Hauptinhalt
16. Juni 2012
Eine Tortur in drei Akten. Zweiter Akt.
Nach zwei spannenden Bootsfahrten waren wir in Tungkal auf Sumatra angekommen. Wie es von hier aus weiter gehen sollte, wussten wir nicht. Doch das würde sich schon bald herausstellen. Eines sei bereits verraten, so zügig wie mit dem Schnellboot ging es ab nun nicht mehr.
An der Anlegestelle wurden wir von einer Horde Männer empfangen, die alle durcheinander riefen. Erst nach einer Weile verstand ich, dass sie alle dasselbe schrien, fortwährend wiederholend. „Jambi?", manchmal auch „Jambi!", gerne auch mit diversen Gesten untermalt. Dem ersten entgegnete ich noch: „Danke, ich habe keinen Hunger". Erst sein Blick verriet mir, dass es sich bei Jambi nicht um ein Gericht handeln konnte. Wir fanden den Weg vom Bootsanleger und hatten bis hier hin nur so viel verstanden. In Tungkal, wo auch immer das war, gab es nicht viel mehr als einen Grund weg zu fahren. Nach Jambi. Wo auch immer das nun wieder sein sollte. Grund genug also um es auszuprobieren. Wir einigten uns auf einen Fahrer, der zumindest fast so viel Englisch sprach um uns beinahe versichern zu können, dass Jambi vielleicht eher südlich von Tungkal lag. Ungefähr. Er verstand scheinbar, dass wir nach Jakarta wollten und mit einigem guten Willen konnte man meinen er versichere uns, dass Jambi auf dem Weg dorthin lag. Zumindest schien er völlig davon überzeugt, dass es das Richtige für uns sei nach Jambi zu fahren. Also ergaben wir uns seiner Sicherheit und nahmen in seinem Gefährt platz. Ach wie wenig doch ein einzelnes Wort die Wirklichkeit widerspiegeln kann. Platz nehmen heißt nicht Platz bekommen. Denn in einen offensichtlich talentlos in Eigenarbeit zusammen geschusterten Kleinbus mit neun Sitzen passen erwiesenermaßen zwölf Leute. Und die Musikboxen, so groß wie weitere zwei Fahrgäste, die in steter Wiederholung erst Eminem, Rihanna und Jennifer Lopez und dann einheimische Schnulzenlegenden zum Besten gaben. Bis das Band sein Ende erreicht hatte und von vorne begann.
In die Sache kommt Bewegung
Gerade als wir uns fragten, wann es denn losginge, spürten meine Mechanorezeptoren eine gewisse Bewegung. Meine Augen jedoch vermeldeten keinerlei vorankommen. Was auch gut so war, immerhin saß niemand am Steuer. Dann hörten wir so etwas wie ein Hämmern, ich sah in den Außenspiegel und verstand. Die Bewegung kam vom Wagenheber, das Hämmern vom Hammer, klar, oder? Bis mein Gehirn diese Informationen zu einem Gesamtbild gefügt hatte, war der Kleinbus allerdings schon wieder herabgelassen worden, das Gehämmer hinter dem Hinterrad wurde offensichtlich erfolgreich eingestellt und die Fahrt konnte losgehen. Mehr aus einem Reflex fragten wir, wie lange die Fahrt nach Jambi denn dauern würde. Was auch immer der Fahrer verstand, die Antwort lautete „eine Stunde". Die kleine, zweifelnde Stimme in meinem Ohr rang ich nieder. Um ungelegte Eier wollte ich mir keine Gedanken machen.
Als die Fahrt dann nach genau vier Kurven ihr vorläufigen Ende fand, war ich nicht halb so erfreut wie ich es hätte sein können. Ich möchte es nicht als Überheblichkeit verstanden wissen, dass ich daran zweifelte, dass Jambi ein Viertel von Tungkal war. Dazu war Tungkal einfach zu klein. Alle Gedanken kamen zu einem Ende, als der Wagenheber wieder zum Einsatz kam und den Kleinbus samt aller Insassen erneut anhob. Wieder war Gehämmer zu hören. Diesmal blickte keiner in den Rückspiegel. Es gibt auch ungutes Wissen. Wir vertrauen auf die Professionalität des Fahrers und seines kompetenten Gehilfen, die dem Vehikel einen weiteren Lebenstag einhauchten.
Allein der Abschied von Fahrer und Gehilfe flöste mir Unbehagen ein. Freilich verstand ich die Worte nicht, doch der kleine Mann im Ohr wollte es mir als ein „Lebe Wohl" übersetzen, wogegen ich mich mit aller Vehemenz stemmte, zu der ich in der Lage war. Das wird schon, es würde ja nur eine Stunde dauern. Woher kam nur dieses ungläubige Gekicher?
