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23. Juli 2012
Berg der Götter
Neben den Stränden ist der Gunung Rinjani die Hauptattraktion Lomboks. Der mit 3726 Meter zweithöchste Vulkan Indonesiens lockt Urlauber mit mehrtägigen Besteigungen und einmaligen Ausblicken über ganz Lombok, die Gili Inseln, bis nach Bali. Doch die Tour birgt Gefahren.
In Senggigi an der Nord-Westküste Lomboks angekommen, wurden wir sofort von Angeboten den Rinjani zu besteigen überflutet. Nachdem wir bereits den Bromo auf Java und den Agung auf Bali nicht hatten besteigen können, wollten wir nun einen der berühmten Vulkane Indonesiens intensiv erleben. Also buchten wir eine Tour für drei Tage und zwei Nächte und schnürten die Wanderstiefel.
Anstieg zum Einstieg
Um fünf Uhr früh wurden die Teilnehmer eingesammelt, dann ging es nach Senaru, dem Startpunkt der Wanderung. Nach einem Frühstück ging es los. Wir staunten nicht schlecht, als wir die Träger sahen. Denn unsere großen Rucksäcke ließen wir im Tal, nur mit einem kleinen Rucksack voller Ersatzklamotten ging es für uns auf den Berg. Nahrung, Wasser, Zelte, Schlafsäcke und Isoliermatten wurden von „Portern" getragen. Als ich die Bambusstöcke sah, an denen Körbe voller Material hingen, 25 Kilo schwer, die sich die Männer auf eine Schulter wuchteten, bemühte ich mich zu sagen, dass wir unsere eigenen Schlafsäcke und Matten dabei hatten. Jamal, unser Guide antwortete, dass wir sie den Portern geben sollten, damit sie sie trugen. Das war nicht, was ich gemeint hatte. Wir dankten und trugen unsere Sachen selbst. Die Art und Weise, wie diese Männer, nur in Flip Flops, ihre Lasten den steilen Hang hinauf trugen, nötigte mir Respekt ab. Der zu Bewunderung wurde, als ich mir eingestehen musste, dass ich selbst mit meinem kleinen Rucksack ordentlich zu schleppen hatte.
© Jochen Müller Der Aufstieg begann in dichtem Wald.
Es ging durch dichten Wald bergauf. Die Vegetation war in sattem Grün,
© Jochen Müller Baumfarn.
der Boden angenehm zu laufen. Fremde Gewächse umgaben uns, das Zirpen der Zikaden und die Rufe von Vögeln und Makaken tauchten den Wald in eine fremdartige Stimmung. Luftwurzeln hingen von großen Bäumen hinab, manche davon dick wie ein Männerbein, daneben standen riesenhafte Baumfarne und wilde Bananenpalmen. Ab und an sprangen Makaken um uns herum, als wollten sie uns necken, wie langsam wir seien. Die Porter waren längst außer Sicht, wenigstens Jamal blieb bei uns. Ansonsten waren wir alleine im Wald. Nach zwei Stunden gab es eine Mittagspause. Als wir ankamen, hatten die Porter bereits das Feuer entfacht um Essen und Tee zu kochen. Wir ließen uns der Länge nach hinfallen. Das Gelächter und das fröhliche Geschnatter der Porter schien noch höhnischer als das Geschrei der Makaken. Und ich dachte, ich sei bergfest.
© Jochen Müller 25 Kilo auf der Schulter und Flip Flops. Respekt.
Nach dem Essen ging es weiter, eine Stunde später hatten wir die Baumgrenze hinter uns gelassen. Die Aussicht war phänomenal. Die Sonne brannte hinab, die Luft war glasklar. Unter verschwand Lombok in der Wolkendecke. Durch brusthohe, blühende Büsche ging es weiter, bis kniehohes Gras die Landschaft prägte. Die Porter überholten die durch die Blicke abgelenkte Gruppe, in dem sie leichfüßig durch das Gras um uns herum sprangen. Als wir gegen halb fünf die erste Tageswanderung hinter uns hatten, waren wir zwar noch nicht am Kraterrand angekommen, doch schon so hoch, dass man die Gilis sehen konnte. Und den Gunung Agung, der auf Bali majestätisch durch die Wolkendecke ragte, wie um sein Pendant auf Lombok zu grüßen. Als die Sonne langsam unterging und alles in ein leichtes Violett und dann in ein Glutrot tauchte, saß die Gruppe still bei einem Tee im Gras. Selbst diejenigen, die sich am meisten beim Aufstieg gequält hatten, vergaßen ihre müden Beine und bestätigten, dass Blicke wie dieser alle Mühe wert waren. Nach einer Schüssel gebratenem Reis ging es früh in die Betten. Die Sinne wollten die Eindrücke verdauen, der Magen das Essen und die Beine wollten nichts anderes tun, als nichts mehr zu tun.
