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25. Juni 2012
Auf der Jalan Jaksa in Jakarta
Den Rücken der offenen Front des Imbisses zugewandt, den Blick starr auf das Schneegestöber im Fernseher in der Ecke geheftet, saß ich beim Abendessen in der Jalan Jaksa. Ich schlang mehr als dass ich aß, hatte den Kopf zwischen die Schultern gezogen und hoffte. Ich hoffte wenigstens diesmal in Ruhe essen zu können. Vergebens.
Plötzlich zwitscherte doch ein laszives „Hello Mister!" von der Straße herein. So höflich wie möglich, doch ohne mich umzudrehen, machte ich der jungen Dame in meinem Rücken klar, dass ich keinerlei Interesse an einer „unverbindlichen" Konversation hatte und noch weniger an der Verbindlichkeit, in der dieser Smalltalk in der Regel endet.
The net works
Auch wenn Prostitution in Indonesien offiziell ein „Verbrechen gegen Anstand und Moral" ist, so ist dieses Gewerbe doch weitverbreitet, toleriert und auch wohl organisiert. So zumindest erscheint es.
© Jochen Müller Auf der Jalan Jaksa
Einen ersten Eindruck, wie der sprichwörtliche Hase auf der Jalan Jaksa läuft, bekamen wir bereits am ersten Abend in Jakarta. Als wir ein kleines Restaurant aufsuchten, erlebten wir die hier gängige intensive Vernetzung der Geschäftstreibenden. Wir bestellten gerade unsere Rechnung, als sich der Wirt zu uns herunterbeugte und verschwörerisch flüsterte: „Seht ihr die Mädchen da?" Wir sahen sie. Drei sehr unauffällig gekleidete Teenage-Girls lungerten vor dem Restaurant auf einer Bank herum. „Die könnt ihr haben, wenn ihr wollt!" ließ sich der Wirt, nun ganz Zuhälter, vernehmen. Wir wollten nicht, bedankten uns aber dennoch artig für das Angebot. Weit weniger dezente Offerten von weit weniger dezent gekleideten Damen erhielten wir auf dem Heimweg dann vor nahezu jeder Bar. Wir blieben standhaft, versuchten die uns eigene Höflichkeit zu bewahren, auch wenn es langsam aber sicher ziemlich lästig wurde. Im Laufe der Zeit sollte ich herausfinden, dass die Zuhälterei ein beliebter Nebenjob zu sein scheint. Denn egal ob Tourguide oder Motorradtaxifahrer - schlägt man die angebotene Dienstleistung aus, kommt nicht selten die zweideutige Frage, was man denn von den einheimischen Mädchen halte. Eine entsprechende Offerte wird bei grundsätzlichem Interesse nachgereicht. Glaube ich jedenfalls.
Fließende Übergänge
Dabei ist die Jalan Jaksa keineswegs die Rotlichtmeile Jakartas, sondern die in vielen größeren Städten Südost-Asiens übliche „Backpacker-Area", also ein Quartier, in dem sich bevorzugt Rucksackreisende treffen. Allerdings muss man zugeben, dass die Grenzen zwischen Rotlichtmilieu und Backpacker-Viertel oftmals fließend sind. Ein gutes Beispiel dafür ist sicherlich auch die Khao San Road in Bangkok. Doch generell bieten diese Gegenden zumeist günstige Übernachtungsmöglichkeiten, Bars und Restaurants in zentraler Lage. So auch die Jalan Jaksa. Viele Reiseführer weisen einem gleich den Weg in diese Viertel, was einen dort erwartet, hat aber nicht immer etwas mit Backpacker-Romantik zu tun.
© Jochen Müller Dichter Verkehr und dicke Luft unweit der Jalan Jaksa.
Spröder Charme
Im Vergleich zu anderen typischen Backpacker-Quartieren besticht die Jalan Jaksa durch einen spröden Charme. Heruntergekommene Hostels und Bars, in denen man für eine Handvoll Rupiah ein wenig Zweisamkeit erstehen kann, so man denn möchte. Durch diese Bars, ebenso wie durch die Restaurants und sogar über den Freisitz unseres Hostels marodieren in kürzesten Intervallen Musiker, die den Mangel an Talent und Musikalität durch Lautstärke und wildes Geklampfe auf ihren zumeist ungestimmten Gitarren auszugleichen versuchen. Gibt man ihnen eine Münze, verschwinden sie, ohne das Lied zu beenden. Doch nur, um die Bühne für die nächste Wanderkapelle zu räumen. An ein Gespräch ist in solchem Ambiente nicht zu denken.
