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7. November 2011
Die Transsibirische Eisenbahn
Aber es war so. Wir hatten wirklich den gesamten Wagen für uns alleine, das änderte sich auch die gesamte Fahrt über nicht. In den anderen Wagen war auch nicht viel mehr los. Die meisten waren komplett leer. Der Wagen neben uns war ein wenig voller, immerhin vier von acht Abteilen besetzt. Eine Insel des Lebens in einem Zug der gähnenden Leere.
Doch zuerst kam die Nacht. Wir richteten uns ein, konnten uns in unserem Abteil immerhin ausbreiten, nun da es sicher war, dass wir alleine waren und bleiben würden, und versuchten zu schlafen. Erste Entdeckung: Die Betten im Platzkartny, also in den russischen Großraumabteilen, sind besser, als in der chinesischen zweiten Klasse. Um einiges besser. Die zweite Klasse Betten sind nur Holzpritschen mit einer dekorativen Lage von etwa 2cm Schaumgummi. Im Platzkartny hat man eine richtige Polsterung. Aber die Logik dahinter besticht. Wenn der ganze Zug nichts unter der zweiten Klasse bietet, wer will sich beschweren? Und wer fünfeinhalb Tage lang Zug fährt, der hat ohnehin nicht viel mehr zu tun als zu pennen, da braucht kein Bett gemütlich zu sein. Irgendwann schläft man vor Langeweile ein.
Das konnte auch ernsthaft erklären, warum der Zug so leer war. Die klassische Route ist die nach Wladiwostok. Das ist eine rein russische Route und bietet somit auch die um einiges günstigeren Platzkartny Abteile. Die meisten Russen können sich nur das leisten, würden also nicht in einem internationalen Zug fahren, der nur zweite und erste Klasse bietet. Ebenso die meisten Eisenbahnromantiker nehmen die klassische Route, auch die kommen nicht in den chinesischen Zug. Es war schnell klar, dass sich an der Leere des Zuges nichts mehr ändern würde. Also mussten wir uns damit arrangieren.
Was passierte in diesen fünf Tagen im Zug? Ich lernte Schach spielen, das ist doch schon mal was. Wir lernten zwei deutsche Reisende kennen, zwei britische und vier schwedische. Es ist wirklich wahr. Das war die Gesamtheit der Reisenden in diesem Zug. Zehn kümmerliche Gestalten, einer braver als der andere, kein Schmuggelgut, keine Agenten, keine Verbrechen, nicht mal ein einziger Mord. Nichts. Noch nicht mal aus Versehen. Eine Enttäuschung.
Die Highlights waren die kurzen Aufenthalte auf den Bahnhöfen. Da standen wir zehn dann immer, die Jogginghose von links winkte, die Flickenweste von dahinter hob kurz die Hand und von rechts nickte die schwarze Softshelljacke. Wo war die Pelzmütze? Ach, die kaufte Teigtaschen. Immerhin ein wenig Abwechslung, denn beim letzten Bahnhof hat die Pelzmütze nichts gekauft, dafür Jogginghose und Flickenweste gleichzeitig. Wahnsinn.
Und sonst? Man mag es kaum glauben, aber was regelmäßig für ein großes Hallo sorgte, waren Kurven. Grob geschätzt einmal pro Tag wurden wir von einer leichten Neigung des Zuges aus den Tagträumen gerissen. Dann platzte es gleichzeitig aus uns heraus: „eine Kurve". Sofort pressten wir die Nasen an die Scheiben und freuten uns wie die Kinder. Juhu eine Kurve, was für ein Abenteuer! Dann wieder 24 Stunden schnur geradeaus. Genug Zeit das eben Erlebte zu verarbeiten.
Die Landschaft selber war atemberaubend eintönig.
Der Zug hatte schnell eine Stunde Verspätung. Wir spekulierten, dass die russischen Züge wahrscheinlich priorisiert werden und die armen vernachlässigten chinesischen Züge gerne mal aufs Abstellgleis gestellt werden. Wir phantasierten uns die spannendsten Dinge zurecht, was für ausschweifende Parties und wüste Geschichten gerade in allen russischen Zügen passierten. Bei uns immer noch tote Hose. Tote Hose, eine Redewendung, die nun auch vier schwedische Reisende verstehen. Ein sprachkultureller Hauptgewinn.
