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6. Oktober 2011
Tallinn. Unten anfangen, oben aufhören.
Nachdem wir gestern in Tallinn ankamen, fühlten wir uns erst ein wenig verloren.
16€ Hostel: großes Hallo zum kleinen Preis
Die Lage ist wundervoll. Alte bis uralte Industriegebäude, Speicher- und Lagerhallen, die mit viel Liebe zum Detail architektonisch in unser Jahrhundert überführt wurden, wechseln sich mit modernen Glas- und Stahlbauten ab. Ich muss zugeben, Peer und ich schritten mit erhobenen Zeigefingern und einigen „ohs" und „ahs" auf das Gelände.
Wirklich schön. Peer meinte noch kichernd, dass unser Hostel wahrscheinlich die einzige Bruchbude hier sei. Und behielt Recht. Muss er immer so vorlaut sein? Wellblech umwickelte Ostplatte trifft unsaniertes Dorfgemeinschaftshaus. Ein Traum.
Das Zimmer: wie die Umkleidekabine einer Turnhalle aus den 80ern, nur mit Stockbetten drin. Die Matratzen älter als meine tote Oma und so durchgelegen, dass ich ohne große Mühe ertasten konnte wo die Latten darunter anfangen und aufhören. Mein armer Rücken. Aber immerhin hat es ein Fenster. Man kann nicht wirklich sagen, dass es zugemauert ist, die Mauer befindet sich immerhin eine geschätzte Handbreit davon entfernt. Aber das ist egal, denn der untere Bereich ist mit Schutt aufgefüllt, so dass es sich wieder ausgleicht. Was soll's, wir schlafen hier ja eh nur, also, wir versuchen es, und wollen uns die Stadt ansehen, nicht das Hostel. Abgesehen davon hat das Hostel ein unschlagbares Argument, welches uns zur Buchung verleitet hat: Freie Sauna und freier Whirlpool. Wir streiften den restlichen Tag durch die Stadt, und ich glaube, wir beide waren in Gedanken hie und da schon am schwitzen, sahen uns bebubbeln lassen und alle Mühe und Unbill vergessen. Erholung pur. Oder chillen und Wellness, wie es heute heißt. Voller Ungeduld eilten wir Hand in Hand im Hopserlauf in Richtung untergehende Sonne, die Vorfreude verlieh uns Flügel. Wir hüpften aufgeregt wie die Kinder vor der Rezeption auf und ab. Wollten wissen wie das läuft, wo es hingeht etc. Hier der O-Ton des lächelnden Hostelvaters. „The Sauna is behind you around the corner, it is free for our guests. The opening hours are 9-11am" Zu Deutsch: Öffnungszeiten neun bis elf. Morgens. Welcher durchgeknallte Este geht denn bitte morgens in die Sauna? Ich sehe sein feistes Grinsen noch vor mir und fragte lieber gar nicht erst, ob es abends wenigstens für Geld aufhat. Nicht nach unserem Cappuccino-Erlebnis.
Aber man soll ja aus allem ein positives Fazit ziehen. Merke: gehe nicht in Hostels, die den Preis im Nahmen tragen. Schon gar nicht, wenn sie kein einziges Zimmer haben, welches zu diesem Preis zu haben ist. Unser Bett im sechser Schlafbunker kostet 10 Euro pro Kreuz und Nacht, das Einzelzimmer 35, die Zweiersuite 25. Der Rest ist Lüge. Nicht mal der Kicker verdient den Namen, das Dosenbier kostet zwei Euro, der Werbespruch darauf „the Creme of the Beers" ist auch gelogen, ganz gleich wie man ihn versteht, und genau in dieser Nacht macht Peer sich daran, dem Iren und dem Portugiesen im Zimmer mal zu zeigen, wie man in der deutschen ersten Liga schnarcht. Ach, es ist zum Mäusemelken.
Die Innenstadt mit offenem Mund
Positiv denken. Das geht hier ganz einfach, wenn man einen Fuß in die Altstadt setzt. Kein Scherz. Ein „ui" links reiht sich an ein „oh" recht, gefolgt von „ah" geradeaus und einem „wow" gleich um die Ecke. Gebäude, die die 700 Jahre überschritten haben, reihen sich hier aneinander.