Taxifahrer und Touranbieter lungern auf dem Trottoir und offerieren, was auch immer sie anzubieten haben. Und das zu höchst touristischen Preisen („Mister, special price for you!"). Dazwischen Touristen jeden Alters und aller Herren Länder, die hier ein Auge auf die indonesischen Schönheiten werfen können. Aber auch viele Einheimische, die bevorzugt am Wochenende hierher kommen, um westliche Grazien in Augenschein zu nehmen.
© Jochen Müller Die Backpacker Gegend von Jakarta. Die Jalan Jaksa ist eine kleine Straße, in der, besonders abends und nachts, einiges los ist.
Mit uns kann man es machen
Wie man mit Touristen hier umspringt, sollten wir auch schnell herausfinden. Und zwar als wir uns nach unserer knapp 35-stündigen Gewalttour von Jambi nach Jakarta um eine Bleibe bemühten. Völlig fertig stolperten wir in das erste Hostel auf der Meile und fragten nach zwei Betten im Schlafsaal. Ausgebucht. Ok, dann eben ein Doppelzimmer. Uns war es an diesem Abend egal, denn wir wollten nur noch in die Waagerechte. Das Zimmer, die brüchigen Betten mit den durchgelegenen Matratzen und die beiden schäbigen Nasszellen, die wir uns nicht nur mit den anderen Gästen sowie dem Betreiberclan, sondern auch mit diversen Kriechtieren und Pilzkulturen teilen mussten, spotteten jeder Beschreibung und rechtfertigten den aufgerufenen Preis nicht im Ansatz. Sei's drum, wir bekamen das was wir wollten und brauchten. Eine Mütze Schlaf.
© Jochen Müller Das Panorama des Backpacker-Viertels ist ... interessant...
Verschaukelt
Als Jochen kurz darauf seine Freundin abholte und sich mit ihr zunächst fern ab der Jalan Jaksa ein Hotel gönnte, versuchte ich erneut, in unserem Hostel ein Dormbett zu bekommen. Ausgebucht. Aha. Ich hatte während unseres Aufenthaltes gerade mal zwei andere Gäste gesehen.
© Jochen Müller Betten-Tetris in unserer Unterkunft
Und jeder davon hatte sein eigenes Zimmer. Nicht gewillt, mich auf den Arm nehmen zu lassen, zog ich von dannen und versuchte es in einigen weiteren Hostels. Keinen Dorm, aber dafür günstige Einzelzimmer fand ich eine Ecke weiter. Zudem einen netten Freisitz und kostenloses Internet. Das klang vielversprechend, hier wollte ich her. Ausgebucht. Was Wunder! Ich rang dem Rezeptionisten die Zusage ab, am nächsten Tag ein Einzelzimmer für mich bereit zu halten und klapperte noch einige weitere Gästehäuser ab. Als ich mich schließlich mit Stundentarifen konfrontiert sah, kehrte ich kleinlaut in die erste Bleibe zurück und nahm mir ein Einzelzimmer. Als ich tags darauf mein mir zugesagtes Einzelzimmer in der weit netteren Herberge beziehen wollte, hieß es erneut: sorry, ausgebucht. Mir schwoll der Kamm. Ich ging zurück in das erste Hostel und fragte nur aus Spass nach einem Dormbett. Da hieß es, der Schlafsaal werde gerade renoviert. Wie bitte? Niemand renoviert einen vollbesetzten Schlafsaal und abgesehen davon, wurde in dieser Bleibe offensichtlich noch nie ein Gedanke an Renovierung verschwendet. Und der deutlich zu vernehmende Baulärm kam definitiv von der Großbaustelle nebenan, denn wir hatten ihn zuvor schon von den frühen Morgen- bis in die späten Abendstunden vernommen. Ich kam mir nun endgültig verschaukelt vor, packte meine Sachen und zog ab. Nach diversen Fehlversuchen gab ich schließlich entnervt auf, ging in die Herberge meiner Wahl und nahm mir ein Doppezimmer. Allein. Und ohne Rabatt, der in solchen Fällen sonst normalerweise gewährt wird. Nun hatten sie mich da, wo sie mich haben wollten.
© Jochen Müller Nicht gerade geräumig, dafür kuschelig, mit Alibi-Ventilator und einigen sechsbeinigen Mitbewohnern.
von Peer Bergholter
Plötzlich zwitscherte doch ein laszives „Hello Mister!" von der Straße herein. So höflich wie möglich, doch ohne mich umzudrehen, machte ich der jungen Dame in meinem Rücken klar, dass ich keinerlei Interesse an einer „unverbindlichen" Konversation hatte und noch weniger an der Verbindlichkeit, in der dieser Smalltalk in der Regel endet.
The net works
Auch wenn Prostitution in Indonesien offiziell ein „Verbrechen gegen Anstand und Moral" ist, so ist dieses Gewerbe doch weitverbreitet, toleriert und auch wohl organisiert. So zumindest erscheint es.
