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27. Juni 2012
Das geht ganz schnell...
Den Zug sollen wir nehmen, hieß es. Um die vollen Straßen zu umgehen. Zur Mittagszeit sollten wir fahren, hieß es. Im Berufsverkehr sei der Zug sehr voll. In einer Stunde wären wir dann in Bogor, dem Ort, der heute quasi nahtlos in Jakarta übergeht. Wenigstens Letzteres stimmte.
Gambir heißt die Station, die wir ansteuerten. In der Mitte der Stadt gelegen, direkt neben der kleinen Parkanlage, auf dem auch das Unabhängigkeits-Denkmal steht. Unsere Unterkunft war Luftlinie nur einen Kilometer entfernt. Doch wenn man die diversen Kurven mit einberechnet, den wahnsinnigen Verkehr und das ebenso wahnsinnige Gepäck, das wir mit uns herum schleppen, war es zu viel, um zu laufen. In Jakarta ein Gefährt zu bekommen ist jedoch nicht so einfach. Zwar hält jeder Motorad-Taxi-Fahrer, jeder Tuk-Tuk-Fahrer und jeder Taxi-Fahrer gerne an, wenn er einen Touristen an der Straße stehen sieht, entdeckt er jedoch, dass man auch nur rudimentäre Vorstellungen von regulären Fahrpreisen hat, legt er den Gang ein und rauscht davon. Das Taxameter dient ausschließlich der Innenbeleuchtung.
Doch diesmal hatten wir Glück, nur eine halbe Stunde nachdem wir unsere Unterkunft verlassen hatten, waren wir angekommen. Einer Eingebung folgend zahlte ich den Betrag so passend wie möglich. Der Fahrer verstand diesen Wink und behielt das Trinkgeld gleich ein, wie ich annehme, um Zeit zu sparen.
Mystische Ticketschalter
Diese konnten wir im Bahnhof Gambir gut gebrauchen, denn nach zwei Versuchen ein Ticket zu erstehen, waren wir nur insofern weiter, als wir nun die Schalter kannten, an denen dies nicht möglich war. Es hieß, wir sollten es an Schalter 25 versuchen. In der Halle, in der wir standen, hörten die Schalter bei der Nummer neun auf. Wir schwärmten sternförmig aus, fanden die zweite Halle nur unwesentlich später und dort auch die Schalter 10 bis 23. Das Problem hierbei war, dass der Bahnhof hinter dieser Halle eindeutig aufhörte. Es stand nicht zu vermuten, dass er nach dem kleinen Kanal weiter ging, dafür war das Gelände danach baulich nicht geeignet.
Doch der Mitarbeiter in Schalter 23 deutete unsere offensichtliche Ratlosigkeit völlig richtig, winkte uns zu sich zu und stellte uns die benötigten Tickets nach Bogor bereits aus, während er noch fragte ob wir denn dort hin wollten. Alles, was wir tun mussten, war die Anzahl der Fahrgäste zu sagen, den Bahnsteig nannte er uns auch sofort. Die Gabe des Gedankenlesens kann gewisse Dinge sehr vereinfachen. Die Frage nach dem legendären Schalter 25 verkniffen wir uns. Wozu auch.
© Jochen Müller Nachdem wir erfolgreich unsere Fahrkarten erstanden hatten, taten wir das, was Backpacker am liebsten machen. In Bahnhöfen herumlungern und Zeit totschlagen.
Sardinen-Bahn
Auf dem Bahnsteig machte ich noch den taktischen Fehler mich nicht hinzusetzen, dachte ich doch bei mir, dass sich so die vielleicht ungepolsterten Sitze mit etwas ermüdeten Beinen mehr nach Erholung anfühlen würden. Ich hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht und stieg in den Zug ein, der eindeutig, und ganz im Gegensatz zu mir, den Gegebenheiten angepasst war. Bogor war einmal eine eigene Stadt. Heute ist es mehr oder minder ein Vorort Jakartas. Wer es sich leisten kann, wohnt dort und pendelt jeden Tag die eine Stunde zur Arbeitsstelle hin und her. Für so etwas braucht man keinen Fernverkehr, für solche Anforderungen hat der moderne Nahverkehr die S-Bahn in petto. Also stellten wir uns mit unserem Gepäck in das bereits respektabel gefüllte Abteil und verkniffen uns das scharfe Ausatmen, als uns gewahr wurde, dass der Zug hier erst die dritte Station seiner Reise erreicht hatte. Es brauchte nur zwei weitere Stationen und der Innenraum war so voll, dass ich begann Susanne aus den Augen zu verlieren, die eben noch neben mir gestanden hatte. Doch die Masse war stärker als wir, entriss sie meinen Händen und nahm sie mit sich fort. Zwar hatte ich das Gepäck noch bei mir, was mich einigermaßen beruhigte, doch wusste ich, dass es ihr in solchen luftarmen, überfüllten Räumen nicht allzu gut geht, was mich wiederum beunruhigte. Ich fand sie, eine Stange umklammernd, keine zwei Meter von mir entfernt, unerreichbar weit. Peer war ohnehin weg.
