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18. Juni 2012
Eine Tortur in drei Akten. Dritter Akt.
Die Sonne schien, die Blumen blühten, wir hatten fast gut geschlafen und waren so bereit wie wir es nur ging. Für eine klimatisierte Reisebusfahrt von Jambi nach Jakarta, die angeblich 24 Stunden dauern sollte. Nicht alles an diesem Satz ist eine Lüge, so viel sei verraten.
Nein keine Sorge, der Kleinbus ist nicht der Bus nach Jakarta. Dieser bringt Euch nur zum Busbahnhof. Dass der Bus, der uns dort erwartete nur wenig größer war, überraschte uns dann allerdings kaum noch. Als ich einstieg und mir dabei beinahe die Hüfte auskugelte, weil nicht mein ganzer Körper an einem Stück auf den Sitz passen wollte, schwante mir jedoch übles. Doch man hatte ein Einsehen mit uns, es wurde uns gestattet jeweils einen Doppelsitz zu beanspruchen. Der Bus war kaum halbvoll als wir losfuhren. Keiner von uns gab sich der Hoffnung hin, dass es so bleiben würde, doch wir genossen den Luxus, so lange er Bestand hatte. Derweil konzentrierten wir uns auf das Positive. Wir würden definitiv rechtzeitig in Jakarta ankommen, selbst wenn der Bus doppelt solange wie angegeben brauchen würde. Der Innenraum war auch wirklich klimatisiert. Und zur allergrößten Freude sogar in einem angenehmen Maß. Die Tiefkühltemperaturen mancher Klimaanlagen sind noch unangenehmer als die Hitze des Dschungels. Nicht in diesem Bus, das war löblich. Doch sonst. Nun ja. Dass wir hin und wieder anhalten mussten um diverse Dinge zu reparieren, wer wollte sich darüber beschweren? Dass es sich bei diesen Dingen um solche Banalitäten wie das Kupplungspedal handelte, wen sollte das kümmern? Dass die Abdeckung des Mittelgangs abgenommen wurde, um im Getriebe herumzufuhrwerken, was sollte uns das scheren? Das dort verstaute Gepäck, das so lange umverteilt wurde, machte auch keinen Unterschied mehr. Und immerhin rührte der Busfahrer sowieso an seinem Schalthebel herum wie Mutti in der Gulaschkanone. Das Positive war doch, dass wir ZWEI Fahrer hatten, die sich immerhin abwechseln konnten. Der Eine konnte schlafen, der Andere fahren. Genauer gesagt hätte er schlafen können, wenn er nicht seine Zigaretten oder die Spiele auf seinem Handy interessanter gefunden hätte oder zu den diversen Reparaturen herangezogen werden musste. Ach, was soll's, nebensächlich, wer sich über solche Unwägbarkeiten aufregt, der versteht doch nicht worum es hier eigentlich geht. Wir kamen voran, und bekanntlich ist nur Stillstand der Tod, also wer waren wir, dass wir uns beschwerten? Wir hatten jeweils eine Sitzbank für uns und das war doch Luxus... wobei... das stimmte so nicht ganz.
Platzprobleme
Bei den diversen Stops waren immer mehr Leute eingestiegen. Mittlerweile hatten sich die Reihen gefüllt. Es gab nur noch einen freien Platz. Neben mir. Neben Peer hatte sich ein altes Mütterchen gesetzt. Als ich ihn ansah erschrak ich. Dieser Blick, ich werde ihn wohl nie vergessen. Wie er da saß, eingepfercht ist gar kein Ausdruck, in den nicht ausreichenden Platz geknotet wie eine Karikatur, mit seinem überdimensionierten Tagesrucksack auf dem Schoß und diesen großen Augen, die mich so hilfesuchend anblickten. Wo hatte er eigentlich seine Arme untergebracht? Ich konnte sie nicht entdecken. Sein Kinn ruhte auf dem Rucksack, sein Kopf war alles, was von ihm zu sehen war. Und darin diese traurigen Augen, neidisch-weinerlich auf den freien Platz neben mit gerichtet, auf dem es sich mein linkes Bein gemütlich machte. Ich hätte ihm gerne seinen Rucksack abgenommen, allein wohin damit? Doch dieser Anblick ließ mich dann doch aufstehen. Ich konnte es einfach nicht ertragen. Also sein Rucksack in meinen Fußraum gelegt und auch das zweite Bein auf die Sitzbank drapiert. Muss auch so gehen. Ich armer Tropf. Als der Bus ein weiteres Mal hielt und wieder mehr Fahrgäste hineinließ rächte sich meine Niederträchtigkeit freilich bitterlich. Peer rückte zu mir auf und es war vorbei mit der Gemütlichkeit. Es hieß wieder für beide gemeinsam Personen-Origami. Die einzige Abwechslung bestand darin, dass wir nach den jeweiligen Pausen die Sitze wechselten. So dass jeder mal die Beine in den Gang ausstrecken konnte. Dafür baumelte dann der Kopf ungehindert hin und her. Wer das Unglück hatte seine Beine nicht ausstrecken zu können, konnte hingegen das müde Haupt an die Gardinenstange anlehnen, die genau so tief positioniert war, dass nach einigen Stunden ein leichtes Hämatom die Schläfe zierte. Die regelmäßigen Schläge prügelten uns langsam aber sicher in eine Besinnungslosigkeit, die Schlaf, von außen gesehen, nicht unähnlich war.
