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30. Juni 2012
Drei Wasserfälle und ein Raubüberfall
Vom Zentrum Bogors aus nahmen wir uns ein Angkot, einen der typisch indonesischen Minibusse,
Grün, grün, grün
Nach kurzem Fußmarsch hatten wir das Dorf hinter uns gelassen. Es folgten einige Felder und dann, zu unserer Überraschung, renovierte, moderne, geradezu herausgeputzte Häuser. Nicht wenige davon boten Zimmer an, und wir erinnerten uns daran, im Reiseführer gelesen zu haben, dass man am und im Nationalpark übernachten kann. Offensichtlich ging das auch in gehobenem Niveau. Wir kamen an einem Eingangstor an, zahlten 75 Cent pro Person Gebühr und fanden uns in einem Waldstück wieder, was uns einigermaßen an heimische Vegetation erinnerte. Der Weg war von Nadelhölzern gesäumt, die ich als Kiefern identifizierte. Ich konnte mich nicht daran erinnern, wann ich zuletzt einen Nadelbaum bewusst wahrgenommen hatte. Nur die Bananenpalmen, die wir weiter unten am Flusslauf sehen konnten, überzeugten uns davon, dass wir immer noch in tropischer Region waren. Bevor es zum Wasserfall ging, führte der Weg erst an eine Ansammlung kleinerer Imbisse und Verkaufsstände vorbei, gefolgt von einem hübschen Campingplatz, auf dem einige Zelte zwischen den Bäumen verteilt aufgebaut waren. Den Rest des Weges ging es am Wasserlauf entlang, hin und wieder musste man ihn auf einzelnen Steinen überqueren. Zur Linken und Rechten wuchs der Wald zu einer Schlucht heran, in immensem Grün gekleidet. Zum Ende der Schlucht bot die Szenerie einen imposanten Anblick von undurchdringlichem Blattwerk, der den letzten der drei Wasserfälle vollständig einrahmte.
Die EM ist überall
Um an den ersten der drei Wasserfälle zu gelangen, mussten wir den Weg verlassen und einen überwucherten Trampelpfad hinabsteigen. Da uns bereits gesagt wurde, dass wir hier besonders vorsichtig sein mussten, da es schwierig sein kann wieder herauf zu kommen, wenn man einmal unten war, sparten wir uns den Abstieg gleich. Der Boden war feucht und rutschig und wir hatten wenig Lust darauf, den nächsten Regenguss dort unten zu erleben. Doch auch von oben bot sich uns ein herrlicher Anblick.
Der zweite Wasserfall war der kleinste der drei,
© Jochen Müller PosingAm dritten und letzten Wasserfall wiederholte sich das Ganze dann noch einmal mit einer anderen Gruppe Männer.
© Jochen Müller Mehr posingAn diesem Wasserfall blieben wir etwas sitzen, genossen ein Bad im frischen Wasser, allerdings nur bis zu den Knien, da wir keine Badesachen dabei hatten. Die Gischt des herab fallenden Wassers kühlte uns ab, der Blick auf die dicht bewachsenen Hänge lud zum Träumen ein. Es war herrlich. Allerdings war ich etwas enttäuscht, denn angeblich sollten hier viele Affen sein, allen voran Java-Makaken, die man dabei beobachten können sollte, wie sie in den Hängen herumspringen. Davon ließ sich allerdings keiner blicken. Doch das sollte sich bald ändern.
Eine räuberische Affenbande
So zogen wir wieder von dannen, als der Himmel begann sich zu verdunkeln. Gerade als wir uns dem zweiten Wasserfall näherten, sah ich einen Affen aus einem Baum hüpfen und den Weg vor uns in Richtung Tal rennen. Ich zückte die Kamera und rannte hinterher. Dann sah ich, wieso er in so einer Eile gewesen war. Eine Frau mit ihrer Tochter kam den Weg herauf gelaufen, in der einen Hand das Kind, in der anderen eine Tüte, in der sich offensichtlich etwas Essbares befand. Darauf hatte es der Räuber abgesehen. In Windeseile war er bei der Frau und riss ihr die Tüte aus der Hand. Er tat dies so geübt und selbstverständlich, dass er sich danach nicht mal mit seiner Beute aus dem Staub machte. Er setzte sich direkt neben sie hin und begann die Kekse aus der Tüte zu futtern. Als die Frau sich die Tüte wieder schnappen wollte, darin war auch ein Pullover, zeigte ihr der Makake eindeutig, wem diese Tüte nun gehörte. Er fauchte sie an, zeigte seine Zähne und machte sich gleich wieder daran seine Kekse zu futtern.
© Jochen Müller Merke: keine Beutel mit Nahrungsmittel mitnehmen. Die wechseln hier schnell den Besitzer.Als sich eine weitere Gruppe Menschen näherte, wurde es ihm dann jedoch zu viel und er machte sich davon, packte sich so viele Kekse unter die Arme, in die Hände und ins Maul, wie möglich und setzte sich ein paar Meter ab. Die Frau bekam ihren Pullover zurück und diese Sache hatte sich erledigt. In der zweiten Gruppe gab es jedoch auch Leckereien zu erbeuten. Mittlerweile näherten sich weitere Affen. Der Alte rannte wieder zu einem Paar mit Kind und Knabberkram, ich warnte die Mutter vor, doch bevor sie sich den Beutel unter das T-Shirt stecken konnte, war der Bursche bereits bei ihnen und umkreiste sie. Sie gaben auf und drückten ihren Wegzoll ab.
