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14. Juni 2012
Eine Tortur in drei Akten. Erster Akt.
Wie kommt man auf schnellstem Wege von A nach B? Regelmäßige Leser unseres Blogs werden bereits ahnen, was nun kommt, denn Flugzeuge meiden wir bekanntlich. Was nicht immer nur Vorteile hat. Die knappen 1800 Kilometer von Singapur nach Jakarta hatten es in sich.
Müde nahmen wir unsere Plätze ein. Die Segeltuchsitze waren bequem genug um es sich halbwegs gemütlich zu machen, die Maschine röhrte unter uns wie ein Rennpferd in der Box, bereit um loszupreschen. Wir öffneten unsere Eiskaffeedosen, die wir uns von unseren letzten Singapurdollar gekauft hatten und beobachteten, wie sich die Fähre füllte. Erst mit ausschließlich westlichen Männern, dann mit ausschließlich westlichen Golftaschen. Unsere Reiserucksäcke wirkten so fehl am Platze wie wir in unseren nicht ganz taufrischen Klamotten. Mit den Kaffeedosen in der Hand bewegten wir uns ans Heck um eine Zigarette zu rauchen, vielleicht auch um den Gesprächen um Golf und Geldanlagemöglichkeiten zu entfliehen. Ein Mann sprach uns an, wo wir herkämen, wo wir hinwollten. Deutschland, Jakarta. Aha. Ja, er sei, wie alle anderen auf dieser Fähre, auf dem Weg nach Batam zu einem Golfturnier. In diesem Satz gingen wir so unter wie auf der Fähre.
Es war sieben Uhr früh und der Auftakt zu einem zweitägigen Marathon aus Boots- und Busfahrten, der sich gewaschen hatte. Doch zu dieser Stunde war alles, woran wir dachten, die Frage, ob wir es überhaupt über die Grenze nach Indonesien schafften. Als wir in Bangkok ein Visum beantragen wollten, wurden wir abgewiesen. Ohne Beleg für eine Ausreise, sprich ohne gebuchten Flug, konnten wir kein Visum beantragen. Der Beamte riet uns dazu „Visa on Arrival" zu machen, denn an den Grenzen würden die benötigten Buchungen nur selten überprüft. So buchten wir uns die Fähre von Singapur nach Batam, der nächstgelegenen indonesischen Insel und unweigerlichen ersten Station für alle Schiffsreisen dieser Route. Nach 20 Kilometern und etwas über einer Stunde kamen wir auf Batam an. Die Golfer und ihre Taschen wurden professionell ausgeladen, wir schulterten unsere Rucksäcke und schlurften in Richtung Visumsschalter. Die Befürchtungen, dass wir wieder umkehren mussten, lösten sich sofort in Luft auf, als der Beamte uns lediglich nach genug Rupiah fragte um die Visa bezahlen zu können. Als wir nach einem Geldautomaten fragten, wurde ich durch alle Absperrungen hindurch zitiert und fand ihn auf indonesischem Boden, gleich hinter der Zollabfertigung. Ich ging unbehelligt hinein wie hinaus, die Grenzbeamten schienen so müden zu sein wie wir und an Abweisung nicht im Geringsten interessiert. Ich holte Geld, zahlte die Gebühr, und wir bekamen unsere Klebchen in die Pässe. Herzlich Willkommen in Indonesien.
Soweit so gut
Was nun? Schnell fanden wir heraus, dass es eine direkte Fährverbindung von hier nach Jakarta gab. Doch natürlich war dies viel zu einfach. Denn diese Fähre fuhr nur einmal die Woche. An sich kein Problem, wer wollte nicht schon einmal drei Tage auf einer Insel, gemeinsam mit einem Rudel amerikanischer Golfer verbringen, ihren Finanz- und Golf-Tips lauschen und sich gegenseitig versichern, dass kein Mensch, der seine Sinne halbwegs beisammen habe seine Frau an „solch einen Ort" bringen würde. Aus diesem Grunde kamen sie auch alle lediglich mit ihrem Golftäschchen, selbstverständlich wohnten sie nicht auf Batam, sie fuhren jeden Abend zurück nach Singapur, zurück „in die Zivilisation". Wir hätten also wenigstens entspannte Nächte auf Batam verbringen können. Allerdings zu viele, denn die Fähre wäre erst abends in Jakarta angekommen, an dem Tag, an dem meine Freundin mittags am dortigen Flughafen landen sollte. Und ich wollte sie ja nicht an „solch einem Ort" alleine stehen lassen, fern der „Zivilisation". Klar. Unsere Missbilligung ob dieser Ignoranz sollte sich in den folgenden 50 Stunden jedoch ein wenig relativieren.