Die Oberstadt, die Aussicht, wow
Wir gingen weiter den Hügel hinan, dorthin, wo früher die sprichwörtlichen Oberen wohnten, die so weit oben waren, dass sie dem Handel treibenden Pöbel allabendlich die Tore vor der Nase zuschlugen um auf ihrem elitären Hügel für sich zu sein. Heute befinden sich auf dem Hügel hauptsächlich das Parlament, Ministerien und Botschaften, sowie Kirchen. Es hat sich also alles grundlegend verändert.
Aber die Gassen sind auch hier wundervoll, die Häuser wunderschön und der Ausblick, wenn man immer wieder zwischendurch auf Freiflächen steht und über die ganze Stadt schauen kann, in alle Richtungen bezaubernd. Wohl dem, der in einer Stadt mit einer öffentlich zugänglichen Erhöhung lebt, dachte ich mir, als ich dort oben stand. Solche Ausblicke vermisse ich in Berlin. Hier weiß man gar nicht, wo man abends mit seiner Liebsten zuerst hingehen möchte, die großartigen Stellen, die verwinkelten, heimlichen Ecken, die verwunschenen Plätze, die romantischen Bänke und die süßen Vorsprünge, sie sind zu zahlreich, sie ziehen sich einmal um die ganze Altstadt herum und weiter unten gibt es noch die entsprechenden Orte, von denen aus man einen ebenso beeindruckenden Blick aufwärts hat.
Was soll ich sagen? Wow! Einfach nur wow.
Tallin ist wow. Wow schön und wow teuer. Aber hey, irgendwas ist doch immer, oder?
Jochen Müller
Kommentare zu "Tallinn. Unten anfangen, oben aufhören."
Re: Tallinn und überhaupt

Ein herzliches Hallo in die Brabanter!
Ja, gute Frage. Ohropax ist dabei, aber es hilft auch nicht immer. Insbesondere die letzte Nacht war wie im Sägewerk. Da gibts nur eins: Lauter schnarchen!
Doch meistens sind wir von unseren täglichen Exkursionen ohnehin derart erschöpft, dass es mit dem Schlafen schon irgendwie hinhaut. Und die Nachtbusfahrt heute nach St.Petersburg verspricht auch kein Zuckerschlecken zu werden. Doch wollten wir es bequem haben, wären wir wohl daheim geblieben...
Gruß Peer
Petersburg
In Petersburg angekommen, unbedingt mit Luftkissenboot nach Schloß Peterhof fahren.Ein tolles Erlebnis sagt Muttern
Re: Petersburg

Peterhof, das russische Versailles, steht definitiv auf den Programm, allerdings war dieser Tagestrip mit dem Bus vorgesehen. Allein aus Kostengründen. Werden aber die Möglichkeit des Luftkissenbootes in Betracht ziehen, sofern es nicht den finanziellen Rahmen sprengt. Danke für den Tipp!
Artikel sehr interessant und unterhaltsam
Preisempfinden - von Norwegen kommend - moderate Preise in Tallin!
16 € Hostel
Ich war letztes Jahr auch in Tallin, allerdings nur für ein Wochenende. Den "Ah`s" und "OH´s" kann ich mich nur anschließen. Tallin in eine traumhafte Stadt und ich freue mich schon auf ein Wiederkommen.
Nur worüber ich völlig verdattert war, war die Beschreibung des 16€Hostel. Bei uns traff genau das Gegenteil ein. Wir hatten ein riesen 3-Bettzimmer, allesamt mit neuen Betten und Matratzen. 2 Riesige Fenster und auch sonst, war das Zimmer optisch voll prima. Einzig beim Bad hätte ich Abstriche zu machen. Und der Preis - hat bei uns gepaßt.
Schade, das es bei euch so anders war.
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Lesen Eure Berichte mit zunehmender Begeisterung und transkulturellem Interesse. Weiter so!
Kleine Anfrage am Rande: um für den Tag fit zu sein, ist Nachtruhe essentiell (Stichworte: Schnarchverhalten, Ohropax etc.).
Grüsse an Euch aus der Brabanter.