© Jochen Müller Das erste Camp, über den Wolken.
© Jochen Müller Sonnenuntergang neben dem Gunung Agung auf Bali.
In den Krater
Kurz nach Sonnenaufgang war die Nacht um.
© Jochen Müller Frühstücksvorbereitungen.
Es gab Pfannkuchen und Tee, dann ging es bergauf, umso steiler, je näher wir dem Kraterrand kamen. Doch wie am Abend zuvor entlohnte der Blick für alles. Weit konnte man zur einen Seite über Lombok und die Gilis bis nach Bali blicken. Auf der anderen Seite öffnete sich der Krater vor einem. Tief unten lag der türkise Kratersee, darin erhob sich aus dem Hauptkrater ein neuer Kegel, den der Vulkan mit seinen Ausbrüchen, zuletzt 2009, bildet. Der Abstieg hinunter zum See war anstrengend, an vielen Stellen mehr klettern als wandern, doch das Gefühl hinab in diesen Krater zu steigen, vermischt mit dem Blick auf den sich
© Jochen Müller Gut gesotten ist halb erholt.
nähernden See, war atemberaubend. Die Vegetation nahm wieder zu, als wir am See angekommen waren, umgab uns dichter Wald. Ein paar Einheimische saßen am Ufer, um zu fischen, wir genossen eine kurze Pause, dann ging es am Ufer entlang zum Sammelplatz für die Mittagspause. Während das Essen zubereitet wurde, konnte die Gruppe ein wenig abseits gehen, um eine Besonderheit zu erleben. Ein Bad in heißen Quellen. Neben der Stelle, an der das Wasser des Sees in einem Fall zwischen steinernen Hängen hinabrauscht, tritt vom Vulkan erhitztes Wasser aus dem Gestein und bildet kleine Tümpel, in denen man die müden Glieder erholsam baden kann. Leichter Schwefel-Geruch verriet den Ursprung des heißen Wassers. Wir saßen in den Becken, ließen uns köcheln, während es um uns blubberte, neben uns der Wasserfall rauschte und über uns nur Stahlblau war.
© Jochen Müller Da, wo sich das Wasser des Falls mit dem der heißen Quellen vermischt, ist die Temperatur zum baden geeignet.
© Jochen Müller Links oben der Gipfel des Gunung Rinjani ragt über den Krater, den See "Segara Anak" und den neuen, kleinen Vulkankegel.
© Jochen Müller Gruppenbild am Kratersee. Leider ohne Porter, die waren wie immer schneller als wir.
Wer wollte, konnte danach noch im Kratersee baden, anschließend gab es Essen. Und wieder ging es bergauf, bis die Bäume hinter uns zurück blieben und steile Hänge uns zum klettern zwangen. Als wir an einem Grat ankamen, wo unser Lager für die Nacht sein würde, waren wir nicht nur völlig ausgelaugt und erschöpft, sondern auch baff vor Überraschung. Wir hatten mit allem gerechnet, aber nicht mit einem Verkaufsstand voller Limonade, Süßigkeiten und Bier. Zwei junge Einheimische hatten die Geschäftsmöglichkeit entdeckt und trugen nun regelmäßig die schweren Lasten von Osten her in einem strammen Tagesmarsch bis hinauf auf 2800 Meter. Dass das Bier handwarm war und die Flasche fünf Euro kostete, war egal. Es war köstlich und jeden Cent wert.
© Jochen Müller Blick vom Rinjani über die Gili Inseln zum Gunung Agung nach Bali.