Mit 1050 PS über das Meer
Doch auch eine Alternative war schnell aufgetan. Wir fanden eine Schnellbootverbindung nach Tungkal, was uns zwar völlig unbekannt war, jedoch erwiesenermaßen auf Sumatra lag. Nach dem Motto Schritt für Schritt auf der Hühnerleiter würden wir uns also nach Süden vorarbeiten, immer in Richtung Java, der Insel auf der auch Jakarta liegt. Wir zahlten die Überfahrt und bestiegen sofort das Boot, denn das Glück wollte es, dass es in wenigen Minuten ablegen sollte. Als wir das zweite Gefährt des Tages sahen, konnte ich mir ein „Alter Schwede!", nicht verkneifen. Schnittig, niedrig, martialisch motorisiert. Der Titel Schnellboot schien verdient. Am Heck zählte ich sieben Außenborder à je 150 PS. 1050 Pferde sollten uns über das Wasser galoppieren. Und genau das taten sie. Wir nahmen in der Front Platz, die Sitze wie in einem Flugzeug arrangiert, das Röhren der Maschinen durchaus an Turbinen erinnernd, während Männer abwechselnd Gebäck, gebratenen Reis, Getränke, Zeitungen, Uhren oder Schmuck feilboten. Wir widerstanden allen Angeboten, bis auf das Gebäck und den Reis, obwohl die Aussicht auf ein indonesisches Kreuzworträtselheft eine seltsame Verlockung darstellte. Nein Danke, ich möchte keine Sonnebrille kaufen, sehen sie, ich habe bereits eine im Haar stecken. Der Mann zeigte auf seinen eigenen Kopf, natürlich steckten dort zwei Sonnenbrillen. Sein Blick verriet mir, dass er bereits seit langem begriffen hatte, dass es auf jede ablehnende Antwort die passende Reaktion gab. Die Argumente waren mir also ausgegangen, nicht jedoch die Sturheit. Letztlich musste sich auch dieser Verkäufer meiner Geheimwaffe geschlagen geben. Stetige Wiederholung der drei magischen Wörter „no, thank you". Dazu muss man nicht mal ganz wach sein. Als das Boot dann ablegte, war es mit der Müdigkeit schlagartig vorbei. Und der Ausspruch „Heidewitzka, Herr Kapitän" bekam endlich die nötige Bedeutung. Im Boot saßen etwa hundert Leute. Das machte zwar rein rechnerisch nur 10,5 Pferde pro Person, doch wenn man bedenkt, dass ebenso rein rechnerisch ein Pferd knappe 20 PS an Stärke entwickeln kann, dann machten das also quasi 200 PS pro Person, was mir schon realistischer erschien.
Wasserrodeo
Manchmal hob das gesamte Boot vom Wasser ab, durch eine kleine Welle wie von einer Sprungschanze empor gehoben und krachte mit einem dumpfen Geräusch und einem gar nicht so dumpfen Ruck, der Material wie Insassen gleichermaßen erfasste, wieder auf die Oberfläche. Diese Oberfläche, dieses Wasser, in das man so gerne hineinspringt, mit dem man herumspritzen kann, dieses so harmlos wirkende Etwas, schien in diesen Momenten wie reiner Beton. Wir wurden aus den Sitzen gehoben und landeten alle gemeinsam wieder darin. Ich war von Bewunderung erfüllt, als ich bemerkte, dass Peer eingeschlafen war. Oder, mit einem mal erfüllte mich Sorge, denn in dieser Position kann doch kein Mensch schlafen und bei diesem Flummi-Gehüpfe sowieso nicht, meine Güte, vielleicht war er ohnmächtig? Hatte die letzte Welle nicht ein Geräusch von gebrochenen Knochen nach sich gezogen? Sein Kopf baumelte so haltlos hin und her, der Mund stand offen, ich konnte nicht anders, fasste ihn an der Schulter. Doch die Augen gingen auf, aus dem eben noch so leblos wirkenden Mund kam ein unartikuliertes Geräusch, welches ich als Ablehnung angesichts dieser Störung interpretierte, und ich gab es auf und mich hin.