Gute Nacht
Irgendwann hielten wir mal wieder an einem dieser im Busch verteilten Truckstops. Es gab Toiletten, Gebetshäuser und ein kleines Restaurant. Manchmal auch so hundserbärmlichen Gestank, dass einem ganz grün um die Nase wurde, in jedem Fall aber den Genuss die Glieder ausstrecken zu können. Wir sammelten unser Chi, leiteten es von der Nase hinweg in die Knie und erfreuten uns an dem, was wir hatten. So lange wie wir es hatten. Die Nelkenzigaretten der anderen Fahrgäste versuchten den Gestank nach verwesendem Ungetier zu überdecken, manchmal schafften sie es sogar. Dann ging es zurück in unser frisch repariertes Vehikel und wir konnten uns auf die nächste Etappe freuen.
Die Nacht kam schlagartig, wie es für die Äquatorregion üblich ist. Innerhalb weniger Minuten wechselte die Szenerie von taghell zu stockfinster. Bis dahin hatte mich mein Buch effektiv abgelenkt, von nun an musste ich mir selber Geschichten erzählen, denn mein mp3 Spieler hatte vergessen sich selbst aufzuladen. Danke auch. Es folgte eine Phase der Hingabe. Die Gegenwehr als sinnlos einsehend gab ich mich den diversen Beschleunigungskräften hin. Wer schon einmal eine Daunenjacke zusammen mit einem Tennisball in der Waschmaschine gewaschen hat, um das Verkleben der Daunen zu verhindern, weiß, wie es uns in dieser Nacht erging. Immerhin saßen wir genau hinter dem Fahrer, was den Vorteil hatte, dass wir erstens auf die Straße sehen konnten, was einigermaßen unterhaltsam war. Zweitens konnten wir den Fahrer im Auge behalten und Anzeichen von Müdigkeit rechtzeitig entdecken. Nicht, dass wir im Falle von Sekundenschlaf hätten einschreiten können, aber ein wenig Vorbereitung nimmt der Unfallgefahr ihren Schrecken.
Die Fähre
Als die Sonne aufging konnte keiner von uns sagen, wie lange wir nun schon unterwegs waren. Das Gefühl für die Zeit ist so eine Sache, es ist so relativ wie die Zeit selbst. Man wird philosophisch auf Fahrten wie dieser. Wieder gab es einen Halt, diesmal war die Gegend deutlich städtischer. Es hieß, wir seien der Fähre nah. Wir nickten nur, gaben uns keiner Hoffnung hin, versuchten Enttäuschungen zu vermeiden und konnten doch nicht ganz verhindern uns auf eine Fähre zu freuen, mit Sonnendeck, reichhaltigem Toilettenangebot und zwei Stunden beinahe ungehinderten Auslaufs. Als wir nur unwesentlich später ins Hafengelände einfuhren wurde der Bus einer Polizeikontrolle unterzogen. Will heißen der Bus hielt an einem Wellblechverschlag an, ein bemützter Beamter streckte seinen Kopf hinein, blickte uns, und nur uns, abschätzig an, kontrollierte unsere, und nur unsere, Papiere, tauschte Nettigkeiten, hoffentlich nur Nettigkeiten, mit dem Fahrer aus, fragte das übliche woher und wohin und gab es schnell auf nach dem Sinn dieser Busreise zu fragen. „Why you no fly?", „We no fly". Das musste reichen und es reichte auch. In mehrerlei Hinsicht.