Eine lange Stunde
Gegen sechs kamen wir letztlich in Tungkal los. Bis wir gegen neun Uhr abends in Jambi ankamen, hatten die Fragen lange aufgehört, wie lange in Indonesien wohl eine Stunde dauern konnte. Abgesehen davon waren wir viel zu beschäftigt damit diese Krater zu bewundern, mit der die Straßen so kunstvoll dekoriert waren. Hier waren Meister ihres Fachs am Werke gewesen. Und wir verstanden auch schnell, wieso eine so eingehende Überprüfung der Stoßdämpfer vor der Fahrt essentiell war.
Es war gleichermaßen beeindruckend wie beängstigend, wie sich dieses klapprige Gefährt zwischen bombentrichtergroßen Schlaglöchern vorbei schlängelte, oder auch hindurch, wenn keine Möglichkeit bestand allen Hindernissen auszuweichen. Der Gegenverkehr bremste stets nur so viel ab um uns den nötigen Millimeter Platz zu lassen. Kaum waren wir aneinander vorbeigefahren schoss ein Moped aus dem Windschatten hervor, wir setzten zum nächsten Überholvorgang an oder irgendjemand anderes überholte uns. Chapeau.
Am Ziel unserer Träume
© Jochen Müller Diesen feudalen Luxus hatten wir uns redlich verdient.
Irgendwann kamen wir an einem kleinen Wellblechverschlag an, es hieß sich Nahrung einzuverleiben,
© Jochen Müller Home sweet Home
was wir auch taten. Wer weiß, ob wir jemals wieder dazu Gelegenheit haben würden? Die Schärfe der Chilischoten weckte die Lebensgeister, was uns über die letzten zwei Stunden rettete. Als wir in Jambi ankamen waren wir seltsam euphorisiert. Eine Frau im Bus, die ein wenig Englisch sprach, übersetzte unseren Wunsch zu einer Unterkunft in der Nähe des Busbahnhofs gebracht zu werden. Irgendwo auf der Straße wurden wir ausgeladen, vor uns stand ein großer Bus auf der anderen Seite sei ein Gästehaus. Wir versicherten uns, dass hier anderntags ein Bus nach Jambi fahren sollte, bedankten uns bei unserer Übersetzerin und dem Fahrer für das Erlebnis und bezogen unsere Unterkunft. Dass dieses Gästehaus die mit Abstand schäbigste Unterkunft unserer bisherigen Reise war, störte uns nicht im Geringsten. Wir fanden Nahrung, wir fanden das wohlverdiente euterwarme Bier, einigten uns mit unseren sechsbeinigen Zellengenossen darauf, welche Seite der Kammer für diese Nacht wem zustand und freuten uns auf eine angenehme Weiterfahrt nach Jakarta. Sie sollte um elf Uhr morgens losgehen und maximal 24 Stunden dauern...
Fortsetzung folgt...
Jochen Müller
An der Anlegestelle wurden wir von einer Horde Männer empfangen, die alle durcheinander riefen. Erst nach einer Weile verstand ich, dass sie alle dasselbe schrien, fortwährend wiederholend. „Jambi?", manchmal auch „Jambi!", gerne auch mit diversen Gesten untermalt. Dem ersten entgegnete ich noch: „Danke, ich habe keinen Hunger". Erst sein Blick verriet mir, dass es sich bei Jambi nicht um ein Gericht handeln konnte. Wir fanden den Weg vom Bootsanleger und hatten bis hier hin nur so viel verstanden. In Tungkal, wo auch immer das war, gab es nicht viel mehr als einen Grund weg zu fahren. Nach Jambi. Wo auch immer das nun wieder sein sollte. Grund genug also um es auszuprobieren. Wir einigten uns auf einen Fahrer, der zumindest fast so viel Englisch sprach um uns beinahe versichern zu können, dass Jambi vielleicht eher südlich von Tungkal lag. Ungefähr. Er verstand scheinbar, dass wir nach Jakarta wollten und mit einigem guten Willen konnte man meinen er versichere uns, dass Jambi auf dem Weg dorthin lag. Zumindest schien er völlig davon überzeugt, dass es das Richtige für uns sei nach Jambi zu fahren. Also ergaben wir uns seiner Sicherheit und nahmen in seinem Gefährt platz. Ach wie wenig doch ein einzelnes Wort die Wirklichkeit widerspiegeln kann. Platz nehmen heißt nicht Platz bekommen. Denn in einen offensichtlich talentlos in Eigenarbeit zusammen geschusterten Kleinbus mit neun Sitzen passen erwiesenermaßen zwölf Leute. Und die Musikboxen, so groß wie weitere zwei Fahrgäste, die in steter Wiederholung erst Eminem, Rihanna und Jennifer Lopez und dann einheimische Schnulzenlegenden zum Besten gaben. Bis das Band sein Ende erreicht hatte und von vorne begann.
