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24. September 2011
Der erste Schritt
Es beginnt alles mit einem ersten kleinen Schritt...
Nun möchte sich auch das andere Ich - also Peer - einmal zu Wort melden. Die bisherige Absenz auf diesem Kanal liegt nicht etwa in einer vermeintlichen Schreibfaulheit begründet, sondern ist den bereits recht plastisch dargestellten Hürden und Widrigkeiten geschuldet, welche die Vorbereitungen auf eine solche Reise nun einmal mit sich bringen. Das zwanglose Zigeunerleben ohne Wohnung und Internetzugang hat halt nicht nur seine angenehmen Seiten...
Folgt man dem Volksmund, so sollte doch alles, was lange währt, irgendwann einmal gut sein. Unsere Reisevorbereitungen währten weiß Gott lange und nun ist es auch mal gut. Genug gewartet, genug Verzögerungstaktiken erduldet, genug Nerven gezeigt.
© Peer BergholterAller Abschied fällt schwer...
Man mag es kaum glauben, wie schwer es einem gemacht wird, sein bürgerliches Dasein auch nur für eine begrenzte Zeitspanne hinter sich zu lassen. Wer steht da nicht plötzlich alles auf der Matte und will etwas, der sich bislang stets rar zu machen pflegte? Die Abgesandten der Versicherungen, des Finanzamtes, der Agentur für Arbeit, der Banken, Anwälte, Steuerberater oder die netten Herrschaften der GEZ - auf einmal stehen sie alle Spalier. Von anderen Nebenkriegsschauplätzen einmal ganz zu schweigen. Wie lange man hinter einer Mietkaution herlaufen kann oder wie schwer es ist, ein Auto älteren Baujahrs an den Mann zu bringen, will ich hier gar nicht weiter erörtern. Ebenso wenig möchte ich mich in einem Diskurs über den Dienstleistungsanspruch gewisser Behörden ergehen, da es mir lediglich den Puls in die Höhe treiben würde. Wieder einmal.
Doch Schwamm drüber, denn nun ist es soweit: Das Warten hat ein Ende! Alle Hürden sind (hoffentlich) genommen, alle Besorgungen getätigt, die Taschen sind gepackt und es geht endlich los. Ich möchte mich an dieser Stelle auch nicht über Packlisten und Platzprobleme auslassen, da ich mich in den bisherigen Beschreibungen bestens wiedergefunden habe. Doch ist es nicht nur der überdimensionierte und wahrscheinlich hoffnungslos überpackte Trekkingrucksack, der in den kommenden Monaten das Zentrum meines „häuslichen" Lebens darstellen wird, den ich schultern muss, sondern allmählich stelle ich fest, dass man auch einen emotionalen Rucksack mit sich herumtragen wird. Auf einmal sieht man die Dinge anders. Frei nach Lao-Tse, beginnt jede Reise mit einem ersten Schritt. Und dieser wird nun endlich gegangen. Zunächst ein kleiner, ja beinahe alltäglicher Schritt. Es ist die Fahrt von Kassel nach Berlin. Wie oft ich diese Strecke bereits gefahren bin, vermag ich nicht zu sagen, allerdings sind die Vorzeichen diesmal gänzlich andere. Ich wurde in den vergangenen Wochen oft gefragt, ob sich denn nun allmählich die Vorfreude einstelle. Oder Nervosität, Aufregung, gar Angst? Ich möchte es als eine Mischung aus Vorfreude und gesunder Anspannung bezeichnen, garniert mit einem Tropfen Wehmut, da ich nun merke, dass man sich hier doch an einiges und vor allem einige gewöhnt hat und davon wohl auch einiges respektive einige vermissen wird. Diese Erkenntnis reifte mit zunehmender Konkretisierung der Planungen und wurde zur Gewissheit mit dem nun feststehenden Abreisedatum. Aber das gehört offenbar dazu. War es nicht sogar ursprünglich eine zentrale Motivation für unsere Reisepläne? Ich weiß es nicht mehr, es ist so lange her, dass die Idee zunächst als eine fixe geboren wurde und im Laufe schleppender Monate zu einem konkreten Plan heranreifte, der nun seine Umsetzung finden wird.