© Jochen Müller Hauptsache sie schwimmt.
Zen
Der Bus kletterte auf diesen schwimmenden Klumpen Rost, wir kletterten über die noch trittsichere Treppe ans Oberdeck und ja, ab hier gab es zwei Stunden Wonne. Und Sonne. Die Hitze war unwichtig, die nicht enden wollenden Verkaufsveranstaltungen waren unwichtig, der ebenso nicht enden wollende Müllregen, der sich von den Fahrgästen aus ins Meers ergoss war unwichtig, die Karaokeveranstaltung ebenso wie der gleichzeitig zum Gebet rufende Muezzin. Wir waren längst in einem Zustand des Zen, des meditativen Versinkens im Augenblick. Man kann auch Willenlosigkeit dazu sagen. Wir stärkten uns an in fett getränkten Dingen, die in fett getränkte Lappen gewickelt waren, löschten die sensorische Erinnerung daran mit den dazu gereichten frischen Chili und überteuertem Orangensaft aus und rauchten wie die Geisteskranken um nicht den Platz neben dem Schornstein verlassen zu müssen. Warum auch immer.
© Jochen Müller Ob im Schiffsinneren oder auf dem Oberdeck. Eine Verkaufsveranstaltung jagt die nächste.
Auf Java, noch nicht am Ziel
Die Ankunft auf Java verlief routiniert, die Zeit waberte dahin, wir mit ihr in einer zähflüssigen Masse aus Leibern, die Treppe hinab, durch die Busse und LKWs mit ihren bereits laufenden Motoren, ab und an völlig eingehüllt von schwarzen Dieselwolken. Unwichtig, nichts hat Bestand, alles ist vergänglich. Hinein in den Bus, es muss ja weiter gehen. Geht's noch? Da geht noch einiges. Ich bin hier, Peer ist neben mir. Haben wir unsere Rucksäcke? Haben wir noch Wasser? Stumme Bestätigung und ein anerkennendes Nicken zu der Frau neben uns, die seit beinahe 30 Stunden ihr Kind auf dem Schoß hatte. Die Kleine begann zu mähren, wer wollte es ihr verübeln? Die Mutter blickte uns bedauernd an, wir lächelten und loben sie und ihr Kind. „Sie ist tapfer" sagten wir, nickten ihr zu, die Mutter bedankte sich still. Was sollte sie auch sagen. Der Bus schaukelte sich über die Rampe aufs Festland und danach unverändert weiter über das, was man nur Straße nannte, weil es auf der Karte so eingezeichnet war. Kaum auf festem Boden hielt der Bus schon wieder an, mal wieder eine Pause. Zu kraftlos um die Beine auszuschütteln, letztlich doch gingen wir doch hinaus, wenigstens stehen, damit das unweigerlich folgende Sitzen vielleicht, und wenn auch nur vielleicht, als Erholung angesehen werden konnte. Konnte es nicht, darüber waren wir hinaus. Das Hämatom wurde weiter von der Gardinenstange bearbeitet, kaum das der Bus anfuhr, der Fahrer hatte nicht mal mehr die Insassen gezählt. Schwund ist immer, abgesehen davon entfernte sich keiner mehr weiter als eine Armeslänge vom Bus, die meisten stützen sich daran, an dieses so hassgeliebte Fortbewegungsmittel. Das Ende ist nah, das Ende ist nah, das Ende ist nah. Man musste kein Hinduist sein, um Mantras zu rezitieren, nach 30 Stunden in einem indonesischen Bus.
© Jochen Müller Zwischen Mülleimer und Schornstein machten wir es uns bequem. Hauptsache nah am Rettungsboot.