Die Geräusche, die das Boot von sich gab, wenn es mal wieder aufschlug, trieben uns den Angstschweiß auf die Stirn. Das Wort Materialermüdung geisterte mir durch den Verstand. Alles zitterte, alles bebte, selbst den Kapitän schleuderte es einmal von seinem Sitzhocker, wir Fahrgäste konnten uns wenigstens aneinander festhalten, er sich letztlich nur am Gashebel, auch klar.
Der Ritt über die Wellen
Natürlich standen die Einganstüren auf beiden Seiten des Bootes offen. Dort standen die Raucher, lehnten sich am „Rauchen verboten" Schild an, ein Fuß in der Kabine, einer auf den Stufen, die Hand am Geländer verkrampft und dabei so lässig-lasziv wirkend wie die Jungs, die auf dem Jahrmarkt die Chips für die Fahrgeschäfte einsammeln, während sie mit einer Pobacke auf dem Autoscooter mitfahren, die Girls auf der anderen Seite der Bahn fest im Blick. Hier richtete sich der Blick auf die Wellen, die in der Geschwindigkeit zu einer konturlosen Masse verschwommen, über die unser Boot hinweg flog als triebe Poseidon selber uns an. Neben mir saß seit dem letzten Halt eine junge Frau, sie sprach mich an, wer ich sei, wo ich herkäme, warum ich dieses Boot benutze und kein Flugzeug. Ich erklärte es, wie der Moment es vorgab. „Fliegen ist langweilig", sagte ich. Und als sie wieder in ihrem Sitz landete, verstand sie, und lachte. Das Eis war gebrochen und wir unterhielten uns. Sie war Zahnärztin auf einer Insel auf halber Strecke von Batam nach Tungkal. Gerade, als ich dachte, dass wir daher noch genug Zeit hätten für eine ausgiebige Unterhaltung über das hiesige Gesundheitssystem, bereitete sie sich auf die Ankunft vor. Jetzt schon? Das Schnellboot hätte auch Jetboot heißen können, es wäre keine Übertreibung gewesen.
Als wir gegen halb fünf am Nachmittag in Tungkal ankamen, hatten wir bereits über 600 Kilometer Strecke geschafft. Doch so schnell wie wir bis hierhin gereist waren, so langsam sollte es von nun an weiter gehen.
Jochen Müller
Müde nahmen wir unsere Plätze ein. Die Segeltuchsitze waren bequem genug um es sich halbwegs gemütlich zu machen, die Maschine röhrte unter uns wie ein Rennpferd in der Box, bereit um loszupreschen. Wir öffneten unsere Eiskaffeedosen, die wir uns von unseren letzten Singapurdollar gekauft hatten und beobachteten, wie sich die Fähre füllte. Erst mit ausschließlich westlichen Männern, dann mit ausschließlich westlichen Golftaschen. Unsere Reiserucksäcke wirkten so fehl am Platze wie wir in unseren nicht ganz taufrischen Klamotten. Mit den Kaffeedosen in der Hand bewegten wir uns ans Heck um eine Zigarette zu rauchen, vielleicht auch um den Gesprächen um Golf und Geldanlagemöglichkeiten zu entfliehen. Ein Mann sprach uns an, wo wir herkämen, wo wir hinwollten. Deutschland, Jakarta. Aha. Ja, er sei, wie alle anderen auf dieser Fähre, auf dem Weg nach Batam zu einem Golfturnier. In diesem Satz gingen wir so unter wie auf der Fähre.
