landen, sowie unsere Tagesrucksäcke, die wir ständig festhalte mussten, damit sie durch die Beschleunigungen und Bremsvorgänge nicht im Bus umher- oder hinausfliegen, ließen uns kaum die Möglichkeit etwas anderes zu tun, als wachsam jede Regung der Männer in der Tür zu verfolgen. Sobald das Klopfzeichen kam, krampften wir uns irgendwo fest, der Bus schoss quer über die Fahrbahn, verlangsamte gerade genug, dass jemand hinaus- oder hinein kam, freilich ohne dabei ganz zum Stehen zu kommen, dann ging es retour vom Straßenrand in die Fahrbahnmitte. Es folgte eine kurze Verschnaufpause und das Spiel begann von vorne.
Sitz-Yoga
Als ich Susanne sagte, dass meine Hüfte anfing weh zu tun, hatte ich ihr lediglich mein Leid mitteilen wollen, auf dass es sich so geteilt vielleicht halbieren möge. Doch sie ist Physiotherapeutin, und eine sehr motivierte noch dazu. Ich glaube sie nutzte die Gelegenheit, um sich selber etwas abzulenken. Es folgte ein kleiner Vortrag über den Aufbau der Hüfte und der ansetzenden Muskulatur, eine Diagnose meiner Hüftfehlstellung, sowie eine Anleitung zu verschiedenen Übungen, wie ich diese korrigieren konnte. Meine Idee dies vielleicht auf ein andermal zu verschieben wurde abgeschmettert. Ich musste in mich hinein spüren und Muskeln anspannen, von denen ich überhaupt nicht wusste, dass ich sie habe, geschweige denn, wie ich sie bewusst ansteuern soll. Doch genau darum ging es, wurde mir versichert. Also vertrieben wir uns die restlichen vier Stunden mit einer Art Sitz-Yoga. Das Erstaunliche war, dass es funktionierte. Nicht nur, dass ich Zugang zu mir bis dato unbekannten Muskelgruppen fand. Es half sowohl bei der Ablenkung von der Fahrweise unseres Busfahrers, als auch gegen die aufkommende völlige Versteifung meines Allerwertesten. Als wir in der Dämmerung in Bandung ankamen, fühlte ich mich beinahe entspannt, zumindest was die Hüfte anging. Das Strecken des Körpers blieb ohne das Geräusch brechender Knochen und ich hatte genug Energie um mich gegen die diversen Taxifahrer durchzusetzen, die uns für die Fahrt zu unserem Hostel Preise abknüpfen wollten, für die wir eine halbe Woche hätten leben können. Munter schulterten wir unsere Rucksäcke und fanden nach nur wenigen Minuten einen Taxifahrer, der bereit war uns mit aktiviertem Taxameter mitzunehmen.
Belohnung
Nach einer erholsamen Dusche fanden wir zufällig ein kleines indisches Restaurant, was sich als absolutes Highlight des Tages herausstellen sollte. Der Koch und Besitzer, ein Malaie, der sein Handwerk in Frankreich gelernt hat und bereits in halb Europa gelebt und gekocht hat, kam nach unserer Bestellung aus der Küche zu uns an den Tisch und riet uns von seinen Scampi ab, da er mit der letzten Lieferung nicht glücklich war. Er empfahl uns Tintenfisch, welcher uns an den Rand der Freudentränen brachte. Dann setzte er sich zu uns und fesselte uns mit seinen Geschichten. Wie er Ende der Sechziger Jahre von Malaysia nach Frankreich reiste, dort sein Handwerk erlernte und dann einen Faible für die indische Küche entdeckte. Er erzählte uns von seinen Reisen durch Indien, wie er dort zufällig John Lennon traf und mit ihm zusammen kiffte. „Ich hatte lange Haare und lauter verrückte Ideen", berichtete er uns lachend „das war eine wilde Zeit". Als wir von unserem Abenteuer erzählten, wie wir versuchen ohne zu fliegen um die Welt zu kommen, schien ihn das ganz besonders zu freuen. „Früher war die Welt größer", sagte er „eine Reise um die Welt an sich war ein riesiges Abenteuer. Heute kommt man leicht überall hin. Es ist schön, dass ihr es euch nicht so einfach macht und auf das Fliegen verzichtet. Das bringt das Abenteuer zurück." Besonders nach unserer heutigen Fahrt konnten wir ihm nur zustimmen. Zum Abschied wünschte er uns viel Glück und meinte, wir hätten gutes Karma, wir würden es bestimmt schaffen.
Sein Wort in Brahma, Vishnu und Shivas Ohren.
Jochen Müller
Kommentare zu "Stillstand ist der Tod"
Re: Stillstand....
von Stan
am 05.07.2012 um 19:30 Uhr
Liebe unbekannte Gisi Lamprecht,
Sie sind immer so positiv und optimistisch! Ihre Kommentare zu lesen, tut immer dem Herzen gut. Bestimmt auch den zwei Reisenden.
Weiter so!
Stan. The biggest fan.
"Stillstand ist der Tod" kommentieren


Erst ein paar isometrische Übungen, (sag ich doch immer, aber auf mich hört ja keiner) und dann Firstclass-Speisen, dazu ein gutes Gespräch in angenehmer Umgebung (!!!) was will man mehr (gut, die Fortbewegungsmittel könnten etwas angenehmer sein, aber...). Passt doch. Lb Grüße G aus KG