Gleichmut
Wieder begann die Sonne glutrot zu versinken. Beim nächsten Blick war es finster und wir sind auf einer Art Autobahn. Schlaf? Ohnmacht? Die Grenzen waren längst nicht mehr auszumachen. Uns empfing der nächste Wahnsinn, Verkehr viel zu schnell für unsere übermüdeten Augen, rasende Lichter, dröhnende Motoren, von allem zu viel und doch nicht mehr in der Lage eine Reaktion hervorzurufen. Wir kamen an. Irgendwo in Jakarta. Kommentarlos stiegen wir aus, die Freude darüber würde folgen. Vielleicht. Unser Fahrer holte ein Taxi herbei, es war uns gleich wie viel er dafür bekäme oder was das für Konsequenzen für unseren Geldbeutel hätte. Wir zeigten ihm die Notiz, die wir noch bei klarem Verstand angefertigt hatten (im letzten Leben), mit der die Straße und dem von uns ausgesuchten Hostel. Er kannte beides und nannte seinen Preis. Mit letzter Kraft schaffte ich es dem Fahrer zu verdeutlichen, was ich von seinem ersten Angebot hielt. Ein verächtliches Schnauben war zwar nicht meine Intension, brachte die Message aber deutlich rüber. Irgendwie sank der Preis von 20 auf sieben Dollar, jaja, mein Dank grenzte an Hysterie, ich zeige das aus Prinzip nicht so deutlich, bitte nicht falsch verstehen. Wir wurden durch diese Stadt gefahren, Lichter, Geräusche, Gerüche, es war uns weniger als scheißegal. Wir kamen an, zahlten das Taxi, bekamen ein Zimmer, irgendwas huschte hinfort, als wir das Licht anschalteten und ein rachitischer Ventilator seinen Alibidienst aufnahm. Wir kamen aus Jambi, hatten inklusive Taxi statt der angekündigten maximal 24 über 34 Stunden Fahrt hinter uns, uns störte nichts mehr. Die Dusche war ein Becken mit einer im besten Falle rostbraunen Flüssigkeit, wir schütteten sie uns im bereit gestellten Eimerchen über den stinkenden Leib und waren danach immerhin so erfrischt, dass wir noch feststellen konnten, dass das Eimerchen rosa und herzförmig war. Es braucht so wenig um Glücksgefühle hervorzurufen. Alles ist relativ. Wir waren angekommen, bekamen etwas zu essen, fanden ein kaltes Bier und waren eingeschlafen, sobald unsere Köpfe die Kissen berührten. Vielleicht auch schon vorher. Wer weiß das schon so genau.
Jochen Müller
Nein keine Sorge, der Kleinbus ist nicht der Bus nach Jakarta. Dieser bringt Euch nur zum Busbahnhof. Dass der Bus, der uns dort erwartete nur wenig größer war, überraschte uns dann allerdings kaum noch. Als ich einstieg und mir dabei beinahe die Hüfte auskugelte, weil nicht mein ganzer Körper an einem Stück auf den Sitz passen wollte, schwante mir jedoch übles. Doch man hatte ein Einsehen mit uns, es wurde uns gestattet jeweils einen Doppelsitz zu beanspruchen. Der Bus war kaum halbvoll als wir losfuhren. Keiner von uns gab sich der Hoffnung hin, dass es so bleiben würde, doch wir genossen den Luxus, so lange er Bestand hatte. Derweil konzentrierten wir uns auf das Positive. Wir würden definitiv rechtzeitig in Jakarta ankommen, selbst wenn der Bus doppelt solange wie angegeben brauchen würde. Der Innenraum war auch wirklich klimatisiert. Und zur allergrößten Freude sogar in einem angenehmen Maß. Die Tiefkühltemperaturen mancher Klimaanlagen sind noch unangenehmer als die Hitze des Dschungels. Nicht in diesem Bus, das war löblich. Doch sonst. Nun ja. Dass wir hin und wieder anhalten mussten um diverse Dinge zu reparieren, wer wollte sich darüber beschweren? Dass es sich bei diesen Dingen um solche Banalitäten wie das Kupplungspedal handelte, wen sollte das kümmern? Dass die Abdeckung des Mittelgangs abgenommen wurde, um im Getriebe herumzufuhrwerken, was sollte uns das scheren? Das dort verstaute Gepäck, das so lange umverteilt wurde, machte auch keinen Unterschied mehr. Und immerhin rührte der Busfahrer sowieso an seinem Schalthebel herum wie Mutti in der Gulaschkanone. Das Positive war doch, dass wir ZWEI Fahrer hatten, die sich immerhin abwechseln konnten. Der Eine konnte schlafen, der Andere fahren. Genauer gesagt hätte er schlafen können, wenn er nicht seine Zigaretten oder die Spiele auf seinem Handy interessanter gefunden hätte oder zu den diversen Reparaturen herangezogen werden musste. Ach, was soll's, nebensächlich, wer sich über solche Unwägbarkeiten aufregt, der versteht doch nicht worum es hier eigentlich geht. Wir kamen voran, und bekanntlich ist nur Stillstand der Tod, also wer waren wir, dass wir uns beschwerten? Wir hatten jeweils eine Sitzbank für uns und das war doch Luxus... wobei... das stimmte so nicht ganz.