Es war sieben Uhr früh und der Auftakt zu einem zweitägigen Marathon aus Boots- und Busfahrten, der sich gewaschen hatte. Doch zu dieser Stunde war alles, woran wir dachten, die Frage, ob wir es überhaupt über die Grenze nach Indonesien schafften. Als wir in Bangkok ein Visum beantragen wollten, wurden wir abgewiesen. Ohne Beleg für eine Ausreise, sprich ohne gebuchten Flug, konnten wir kein Visum beantragen. Der Beamte riet uns dazu „Visa on Arrival" zu machen, denn an den Grenzen würden die benötigten Buchungen nur selten überprüft. So buchten wir uns die Fähre von Singapur nach Batam, der nächstgelegenen indonesischen Insel und unweigerlichen ersten Station für alle Schiffsreisen dieser Route. Nach 20 Kilometern und etwas über einer Stunde kamen wir auf Batam an. Die Golfer und ihre Taschen wurden professionell ausgeladen, wir schulterten unsere Rucksäcke und schlurften in Richtung Visumsschalter. Die Befürchtungen, dass wir wieder umkehren mussten, lösten sich sofort in Luft auf, als der Beamte uns lediglich nach genug Rupiah fragte um die Visa bezahlen zu können. Als wir nach einem Geldautomaten fragten, wurde ich durch alle Absperrungen hindurch zitiert und fand ihn auf indonesischem Boden, gleich hinter der Zollabfertigung. Ich ging unbehelligt hinein wie hinaus, die Grenzbeamten schienen so müden zu sein wie wir und an Abweisung nicht im Geringsten interessiert. Ich holte Geld, zahlte die Gebühr, und wir bekamen unsere Klebchen in die Pässe. Herzlich Willkommen in Indonesien.
Soweit so gut
Was nun? Schnell fanden wir heraus, dass es eine direkte Fährverbindung von hier nach Jakarta gab. Doch natürlich war dies viel zu einfach. Denn diese Fähre fuhr nur einmal die Woche. An sich kein Problem, wer wollte nicht schon einmal drei Tage auf einer Insel, gemeinsam mit einem Rudel amerikanischer Golfer verbringen, ihren Finanz- und Golf-Tips lauschen und sich gegenseitig versichern, dass kein Mensch, der seine Sinne halbwegs beisammen habe seine Frau an „solch einen Ort" bringen würde. Aus diesem Grunde kamen sie auch alle lediglich mit ihrem Golftäschchen, selbstverständlich wohnten sie nicht auf Batam, sie fuhren jeden Abend zurück nach Singapur, zurück „in die Zivilisation". Wir hätten also wenigstens entspannte Nächte auf Batam verbringen können. Allerdings zu viele, denn die Fähre wäre erst abends in Jakarta angekommen, an dem Tag, an dem meine Freundin mittags am dortigen Flughafen landen sollte. Und ich wollte sie ja nicht an „solch einem Ort" alleine stehen lassen, fern der „Zivilisation". Klar. Unsere Missbilligung ob dieser Ignoranz sollte sich in den folgenden 50 Stunden jedoch ein wenig relativieren.
Mit 1050 PS über das Meer
Doch auch eine Alternative war schnell aufgetan. Wir fanden eine Schnellbootverbindung nach Tungkal, was uns zwar völlig unbekannt war, jedoch erwiesenermaßen auf Sumatra lag. Nach dem Motto Schritt für Schritt auf der Hühnerleiter würden wir uns also nach Süden vorarbeiten, immer in Richtung Java, der Insel auf der auch Jakarta liegt. Wir zahlten die Überfahrt und bestiegen sofort das Boot, denn das Glück wollte es, dass es in wenigen Minuten ablegen sollte. Als wir das zweite Gefährt des Tages sahen, konnte ich mir ein „Alter Schwede!", nicht verkneifen. Schnittig, niedrig, martialisch motorisiert. Der Titel Schnellboot schien verdient. Am Heck zählte ich sieben Außenborder à je 150 PS. 1050 Pferde sollten uns über das Wasser galoppieren. Und genau das taten sie. Wir nahmen in der Front Platz, die Sitze wie in einem Flugzeug arrangiert, das Röhren der Maschinen durchaus an Turbinen erinnernd, während Männer abwechselnd Gebäck, gebratenen Reis, Getränke, Zeitungen, Uhren oder Schmuck feilboten. Wir widerstanden allen Angeboten, bis auf das Gebäck und den Reis, obwohl die Aussicht auf ein indonesisches Kreuzworträtselheft eine seltsame Verlockung darstellte. Nein Danke, ich möchte keine Sonnebrille kaufen, sehen sie, ich habe bereits eine im Haar stecken. Der Mann zeigte auf seinen eigenen Kopf, natürlich steckten dort zwei Sonnenbrillen. Sein Blick verriet mir, dass er bereits seit langem begriffen hatte, dass es auf jede ablehnende Antwort die passende Reaktion gab. Die Argumente waren mir also ausgegangen, nicht jedoch die Sturheit. Letztlich musste sich auch dieser Verkäufer meiner Geheimwaffe geschlagen geben. Stetige Wiederholung der drei magischen Wörter „no, thank you". Dazu muss man nicht mal ganz wach sein. Als das Boot dann ablegte, war es mit der Müdigkeit schlagartig vorbei. Und der Ausspruch „Heidewitzka, Herr Kapitän" bekam endlich die nötige Bedeutung. Im Boot saßen etwa hundert Leute. Das machte zwar rein rechnerisch nur 10,5 Pferde pro Person, doch wenn man bedenkt, dass ebenso rein rechnerisch ein Pferd knappe 20 PS an Stärke entwickeln kann, dann machten das also quasi 200 PS pro Person, was mir schon realistischer erschien.