Stichwort Gefühlslage: Meine standardisierte Antwort bei den zahllosen Abschiedsritualen mit Freunden und Verwandten lautete dann auch stets: Ich bin ja nicht aus der Welt! Hoffen wir's. Doch möchte ich mich davon frei machen, über kommende Schritte zu sinnieren oder mich gar zu sorgen, denn zunächst muss der sprichwörtliche erste getan werden. Und diesem sehe ich mit oben beschriebenen Empfindungen entgegen, auch wenn ich ein gewisses Freiheitsgefühl nicht verhehlen möchte, dass sich spätestens dann einstellte, als ich den letzten Haken an meine To-Do-, Check- und Packlisten machte. Ob diese Listen denn auch alle relevanten Punkte enthielten, wird sich wohl erst unterwegs herausstellen. Doch um ehrlich zu sein, ich habe keine Lust mehr, mir den ohnehin überfüllten Kopf diesbezüglich zu zermartern. Es ist nun Zeit für den ersten Schritt. Dieser fühlt sich an wie der Sprung von einer Klippe ins Meer oder von einem 10-Meter-Turm im Schwimmbad. Vielleicht auch wie vor dem ersten Bungee- oder Fallschirmsprung, obgleich ich dies mangels Erfahrung nicht abschließend beurteilen kann. Es ist ein einziger Schritt nach vorn. Der sprichwörtliche Sprung ins kalte Wasser. Augen zu und durch.
Mit der nötigen Aufbruchsstimmung im Leibe möchte ich diese Gedanken beiseite schieben und meinen: Nun sollte der Kopf langsam frei werden. Frei für neue Eindrücke und Erfahrungen. Und inzwischen habe ich auch wieder die Lässigkeit, den ganzen nervenzehrenden Prolog sportlich zu sehen, denn ich betrachte es einfach mal als einen guten Testlauf für alle Probleme und Widrigkeiten, die einen unterwegs noch erwarten. Wahrscheinlich werde ich mich sogar schon eher als mir lieb ist danach sehnen, mich wieder mit deutschen Beamten auseinandersetzen zu dürfen, wenn mich etwa fremdländische Staatsdiener mit nur rudimentär ausgeprägten Fremdsprachenkenntnissen oder kategorischen Verweigerungshaltungen zur Verzweiflung treiben werden.
Nun denn, ich bin bereit für den ersten kleinen Schritt, bevor am Sonntag der nächst Größere folgt. Dann geht nämlich unser Zug nach Warschau. Warschau? Richtig! Danzig war gestern, Lübeck war vorgestern und wenn wir eines bisher gelernt haben, so gibt es außer dem Wandel nichts Beständiges...
Peer Bergholter
Nun möchte sich auch das andere Ich - also Peer - einmal zu Wort melden. Die bisherige Absenz auf diesem Kanal liegt nicht etwa in einer vermeintlichen Schreibfaulheit begründet, sondern ist den bereits recht plastisch dargestellten Hürden und Widrigkeiten geschuldet, welche die Vorbereitungen auf eine solche Reise nun einmal mit sich bringen. Das zwanglose Zigeunerleben ohne Wohnung und Internetzugang hat halt nicht nur seine angenehmen Seiten...
Folgt man dem Volksmund, so sollte doch alles, was lange währt, irgendwann einmal gut sein. Unsere Reisevorbereitungen währten weiß Gott lange und nun ist es auch mal gut. Genug gewartet, genug Verzögerungstaktiken erduldet, genug Nerven gezeigt.
Man mag es kaum glauben, wie schwer es einem gemacht wird, sein bürgerliches Dasein auch nur für eine begrenzte Zeitspanne hinter sich zu lassen. Wer steht da nicht plötzlich alles auf der Matte und will etwas, der sich bislang stets rar zu machen pflegte? Die Abgesandten der Versicherungen, des Finanzamtes, der Agentur für Arbeit, der Banken, Anwälte, Steuerberater oder die netten Herrschaften der GEZ - auf einmal stehen sie alle Spalier. Von anderen Nebenkriegsschauplätzen einmal ganz zu schweigen. Wie lange man hinter einer Mietkaution herlaufen kann oder wie schwer es ist, ein Auto älteren Baujahrs an den Mann zu bringen, will ich hier gar nicht weiter erörtern. Ebenso wenig möchte ich mich in einem Diskurs über den Dienstleistungsanspruch gewisser Behörden ergehen, da es mir lediglich den Puls in die Höhe treiben würde. Wieder einmal.