Platzprobleme
Bei den diversen Stops waren immer mehr Leute eingestiegen. Mittlerweile hatten sich die Reihen gefüllt. Es gab nur noch einen freien Platz. Neben mir. Neben Peer hatte sich ein altes Mütterchen gesetzt. Als ich ihn ansah erschrak ich. Dieser Blick, ich werde ihn wohl nie vergessen. Wie er da saß, eingepfercht ist gar kein Ausdruck, in den nicht ausreichenden Platz geknotet wie eine Karikatur, mit seinem überdimensionierten Tagesrucksack auf dem Schoß und diesen großen Augen, die mich so hilfesuchend anblickten. Wo hatte er eigentlich seine Arme untergebracht? Ich konnte sie nicht entdecken. Sein Kinn ruhte auf dem Rucksack, sein Kopf war alles, was von ihm zu sehen war. Und darin diese traurigen Augen, neidisch-weinerlich auf den freien Platz neben mit gerichtet, auf dem es sich mein linkes Bein gemütlich machte. Ich hätte ihm gerne seinen Rucksack abgenommen, allein wohin damit? Doch dieser Anblick ließ mich dann doch aufstehen. Ich konnte es einfach nicht ertragen. Also sein Rucksack in meinen Fußraum gelegt und auch das zweite Bein auf die Sitzbank drapiert. Muss auch so gehen. Ich armer Tropf. Als der Bus ein weiteres Mal hielt und wieder mehr Fahrgäste hineinließ rächte sich meine Niederträchtigkeit freilich bitterlich. Peer rückte zu mir auf und es war vorbei mit der Gemütlichkeit. Es hieß wieder für beide gemeinsam Personen-Origami. Die einzige Abwechslung bestand darin, dass wir nach den jeweiligen Pausen die Sitze wechselten. So dass jeder mal die Beine in den Gang ausstrecken konnte. Dafür baumelte dann der Kopf ungehindert hin und her. Wer das Unglück hatte seine Beine nicht ausstrecken zu können, konnte hingegen das müde Haupt an die Gardinenstange anlehnen, die genau so tief positioniert war, dass nach einigen Stunden ein leichtes Hämatom die Schläfe zierte. Die regelmäßigen Schläge prügelten uns langsam aber sicher in eine Besinnungslosigkeit, die Schlaf, von außen gesehen, nicht unähnlich war.
Gute Nacht
Irgendwann hielten wir mal wieder an einem dieser im Busch verteilten Truckstops. Es gab Toiletten, Gebetshäuser und ein kleines Restaurant. Manchmal auch so hundserbärmlichen Gestank, dass einem ganz grün um die Nase wurde, in jedem Fall aber den Genuss die Glieder ausstrecken zu können. Wir sammelten unser Chi, leiteten es von der Nase hinweg in die Knie und erfreuten uns an dem, was wir hatten. So lange wie wir es hatten. Die Nelkenzigaretten der anderen Fahrgäste versuchten den Gestank nach verwesendem Ungetier zu überdecken, manchmal schafften sie es sogar. Dann ging es zurück in unser frisch repariertes Vehikel und wir konnten uns auf die nächste Etappe freuen.
