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16. November 2012
Auf hoher See - Teil 1: Monotonie des Seefahreralltags
Der Wind bläht die Segel, die Vertauung der Takelage ächzt unter dem Druck und der Bug schneidet elegant durch die Wellen, während wir an der Reling stehen, das Salz des Meeres auf den Lippen schmecken, den Wind im Haar und die südpazifische Sonne im Gesicht brennen spüren und den Blick fest auf den Horizont gerichtet haben - so oder so ähnlich stellten wir uns unser erstes großes Abenteuer auf See vor, wohl inspiriert von zu vielen Piratenfilmen oder einer blühenden Fantasie. Die Wirklichkeit hingegen sah etwas anders aus.
Moderne Giganten der Meere
Als wir im Hafen von Auckland eintrafen und mit einem kleinen Shuttlebus zu unserem Schiff gebracht wurden, lag dort natürlich keine hölzerne, dreimastige Fregatte aus dem frühen 19. Jahrhundert vor Anker, die uns zwischen den Geschützen eine Planke zur Begrüßung auf den Pier entgegenreckte. Vielmehr spuckte uns der Zubringerbus vor einer turmhohen stählernen Wand aus, deren rostiger roter Anstrich das gesamte Blickfeld ausfüllte. Man musste den Kopf schon ganz in den Nacken legen, um am obersten Rand der Bordwand die philippinische Deckcrew in ihren Overalls und Schutzhelmen zu sehen, die sich dort, vor dem weißen sechsstöckigen Deckaufbau, an der Reling herumdrückte. Am Heck hing die Liberische Flagge unmotiviert von ihrem Mast herab und darunter prangte der Schriftzug „Bahia Castillo - Monrovia". Die Bahia Castillo war ein wirklicher Gigant der Meere. Längst nicht das größte Schiff, das die Ozeane befährt, doch für unsere Zwecke völlig ausreichend.
Statt einer hölzernen Planke fanden wir eine metallerne Gangway an der Bordwand vor, über die wir auf das gut zehn Meter über der Wasseroberfläche gelegene Deck gelangten. Zugegeben, wir staunten nicht schlecht, als wir unser schwimmendes Heim für die nächsten drei Wochen in Gänze überblicken konnten: 254 Meter lang, beladen mit knapp 500 Containern über und unter Deck. Im hinteren Viertel hob sich der leuchtend weiße Aufbau, einem moderenen Hochhaus gleich, gegen den blauen Himmel ab und ließ das Schiff zu einer Gesamthöhe von 57 Metern anwachsen.
Aufladen und Auslaufen
Unser erster Weg führte uns in das Büro des Schiffes, wo wir - die einzigen Passagiere an Bord - vom Kapitän und seinem ersten Offizier begrüßt wurden. Pavel, der erste Offizier, zeigte uns unsere Kabinen, deren Einrichtung zwar einige innenarchitektonische Wünsche offenließen, aber alles in allem doch durchaus als luxuriös zu bezeichenen waren. Nachdem wir uns ausgebreitet und eingerichtet hatten, gingen wir hinaus auf unseren „Balkon", um beim Beladen des Schiffes zuzusehen. Neben riesigen Containern setzten die gewaltigen Kräne auch eine 2,5 Mio. Dollar teure Motoryacht auf das Achterdeck, die wir sogleich als unser Rettungsboot deklarierten.
Als gegen Abend das Beladen abgeschlossen war und wir den Hafen von Auckland verließen, standen wir wieder an Deck und blickten der Skyline der Metropole nach, bis auch ihre letzten Lichter am Horizont verschwanden. Das war zugleich der letzte Blick auf das Festland und einen Flecken Zivilisation für eine lange Zeit.
Denn nun begann sie, unsere Überfahrt über den Pazifik. Und damit auch eine Zeit der Tristesse einer täglichen Routine, deren Gleichförmigkeit an Langeweile grenzt. Oder gar darüber hinaus geht.
Totschlagen der Zeit zwischen den Zonen
Anfangs genossen wir die Ruhe, die Möglichkeit einmal nichts zu tun. Wir stöberten in der Bücherrei oder der üppigen DVD-Sammlung des Schiffs und ließen den lieben Gott einen guten Mann sein. Die einzigen Verpflichtungen des Tages war das Essen zu relativ fixen Zeiten. Nach einem ersten Versuch ließen wir das Frühstück aus und fanden uns erst zum Mittagessen in der Offiziersmesse ein. Smalltalk mit dem Kapitän oder den anderen, vornehmlich polnischen Offizieren lockerten das ansonsten mittelmäßige Kantinenessen etwas auf. Die Qualität der Menüs war, verglichen mit den kulinarischen Erfahrungen der ersten Passage von Brisbane nach Auckland, doch enttäuschend. Doch wir wollen ncht meckern, schließlich waren die Mahlzeiten bald die einzigen Highlights des Tages. Letztere wurden im Übrigen immer kürzer, da zunächst die Datumsgrenze passierten, also auf einen Schlag einen Tag „jünger" wurden und in der Folge alle zwei Tage eine Zeitzone passierten und die Uhren des Nachmittags wieder um eine Stunde vorstellen mussten. So etwas kann einen schonmal gehörig aus dem Trott bringen.