Als die letzten Nachzügler im Lager ankamen, war das Essen bereits fertig. Wieder ging die Sonne glutrot unter, wieder tauchte sie uns, Lombok, den Ausblick bis nach Bali und den Kratersee unter uns in eine Stimmung, die sich nur schwer in Worte fassen lässt. Sobald es dunkel war, wurde es empfindlich kalt hier oben, der Wind pfiff zusätzlich um uns herum, wir verkrochen uns in die Zelte. Es war zwar erst sieben Uhr, doch Schlaf dringend nötig, denn die Nacht sollte bereits um halb drei enden.
© Jochen Müller Wir mussten tief in den Geldbeutel gucken, aber das Bier musste sein.
© Jochen Müller Der zweite Sonnenuntergang, wieder mit Blick auf den Gunung Agung auf Bali.
Sonnenaufgang am Gipfel, ohne mich
Um zum Sonnenaufgang kurz vor sechs auf dem Gipfel in 3726 Meter Höhe zu sein, mussten wir um halb drei aufstehen und, ohne Frühstück, sofort aufbrechen. Zu meiner ewig währenden Schande muss ich gestehen, dass ich mir das sparte. Sparen musste, denn meine Knie hatten mir am ersten Tag Probleme bereitet und spätestens den zweiten Tag zur Hölle gemacht. Susanne diagnostizierte mein altes Problem neu, völlig ramponierte Menisken, tapete mir die Knie, verband sie mir später zusätzlich, der Guide schnitzte mit einen Stock, doch alles nutzte nichts. Ich musste abwägen ob ich lieber halbwegs ausgeruht die sechs Stunden Abstieg von 2800 auf knapp 1000 Höhenmeter in Angriff nehmen wollte, oder inklusive Gipfel noch weitere fünf Stunden und 1800 Höhenmeter. Susanne und Jamal überzeugten mich schließlich, dass Vorsicht hier besser als Nachsicht war. Und spätestens am Nachmittag dankte ich ihnen. Doch dazu gleich. Als die Gruppe vom Gipfel kam und berichtete, war ich vollends überzeugt, dass meine Vorsicht richtig gewesen war. Im Dunkeln nach kurzem steilen Anstieg auf einem Grat zu wandern, zur einen Seite der tiefe Krater, zur anderen das tiefe Lombok, unter einem nur loses Geröll auf noch loserem Sand, immer zwei Schritte vor und einen zurück, umtost vol kaltem Wind und aufziehenden Wolken, das wäre nicht gut gegangen. Von zwei Gruppen, die an diesem Morgen aufstiegen, sahen nur wenige Teilnehmer den Gipfel, der Rest brach vorher ab und genoss die zehn Minuten klare Sicht auf den Sonnenaufgang, bevor die Wolken zuzogen und alles in Nebel hüllten. Ich versuchte mich an den Bildern zu erfreuen, die Susanne geschossen hatte, es gelang mir fast, dann ging es los zum Abstieg in Richtung Tal.
© Jochen Müller Steil bergauf über losen Schotter, je zwei Schritt vor und einer zurück. Und links wie rechts geht es nur nach unten.
© Jochen Müller Als Belohnung gab es den Sonnenaufgang zu sehen. Für ein paar Minuten, bis es zuzog.
Die Gefahren des Berges
Der Marsch ins Tal war kniffelig. Für die Tapferen umso mehr, die sich, wie Susanne, vor dem Abstieg, trotz der Erschöpfung der letzten zwei Tage, fünf Stunden zum Gipfel hinauf und hinab gequält hatten. Dies sei Allen, die den Rinjani besteigen wollen, gesagt. Wer die dreitägige Tour bucht, kann sich auf einen letzten Tag einstellen, der selbst trainierte Menschen an ihre Grenzen führt. Oder darüber hinaus. So fanden wir wenig später eine junge Frau, die von zwei Tagen und der morgendlichen Gipfelbesteigung völlig entkräftet unsicher geworden und gestürzt war und sich dabei die Schulter ausgekugelt hatte. Da es auf Lombok keine Rettungshubschrauber gibt, musste sie den ganzen weiten Weg ins Tal von Portern getragen werden. Wir wissen nicht, was aus ihr geworden ist, doch die Schmerzen mag ich mir nicht vorstellen. Zumal ich weiß, wie sich ein ausgekugeltes Gelenk anfühlt.