Die Nacht kam schlagartig, wie es für die Äquatorregion üblich ist. Innerhalb weniger Minuten wechselte die Szenerie von taghell zu stockfinster. Bis dahin hatte mich mein Buch effektiv abgelenkt, von nun an musste ich mir selber Geschichten erzählen, denn mein mp3 Spieler hatte vergessen sich selbst aufzuladen. Danke auch. Es folgte eine Phase der Hingabe. Die Gegenwehr als sinnlos einsehend gab ich mich den diversen Beschleunigungskräften hin. Wer schon einmal eine Daunenjacke zusammen mit einem Tennisball in der Waschmaschine gewaschen hat, um das Verkleben der Daunen zu verhindern, weiß, wie es uns in dieser Nacht erging. Immerhin saßen wir genau hinter dem Fahrer, was den Vorteil hatte, dass wir erstens auf die Straße sehen konnten, was einigermaßen unterhaltsam war. Zweitens konnten wir den Fahrer im Auge behalten und Anzeichen von Müdigkeit rechtzeitig entdecken. Nicht, dass wir im Falle von Sekundenschlaf hätten einschreiten können, aber ein wenig Vorbereitung nimmt der Unfallgefahr ihren Schrecken.
Die Fähre
Als die Sonne aufging konnte keiner von uns sagen, wie lange wir nun schon unterwegs waren. Das Gefühl für die Zeit ist so eine Sache, es ist so relativ wie die Zeit selbst. Man wird philosophisch auf Fahrten wie dieser. Wieder gab es einen Halt, diesmal war die Gegend deutlich städtischer. Es hieß, wir seien der Fähre nah. Wir nickten nur, gaben uns keiner Hoffnung hin, versuchten Enttäuschungen zu vermeiden und konnten doch nicht ganz verhindern uns auf eine Fähre zu freuen, mit Sonnendeck, reichhaltigem Toilettenangebot und zwei Stunden beinahe ungehinderten Auslaufs. Als wir nur unwesentlich später ins Hafengelände einfuhren wurde der Bus einer Polizeikontrolle unterzogen. Will heißen der Bus hielt an einem Wellblechverschlag an, ein bemützter Beamter streckte seinen Kopf hinein, blickte uns, und nur uns, abschätzig an, kontrollierte unsere, und nur unsere, Papiere, tauschte Nettigkeiten, hoffentlich nur Nettigkeiten, mit dem Fahrer aus, fragte das übliche woher und wohin und gab es schnell auf nach dem Sinn dieser Busreise zu fragen. „Why you no fly?", „We no fly". Das musste reichen und es reichte auch. In mehrerlei Hinsicht.
Zen
Der Bus kletterte auf diesen schwimmenden Klumpen Rost, wir kletterten über die noch trittsichere Treppe ans Oberdeck und ja, ab hier gab es zwei Stunden Wonne. Und Sonne. Die Hitze war unwichtig, die nicht enden wollenden Verkaufsveranstaltungen waren unwichtig, der ebenso nicht enden wollende Müllregen, der sich von den Fahrgästen aus ins Meers ergoss war unwichtig, die Karaokeveranstaltung ebenso wie der gleichzeitig zum Gebet rufende Muezzin. Wir waren längst in einem Zustand des Zen, des meditativen Versinkens im Augenblick. Man kann auch Willenlosigkeit dazu sagen. Wir stärkten uns an in fett getränkten Dingen, die in fett getränkte Lappen gewickelt waren, löschten die sensorische Erinnerung daran mit den dazu gereichten frischen Chili und überteuertem Orangensaft aus und rauchten wie die Geisteskranken um nicht den Platz neben dem Schornstein verlassen zu müssen. Warum auch immer.
Auf Java, noch nicht am Ziel
Die Ankunft auf Java verlief routiniert, die Zeit waberte dahin, wir mit ihr in einer zähflüssigen Masse aus Leibern, die Treppe hinab, durch die Busse und LKWs mit ihren bereits laufenden Motoren, ab und an völlig eingehüllt von schwarzen Dieselwolken. Unwichtig, nichts hat Bestand, alles ist vergänglich. Hinein in den Bus, es muss ja weiter gehen. Geht's noch? Da geht noch einiges. Ich bin hier, Peer ist neben mir. Haben wir unsere Rucksäcke? Haben wir noch Wasser? Stumme Bestätigung und ein anerkennendes Nicken zu der Frau neben uns, die seit beinahe 30 Stunden ihr Kind auf dem Schoß hatte. Die Kleine begann zu mähren, wer wollte es ihr verübeln? Die Mutter blickte uns bedauernd an, wir lächelten und loben sie und ihr Kind. „Sie ist tapfer" sagten wir, nickten ihr zu, die Mutter bedankte sich still. Was sollte sie auch sagen. Der Bus schaukelte sich über die Rampe aufs Festland und danach unverändert weiter über das, was man nur Straße nannte, weil es auf der Karte so eingezeichnet war. Kaum auf festem Boden hielt der Bus schon wieder an, mal wieder eine Pause. Zu kraftlos um die Beine auszuschütteln, letztlich doch gingen wir doch hinaus, wenigstens stehen, damit das unweigerlich folgende Sitzen vielleicht, und wenn auch nur vielleicht, als Erholung angesehen werden konnte. Konnte es nicht, darüber waren wir hinaus. Das Hämatom wurde weiter von der Gardinenstange bearbeitet, kaum das der Bus anfuhr, der Fahrer hatte nicht mal mehr die Insassen gezählt. Schwund ist immer, abgesehen davon entfernte sich keiner mehr weiter als eine Armeslänge vom Bus, die meisten stützen sich daran, an dieses so hassgeliebte Fortbewegungsmittel. Das Ende ist nah, das Ende ist nah, das Ende ist nah. Man musste kein Hinduist sein, um Mantras zu rezitieren, nach 30 Stunden in einem indonesischen Bus.