Fließende Übergänge
Dabei ist die Jalan Jaksa keineswegs die Rotlichtmeile Jakartas, sondern die in vielen größeren Städten Südost-Asiens übliche „Backpacker-Area", also ein Quartier, in dem sich bevorzugt Rucksackreisende treffen. Allerdings muss man zugeben, dass die Grenzen zwischen Rotlichtmilieu und Backpacker-Viertel oftmals fließend sind. Ein gutes Beispiel dafür ist sicherlich auch die Khao San Road in Bangkok. Doch generell bieten diese Gegenden zumeist günstige Übernachtungsmöglichkeiten, Bars und Restaurants in zentraler Lage. So auch die Jalan Jaksa. Viele Reiseführer weisen einem gleich den Weg in diese Viertel, was einen dort erwartet, hat aber nicht immer etwas mit Backpacker-Romantik zu tun.
Spröder Charme
Im Vergleich zu anderen typischen Backpacker-Quartieren besticht die Jalan Jaksa durch einen spröden Charme. Heruntergekommene Hostels und Bars, in denen man für eine Handvoll Rupiah ein wenig Zweisamkeit erstehen kann, so man denn möchte. Durch diese Bars, ebenso wie durch die Restaurants und sogar über den Freisitz unseres Hostels marodieren in kürzesten Intervallen Musiker, die den Mangel an Talent und Musikalität durch Lautstärke und wildes Geklampfe auf ihren zumeist ungestimmten Gitarren auszugleichen versuchen. Gibt man ihnen eine Münze, verschwinden sie, ohne das Lied zu beenden. Doch nur, um die Bühne für die nächste Wanderkapelle zu räumen. An ein Gespräch ist in solchem Ambiente nicht zu denken.
Taxifahrer und Touranbieter lungern auf dem Trottoir und offerieren, was auch immer sie anzubieten haben. Und das zu höchst touristischen Preisen („Mister, special price for you!"). Dazwischen Touristen jeden Alters und aller Herren Länder, die hier ein Auge auf die indonesischen Schönheiten werfen können. Aber auch viele Einheimische, die bevorzugt am Wochenende hierher kommen, um westliche Grazien in Augenschein zu nehmen.
Mit uns kann man es machen
Wie man mit Touristen hier umspringt, sollten wir auch schnell herausfinden. Und zwar als wir uns nach unserer knapp 35-stündigen Gewalttour von Jambi nach Jakarta um eine Bleibe bemühten. Völlig fertig stolperten wir in das erste Hostel auf der Meile und fragten nach zwei Betten im Schlafsaal. Ausgebucht. Ok, dann eben ein Doppelzimmer. Uns war es an diesem Abend egal, denn wir wollten nur noch in die Waagerechte. Das Zimmer, die brüchigen Betten mit den durchgelegenen Matratzen und die beiden schäbigen Nasszellen, die wir uns nicht nur mit den anderen Gästen sowie dem Betreiberclan, sondern auch mit diversen Kriechtieren und Pilzkulturen teilen mussten, spotteten jeder Beschreibung und rechtfertigten den aufgerufenen Preis nicht im Ansatz. Sei's drum, wir bekamen das was wir wollten und brauchten. Eine Mütze Schlaf.
Verschaukelt
Als Jochen kurz darauf seine Freundin abholte und sich mit ihr zunächst fern ab der Jalan Jaksa ein Hotel gönnte, versuchte ich erneut, in unserem Hostel ein Dormbett zu bekommen. Ausgebucht. Aha. Ich hatte während unseres Aufenthaltes gerade mal zwei andere Gäste gesehen.
von Peer Bergholter
Kommentare zu "Auf der Jalan Jaksa in Jakarta"
tut mir leid für sie
von calvin
am 29.01.2013 um 13:47 Uhr
Hallo ich muss sie wahrscheinlich jetzt enttäuschen aber meine Eltern und ich waren auch in der jalan jaksa und ihr hotelzimmer sieht sehr nach hotel borneo aus aber das sowie das bintang ketschora wurden definitiv renoviert stand 4 august 2012 wir waren allerdings im hotel linda ausgezeichnet für den preis von 20 euro inkl. Extra bett .
Ich kann es ihnen nur für die zukunft anbieten dort hin zu gehen oder ihr glück nochmal im renovierten borneo zu verwuchen
Liebe Grüße Calvin Z
"Auf der Jalan Jaksa in Jakarta" kommentieren


Daß Du so lange ruhig geblieben bist! Respekt! Aber hilft ja nix, muß man wohl hinnehmen als Touri, ! Toll beschrieben, Peer, kriegt man beim Lesen soooon Hals! Ruhig bleiben, Brauner und weiter viel Glück Gisi