In die Sache kommt Bewegung
Gerade als wir uns fragten, wann es denn losginge, spürten meine Mechanorezeptoren eine gewisse Bewegung. Meine Augen jedoch vermeldeten keinerlei vorankommen. Was auch gut so war, immerhin saß niemand am Steuer. Dann hörten wir so etwas wie ein Hämmern, ich sah in den Außenspiegel und verstand. Die Bewegung kam vom Wagenheber, das Hämmern vom Hammer, klar, oder? Bis mein Gehirn diese Informationen zu einem Gesamtbild gefügt hatte, war der Kleinbus allerdings schon wieder herabgelassen worden, das Gehämmer hinter dem Hinterrad wurde offensichtlich erfolgreich eingestellt und die Fahrt konnte losgehen. Mehr aus einem Reflex fragten wir, wie lange die Fahrt nach Jambi denn dauern würde. Was auch immer der Fahrer verstand, die Antwort lautete „eine Stunde". Die kleine, zweifelnde Stimme in meinem Ohr rang ich nieder. Um ungelegte Eier wollte ich mir keine Gedanken machen.
Als die Fahrt dann nach genau vier Kurven ihr vorläufigen Ende fand, war ich nicht halb so erfreut wie ich es hätte sein können. Ich möchte es nicht als Überheblichkeit verstanden wissen, dass ich daran zweifelte, dass Jambi ein Viertel von Tungkal war. Dazu war Tungkal einfach zu klein. Alle Gedanken kamen zu einem Ende, als der Wagenheber wieder zum Einsatz kam und den Kleinbus samt aller Insassen erneut anhob. Wieder war Gehämmer zu hören. Diesmal blickte keiner in den Rückspiegel. Es gibt auch ungutes Wissen. Wir vertrauen auf die Professionalität des Fahrers und seines kompetenten Gehilfen, die dem Vehikel einen weiteren Lebenstag einhauchten.
Allein der Abschied von Fahrer und Gehilfe flöste mir Unbehagen ein. Freilich verstand ich die Worte nicht, doch der kleine Mann im Ohr wollte es mir als ein „Lebe Wohl" übersetzen, wogegen ich mich mit aller Vehemenz stemmte, zu der ich in der Lage war. Das wird schon, es würde ja nur eine Stunde dauern. Woher kam nur dieses ungläubige Gekicher?
Eine lange Stunde
Gegen sechs kamen wir letztlich in Tungkal los. Bis wir gegen neun Uhr abends in Jambi ankamen, hatten die Fragen lange aufgehört, wie lange in Indonesien wohl eine Stunde dauern konnte. Abgesehen davon waren wir viel zu beschäftigt damit diese Krater zu bewundern, mit der die Straßen so kunstvoll dekoriert waren. Hier waren Meister ihres Fachs am Werke gewesen. Und wir verstanden auch schnell, wieso eine so eingehende Überprüfung der Stoßdämpfer vor der Fahrt essentiell war.
Es war gleichermaßen beeindruckend wie beängstigend, wie sich dieses klapprige Gefährt zwischen bombentrichtergroßen Schlaglöchern vorbei schlängelte, oder auch hindurch, wenn keine Möglichkeit bestand allen Hindernissen auszuweichen. Der Gegenverkehr bremste stets nur so viel ab um uns den nötigen Millimeter Platz zu lassen. Kaum waren wir aneinander vorbeigefahren schoss ein Moped aus dem Windschatten hervor, wir setzten zum nächsten Überholvorgang an oder irgendjemand anderes überholte uns. Chapeau.
Am Ziel unserer Träume
Irgendwann kamen wir an einem kleinen Wellblechverschlag an, es hieß sich Nahrung einzuverleiben,
Fortsetzung folgt...
Jochen Müller
Kommentare zu "Eine Tortur in drei Akten. Zweiter Akt."
"Eine Tortur in drei Akten. Zweiter Akt." kommentieren


Kinners, Kinners! Wo seid Ihr denn da gelandet, aber wie Du es mal wieder beschreibst freut sich doch das Zwerchfell von Herzen. Und wir machen uns hier Gedanken, ob der letzte Spargel noch gut genug ist. Ts, ts!! Grüße Gisi