Wasserrodeo
Manchmal hob das gesamte Boot vom Wasser ab, durch eine kleine Welle wie von einer Sprungschanze empor gehoben und krachte mit einem dumpfen Geräusch und einem gar nicht so dumpfen Ruck, der Material wie Insassen gleichermaßen erfasste, wieder auf die Oberfläche. Diese Oberfläche, dieses Wasser, in das man so gerne hineinspringt, mit dem man herumspritzen kann, dieses so harmlos wirkende Etwas, schien in diesen Momenten wie reiner Beton. Wir wurden aus den Sitzen gehoben und landeten alle gemeinsam wieder darin. Ich war von Bewunderung erfüllt, als ich bemerkte, dass Peer eingeschlafen war. Oder, mit einem mal erfüllte mich Sorge, denn in dieser Position kann doch kein Mensch schlafen und bei diesem Flummi-Gehüpfe sowieso nicht, meine Güte, vielleicht war er ohnmächtig? Hatte die letzte Welle nicht ein Geräusch von gebrochenen Knochen nach sich gezogen? Sein Kopf baumelte so haltlos hin und her, der Mund stand offen, ich konnte nicht anders, fasste ihn an der Schulter. Doch die Augen gingen auf, aus dem eben noch so leblos wirkenden Mund kam ein unartikuliertes Geräusch, welches ich als Ablehnung angesichts dieser Störung interpretierte, und ich gab es auf und mich hin.
Die Geräusche, die das Boot von sich gab, wenn es mal wieder aufschlug, trieben uns den Angstschweiß auf die Stirn. Das Wort Materialermüdung geisterte mir durch den Verstand. Alles zitterte, alles bebte, selbst den Kapitän schleuderte es einmal von seinem Sitzhocker, wir Fahrgäste konnten uns wenigstens aneinander festhalten, er sich letztlich nur am Gashebel, auch klar.
Der Ritt über die Wellen
Natürlich standen die Einganstüren auf beiden Seiten des Bootes offen. Dort standen die Raucher, lehnten sich am „Rauchen verboten" Schild an, ein Fuß in der Kabine, einer auf den Stufen, die Hand am Geländer verkrampft und dabei so lässig-lasziv wirkend wie die Jungs, die auf dem Jahrmarkt die Chips für die Fahrgeschäfte einsammeln, während sie mit einer Pobacke auf dem Autoscooter mitfahren, die Girls auf der anderen Seite der Bahn fest im Blick. Hier richtete sich der Blick auf die Wellen, die in der Geschwindigkeit zu einer konturlosen Masse verschwommen, über die unser Boot hinweg flog als triebe Poseidon selber uns an. Neben mir saß seit dem letzten Halt eine junge Frau, sie sprach mich an, wer ich sei, wo ich herkäme, warum ich dieses Boot benutze und kein Flugzeug. Ich erklärte es, wie der Moment es vorgab. „Fliegen ist langweilig", sagte ich. Und als sie wieder in ihrem Sitz landete, verstand sie, und lachte. Das Eis war gebrochen und wir unterhielten uns. Sie war Zahnärztin auf einer Insel auf halber Strecke von Batam nach Tungkal. Gerade, als ich dachte, dass wir daher noch genug Zeit hätten für eine ausgiebige Unterhaltung über das hiesige Gesundheitssystem, bereitete sie sich auf die Ankunft vor. Jetzt schon? Das Schnellboot hätte auch Jetboot heißen können, es wäre keine Übertreibung gewesen.
Als wir gegen halb fünf am Nachmittag in Tungkal ankamen, hatten wir bereits über 600 Kilometer Strecke geschafft. Doch so schnell wie wir bis hierhin gereist waren, so langsam sollte es von nun an weiter gehen.
Jochen Müller
"Eine Tortur in drei Akten. Erster Akt." kommentieren