Jeden Schritt taten wir danach mit doppelter Vorsicht. Lose Erde den Untergrund, zu weiten Teilen eine rutschige Piste aus staubtrockenem, losen Sand. Außer den Portern rutschte jeder hin und wieder. Wie sie das in ihren Sandalen hinbekamen, blieb uns allen ein Rätsel. Ich stützte mich auf meinen Stock, plante jeden Schritt vor und hangelte mich so im Schneckentempo den Berg hinab.
© Jochen Müller Gefühlt befanden wir uns irgendwo zwischen Irland und Island.
Als wir wieder in flachem Terrain ankamen, stießen so manche einen Seufzer der Erleichterung aus. Denn bei allen Freuden über die Eindrücke der Wanderung, bei allem Genuss auch an diesem Tage über Baumfarne, hohe Bäume und wilde Bananen, über sanft geschwungene, scheinbar endlose Wiesen von hüfthohem Gras in so sattem grün, dass man sich in Irland wähnte, waren wir uns alle einer Sache einig. Die Organisation dieser Wanderung war mies. Das zufällige Zusammenwürfeln der Gruppen ohne Beachtung der verschiedenen Niveaus und Konditionen der Wanderer führte zu Gefahren. Es gab keinerlei Einführung, keine Vorbereitung, niemand fragte, ob man schon jemals am Berg gewesen sei. Selbst ich, der ich schon Bergerfahrung habe, und an sich in guter körperlicher Verfassung bin, kam hier an meine Grenzen. Für manch andere war es ungleich schwerer. Wir hatten Glück, unsere Gruppe kam heil an, und die müden Beine waren nach einer heißen Dusche und einer Massage schnell wieder in Ordnung. Doch das galt leider nicht für Andere. Als ich Jamal fragte, ob es viele Unfälle am Rinjani gab, war seine Antwort blitzschnell und eindeutig: „Oh ja, sehr viele. Es gibt auch jedes Jahr Tote"
Eine Besteigung des Gunung Rinjani auf Lombok ist ein einmaliges Erlebnis und jeden einzelnen, teilweise quälenden Schritt wert. Doch wie bei jeder Bergbesteigung ist auch diese nicht frei von Gefahren. Und nichts für Jedermann.
Jochen Müller
In Senggigi an der Nord-Westküste Lomboks angekommen, wurden wir sofort von Angeboten den Rinjani zu besteigen überflutet. Nachdem wir bereits den Bromo auf Java und den Agung auf Bali nicht hatten besteigen können, wollten wir nun einen der berühmten Vulkane Indonesiens intensiv erleben. Also buchten wir eine Tour für drei Tage und zwei Nächte und schnürten die Wanderstiefel.
Anstieg zum Einstieg
Um fünf Uhr früh wurden die Teilnehmer eingesammelt, dann ging es nach Senaru, dem Startpunkt der Wanderung. Nach einem Frühstück ging es los. Wir staunten nicht schlecht, als wir die Träger sahen. Denn unsere großen Rucksäcke ließen wir im Tal, nur mit einem kleinen Rucksack voller Ersatzklamotten ging es für uns auf den Berg. Nahrung, Wasser, Zelte, Schlafsäcke und Isoliermatten wurden von „Portern" getragen. Als ich die Bambusstöcke sah, an denen Körbe voller Material hingen, 25 Kilo schwer, die sich die Männer auf eine Schulter wuchteten, bemühte ich mich zu sagen, dass wir unsere eigenen Schlafsäcke und Matten dabei hatten. Jamal, unser Guide antwortete, dass wir sie den Portern geben sollten, damit sie sie trugen. Das war nicht, was ich gemeint hatte. Wir dankten und trugen unsere Sachen selbst. Die Art und Weise, wie diese Männer, nur in Flip Flops, ihre Lasten den steilen Hang hinauf trugen, nötigte mir Respekt ab. Der zu Bewunderung wurde, als ich mir eingestehen musste, dass ich selbst mit meinem kleinen Rucksack ordentlich zu schleppen hatte.
Es ging durch dichten Wald bergauf. Die Vegetation war in sattem Grün,
© Jochen Müller Das erste Camp, über den Wolken.In den Krater
Kurz nach Sonnenaufgang war die Nacht um.