© Jochen Müller Ein leerer Zug zur Mittagszeit dem Reisenden das Herz erfreut. Irgendwo in diesem Bild versteckt sich Peer.
© Jochen MüllerWer auf diesem Bild keine Susanne findet muss sich nicht grämen. Mir ging es genauso. Irgendwann spuckte sie die Menge wieder aus und alles war gut.
Ein Lichtblick
In diesem Moment kuschelte sich ein Einheimischer zu mir und Susanne fand Gesellschaft in einer Rentnerin, die sie ablenkte, so dass ich mich den Empfehlungen widmen konnte, die mir mein neuer Reisepartner anzubieten hatte. Er schaffte es sogar, in diesem Gedränge eine Karte von Bogor zu zeichnen, mir darin die günstigsten und saubersten Unterkünfte zu markieren, und als wir angekommen waren, Susanne sich hinsetzen konnte und wir alle einen Schluck Wasser getrunken hatten, nahm er sich sogar die Zeit, um mit mir den Weg abzulaufen und mir alle empfohlenen Unterkünfte persönlich zu zeigen.
Auf diesem Spaziergang bestätigte er mir noch einmal, was wir bereits vor dieser Fahrt gehört hatten. Für die angeblich eine Stunde von Jakarta nach Bogor hatten wir lediglich fast zwei gebraucht. Alles in allem war dies eindeutig schneller als der Bus. Und es war auch schlau von uns gewesen, während des Tages zu fahren, denn morgens und abends sei der Zug immer ganz schön voll. Ich musste unweigerlich mit dem Kopf schütteln. Doch man kann über Jakarta und seine Verkehr sagen was man will, man trifft darin immer wieder Menschen, wie meinen helfenden Engel. Eine kleine goldene Nadel in einem völlig verrückten Heuhaufen. Wenn das mal nichts ist.
Jochen Müller
Gambir heißt die Station, die wir ansteuerten. In der Mitte der Stadt gelegen, direkt neben der kleinen Parkanlage, auf dem auch das Unabhängigkeits-Denkmal steht. Unsere Unterkunft war Luftlinie nur einen Kilometer entfernt. Doch wenn man die diversen Kurven mit einberechnet, den wahnsinnigen Verkehr und das ebenso wahnsinnige Gepäck, das wir mit uns herum schleppen, war es zu viel, um zu laufen. In Jakarta ein Gefährt zu bekommen ist jedoch nicht so einfach. Zwar hält jeder Motorad-Taxi-Fahrer, jeder Tuk-Tuk-Fahrer und jeder Taxi-Fahrer gerne an, wenn er einen Touristen an der Straße stehen sieht, entdeckt er jedoch, dass man auch nur rudimentäre Vorstellungen von regulären Fahrpreisen hat, legt er den Gang ein und rauscht davon. Das Taxameter dient ausschließlich der Innenbeleuchtung.
Doch diesmal hatten wir Glück, nur eine halbe Stunde nachdem wir unsere Unterkunft verlassen hatten, waren wir angekommen. Einer Eingebung folgend zahlte ich den Betrag so passend wie möglich. Der Fahrer verstand diesen Wink und behielt das Trinkgeld gleich ein, wie ich annehme, um Zeit zu sparen.
Mystische Ticketschalter
Diese konnten wir im Bahnhof Gambir gut gebrauchen, denn nach zwei Versuchen ein Ticket zu erstehen, waren wir nur insofern weiter, als wir nun die Schalter kannten, an denen dies nicht möglich war. Es hieß, wir sollten es an Schalter 25 versuchen. In der Halle, in der wir standen, hörten die Schalter bei der Nummer neun auf. Wir schwärmten sternförmig aus, fanden die zweite Halle nur unwesentlich später und dort auch die Schalter 10 bis 23. Das Problem hierbei war, dass der Bahnhof hinter dieser Halle eindeutig aufhörte. Es stand nicht zu vermuten, dass er nach dem kleinen Kanal weiter ging, dafür war das Gelände danach baulich nicht geeignet.
Doch der Mitarbeiter in Schalter 23 deutete unsere offensichtliche Ratlosigkeit völlig richtig, winkte uns zu sich zu und stellte uns die benötigten Tickets nach Bogor bereits aus, während er noch fragte ob wir denn dort hin wollten. Alles, was wir tun mussten, war die Anzahl der Fahrgäste zu sagen, den Bahnsteig nannte er uns auch sofort. Die Gabe des Gedankenlesens kann gewisse Dinge sehr vereinfachen. Die Frage nach dem legendären Schalter 25 verkniffen wir uns. Wozu auch.