Die Verspätung des Zuges führte dazu, dass wir in manchen Bahnhöfen statt einer halben Stunde nur wenige Minuten standen. Doch auch Hektik alleine macht kein Adrenalin. Es war zum aus der Haut fahren.
Dem Himmel sei Dank, denn ohne wirklichen Auslauf, ohne ausreichend frische Luft, nur mit Essen, das dem Körper die Nährstoffe eher entzieht als zuführt und dann auch noch ohne Bier, wir wären wahrscheinlich eingegangen. Bier nährt Körper und Geist, beschäftigt und macht Bekanntschaften, traurig aber wahr. Abstinenzler sollten diese Fahrt sicher nicht unternehmen, das ginge nicht gut aus.
So kam es, dass wir in der vorletzten Nacht im Zug eine kleine drei Mann Party in unserem Abteil feierten. Jakob, die Pelzmütze aus Schweden, vernichtete mit uns gemeinsam eine Flasche Vodka. Es war wirklich lustig, wir redeten und blödelten ausgelassen. Bis irgendwann in den frühen Morgenstunden der Schaffner kam und uns bat etwas leiser zu sein.
Am letzten Tag fuhren wir am Baikalsee vorbei. Dieses Ungetüm, das immerhin 20% der weltweiten Süßwasserreserven beinhaltet. Wir hätten ihn so gerne näher gesehen, direkt und unverfälscht, vielleicht sogar eine Fingerspitze hineingesteckt. Aber vom FMS in den direkten Zug in die Mongolei gezwungen, konnten wir ihn nur durch das Fenster betrachten. Durch ein dreckiges Fenster, das kaum etwas erkennen ließ. Die Nase an die Scheibe gepresst wurde eines schnell klar. Auf weites Wasser zu blicken ist zwar eine Abwechslung, wenn man vorher Tage lang nur auf Steppe und Birken geblickt hat, spannend ist es dennoch nicht. Zumindest nicht spannend genug um einen nach diesem verfluchten russischen Vodka für länger als ein Foto von der Pritsche zu vertreiben. Womit wir wieder bei den Gründen für die geringe Polsterung wären. Braucht kein Mensch. Vodka macht alles weich, selbst Sperrholz.
Doch den letzten Abend, so dachten wir, hatten wir ja zum ausnüchtern und ausschlafen. Das funktionierte aber leider nicht. Kaum waren wir an der Grenze, begrüßten uns die Mitarbeiter des neu angekoppelten, mongolischen Zugrestaurants und lockten uns mit frischem Bier und Essen. Beides auf der rostroten Weste des Kellners kunstvoll arrangiert. Also versammelte sich der gesamte Zuginhalt im Restaurant und hoffte auf Steaks. Oder ähnliches.
Als es sich dann herausstellte, dass es nur gekochte Eier und Nudelsuppe gab, war ich den Tränen nah. Alles, bloß keine Nudelsuppe. Bitte nein. Also doch Bier. Aber soviel sei versichert. Das mongolische Bier schmeckt gut. Um Längen besser als das russische, aber das ist nicht schwer.
Und noch eine Überraschung. Obwohl wir gerade erst angekommen waren, konnten wir frühstücken und sofort in die Betten. Zwar nicht in unsere, aber immerhin in Betten. Echte, wirkliche Betten. Mit Matratzen und allen drum und dran. Wir traten den Beweis an, dass man einschlafen kann, während man sich hinlegt und schlummerten selig vor uns hin. Ein paar Stunden später zogen wir in unser Zimmer und unsere Betten um, lobten den mongolischen Vodka, der nicht mal den Hauch eines Katers verursacht und schliefen uns richtig aus. Ich mag die Mongolei jetzt schon.