Dieser sah normalerweise wie folgt aus: Ausschlafen, Mittagessen, lesen oder einen Film schauen (ich hatte endlich wieder die Möglichkeit einen „Tatort" zu sehen - und nutzte sie auch gewissenhaft), wenn man zu viel Energie übrig hatte, konnte man diese an den überschaubaren Geräten im Fitnessraum oder in der Sauna herauslassen, bevor es wieder zum Abendessen ging. Danach? Das Prozedere des Nachmittags wiederholt, wobei hier lediglich von körperlicher Betätigung abgesehen wurde. Nach einigen Tagen änderte sich der Trott ein wenig. Als wir eine Spielkonsole der jüngsten Generation entdeckten, verkamen das Lesen, die Filme und sogar die Mahlzeiten zu reinen Nebensächlichkeiten...
In den Schlaf geschaukelt
Und sonst? Nicht viel. An das seichte Schaukeln des Schiffes (der Nautiker spricht bei dieser links-rechts-Bewegung von "rollen") gewöhnte man sich schnell, auch wenn man beim Laufen bisweilen etwas aus dem Gleichgewicht geriet, so wiegte es einen des Abends doch sanft in den Schlaf. Allerdings hatten wir Glück, rollte das Schiff doch höchstens um 10° zu jeder Seite. Bevor wir an Bord kamen, maß man in der Tasmanischen See Ausschläge von bis zu 35°, wie uns berichtet wurde. Defekte Fernseher, Stereoanlagen oder gar des Captains Kühlschrank, die es dabei aus ihren Verankerungen gerissen hatte, legten davon Zeugnis ab. An Schlafen sei nicht zu denken gewesen, versicherter mir ein Crewmitglied, da man schlicht und ergreifend aus der Koje gefallen wäre. Lediglich eine kurzes Nickerchen auf dem Sofa, so es denn quer zur Fahrtrichtung stand. Doch der Pazifik meinte es gut mit uns. Schade, ein etwas rauherer Seegang wäre doch eine willkommene Abwechslung gewesen.
Gleichmut
So vergingen die Tage im absoluten Gleichklang. Zur Abwechslung sahen wir uns mal auf der Brücke um oder vertraten uns die Beine an Deck. Doch zeigte sich auch hier stets das gleiche Bild, lediglich aus einer geringfügig anderen Perspektive: Wasser, Wasser und noch mehr Wasser, soweit das Auge reichte. Dahinter ein Horizont der einfach nicht näher kommen wollte und an dem sich nicht der Hauch einer Silhouette abzuzeichnen gedachte. Der Gleichtakt des Rollens des Schiffes entsprach dem Gleichtakt, in dem die Tage vorbeizogen und passend dazu stellte sich auch bei uns alsbald ein gewisser Gleichmut ein. Man war in seinem Trott gefangen und hatte sich damit abgefunden. Die wenigen Höhepunkte des Tages verebbten ebenso schnell, wie sie kamen und hinterließen doch nur wieder die Tristesse eines Alltags auf See.
Mal ehrlich
Doch um keinen falschen Eindruck zu erwecken, es handelt sich bei dieser Darstellung lediglich um den Alltag auf See. Dieser hatte trotz seiner Eintönigkeit tatsächlich etwas von Seefahrerromantik. Und das nicht nur wegen der filmreifen Sonnenuntergänge oder der Möglichkeit seinen Gedanken nachzuhängen, während man auf die endlose Weite des Ozeans starrte. Die Überfahrt hatte ihren ganz eigenen Reiz, wenn auch einen eher meditativen, und sie war alles in allem ein einmaliges Erlebnis. Und natürlich gab es sie auch, die angedeuteten Höhepunkte, die über das fade Essen hinausgingen, doch das ist eine andere Geschichte.
von Peer Bergholter
Kommentare zu "Auf hoher See - Teil 1: Monotonie des Seefahreralltags"
Re: Schiffsessen

Hallo Bernd!
Vielen Dank für den Kommentar. Ich möchte darauf hinweisen, dass wir uns des Stellenwertes des Essens an Bord durchaus bewusst waren. Daher haben wir die Speisen, die uns der tatsächlich philippinische Koch servierte, stets gelobt und in der Regel auch brav und klaglos aufgegessen. Übrigens ganz im Gegensatz zu manchem Offizier, der seinem Unmut über die Qualität des Essens regelmäßig Ausdruck verlieh. Das Frühstück haben wir nur aussgelassen, da es uns zu früh und alles in allem zu reichhaltig war. Dass das Essen schlecht war sagt niemand, es hatte durchschnittliche Kantinenqualität - der Gedanke an Meuterei kam uns in diesem Zusammenhang aber nicht ein einziges Mal. Dass es allerdings auch anders geht, erlebten wir auf der Überfahrt von Brisbane nach Auckland, wodurch wir kulinarisch vielleicht etwas verwöhnt waren.
Beste Grüße, Peer Bergholter
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Hallo u2,
aus eigener 6-jähriger Erfahrung auf großer Fahrt: bitte nie, nie, nie das Essen auf dem Schiff öffentlich kritisieren! Das ist ein absolutes no-go. Ihr könnt hoffen, daß der wahrscheinlich philippinische Crew-Koch diesen Blog nicht liest.
Das Essen auf einem Schiff war und ist das wichtigste und hat nicht nur in der Vergangenheit zu Meutereien und heutzutage zu Unstimmigkeiten geführt.
Wenn´s nicht schmeckt, nimmt man es stoisch hin und lässt es bleiben. Aber als Außenstehender die Küche durch den Lack zu ziehen sollte man bleiben lassen. Es ist immer noch ein Schiff und man muss das beste draus machen.