Der Dieb konnte mit dem Beutel entkommen, jedoch hielt er ihn verkehrt herum, so dass er eine Spur an Knabbereien hinter sich herzog, auf die sich sofort seine Verwandten stürzten. Da er sie nicht alle fernhalten konnte, nahm er sich wenigstens soviel wie möglich und untermauerte sofort seinen Gesamtanspruch dadurch, dass er sich das nächstbeste Weibchen griff, sie sich zurechtrückte und mitsamt Keksen in Mund und Hand kurz und kräftig begattete. Als die Dame sich nach den Leckereien beugte, gab es einen Klaps, Ablenkung war offensichtlich nicht geduldet. Danach futterte er munter weiter, begattete kurz darauf noch ein zweites Weibchen, wieder ohne seine Mahlzeit zu unterbrechen. Derweil sammelte sich die ganze Affenbande im Tal. Ich war viel zu begeistert von diesem Schauspiel, um zu bemerken, dass nicht Alle es genossen von mir abwechselnd gefilmt und fotografiert zu werden. Als sich mir zwei der Tiere näherten, mich anfauchten und Anstalten machten mir zu zeigen, wer hier das Hausrecht hatte, begriff auch ich, dass die Show nun vorbei war. Wir ließen die Bande mit ihrer Beute zurück und machten uns auf den Heimweg.
Kritische Gedanken
So sehr mich der Anblick dieser Szene auch gebannt hatte fotografieren lassen, ich kam nicht umhin mir im Nachhinein meine Gedanken zu machen. Das was ich vergeblich gesucht hatte, Affen in den Hängen, Affen in den Baumkronen, Affen mit Früchten, so schien es mir nun, hatte ich in abgewandelter Form auf dem Wege gesehen. Affen bei Raubzügen, Affen mit Keksen, Affen mit anderen Knabbereien. Kein Hinweisschild hatte die Besucher am Eingang des Parks vorbereitet, nirgends wurde man darauf hingewiesen, die Tiere nicht zu füttern oder mitgebrachte Nahrungsmittel geruchsdicht zu verstauen. Im Gegenteil, die Stände am Fuße der Schlucht hatten diejenigen, die bis dahin keine Snacks dabei gehabt hatten, noch dazu verleitet, sich großzügig einzudecken.
Als ich nun genau hinsah, erblickte ich einige weitere Makaken am Wegesrand in den Baumwipfeln sitzen und den Weg beobachten. Es schien, als hätten sich diese cleveren Tiere der Situation angepasst und sich ganz auf das neue Nahrungsangebot eingestellt. Der Biologe in mir wollte sofort die Parkverwaltung aufsuchen und den Verantwortlichen erklären, dass sie einschreiten müssten, wenn sie verhindern wollten, dass sie hier ein Abhängigkeitssystem schufen. Doch es war zu befürchten, dass dies bereits geschehen war. Ich malte mir düstere Szenarien in Gedanken aus, in denen diese Tiere es völlig verlernt hatten sich mit dem natürlichen Nahrungsangebot selbst zu versorgen und ganz auf die „Mitbringsel" der Touristen angewiesen waren. Dass es negative Folgen haben wird, wenn sich eine Population hauptsächlich oder ausschließlich von übersüßtem oder überwürztem Kabberkram ernährt, lag auf der Hand. Abgesehen davon erklärte dies auch, warum man an vielen Stellen Müll herumliegen sah, sowohl auf und neben dem Weg, als auch im Wasser und hin und wieder im Wald. Die Bande nahm sich was sie kriegen konnte und ließ die Verpackungen natürlich dort liegen, nachdem sie sich satt gefuttert hatte. Daran die Hinterlassenschaften wegzuräumen, dachte offensichtlich keiner der hier ansässigen Menschen. Doch wir wollten nicht die oberschlauen Urlauber spielen, abgesehen davon, dass die Torwächter ohnehin nicht die richtigen Ansprechpartner dafür gewesen wären. So unterließen wir die Belehrung und machten uns auf den Heimweg, im Kopf zur Hälfte bei der schönen Natur und zur anderen Hälfte bei den negativen Folgen, die der Tourismus ein ums andere Mal für diese haben kann.
Jochen Müller
Kommentare zu "Drei Wasserfälle und ein Raubüberfall"
Affenhymne
Die Affen rasen durch den Wald,
der eine macht beim andern halt,
die ganze Affenbande brüllt:
wer macht den Müll hier weg,
wer macht den Müll hier weg,
wer macht den ganzen miesen Dreck hier weg?!
wer macht den Müll hier weg,
wer macht den Müll hier weg,
wer macht den ganzen Dreck hier weg?!
Stan. The biggest fan.
Re: Affenhymne

Ja Stan, Du lebst noch? Ich werd irre, welch Freude Dich wieder unter uns zu haben. Dicker Gruß in die Heimat, M
die Rassel- äh Affenbande
Muss ja sagen, hab mal wieder gut gelacht. Hatte ewig keine Zeit hier weiter zu lesen, hab stattdessen Euren Weg auf FB verfolgt (sehr rudimentär). Aber der Affe, der während der Mahlzeit 2 Weibchen begattet - dieses Bild wird mir für lange im Gedächtnis bleiben. So sind sie, die Männer. Effektivität wo man geht und steht :D
Danke für die lustige Beendigung dieses drögen Arbeitsalltags...
"Drei Wasserfälle und ein Raubüberfall" kommentieren

Ach ja, Jochen, der wie immer nachdenkliche Biologe, Du kannst die Welt nicht ändern, in dem Fall leider, es gibt halt Vor- und Nachteile vom Tourismus. Du hast das mal wieder so toll erzählt, dass man dabei war, danke LG gisi