Gleichmut
Wieder begann die Sonne glutrot zu versinken. Beim nächsten Blick war es finster und wir sind auf einer Art Autobahn. Schlaf? Ohnmacht? Die Grenzen waren längst nicht mehr auszumachen. Uns empfing der nächste Wahnsinn, Verkehr viel zu schnell für unsere übermüdeten Augen, rasende Lichter, dröhnende Motoren, von allem zu viel und doch nicht mehr in der Lage eine Reaktion hervorzurufen. Wir kamen an. Irgendwo in Jakarta. Kommentarlos stiegen wir aus, die Freude darüber würde folgen. Vielleicht. Unser Fahrer holte ein Taxi herbei, es war uns gleich wie viel er dafür bekäme oder was das für Konsequenzen für unseren Geldbeutel hätte. Wir zeigten ihm die Notiz, die wir noch bei klarem Verstand angefertigt hatten (im letzten Leben), mit der die Straße und dem von uns ausgesuchten Hostel. Er kannte beides und nannte seinen Preis. Mit letzter Kraft schaffte ich es dem Fahrer zu verdeutlichen, was ich von seinem ersten Angebot hielt. Ein verächtliches Schnauben war zwar nicht meine Intension, brachte die Message aber deutlich rüber. Irgendwie sank der Preis von 20 auf sieben Dollar, jaja, mein Dank grenzte an Hysterie, ich zeige das aus Prinzip nicht so deutlich, bitte nicht falsch verstehen. Wir wurden durch diese Stadt gefahren, Lichter, Geräusche, Gerüche, es war uns weniger als scheißegal. Wir kamen an, zahlten das Taxi, bekamen ein Zimmer, irgendwas huschte hinfort, als wir das Licht anschalteten und ein rachitischer Ventilator seinen Alibidienst aufnahm. Wir kamen aus Jambi, hatten inklusive Taxi statt der angekündigten maximal 24 über 34 Stunden Fahrt hinter uns, uns störte nichts mehr. Die Dusche war ein Becken mit einer im besten Falle rostbraunen Flüssigkeit, wir schütteten sie uns im bereit gestellten Eimerchen über den stinkenden Leib und waren danach immerhin so erfrischt, dass wir noch feststellen konnten, dass das Eimerchen rosa und herzförmig war. Es braucht so wenig um Glücksgefühle hervorzurufen. Alles ist relativ. Wir waren angekommen, bekamen etwas zu essen, fanden ein kaltes Bier und waren eingeschlafen, sobald unsere Köpfe die Kissen berührten. Vielleicht auch schon vorher. Wer weiß das schon so genau.
Jochen Müller
Kommentare zu "Eine Tortur in drei Akten. Dritter Akt."
:D
von Melanie
am 05.07.2012 um 22:39 Uhr
mehr kann ich gar nicht zu diesem wundervollen Dreiteiler sagen!! Außer vielleicht: mir tun die Knochen schon beim Lesen weh!
LG aus Berlin
"Eine Tortur in drei Akten. Dritter Akt." kommentieren


Hoffentlich hattet ihr eine angenehme Nachtruhe nach der ueberstandenen Tortur. Sicher kommen auch wieder angenehme tage.