Sardinen-Bahn
Auf dem Bahnsteig machte ich noch den taktischen Fehler mich nicht hinzusetzen, dachte ich doch bei mir, dass sich so die vielleicht ungepolsterten Sitze mit etwas ermüdeten Beinen mehr nach Erholung anfühlen würden. Ich hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht und stieg in den Zug ein, der eindeutig, und ganz im Gegensatz zu mir, den Gegebenheiten angepasst war. Bogor war einmal eine eigene Stadt. Heute ist es mehr oder minder ein Vorort Jakartas. Wer es sich leisten kann, wohnt dort und pendelt jeden Tag die eine Stunde zur Arbeitsstelle hin und her. Für so etwas braucht man keinen Fernverkehr, für solche Anforderungen hat der moderne Nahverkehr die S-Bahn in petto. Also stellten wir uns mit unserem Gepäck in das bereits respektabel gefüllte Abteil und verkniffen uns das scharfe Ausatmen, als uns gewahr wurde, dass der Zug hier erst die dritte Station seiner Reise erreicht hatte. Es brauchte nur zwei weitere Stationen und der Innenraum war so voll, dass ich begann Susanne aus den Augen zu verlieren, die eben noch neben mir gestanden hatte. Doch die Masse war stärker als wir, entriss sie meinen Händen und nahm sie mit sich fort. Zwar hatte ich das Gepäck noch bei mir, was mich einigermaßen beruhigte, doch wusste ich, dass es ihr in solchen luftarmen, überfüllten Räumen nicht allzu gut geht, was mich wiederum beunruhigte. Ich fand sie, eine Stange umklammernd, keine zwei Meter von mir entfernt, unerreichbar weit. Peer war ohnehin weg.
Ein Lichtblick
In diesem Moment kuschelte sich ein Einheimischer zu mir und Susanne fand Gesellschaft in einer Rentnerin, die sie ablenkte, so dass ich mich den Empfehlungen widmen konnte, die mir mein neuer Reisepartner anzubieten hatte. Er schaffte es sogar, in diesem Gedränge eine Karte von Bogor zu zeichnen, mir darin die günstigsten und saubersten Unterkünfte zu markieren, und als wir angekommen waren, Susanne sich hinsetzen konnte und wir alle einen Schluck Wasser getrunken hatten, nahm er sich sogar die Zeit, um mit mir den Weg abzulaufen und mir alle empfohlenen Unterkünfte persönlich zu zeigen.
Auf diesem Spaziergang bestätigte er mir noch einmal, was wir bereits vor dieser Fahrt gehört hatten. Für die angeblich eine Stunde von Jakarta nach Bogor hatten wir lediglich fast zwei gebraucht. Alles in allem war dies eindeutig schneller als der Bus. Und es war auch schlau von uns gewesen, während des Tages zu fahren, denn morgens und abends sei der Zug immer ganz schön voll. Ich musste unweigerlich mit dem Kopf schütteln. Doch man kann über Jakarta und seine Verkehr sagen was man will, man trifft darin immer wieder Menschen, wie meinen helfenden Engel. Eine kleine goldene Nadel in einem völlig verrückten Heuhaufen. Wenn das mal nichts ist.
Jochen Müller
Kommentare zu "Das geht ganz schnell..."
Re: Definition von schnell
von Jochen Müller
am 28.06.2012 um 12:46 Uhr

Hallo Charlestone, Danke für den Hinweis, da war wohl etwas verrutscht. Hoffe nun geht es besser. Gruß an die Heimat, Jochen
Re: Re: Definition von schnell
von Charlestone
am 28.06.2012 um 16:14 Uhr
Hallo Jochen, Danke für die Fehlerbehebung; jetzt funzt es wieder.
Die Heimatgrüsse werden in nächster Zeit intensiv ausgerichtet ;-)
LG
von wegen schnell
von gisilamprecht
am 30.06.2012 um 13:34 Uhr
Schnell und schnell ist wahrscheinlich Mentalitätssache, sag ich mal, trotzdem, Ihr seid angekommen, habt ja schon schlimmeres erlebt. Wir hier im Ländle erwachen langsam aus unserer Fußball-Schockstarre und freuen uns auf die WM. Liebe Grüße an alle Weltenbummler von Gisi
"Das geht ganz schnell..." kommentieren

Jaja, da sieht man mal wieder ... Zeit ist eben relativ. ;-)
Sehe eigentlich nur ich das dritte Bild namens "JK-Zug1.KPG" nicht ???
Weiterhin gute Reise, viele Grüsse und viel Erfolg bei der Suche nach dem bald nötigen schwimmenden Transportmittel.