Wer wollte, konnte danach noch im Kratersee baden, anschließend gab es Essen. Und wieder ging es bergauf, bis die Bäume hinter uns zurück blieben und steile Hänge uns zum klettern zwangen. Als wir an einem Grat ankamen, wo unser Lager für die Nacht sein würde, waren wir nicht nur völlig ausgelaugt und erschöpft, sondern auch baff vor Überraschung. Wir hatten mit allem gerechnet, aber nicht mit einem Verkaufsstand voller Limonade, Süßigkeiten und Bier. Zwei junge Einheimische hatten die Geschäftsmöglichkeit entdeckt und trugen nun regelmäßig die schweren Lasten von Osten her in einem strammen Tagesmarsch bis hinauf auf 2800 Meter. Dass das Bier handwarm war und die Flasche fünf Euro kostete, war egal. Es war köstlich und jeden Cent wert.
Als die letzten Nachzügler im Lager ankamen, war das Essen bereits fertig. Wieder ging die Sonne glutrot unter, wieder tauchte sie uns, Lombok, den Ausblick bis nach Bali und den Kratersee unter uns in eine Stimmung, die sich nur schwer in Worte fassen lässt. Sobald es dunkel war, wurde es empfindlich kalt hier oben, der Wind pfiff zusätzlich um uns herum, wir verkrochen uns in die Zelte. Es war zwar erst sieben Uhr, doch Schlaf dringend nötig, denn die Nacht sollte bereits um halb drei enden.
Sonnenaufgang am Gipfel, ohne mich
Um zum Sonnenaufgang kurz vor sechs auf dem Gipfel in 3726 Meter Höhe zu sein, mussten wir um halb drei aufstehen und, ohne Frühstück, sofort aufbrechen. Zu meiner ewig währenden Schande muss ich gestehen, dass ich mir das sparte. Sparen musste, denn meine Knie hatten mir am ersten Tag Probleme bereitet und spätestens den zweiten Tag zur Hölle gemacht. Susanne diagnostizierte mein altes Problem neu, völlig ramponierte Menisken, tapete mir die Knie, verband sie mir später zusätzlich, der Guide schnitzte mit einen Stock, doch alles nutzte nichts. Ich musste abwägen ob ich lieber halbwegs ausgeruht die sechs Stunden Abstieg von 2800 auf knapp 1000 Höhenmeter in Angriff nehmen wollte, oder inklusive Gipfel noch weitere fünf Stunden und 1800 Höhenmeter. Susanne und Jamal überzeugten mich schließlich, dass Vorsicht hier besser als Nachsicht war. Und spätestens am Nachmittag dankte ich ihnen. Doch dazu gleich. Als die Gruppe vom Gipfel kam und berichtete, war ich vollends überzeugt, dass meine Vorsicht richtig gewesen war. Im Dunkeln nach kurzem steilen Anstieg auf einem Grat zu wandern, zur einen Seite der tiefe Krater, zur anderen das tiefe Lombok, unter einem nur loses Geröll auf noch loserem Sand, immer zwei Schritte vor und einen zurück, umtost vol kaltem Wind und aufziehenden Wolken, das wäre nicht gut gegangen. Von zwei Gruppen, die an diesem Morgen aufstiegen, sahen nur wenige Teilnehmer den Gipfel, der Rest brach vorher ab und genoss die zehn Minuten klare Sicht auf den Sonnenaufgang, bevor die Wolken zuzogen und alles in Nebel hüllten. Ich versuchte mich an den Bildern zu erfreuen, die Susanne geschossen hatte, es gelang mir fast, dann ging es los zum Abstieg in Richtung Tal.
Die Gefahren des Berges
Der Marsch ins Tal war kniffelig. Für die Tapferen umso mehr, die sich, wie Susanne, vor dem Abstieg, trotz der Erschöpfung der letzten zwei Tage, fünf Stunden zum Gipfel hinauf und hinab gequält hatten. Dies sei Allen, die den Rinjani besteigen wollen, gesagt. Wer die dreitägige Tour bucht, kann sich auf einen letzten Tag einstellen, der selbst trainierte Menschen an ihre Grenzen führt. Oder darüber hinaus. So fanden wir wenig später eine junge Frau, die von zwei Tagen und der morgendlichen Gipfelbesteigung völlig entkräftet unsicher geworden und gestürzt war und sich dabei die Schulter ausgekugelt hatte. Da es auf Lombok keine Rettungshubschrauber gibt, musste sie den ganzen weiten Weg ins Tal von Portern getragen werden. Wir wissen nicht, was aus ihr geworden ist, doch die Schmerzen mag ich mir nicht vorstellen. Zumal ich weiß, wie sich ein ausgekugeltes Gelenk anfühlt.