Jochen Müller
Kommentare zu "Die Transsibirische Eisenbahn"
Kurven statt Hühner
Das dürfte der Beweis sein, dass Zugfahren aus ökologischen Erwägungen nicht immer der Fliegerei vorzuziehen ist. Und auch euer Plan, durch diese Art des Reisens besonders unverfälscht mit den Einheimischen in Kontakt zu kommen (ich erinnere an alte Omis mit Hühnern auf dem Schoß, oder so), scheint diesmal nicht so ganz aufgegangen zu sein, aber immerhin: Welche Euphorie eine sibierische Kurve auslösen kann - die Erfahrung kann euch keiner mehr nehmen ;o))
Ulan Bator
Als Freunde des "Huett_Naturtrüb"solltet Ihr unbedingt in die Khan Brauerei die einem Deutschen Namens Klaus Bader gehört.Die Adresse herauzfinden war mir nicht möglich,aber ihr habt ja sonst nichts zu tun nach eurer geruhsamen Bahnfahrt.
Viele Spaß : Der ALTE hUett Braumeister
http://www.khanbrau.net/
Mongolei
beim Lesen dieser Reiseeindrücke fallen mir immer wieder diese Zeilen ein:
" ......
in China kriecht ein Regenwurm
zu dieser Zeit zwei Zentimeter.
In Prag hat jemand Ziegenpeter,
und in Amerika ist wer,
der trinkt grad seine Tasse leer,
und in Australien -huhu-
springt aus dem Busch ein Känguruh,
und hoch im Norden irgendwo,
da hustet jetzt ein Eskimo.
In Frankreich aber wächst ein Baum
ein kleines Stück, man sieht es kaum,
und in der großen Mongolei
schleckt eine Katze Hirsebrei...."
Herzliche Grüße, eine schöne und spannende Zeit!
Martin
Das Abenteuer Kurve
Schon komisch, obwohl ihr euch recht häufig gelangweilt habt, klingt der Reisebericht spannend :) Wirklich schade, dass euer erwartetes Abenteuer a la "Mord im Orientexpress" nicht eingetreten ist, doch vielleicht war das Abenteuer da und ihr habt es nur nicht gemerkt, vor lauter Vodka und Bier?! :D Aufjedenfall hört es sich nach einem sehr tollen Erlebnis an, dass ihr wohl niemals vergessen werdet! Obwohl ich selbst eher abgeneigt gegenüber Zugfahrten bin, bekomme ich jetzt richtig Lust eine Zugreise zu unternehmen - natürlich in der Transsibierischen Eisenbahn :)
LG Luisa
Doktor Schiwago
Hab mich köstlich amüsiert und wenn es so zusammengerafft geschrieben steht klingt die Reise gar nicht langweilig. Doch 5 Tage könnnen wohl ziemlich lang werden.
Krieg jetzt trotzdem richtig Lust auf eine solche Zugfahrt. Der Speisewagen (es ist wohl der mongolische) sieht Hammer aus und Baikalsee und Sonnenuntergänge über Sibirien lassen wildromantische Stimmung a la Doktor Schiwago aufkommen.
Viel Spass weiterhin...
Re: Das Abenteuer Kurve

Ich kann ohne Bedenken zu dieser Reise raten. Nimm eine Flasche Vodka mit um Freunde zu gewinnen, ein gutes Buch und Karten, Würfel oder ein Schachspiel. Wenn Du im Zug bist, wirst Du es vielleicht nicht gleich realisieren, aber es ist jede Minute wert. Wenn Du dann nach einer Woche aus diesem Zug steigst, wird Dir der Abschied Deiner neuen Bekanntschaften leid tun. Selten lernt man Menschen so schnell so intensiv kennen wie in einer fünf tägigen Zugfahrt, soviel ist sicher.
"Die Transsibirische Eisenbahn" kommentieren

Hallo, Globetrotter mit Migrationshintergrund, ich dachte auch wunderwas Ihr ertragen müsst, Gequetsche, Unmengen von Unheimlichkeiten, und dann das.... Aber von Sibirien habt ihr zumindest einen anderen Eindruck als alle Erzählungen ehem. Kriegsgefangener vermitteln. Schön, daß Ihr wieder bei uns seid, war schon langweilig...
Weiter glückliche Zeit Gisi39