Doch Schwamm drüber, denn nun ist es soweit: Das Warten hat ein Ende! Alle Hürden sind (hoffentlich) genommen, alle Besorgungen getätigt, die Taschen sind gepackt und es geht endlich los. Ich möchte mich an dieser Stelle auch nicht über Packlisten und Platzprobleme auslassen, da ich mich in den bisherigen Beschreibungen bestens wiedergefunden habe. Doch ist es nicht nur der überdimensionierte und wahrscheinlich hoffnungslos überpackte Trekkingrucksack, der in den kommenden Monaten das Zentrum meines „häuslichen" Lebens darstellen wird, den ich schultern muss, sondern allmählich stelle ich fest, dass man auch einen emotionalen Rucksack mit sich herumtragen wird. Auf einmal sieht man die Dinge anders. Frei nach Lao-Tse, beginnt jede Reise mit einem ersten Schritt. Und dieser wird nun endlich gegangen. Zunächst ein kleiner, ja beinahe alltäglicher Schritt. Es ist die Fahrt von Kassel nach Berlin. Wie oft ich diese Strecke bereits gefahren bin, vermag ich nicht zu sagen, allerdings sind die Vorzeichen diesmal gänzlich andere. Ich wurde in den vergangenen Wochen oft gefragt, ob sich denn nun allmählich die Vorfreude einstelle. Oder Nervosität, Aufregung, gar Angst? Ich möchte es als eine Mischung aus Vorfreude und gesunder Anspannung bezeichnen, garniert mit einem Tropfen Wehmut, da ich nun merke, dass man sich hier doch an einiges und vor allem einige gewöhnt hat und davon wohl auch einiges respektive einige vermissen wird. Diese Erkenntnis reifte mit zunehmender Konkretisierung der Planungen und wurde zur Gewissheit mit dem nun feststehenden Abreisedatum. Aber das gehört offenbar dazu. War es nicht sogar ursprünglich eine zentrale Motivation für unsere Reisepläne? Ich weiß es nicht mehr, es ist so lange her, dass die Idee zunächst als eine fixe geboren wurde und im Laufe schleppender Monate zu einem konkreten Plan heranreifte, der nun seine Umsetzung finden wird.
Stichwort Gefühlslage: Meine standardisierte Antwort bei den zahllosen Abschiedsritualen mit Freunden und Verwandten lautete dann auch stets: Ich bin ja nicht aus der Welt! Hoffen wir's. Doch möchte ich mich davon frei machen, über kommende Schritte zu sinnieren oder mich gar zu sorgen, denn zunächst muss der sprichwörtliche erste getan werden. Und diesem sehe ich mit oben beschriebenen Empfindungen entgegen, auch wenn ich ein gewisses Freiheitsgefühl nicht verhehlen möchte, dass sich spätestens dann einstellte, als ich den letzten Haken an meine To-Do-, Check- und Packlisten machte. Ob diese Listen denn auch alle relevanten Punkte enthielten, wird sich wohl erst unterwegs herausstellen. Doch um ehrlich zu sein, ich habe keine Lust mehr, mir den ohnehin überfüllten Kopf diesbezüglich zu zermartern. Es ist nun Zeit für den ersten Schritt. Dieser fühlt sich an wie der Sprung von einer Klippe ins Meer oder von einem 10-Meter-Turm im Schwimmbad. Vielleicht auch wie vor dem ersten Bungee- oder Fallschirmsprung, obgleich ich dies mangels Erfahrung nicht abschließend beurteilen kann. Es ist ein einziger Schritt nach vorn. Der sprichwörtliche Sprung ins kalte Wasser. Augen zu und durch.
Mit der nötigen Aufbruchsstimmung im Leibe möchte ich diese Gedanken beiseite schieben und meinen: Nun sollte der Kopf langsam frei werden. Frei für neue Eindrücke und Erfahrungen. Und inzwischen habe ich auch wieder die Lässigkeit, den ganzen nervenzehrenden Prolog sportlich zu sehen, denn ich betrachte es einfach mal als einen guten Testlauf für alle Probleme und Widrigkeiten, die einen unterwegs noch erwarten. Wahrscheinlich werde ich mich sogar schon eher als mir lieb ist danach sehnen, mich wieder mit deutschen Beamten auseinandersetzen zu dürfen, wenn mich etwa fremdländische Staatsdiener mit nur rudimentär ausgeprägten Fremdsprachenkenntnissen oder kategorischen Verweigerungshaltungen zur Verzweiflung treiben werden.
Nun denn, ich bin bereit für den ersten kleinen Schritt, bevor am Sonntag der nächst Größere folgt. Dann geht nämlich unser Zug nach Warschau. Warschau? Richtig! Danzig war gestern, Lübeck war vorgestern und wenn wir eines bisher gelernt haben, so gibt es außer dem Wandel nichts Beständiges...
Peer Bergholter
Kommentare zu "Der erste Schritt"
@ Olgi
von Jochen Müller
am 29.09.2011 um 17:51 Uhr

Alles angekommen und ab heute auch online. Wir bloggen, Ihr kommentiert. Das ist der Lauf der Dinge.
"Der erste Schritt" kommentieren

Meine lieben Freunde,
ich habe mich in Sachen geo-blog geupdatet und bin begeistert! Da haben sich zwei sprachbegabte Nordhessen auf einen Weg gemacht, den sie obendrein auch noch mit der Welt teilen möchten. Und nicht nur das. Oh nein. Es sind auch noch zwei Freunde von mir. Das macht mich glücklich. Und stolz!
Bärchen, Mufti,
ich denke den ganzen Tag an euch.
Immer schön tapfer bleiben. Und Augen auf!
Ich schaue bald wieder rein. Und dank Jochens Laptop viiiieeeeel öfter als in den traurigen Dachbodenzeiten.
Euer Ölgchen.
PS: Ist das angekommen? Der Code war mal wieder nicht eingeblendet.