Jeden Schritt taten wir danach mit doppelter Vorsicht. Lose Erde den Untergrund, zu weiten Teilen eine rutschige Piste aus staubtrockenem, losen Sand. Außer den Portern rutschte jeder hin und wieder. Wie sie das in ihren Sandalen hinbekamen, blieb uns allen ein Rätsel. Ich stützte mich auf meinen Stock, plante jeden Schritt vor und hangelte mich so im Schneckentempo den Berg hinab.
Als wir wieder in flachem Terrain ankamen, stießen so manche einen Seufzer der Erleichterung aus. Denn bei allen Freuden über die Eindrücke der Wanderung, bei allem Genuss auch an diesem Tage über Baumfarne, hohe Bäume und wilde Bananen, über sanft geschwungene, scheinbar endlose Wiesen von hüfthohem Gras in so sattem grün, dass man sich in Irland wähnte, waren wir uns alle einer Sache einig. Die Organisation dieser Wanderung war mies. Das zufällige Zusammenwürfeln der Gruppen ohne Beachtung der verschiedenen Niveaus und Konditionen der Wanderer führte zu Gefahren. Es gab keinerlei Einführung, keine Vorbereitung, niemand fragte, ob man schon jemals am Berg gewesen sei. Selbst ich, der ich schon Bergerfahrung habe, und an sich in guter körperlicher Verfassung bin, kam hier an meine Grenzen. Für manch andere war es ungleich schwerer. Wir hatten Glück, unsere Gruppe kam heil an, und die müden Beine waren nach einer heißen Dusche und einer Massage schnell wieder in Ordnung. Doch das galt leider nicht für Andere. Als ich Jamal fragte, ob es viele Unfälle am Rinjani gab, war seine Antwort blitzschnell und eindeutig: „Oh ja, sehr viele. Es gibt auch jedes Jahr Tote"
Eine Besteigung des Gunung Rinjani auf Lombok ist ein einmaliges Erlebnis und jeden einzelnen, teilweise quälenden Schritt wert. Doch wie bei jeder Bergbesteigung ist auch diese nicht frei von Gefahren. Und nichts für Jedermann.
Jochen Müller
Kommentare zu "Berg der Götter"
Berg der Goetter
von Anna-Maria Ciupe
am 23.07.2012 um 15:47 Uhr
Lieber Jochen, Respekt fuer deine Entschlossenheit
diese Tour zu machen und im richtigen Moment nicht
bis zum Gipfel zu steigen. Hauptsache ihr seid gut unten angekommen. Viel Glueck weiterhin.
Berg der Götter
von gisilamprecht
am 23.07.2012 um 16:09 Uhr
Tolle Geschichte, Jochen, und auch toll, daß Du aufgehört hast, das hätte schief gehen können. Hat Susanne genug Tape dabei? Weiter schöne Tage und LG Gisi
von Lotte
am 05.08.2012 um 12:37 Uhr
Hey,
heil in Deutschland angekommen, kann ich gar nicht glauben, dass wir (zum Teil) dabei waren! Werde eure Reise noch weiter verfolgen und wünsche euch viel Spass und passt auf euch auf!
(Falls ihr das Foto noch habt: lotte.boettcher@gmx.net)
Liebe Gruesse
"Berg der Götter" kommentieren


Jochen,wieder mal ein ganz toll geschriebener Bericht,so, daß man glaubt dabei gewesen zu sein.Schlimm,daß Dein Knie Dir Grenzen setzt.es ist ein furchtbares Gefühl,wenn man sieht was andere leicht schaffen und man selbst kann nicht mithalten.Ich kenne das nur zu gut,aber mein Mitgefühl hilft Dir leider auch nicht weiter.
Gott sei Dank hast Du aber professionelle Hilfe .
Weiterhin alles Gute.